»Ihr habt ein neues Gewerbe gefunden, Kamerad, seit ich Euch verließ,« sagte einer der Ruderer zum andern. »Ich verließ Euch, mit der Pflege eines kranken Ritters beschäftigt, und finde Euch, um einen todten Körper vom Galgen zu holen.«
»Einen lebenden Körper, mit Eurer Erlaubniß, Sir Buncle; sonst verfehlt mein Geschäft seinen Zweck.«
»So hör' ich, Meister Apotheker; aber bei all' Eurer Gelehrsamkeit, wenn Ihr mir Euren Kunstgriff nicht sagt, so erlaub' ich mir, am Erfolge zu zweifeln.«
»Ein einfaches Kunststück, Sir Buncle, welches wahrscheinlich einem so scharfsinnigen Genie, wie dem Euren, nicht gefallen wird. Die schwebende Lage des menschlichen Körpers, die der gemeine Mann Aufhängen nennt, bewirkt den Tod durch Schlagfluß, – das heißt, da das Blut durch die zusammengepreßten Adern nicht zum Herzen zurückkehren kann, stürzt es nach dem Gehirn und der Mensch stirbt. Desgleichen, und dies trägt zur Auflösung bei, erhalten die Lungen nicht mehr den nöthigen Zufluß von Lebensluft, wegen des Stricks, der um den Körper gebunden ist; und daher stirbt der Leidende.«
»Ich verstehe das recht gut – aber wie will man eine solche Blutströmung nach dem Gehirn hindern, Sir Apotheker?« sagte die dritte Person, die kein Anderer war, als Ramorny's Page, Eviot.
»Ei nun,« erwiderte Dwining, »dann hängt man den Menschen auf solche Weise auf, daß die Halsarterien nicht gedrückt werden, und das Blut wird nicht im Gehirn bleiben, und der Schlagfluß wird nicht eintreten; und ferner, wenn die Brust nicht eingebunden wird, so werden die Lungen mit Luft versorgt; mag der Mensch nun mitten im Himmel hängen, oder auf festem Boden stehen.«
»Alles dies begreif' ich,« sagte Eviot; »wie aber diese Vorsichtsmaßregeln im Einklang stehen mit der Vollziehung des Urtheils zum Hängen, das ist es, was mein dummes Gehirn nicht fassen kann.«
»Ach! guter Jüngling, deine Pagenschaft hat einen tüchtigen Kopf verdorben. Hättest du mit mir studirt, du würdest noch weit schwierigere Dinge gelernt haben. Aber mein Kunstgriff ist dieser: Ich verschaffte mir gewisse Bänder, aus demselben Stoffe gemacht, wie Eure Pferdegurte, junger Page, und dabei sorgt' ich besonders dafür, daß sie von einer Art waren, die, wenn sie angespannt sind, nicht zusammenschrumpft; denn das würde mein Experiment verderben. Eine Schleife von solchem Band wird unter jeden Fuß gezogen und läuft an jeder Seite an dem Bein herauf, bis zu einem Gürtel, woran sie befestigt ist; mit diesem Gürtel sind verschiedene Schnüre, die Brust und den Rücken hinab, verbunden, um das Gewicht zu theilen, und so sind noch verschiedene Mittel vorhanden, den Leidenden leichter zu machen; doch das Hauptsächlichste ist dies: Die Stricke oder Bänder sind an ein stählernes Halsband befestigt, das nach Außen gekrümmt ist und etliche Haken hat, damit der Strick, den der freundliche Henker um diesen Theil der Vorrichtung, statt um den bloßen Hals des Verurtheilten legt, desto sicherer sei. Wird so der Dulder von der Leiter geworfen, so findet er sich nicht an seinem Halse, seht Ihr wohl, sondern an einem stählernen Ringe aufgehängt, der die Schlingen hält, in welchen seine Füße stehen, und auf welchen sein Gewicht eigentlich ruht, das jedoch durch ähnliche Unterstützungen unter jedem Arme vermindert wird. Da nun so weder Ader noch Luftröhre zusammengepreßt ist, so wird der Mensch eben so frei athmen, und sein Blut, die Furcht und Neuheit der Lage ausgenommen, eben so leicht fließen, als das Eure, Herr Page, wenn Ihr in Euren Steigbügeln aufrecht steht, um ein Schlachtfeld zu übersehen.«
»Meiner Treu, ein hübscher und seltener Einfall!« sagte Buncle.
»Nicht wahr?« fuhr der Arzt fort, »und wohl werth, solchen hochstrebenden Geistern, wie Euch, bekannt zu sein, da man nicht wissen kann, zu welcher Höhe Sir John Ramorny's Jünger es bringen; und wenn sie eine solche ist, daß man nothwendig an einem Strick herabsteigen muß, dann werdet Ihr meine Zurüstung passender finden, als das gewöhnliche Verfahren. Freilich müßt Ihr auch ein Wams mit hohem Kragen haben, um den Stahlring zu verbergen; und vor Allem so einen bonum socium wie Smotherwell, um die Schlinge anzulegen.«
»Niedriger Giftkrämer,« sagte Eviot, »Männer unseres Berufs sterben auf dem Schlachtfelde!«
»Ich will mir indeß die Lehre merken,« erwiderte Buncle, »für den Fall einer Verlegenheit. – Aber welch' eine Nacht muß der blutige Galgenstrick Bonthron gehabt haben, wenn er einen Tanz zu der Musik seiner eigenen Fesseln mitten in der Luft hält, während ihn der Nachtwind hin und her schaukelt!«
»Es wär' ein gutes Werk, ihn dort zu lassen,« sagte Eviot; »denn sein Absteigen vom Galgen wird ihn nur zu neuen Mordthaten ermuthigen. Er kennt nur zwei Elemente: Trunkenheit und Blutvergießen.«
»Vielleicht wäre Sir John Ramorny Eurer Meinung gewesen,« sagte Dwining; »aber zuvor hätte man dem Schuft die Zunge abschneiden müssen, sonst würde er wundervolle Geschichten aus seiner luftigen Höhe erzählen. Und es sind auch noch andere Gründe vorhanden, die Eure Tapferkeit nicht zu wissen braucht.
In Wahrheit, ich selber habe ihm großmüthig gedient, denn der Kerl ist so stark, wie das Edinburger Schloß, und seine Anatomie würde jeder andern im chirurgischen Saale zu Padua gleichgekommen sein. – Aber sagt mir, Mr. Buncle, welche Neuigkeiten habt Ihr von dem tapfern Douglas?«
»Mögen sie erzählen, die sie wissen,« sagte Buncle; »ich bin der dumme Esel, der die Botschaft hört und nichts von ihrem Inhalt weiß. Desto besser für mich vielleicht. Ich trug Briefe vom Herzog von Albany und von Sir John Ramorny zu Douglas, und er sah schwarz wie ein Nordsturm, als er sie öffnete. – Ich brachte ihnen Antwort vom Grafen, zu welcher sie lächelten, wie die Sonne, wenn ein Gewitter zu Ende geht. Wendet Euch an Eure Ephemeriden, Arzt, und beschwört Euch die Bedeutung.«
»Mich dünkt, ich kann das thun, ohne viel Verstand aufzuwenden,« sagte der Chirurg; »aber dort seh' ich im bleichen Mondlicht unsern Lebendigtodten. Sollte er einen zufällig Vorübergehenden angeschrieen haben, so wäre das eine seltsame Unterbrechung einer Nachtreise, von der Höhe solch' eines Galgens begrüßt zu werden. – Hört, mich dünkt, ich höre sein Stöhnen durch's Pfeifen des Windes und das Kettenrasseln. So – hübsch sacht – macht das Boot mit dem Haken fest – gebt den Korb mit meinen Sachen heraus – es wäre besser, wir hätten ein wenig Feuer, aber der Schein möchte uns Beobachtung zuziehen. Kommt, meine tapfern Männer, marschirt sacht, denn wir sind am Fuße des Galgens. – Folgt mit der Laterne – ich hoffe, die Leiter ist dageblieben.«
»Singt, drei lust'ge, drei lustige Männer,
Drei lustige Männer sind wir,
Du auf dem Land, und ich auf dem Sand,
Und Jack am Galgenholz hier.«
Und als sie dem Galgen naheten, konnten sie deutlich Seufzer hören, obwohl in sehr leisem Tone. Dwining wagte ein paar Mal leise zu husten, um ein Zeichen zu geben; aber er erhielt keine Antwort. »Wir sollten so schnell als möglich machen,« sagte er zu seinen Gefährten, »denn unser Freund muß in extremis sein, da er auf das Zeichen, das die Ankunft der Hülfe verkündet, nicht antwortet. – Kommt, gehen wir an's Werk. Ich will zuerst die Leiter hinauf und den Strick abschneiden. Folgt ihr nach einander und haltet den Leichnam fest, daß er nicht fällt, wenn die Schlinge los ist. Greift ihn fest, die Bänder werden Euch dabei dienen. Denkt, daß er, spielt' er auch heut' Nacht die Eule, doch keine Flügel hat; und vom Stricke fallen, könnte so gefährlich sein, als hineinfallen.«
Während er so mit höhnischem Scherz redete, stieg er die Leiter empor, und nachdem er sich überzeugt, daß die Kriegsleute, die ihm folgten, den Körper hielten, zerschnitt er den Strang und half dann die fast leblose Gestalt des Verbrechers unterstützen.