Durch eine geschickte und kräftige Bewegung ward der Körper Bonthrons sicher auf den Boden gebracht, und nachdem man sich überzeugt, daß, wenn auch nur schwach, Leben vorhanden sei, brachte man ihn an den Rand des Flusses, wo, vom Ufer verdeckt, die Gesellschaft sich am besten der Beobachtung entzog, während der Arzt die nöthigen Mittel anwendete, womit er sich versehen hatte, um das Leben zurückzurufen.
Zu diesem Ende befreite er die gerettete Person zuerst von den Fesseln, die der Henker absichtlich nicht verschlossen hatte, und zugleich nahm er ihm die verwickelten Bänder und Stricke ab, an welchen er aufgehängt war. Es dauerte einige Zeit, bis Dwinings Bemühungen Erfolg hatten; denn trotz der Kunst, mit der seine Maschine zusammengefügt war, hatten die Stricke, die den Körper tragen sollten, sich so beträchtlich zusammengezogen, daß die Empfindung des Erstickens sehr bedeutend wurde. Aber die Geschicklichkeit des Arztes siegte über alle Hindernisse, und Bonthron gab, nachdem er genießt und mit einigen kurzen Zuckungen sich ausgestreckt hatte, entschiedene Lebenszeichen von sich; denn er ergriff die Hand des Arztes, der ihm eben starke Wasser auf Brust und Hals träufelte, und nahm, die Flasche an die Lippen haltend, fast mit Gewalt einen beträchtlichen Schluck von ihrem Inhalt.
»Es ist Spiritus, doppelt abgezogen,« sagte der erstaunte Operateur, »und würde einem Andern die Kehle aufschwellen und den Magen verbrennen. Aber dieses außerordentliche Vieh gleicht allen andern menschlichen Geschöpfen so wenig, daß es mich nicht wundern soll, wenn es ihn zum vollen Besitz seines Verstandes bringt.«
Bonthron schien dieß zu bestätigen; er fuhr mit einem seltsamen Krampfe empor, setzte sich aufrecht, starrte umher und zeigte einiges Bewußtsein des Lebens.
»Wein – Wein,« waren die ersten Worte, die er hervorbrachte.
Der Arzt gab ihm einen Schluck Arzneiwein mit Wasser gemischt. Er wies ihn zurück mit dem schmählichen Beiworte, »Gossenjauche,« und äußerte wieder die Worte: »Wein – Wein!«
»Nun, so nimm ihn zu dir, in's Teufels Namen,« sagte der Arzt, »denn Niemand als er kann deine Natur beurtheilen.«
Ein Zug, lang und tief genug, um den Verstand anderer Leute zu verwirren, erwies sich wirksam, den des Bonthron vollkommener zurückzurufen, obwohl er keine Erinnerung dessen zeigte, was mit ihm geschehen oder wo er war, und in seiner kurzen und düsteren Weise fragte, warum er so in der Nacht an den Fluß geschafft worden sei.
»Wieder ein Spaß des wilden Prinzen, um mich zu ertränken, wie er vorher that – Nägel und Blut, aber ich wollte – «
»Halt Ruhe,« unterbrach ihn Eviot, »und sei dankbar, ich bitte dich, wenn du Dankbarkeit fühlen kannst, daß dein Leib nicht ein Schmaus der Raben ist, und deine Seele an einem Orte, wo Wasser zu selten ist, um dich hineinzutauchen.«
»Ich fange an, mich zu besinnen,« sagte der Schurke, die Flasche zum Munde führend, die er mit einem langen und herzlichen Kusse begrüßte und leer zu Boden setzte; dann ließ er den Kopf auf die Brust hängen und schien nachzusinnen, um seine verworrenen Erinnerungen zu sammeln.
»Wir können den Erfolg seiner Betrachtungen nicht abwarten,« sagte Dwining, »er wird besser, wenn er geschlafen hat. – Auf, Freund! Ihr habt einige Stunden in der Luft geritten – versucht, ob das Wasser nicht ein leichteres Fortkommen bietet. – Ihr tapferen Leute müßt mir an die Hand gehen. Ich kann diese Masse so wenig erheben, als ich einen geschlachteten Ochsen in den Armen tragen könnte.«
»Steh' aufrecht auf deinen eigenen Füßen, Bonthron, da wir dich auf selbige gestellt haben,« sagte Eviot.
»Ich kann nicht,« antwortete der Patient. »Jeder Tropfen Blut kribbelt in meinen Adern wie mit Nadelspitzen, und meine Kniee weigern sich, ihre Bürde zu tragen. Was soll das Alles bedeuten? Das ist eine deiner Finten, du hündischer Arzt!«
»Ja, ja, so ist es, wackerer Bonthron,« sagte Dwining, »ein Kunstgriff, den du mir danken wirst, wenn du ihn erst erkennst. Inzwischen strecke dich in dem Boote dort nieder und laß mich diesen Mantel um dich wickeln.«
Man half Bonthron darauf in's Boot und legte ihn dort so bequem hin, als die Umstände es erlaubten. Er erwiderte ihre Aufmerksamkeiten mit einigen Aeußerungen, die dem Gebrumme eines Bären glichen, der ein Lieblingsfutter bekommen hat.
»Und nun, Buncle,« sagte der Chirurg, »kennt Eure Tapferkeit ihren Auftrag. Ihr sollt diese lebendige Ladung auf dem Flusse nach Newburgh führen, wo Ihr mit ihm verfahrt, wie Ihr wißt; inzwischen sind hier seine Fesseln und Bänder, die Zeichen seiner Haft und Befreiung. Bindet sie zusammen und werft sie in den tiefsten Strudel, den Ihr findet; denn fände man sie bei Euch, so würden sie Geschichten gegen uns erzählen. Dieser leichte, leise Windhauch aus Westen wird Euch gestatten, ein Segel zu gebrauchen, sobald es Tag wird und Ihr müde seid, zu rudern. – Eure andere Tapferkeit, Master Page Eviot, muß sich begnügen, mit mir zu Fuße nach Perth zurückzukehren, denn hier trennt sich unsere schöne Gesellschaft. – Nimm die Laterne mit dir, Buncle, denn du wirst sie besser brauchen, als wir, und sieh', daß du mir meine Flasche zurücksendest.«
Während die Fußgänger nach Perth zurückkehrten, drückte Eviot seinen Glauben aus, daß sich Bonthrons Verstand nie von der Erschütterung, die ihm der Schrecken eingeflößt, erholen würde, welcher bei ihm alle Fähigkeiten des Geistes, und besonders das Gedächtniß gestört zu haben schien.
»Es ist dem nicht so, mit Eurer Erlaubniß, Herr Page,« sagte der Arzt. »Bonthrons Verstand, wie er nun ist, hat einen soliden Charakter – er wird nur hin und her schwanken, wie ein Pendel, welches in Bewegung gesetzt worden ist, um dann in seinem gewöhnlichen Schwerpunkt zu ruhen. Das Gedächtniß ist von allen unsern Geisteskräften diejenige, die am leichtesten aufgehoben wird. Ein schwerer Rausch oder tiefer Schlaf zerstört es gleich, und doch kehrt es zurück, wenn der Trunkene nüchtern wird, oder der Schläfer erwacht. Der Schrecken bringt bisweilen ähnliche Wirkungen hervor. Ich kannte einen Verbrecher zu Paris, der zum Tode durch den Strang verurtheilt war, und demnach sich dem Urtheil unterzog; er zeigte keine besondere Furcht auf dem Schafott, sondern sprach und betrug sich, wie andere Leute in ähnlichem Zustand pflegen. Der Zufall that für ihn, was ein kleiner pfiffiger Streich für unsern liebenswürdigen Freund, von dem wir uns eben trennten, gethan hat. Er wurde von der Leiter geworfen und seinen Freunden übergeben, ehe sein Leben erloschen war, und ich hatte das Glück, ihn wieder herzustellen. Aber obgleich er im Uebrigen wieder gesund wurde, erinnerte er sich doch seines Leidens und Todesurteils nur wenig. Von seiner Beichte am Morgen der Hinrichtung – hi, hi, hi! – (seine gewöhnliche Weise, zu lachen) wußte er kein Wort mehr. Er wußte nicht mehr, wie er das Gefängniß verließ – nichts mehr von dem Greveplatz, wo er hingerichtet wurde – nichts mehr von den frommen Reden, womit er – hi, hi, hi! – so viele gute Christen – hi, hi, hi! – erbaute. Nichts von dem Hinaufsteigen auf den unseligen Baum, noch wie er den unseligen Strick nahm; von Allem hatte mein Auferstandener nicht die geringste Erinnerung. – Aber hier sind wir an dem Punkte, wo wir uns trennen müssen, denn es wäre nicht gut, wenn wir, einer Wache begegnend, beisammen gesehen würden; auch wäre es klug, wenn wir durch verschiedene Thore in die Stadt gingen. Mein Beruf entschuldigt mein Kommen und Gehen zu jeder Zeit. Ihr, tapferer Page, werdet eine solche Erklärung abgeben, als genügend scheinen mag.«
»Meinen Willen werd' ich eine genügende Entschuldigung sein lassen, wenn man mich fragt,« sagte der hochmüthige, junge Mann. »Doch wo möglich will ich Aufenthalt vermeiden. Der Mond ist ganz verdunkelt und die Straße so schwarz wie ein Wolfsrachen.«
»Fort,« sagte der Arzt, »darum kümmere sich Euer Muth nicht; wir werden gar bald dunklere Pfade betreten.«