Ohne nach der Bedeutung dieses Unglück weissagenden Spruches zu fragen und überhaupt im Stolze und Leichtsinne seines Charakters kaum darauf hörend, schied Ramorny's Page von seinem scharfsinnigen und gefährlichen Begleiter, und Jeder schlug seinen eigenen Weg ein.
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Der echten Liebe Pfad ist selten sanft.
Shakespeare.
Die ahnungsvolle Besorgniß unseres Waffenschmieds hatte ihn nicht getäuscht. Als der gute Handschuhmacher von seinem künftigen Schwiegersohne schied, fand er, was er allerdings erwartet hatte, daß seine schöne Tochter nicht günstig für ihren Liebhaber gestimmt war. Aber obwohl er einsah, daß Katharina kalt, zurückhaltend, gesammelt war, den Anschein irdischer Leidenschaft abgelegt hatte, und mit einer, wenn auch nicht offen gezeigten Verachtung der glänzendsten Beschreibung lauschte, die er ihr von dem Kampfe auf dem Kürschnerhofe machte, so war er doch entschlossen, ihrem veränderten Benehmen nicht die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, sondern von ihrer Verbindung mit Harry als von einer Sache zu sprechen, die natürlich stattfinden würde. Endlich, als sie, wie bei einer früheren Gelegenheit, zu bemerken begann, daß ihre Neigung zu dem Waffenschmied nicht über die Grenzen der Freundschaft gehe, – daß sie entschlossen sei, nie zu heirathen, – daß das angebliche Gottesgericht eine Verspottung des göttlichen Willens und menschlicher Gesetze sei, wurde der Handschuhmacher natürlicher Weise zornig.
»Ich kann deine Gedanken nicht lesen, Mädchen; auch glaub' ich nicht, errathen zu können, durch welche schnöde Bethörung es kam, daß du einen erklärten Liebhaber küssest, – dich von ihm küssen lässest, – zu seinem Hause rennst, wenn ein Gerücht seinen Tod ansagt, und in seine Arme fliegst, da du ihn allein findest. Alles dieß steht einem Mädchen sehr wohl an, die bereit ist, ihren Eltern in einer von ihrem Vater gebilligten Partie zu gehorchen; aber solche Zeichen der Vertraulichkeit einem Manne gespendet, den ein junges Mädchen nicht achten kann, und entschlossen ist, nicht zu heirathen, sind unschicklich und unweiblich. Du bist bereits mit deinen Gunstbezeugungen gegen Harry Schmied verschwenderischer gewesen, als deine Mutter, Gott segne sie, gegen mich war, eh' ich sie heirathete. Ich sage dir, Katharina, dieses Spiel mit der Liebe eines ehrlichen Mannes ist Etwas, das ich weder dulden kann, noch will, noch darf. Ich habe meine Zustimmung zu der Heirath gegeben, und ich bestehe darauf, daß sie sofort stattfinde, und daß du morgen Harry Wynd als einen Mann empfängst, dessen Gattin du nächstens sein sollst.«
»Eine Macht, höher als die Eurige, Vater, wird nein sagen,« erwiderte Katharina. »Ich will es d'rauf wagen; meine Macht ist eine gesetzliche, die eines Vaters über ein Kind, und ein irrendes Kind,« antwortete ihr Vater. »Gott und Menschen erkennen meine Macht an.«
»Dann mög' uns der Himmel helfen!« sagte Katharina; »denn wenn Ihr hartnäckig auf Eurer Absicht beharrt, sind wir Alle verloren.«
»Wir können keine Hülfe vom Himmel erwarten,« sagte der Handschuhmacher, »wenn wir mit Unklugheit handeln. Ich bin selbst Gottesgelehrter genug, um das zu wissen; und daß dein grundloser Widerstand gegen meinen Willen sündlich ist, wird dir jeder Priester sagen. Ja, und noch mehr als das, du hast wegwerfend von der gepriesenen Berufung auf Gott im Gottesgerichtskampfe gesprochen. Hüte dich! denn die heilige Kirche ist erwacht, ihre Heerde zu wahren und Ketzerei durch Feuer und Schwert auszurotten. Darin warn' ich dich!«
Katharina ließ eine unterdrückte Aeußerung hören, und indem sie sich mit Mühe zwang, ruhig zu erscheinen, versprach sie ihrem Vater, daß, wenn er sie mit einer weiteren Erörterung des Gegenstandes bis zum nächsten Morgen verschonen wollte, sie dann mit ihm sprechen werde, entschlossen, ihre Gedanken völlig auszusprechen.
Mit diesem Versprechen mußte sich Simon Glover zufrieden geben, obwohl äußerst besorgt wegen der verschobenen Erklärung. Es konnte nicht Leichtsinn oder Wankelmuth des Charakters sein, was seine Tochter bewog, so anscheinend unbeständig gegen den Mann seiner Wahl zu verfahren, den sie noch kürzlich so unzweideutig auch für den Mann der ihrigen erklärt hatte. Welch' äußere Macht stark genug sein konnte, ihre so bestimmt ausgesprochenen Entschlüsse binnen vierundzwanzig Stunden zu verändern, war ihm ein vollkommenes Räthsel.
»Aber ich will so hartnäckig sein, als sie sein kann,« dachte der Handschuhmacher, »und sie soll entweder Harry Schmied ohne weiteren Verzug heirathen, oder der alte Simon Glover will einen genügenden Grund für das Gegentheil hören.«
Der Gegenstand ward im Laufe des Abends nicht mehr berührt; aber in der Frühe des nächsten Morgens, gleich mit Sonnenaufgang, kniete Katharina vor dem Bette, in welchem ihr Vater noch schlummerte. Ihr Herz schlug, als ob es springen wollte, und ihre Thränen rollten zahlreich auf ihres Vaters Gesicht. Der gute, alte Mann erwachte, blickte empor, bekreuzte seines Kindes Stirn und küßte sie zärtlich.
»Ich verstehe dich, Katie,« sagte er; »du bist gekommen, um zu beichten, und ich hoffe, du wirst einer schweren Buße durch Aufrichtigkeit entgehen wollen.«
Katharina schwieg einen Augenblick.
»Ich brauche nicht zu fragen, mein Vater, ob Ihr Euch des Karthäusermönchs Clemens und seiner Lehren und Predigten erinnert; Ihr standet ihm in der That so oft darin bei, daß Ihr wohl wissen müßt, daß Euch die Leute einen seiner Bekehrten, und mit größerem Rechte auch mich also nannten.«
»Ich weiß Beides,« sagte der alte Mann, sich auf den Ellbogen stützend; »aber ich fordere das schnöde Gerücht heraus, zu beweisen, daß es je seine ketzerischen Ansichten annahm, obwohl ich gern seine Reden hörte über das Verderbniß der Kirche, der übeln Herrschaft der Edelleute, die schmachvolle Unwissenheit der Armen, wenn er, wie es mir schien, bewies, daß die ganze Tugend unseres Staates, seine Kraft und Ehre, unter der Bürgerschaft der besseren Klasse sei, was ich als eine gute, der Stadt vortheilhafte Lehre annahm. Und wenn er nicht die rechte Lehre predigte, warum ließen es ihm seine Obern im Karthäuserkloster zu? Wenn die Hirten den Wolf im Schafskleide unter die Heerde werfen, so können sie die Schafe nicht tadeln, wenn sie zerrissen werden.«
»Sie duldeten sein Predigen, ja, sie munterten es auf,« sagte Katharina, »so lange die Laster der Laien, die Anmaßungen der Edeln und die Unterdrückung der Armen der Gegenstand seines Tadels waren, und sie freuten sich über das Volk, das, zu der Karthäuserkirche sich drängend, alle andern Klöster verließ. Aber die Heuchler – denn das sind sie – verbanden sich mit den anderen Brüderschaften zur Anklage ihres Predigers Clemens, als er von der Schilderung der Verbrechen des Staates auf die Darstellung des Stolzes, der Unwissenheit und der Schwelgerei der Geistlichen selbst überging, und von ihrem Durst nach Gewalt, ihrer angemaßten Macht über das Gewissen der Menschen und ihrem Verlangen nach Vermehrung des weltlichen Reichthums sprach.«
»Um Gottes Willen, Katharina,« sagte ihr Vater, »sprich heimlich; deine Stimme erhebt sich und du redest bitter; – deine Augen leuchten. Diesem Eifer für das, was dich nicht mehr als Andere angeht, verdankst du es, daß böswillige Personen dir den gehässigen und gefährlichen Namen einer Ketzerin geben.«
»Ihr wißt, ich sage weiter nichts, als die Wahrheit,« sagte Katharina, »und was Ihr selbst oft zugestanden habt.«
»Bei Nadel und Bockfell! nein,« antwortete der Handschuhmacher hastig; »willst du, daß ich zugestehe, was mich Leib und Leben, Hab und Gut kosten kann? denn es ist Vollmacht ertheilt worden, Ketzer einzuziehen und zu untersuchen, denen man alle neuerliche Tumulte und Zwistigkeiten zur Last legt; daher sind wenig Worte die besten, Mädchen. Ich stimme stets dem alten Dichter bei:
»Das Wort ist Knecht, frei sind Gedanken,
D'rum rath' ich, halt' die Zung' in Schranken.«