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»Ich war zwei Tage lang recht krank. Aber Hazlewood befindet sich wieder auf dem Wege der Besserung. Von Brown hat sich nirgendwo eine Spur gefunden, und alles glaubt, daß er zu den Schleichhändlern gehöre. Dies beides leiht mir einigen Trost. Brown wird die Flucht um so leichter sein, als sich der Verdacht auf jene Bösewichter gelenkt hat, und hoffentlich befindet er sich bereits in Sicherheit.

»Den besten Trost gibt mir Hazlewoods edelsinnige Aufrichtigkeit. Er bleibt bei der Erklärung, daß die Flinte, in welcher Absicht uns auch der unbekannte Mensch in den Weg getreten sei, während des Ringens sich zufällig entladen habe. Der Reitknecht hingegen behauptet, daß die Flinte Hazlewood aus der Hand gewunden und vorsätzlich auf ihn gerichtet worden sei. Auch Lucy neigt zu dieser Auffassung. Daß diese beiden die Situation absichtlich fälschen wollen, glaube ich nicht; aber man sieht hieraus, wie armselig es um Zeugnis aus menschlichem Munde bestellt ist ... Ich kann die Situation unmöglich anders auffassen, als daß der Schuß zufällig, ohne jede Absicht von seiten Hazlewoods Gegners gefallen ist ... Vielleicht wäre es das beste, wenn ich Hazlewood mein Geheimnis offenbarte? Aber er ist doch noch gar so jung, und es ist mir nicht möglich, die Abneigung zu überwinden, die ich davor habe, ihm meine Torheit zu bekennen. Neulich wollte ich Lucy das Geheimnis offenbaren; ich fragte sie, ob sie sich der Gestalt und Gesichtszüge des Mannes noch entsänne, der uns in den Weg gekommen sei; aber sie gab von diesem »Buschklepper«, wie sie ihn nannte, eine so greuliche Schilderung, daß mir aller Mut und alle Lust vergingen, ihr meine Zuneigung zu ihm zu gestehen. »Wahrlich! Lucy hat sich von ihrem Vorurteil ganz eigentümlich blenden und von ihrem Mitleid für den Geliebten vollständig irreführen lassen; denn es gibt wohl nur wenig schönere Männer als gerade Brown.

»Ich hatte ihn lange nicht gesehen; aber selbst ein plötzliches Auftauchen und seine durchaus unvorteilhafte Erscheinung hat seiner Schönheit keinerlei Eintrag tun können – ja, ich möchte fast sagen, seine Züge seien noch edler, noch männlicher geworden. Werde ich ihn je im Leben wiedersehen? Ach, wer kann es sagen? Schreibe mir bald, recht bald, und schreib' recht freundlich! Doch, wann schriebst Du mir je anders? Aber glaube mir, teuerste Freundin! Ich bin nicht in der Stimmung, Rat oder Tadel annehmen zu können; ich bin nicht kräftig, nicht mutig genug dazu, sie mit einem Scherze von mir zu weisen! Ich komme mir vor wie ein Kind, das in gedankenloser Spielerei eine Maschine in Gang gesetzt hat und nun über die schreckliche Kraft der rollenden Räder und rasselnden Ketten, die es mit seiner schwachen Hand in Bewegung gesetzt, wohl erstaunt und erschrocken ist, – das vor den schweren Folgen, die dadurch entstehen können, wenn nicht müssen, wohl angstvoll zurückbebt, aber kein Glied rühren kann, sie abzustellen ...

»Mein Vater ist, wie ich nicht vergessen darf, Dir zu sagen, gegen mich sehr gütig und liebevoll; die Angst, die ich ausgestanden, entschuldigt hinlänglich die Klagen über Nervenschwäche, die über meine Lippen kommen; einzig und allein die Hoffnung hält mich aufrecht, daß Brown in England oder vielleicht in Irland, wenn nicht gar auf der Insel Man, eine sichere Zuflucht gefunden haben möchte; in beiden oder, wenn Du willst, allen drei Fällen wird er den Ausgang der Krankheit mit Sicherheit und in Ruhe abwarten können, denn die Verbindung Schottlands mit beiden Ländern in Dingen der Rechtspflege ist – in diesem Falle sage ich, Gott sei Dank! – ziemlich loser Natur ... Ach! schrecklich müßten die Folgen sein, wenn man Brown jetzt ergriffe! Gegen die Möglichkeit solches Unglücks suche ich mein Gemüt auf alle Weise zu wappnen ... O, teure Freundin! wie rasch ist Herzeleid und Kummer in meine einförmige, ruhige Lebensweise gedrungen – aber nicht länger will ich Dich mit Klagen peinigen ... Lebe wohl, teure Mathilde!

Deine Julie Mannering.«

Ende des ersten Bandes.

Zweiter Band

Erstes Kapitel

Niemand zeigte sich so eifrig, den Unbekannten zu entdecken, durch den Charles Hazlewood überfallen und verwundet worden war, als der einstige Schreiber und jetzige Laird von Ellangowan, Gilbert Glossin, zugleich auch wohlbestallter Friedensrichter und als solcher ohne Widerrede auch völlig befugt dazu. Er hatte der Gründe mancherlei, die ihn dazu trieben; nach allem aber, wie wir ihn bisher kennen gelernt haben, wird wohl die Liebe zur Gerechtigkeit nicht der Beweggrund dazu gewesen sein.

Glossin sah sich in seinen Erwartungen trotz allem schließlich bitter getäuscht; und wenngleich er durch seine Ränke in den Besitz der Gutsherrschaft seines alten Wohltäters gekommen war, so hatte sich doch nicht alles nach seinem Wunsche gestaltet, und es war ihm durchaus nicht leicht und behaglich zu mute. Saß er zu Hause mit sich allein, wo so manches ihn an die alten Zeiten gemahnte, so stiegen allerhand Gedanken in ihm auf, doch nicht immer solche froher Natur, und nicht immer meinte er sich zu der ihm gelungenen List gratulieren zu dürfen; denn wenn er die Blicke um sich her schweifen ließ, so nahm er nicht ohne lebhaften Verdruß wahr, daß ihm die Landedelleute aus dem Wege gingen; und nachdem ihm Ellangowan gerichtlich zugesprochen worden war, meinte er doch, sich zu ihnen rechnen zu dürfen; aber er merkte, daß sie ihn aus ihrer gesellschaftlichen Sphäre ausgeschlossen, daß er in der Oeffentlichkeit gemieden, ja bei fast allen Gelegenheiten mit Kälte und Verachtung behandelt wurde. Grundsätze und Vorurteile waren die Faktoren, die solche Abneigung weckten, denn die Landedelleute sahen ihn über die Achsel an, weil sie ihn nicht für ebenbürtig hielten, und haßten ihn, weil sie die Mittel verabscheuten, durch die er sich sein Vermögen verschafft hatte. Weit schlimmer jedoch stand es mit seinem Ansehen noch bei den unteren Volksklassen, die ihn weder nach seiner Herrschaft Ellangowan nennen, noch ihm auch nur den »Herrn« vor seinem Namen vergönnen wollten; bei ihnen war er »der Glossin« und nichts mehr; aber in seinem eitlen Sinne lag ihm an dieser Kleinigkeit so außerordentlich viel, daß er einmal einem Bettler, der ihn dreimal als den gnädigen Laird von Ellangowan um ein Almosen angebettelt hatte, eine halbe Krone gab. Diese Verweigerung aller öffentlichen Achtung ging ihm um so tiefer zu Herzen, als er doch immer vor Augen hatte, wie beliebt Mac Morlan, der doch bei weitem nicht so gut dastand wie er, bei arm und reich war und, wenn auch langsam, doch sicher in seinen Vermögensverhältnissen ebenso vorwärts kam, wie in seinem bürgerlichen Ansehen. Aber so sehr er sich über diese Vorurteile von Landjunkern, wie er sich ausdrückte, ärgerte, so war er doch klug genug, keine Klage darüber laut werden zu lassen. Die Zeit, dachte er, schwächt den Wert von Wundern ab und deckt über Vergehen den Mantel des Vergessens. Gewandt, wie jemand sein muß, der sein Glück durch die Erkenntnis der menschlichen Schwächen gemacht hat, nahm er sich vor, jede Gelegenheit zu ergreifen, sich sogar denjenigen nützlich zu machen, die ihn am wenigsten leiden konnten. Er rechnete auf seine Geschicklichkeit, auf die Streitsucht der Landedelleute, denen der Rat eines im Rechtswesen erfahrenen Mannes oft unschätzbar sein mußte, und auf tausend andere Umstände, die er mit Geduld und Klugheit zu seinem Vorteile benutzen zu können hoffte, und so glaubte er, daß es ihm auf diesem Wege mit der Zeit gelingen werde, seinen Nachbarn in einem günstigern Lichte zu erscheinen.