»Nun, wenn du seinen Mantel fassen kannst, so brauchst du keine weitere Hilfe – weder niederländische Geistliche noch Laien finden einen freien Lauf der Gerechtigkeit jenseit der hochländischen Grenze.«
»Aber mein Kind, edler Sir – meine Katharina?« sagte der Handschuhmacher.
»Laßt sie mit Euch gehen, Mann. Der Graddankuchen wird ihre weißen Zähne erhalten, die Ziegenmilch wird ihr das Blut wieder in die Wange treiben, welches diese Unruhe verbannt hat; und selbst das schöne Mädchen von Perth kann sanft genug auf einem Bett von hochländischen Kräutern schlafen.«
»Nicht aus so eitlen Rücksichten, Mylord, trag' ich Bedenken,« sagte der Handschuhmacher. »Katharina ist die Tochter eines schlichten Bürgers und ist nicht eigensinnig, was Nahrung und Wohnung anlangt. Aber der Sohn Mac Jans ist mehrere Jahre Gast in meinem Hause gewesen, und ich muß gestehen, daß ich ihn meine Tochter (die so gut wie verlobte Braut ist) auf eine Weise betrachten sah, die, obwohl ich es nicht fürchtete in diesem Hause in Curfewstreet, mich für die Folgen in einem hochländischen Thale besorgt macht, wo ich keinen Freund habe, Conachar aber viele.«
Der ritterliche Oberrichter antwortete mit einem langen pfeifenden Tone. – »Ja, in dem Falle rath' ich dir, sie in's Nonnenkloster zu Elcho zu senden, wo die Aebtissin, wenn ich mich nicht irre, Eure Verwandte ist. Ja, sie hat es selber gesagt und fügte hinzu, sie liebte ihre Muhme nebst Allem, was zu dir gehört, Simon.«
»Allerdings, Mylord, glaub' ich, daß die Aebtissin so viel Achtung für mich hegt, daß sie gern den Schutz meiner Tochter übernehmen würde, und dazu mein ganzes Hab und Gut in ihre Schwesterschaft. – Wahrlich, ihre Zuneigung ist etwas anhänglicher Art, und würde ungern das Anvertraute, weder die Tochter noch die Aussteuer, fahren lassen.«
Der Ritter pfiff wieder bedenklich: »Bei dem Thane's-Kreuz. Mann, das ist ein schwer zu windender Knäul. Aber nie soll man sagen, das schönste Mädchen von Perth sei in ein Kloster gesperrt worden, wie eine Henne in einen Käfig, während sie im Begriff ist, den kühnen Bürger Harry Wynd zu heirathen. Das soll man nicht erzählen, so lang' ich Gürtel und Sporen trage und Oberrichter von Perth heiße.«
»Aber wie helfen, Mylord?« fragte der Handschuhmacher.
»Wir müssen Alle unser Theil an der Sache nehmen. Wohlan, setzt Euch sammt Eurer Tochter sogleich zu Pferde. Ihr sollt mit mir reiten, und wir wollen sehen, wer Euch finster anzublicken wagt. Die Forderung ist noch nicht gegen dich erlassen, und wenn sie einen Gerichtsboten nach Kinfauns schicken, ohne Vollmacht von des Königs eigener Hand, so schwör' ich bei des rothen Räubers Seele! daß er seine Schrift fressen soll, Wachs und Pergament mit einander. Zu Pferde! zu Pferde! und (sich an Katharina wendend, die so eben eintrat) auch Ihr, mein artiges Kind,
»Zu Pferd und fürchtet Niemand's Droh'n,
Wer Chartres traut, ist sicher schon!« –
Binnen zwei Minuten saßen Vater und Tochter zu Pferde, Beide auf des Oberrichters Weisung einen Pfeilschuß weit vor ihm reitend, damit es nicht schiene, sie gehörten zu seiner Gesellschaft. Mit einiger Eile zogen sie durch das östliche Thor und ritten rasch vorwärts, bis man sie nicht mehr sehen konnte. Sir Patrick folgte gemächlich; als er aber der Wache aus dem Gesicht war, spornte er sein Roß und holte bald den Handschuhmacher und Katharina ein, wo denn ein Gespräch erfolgte, welches Licht auf einige frühere Vorgänge dieser Geschichte wirft.
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Heil, Land der Bogenschützen! Söhne Jener,
Die es verschmäht, den Nacken Rom zu beugen –
O schönster Theil des meerumwallten Albion!
Albania (1737).
»Ich habe eine Weise entdeckt,« sagte der wohlmeinende Oberrichter, »auf welche ich euch Beide ein paar Wochen gegen die Bosheit eurer Feinde sichern will, da ich wenig zweifle, die Hofwelt bald verändert zu sehen. Aber damit ich um so eher entscheiden kann, was zu thun sei, so sagt mir offen, Simon, von welcher Art Eure Verbindung mit Mac Jan ist, die Euch veranlaßt, so unbeschränktes Vertrauen auf ihn zu setzen. Ihr seid ein genauer Beobachter der Stadtgesetze und kennt die strengen Strafen, die sie solchen Bürgern verkündigen, die mit den Hochländerclans Verkehr und Verbindung haben.«
»Allerdings, Mylord; aber es ist Euch auch bekannt, daß unsere Zunft, die in Schaf-, Hirsch- und anderem Leder arbeitet, ein Privilegium und Erlaubniß hat, mit den Hochländern zu verkehren, da wir durch jene Leute uns am raschesten mit den Mitteln versorgen können, unser Geschäft zum großen Vortheil der Stadt zu betreiben. So habe ich viele Geschäfte mit jenen Leuten gehabt, und ich kann es bei meiner Seligkeit versichern, daß Ihr nirgends billigere und ehrlichere Handelsleute findet, bei denen ein Mann leichter einen guten Pfennig erschwingen könnte. Ich habe zu meiner Zeit verschiedene weite Reisen in's Hochland gemacht, nur auf das Wort ihrer Häuptlinge, und nie traf ich ein seinem Worte treueres Volk, wenn man es einmal dahin bringen kann, es für Einen zu verpfänden, und was den hochländischen Häuptling Gilchrist Mac Jan betrifft, obwohl er rasch zum Todtschlag und feuersprühend gegen die ist, mit denen er in Todfehde begriffen ist, Keinen, der einen ehrlichern und geradern Pfad ginge.«
»Das ist mehr, als ich jemals hörte,« sagte Sir Patrick Charteris. »Doch ich habe auch Etwas von den hochländischen Brauseköpfen vernommen.«
»Sie zeigen eine andere und eine sehr verschiedene Gunst ihren Freunden, als ihren Feinden, wie Eure Herrlichkeit sehen wird,« sagte der Handschuhmacher. »Indeß, sei dem wie ihm wolle, es gelang mir, Gilchrist Mac Jan in einer wichtigen Sache zu dienen. Es ist etwa achtzehn Jahre her, daß der Clan Quhele und der Clan Chattan in Fehde begriffen waren, wie sie überhaupt selten Frieden haben, und der erstere eine Niederlage erlitt, die beinahe die Familie seines Häuptlings Mac Jan ausrottete. Sieben seiner Söhne fielen in und nach der Schlacht, er selbst mußte fliehen und sein Schloß wurde eingenommen und den Flammen übergeben. Seine Gattin, die gerade der Niederkunft nahe war, floh in den Wald, von einem treuen Diener und seiner Tochter begleitet. Hier gebar sie in Kummer und Elend einen Knaben, und da der elende Zustand der Mutter sie unfähig machte, das Kind zu säugen, so wurde es mit der Milch eines Rehes ernährt, das der Jäger, der sie begleitete, in einem Garn lebendig gefangen hatte. Nicht lange nachher schlug Mac Jan in einer zweiten Schlacht dieser Clans seine Feinde und nahm das verlorene Land wieder in Besitz. Mit unerwartetem Entzücken fand er Gattin und Kind noch am Leben, von denen er nichts mehr als die gebleichten Beine zu sehen gehofft hatte, von denen die Wölfe und wilden Katzen das Fleisch gefressen hätten.
»Aber ein starkes und gebieterisches Vorurtheil, wie es oft von jenen wilden Leuten unterhalten wird, hinderte den Häuptling, sich des vollen Glückes zu erfreuen, welches die Rettung seines einzigen Sohnes begründete. Es existirte eine alte Prophezeiung unter ihnen, daß die Macht des Stammes durch einen unter einem Hollunderbusch gebornen Knaben fallen werde, den ein weißes Reh säugte. Der Umstand traf zum Unglück für den Häuptling genau mit der Geburt des einzigen Kindes zusammen, das ihm übrig blieb, und die Aeltesten des Clans forderten von ihm, daß der Knabe entweder sogleich ermordet, oder wenigstens aus dem Gebiete des Stammes entfernt und in Dunkelheit auferzogen werde. Gilchrist Mac Jan mußte nachgeben, und da er den letztern Vorschlag wählte, wurde das Kind unter dem Namen Conachar in mein Haus gebracht, in der Absicht, wie man anfangs wollte, ihm alle Kunde zu verbergen, wer und woher er sei, oder welche Ansprüche auf Macht er über ein zahlreiches und kriegerisches Volk habe. Aber wie die Jahre dahinrollten, wurden die Aeltesten des Stammes, die so viel Ansehen besessen hatten, durch den Tod weggerafft oder durch Alter unfähig gemacht, sich in die öffentlichen Angelegenheiten zu mischen. Auf der anderen Seite wuchs der Einfluß Gilchrist Mac Jans durch seine glücklichen Kämpfe gegen den Clan Chattan, in welchem er die Gleichheit zwischen den beiden streitenden Bündnissen, wie sie vor der unglücklichen Niederlage bestand, von der ich Eurer Herrlichkeit erzählt, wiederherstellte. Als er so fest saß, wünschte er natürlich, seinen einzigen Sohn an seine Brust und in sein Haus zurückzubringen; deswegen ließ er mich den jungen Conachar, wie man ihn nannte, mehr als ein Mal in's Hochland schicken. Er war ein Jüngling, ganz dazu gemacht, durch Gestalt und edles Benehmen das Herz seines Vaters zu gewinnen. Endlich errieth, wie ich glaube, der junge Mann das Geheimniß seiner Geburt, oder es wurde ihm sonst mitgetheilt; und der Widerwille, den der stolze hochländische Bursche immer vor meinem ehrlichen Gewerbe gezeigt hatte, wurde sichtbarer, so daß ich nicht einmal wagte, meinen Stab über seinen Rücken zu legen, aus Furcht, er möchte mich mit einem Dolchstoß, als gälische Antwort auf eine sächsische Anrede, empfangen. Dann wünschte ich ihn los zu sein, um so mehr, da er so viel Ergebung gegen Katharina zeigte, die sich in der That vorsetzte, den Aethiopier zu waschen und einem wilden Hochländer Milde und Sitte zu lehren. Sie weiß selber, wie es endete.«