»Aber für jetzt hat er immer noch Etwas von der Milch des weißen Rehes, nicht wahr, Simon?«
»Er hat wenig Erfahrung, Mylord,« sagte der Handschuhmacher, »und ich brauche einem gerühmten Krieger, wie Ihr, nicht zu sagen, daß wir mit der Gefahr vertraut sein müssen, eh' wir mit ihr, wie mit einer Geliebten, scherzen können.«
Diese Unterhaltung brachte sie eilig nach Schloß Kinfauns, wo es, nach eingenommener Erfrischung, nöthig ward, daß Vater und Tochter schieden, um ihre besonderen Zufluchtsorte zu suchen. Dann erst war es, daß Katharina, als sie sah, wie ihres Vaters Besorgnis um sie alle Gedanken an seinen Freund zusammengedrückt hatte, wie im Traume den Namen »Harry Gow« fallen ließ.
»Freilich, ja freilich!« fuhr der Vater fort; »er muß unsere Absichten kennen.«
»Ueberlaßt das mir,« sagte Sir Patrick. »Ich will keinem Boten vertrauen, will auch keinen Brief senden, weil, wenn ich einen schreiben, er ihn vermuthlich nicht lesen könnte. Er wird unterdessen besorgt sein, aber ich will morgen bei Zeiten nach Perth reiten und ihn mit Eurem Vorhaben bekannt machen.«
Die Zeit der Trennung nahete nun. Es war ein bitterer Augenblick; aber der männliche Charakter des alten Bürgers und die fromme Ergebung Katharinens in den Willen der Vorsehung machten ihn leichter, als sich erwarten ließ. Der gute Ritter drang, wiewohl auf die freundlichste Weise, auf die Abreise, und ging selbst so weit, dem Bürger ein Darlehen von einigen Goldstücken zu bieten, was zu einer Zeit, wo das Geld so selten war, als das non plus ultra der Achtung angesehen werden mußte. Der Handschuhmacher versicherte ihn jedoch, daß er reichlich versehen sei, und reiste in nordwestlicher Richtung ab. Der gastliche Schutz Sir Patrick Charteris' wurde seinem schönen Gaste nicht minder bewiesen. Sie wurde der Fürsorge einer Hausmeisterin, die das Hauswesen des guten Ritters besorgte, übergeben, und war genöthigt, mehrere Tage in Kinfauns zu bleiben, weil der Fährmann vom Tay, Kitt Stenshaw, der sie überfahren sollte, und auf den der Ritter viel Vertrauen setzte, Hindernisse und Zögerung verursachte.
So wurden Vater und Kind getrennt in einem Augenblicke großer Gefahr und Bedrängniß, noch gesteigert durch Umstände, von denen sie nichts zu wissen schienen, und die gleichwohl die Möglichkeit der Rettung, die ihnen blieb, sehr beeinträchtigen konnten.
Siebenundzwanzigstes Kapitel
»Also that Augustin« – »So?« sagt' er, – »Nun, Mag's Augustin für mich denn wieder thun.«
Pope's Prolog in den »Canterbury Tales« von Chaucer.
Der Lauf unserer Geschichte wird sich am besten verfolgen lassen, wenn wir Simon Glover begleiten. Es ist nicht unsere Absicht, genau die örtlichen Grenzen der beiden streitenden Clans anzugeben, zumal da sie von den Geschichtschreibern nicht genau bezeichnet werden, welche die Schilderungen dieser merkwürdigen Fehde lieferten. Es genügt, zu sagen, daß das Gebiet des Clans Chattan sich weit und breit ausdehnte, indem es Caithneß und Sutherland umfaßte und als unumschränkten Häuptling den mächtigen Grafen der letztern Grafschaft hatte, genannt Mohr ar chat (die große Katze). So gehörten im Allgemeinen die Keths, die Sinclairs, die Guns und andere Familien und Clans von bedeutender Macht zu diesem Bündnisse. Diese waren jedoch nicht in den gegenwärtigen Streit verwickelt, der sich auf den Theil des Clans Chattan beschränkte, der die ausgedehnten Bergdistrikte von Perthshire und Inverneßshire inne hatte, die einen großen Theil dessen bilden, was man die nördlichen Hochlande nennt. Es ist wohl bekannt, daß zwei große Clans, von denen man ohne Zweifel weiß, daß sie zu dem Clan Chattan gehörten, die Mac Phersons und die Mac Intosches, bis auf diesen Tag streiten, welcher ihrer Häuptlinge an der Spitze dieses Badenochzweiges des großen Bündnisses stand, und Beide nahmen in spätern Zeiten den Titel eines Häuptlings (captain) von Clan Chattan an. Non nostrum est. – Jedenfalls aber muß in Badenoch das Bündniß gewesen sein, so weit es in die von uns behandelte Fehde verwickelt war.
Von dem feindlichen Bunde von Clan Quhele haben wir noch minder genaue Nachricht, aus Gründen, die sich in der Fehde herausstellen werden. Einige Schriftsteller haben ihn mit dem zahlreichen und mächtigen Stamme des Mac Kay für ein und dasselbe gehalten. Beruht dies auf gutem Grunde, was zu bezweifeln ist, so müssen die Mac Kays ihre Wohnsitze seit der Regierung Roberts II. verändert haben, da man sie nun (als Clan) in den äußerst nördlichen Theilen Schottlands, in den Gegenden von Roß und Sutherland findet. Wir können daher in der Geographie unserer Geschichte nicht so klar sein, als wir wünschten. Es genüge, zu bemerken, daß der Handschuhmacher, eine nordwestliche Richtung einschlagend, eine Tagreise gegen das Land Breadalbane zog, von wo er das Schloß zu erreichen hoffte, wo Gilchrist Mac Jan, Häuptling des Clans Quhele und Vater seines Zöglings Conachar, sich gewöhnlich aufhielt, umgeben von barbarischem Pomp und einem Ceremoniell, welches zu seinen stolzen Ansprüchen paßte.
Wir brauchen uns nicht bei einer Schilderung der Mühen und Schrecknisse einer solchen Reise aufzuhalten, wo man den Weg durch Einöden und Gebirge suchen mußte, bald an steilen Abhängen emporsteigend, bald in unzugängliche Moräste hinabstürzend, und oft unterbrochen durch große Bäche, ja selbst Flüsse. Aber all' diese Gefahren hatte Simon Glover, um ehrlichen Gewinn zu suchen, schon vorher bestanden, und es ließ sich nicht annehmen, daß er sie scheute oder fürchtete, wo Freiheit, ja selbst das Leben der Preis war.
Die Gefahr von Seiten der kriegerischen und uncivilisirten Bewohner dieser Einöden würde einem Andern mindestens eben so furchtbar erschienen sein, als die Gefahren der Reise. Aber Simons Kenntniß der Sitten und Sprachen des Volkes machte ihn auch in diesem Punkte sicher. Ein Anspruch auf die Gastfreundschaft der wildesten Gälen war nie erfolglos, und der Kerl, der unter andern Umständen einen Menschen um die silberne Schnalle seines Mantels ermordet hätte, würde sich selbst einer Mahlzeit beraubt haben, um den Reisenden, der an der Thür seiner Hütte um Gastfreundschaft bat, zu erquicken. Die Reisekunst war, so vertrauensvoll und unvertheidigt als möglich zu erscheinen; deswegen trug der Handschuhmacher durchaus keine Waffen, reiste ohne den mindesten Anschein von Vorsicht, und hatte sich nur zu hüten, nichts, was die Begierde aufregen konnte, zu zeigen. Eine andere Regel, deren Beobachtung er für klug hielt, war, mit jedem Wanderer, dem er begegnete, Gemeinschaft zu vermeiden, außer so weit es den Wechsel der gegenseitigen Höflichkeit im Grüßen betraf, welche die Hochländer selten unterlassen. Aber auch für diese vorübergehenden Grüße boten sich nur wenig Gelegenheiten dar. Das immer einsame Land schien jetzt ganz verlassen, und selbst in den kleinen Straths oder Thälern, welche er zu durchwandern Gelegenheit hatte, waren die Dörfer leer und die Einwohner hatten sich in Wälder und Höhlen zurückgezogen. Dies war leicht zu erklären, wenn man die bevorstehenden Gefahren einer Fehde erwog, die nach der Erwartung Aller das allgemeinste Signal zu Plünderung und Raub, wodurch je das unglückliche Land verwüstet wurde, werden mußte.
Simon begann, über diesen Zustand der Verwüstung beunruhigt zu werden. Er hatte ein Mal Halt gemacht, seit er Kinfauns verließ, um seinen Klepper ruhen zu lassen; und nun begann er besorgt zu werden, wie er die Nacht zubringen solle. Er hatte deswegen auf die Hütte eines alten Bekannten gezählt, den man Niel Booshalloch (oder den Kuhhirten) nannte, weil er zahlreiche Viehheerden, die dem Häuptlinge des Clan Quhele gehörten, hütete, wozu er ein Gut an den Ufern des Tay, nicht weit von der Stelle, wo der Fluß den See desselben Namens verläßt, inne hatte. Von diesem alten Wirthe und Freunde, mit welchem er manchen Handel um Felle und Pelzwerk geschlossen hatte, hoffte der Handschuhmacher den gegenwärtigen Zustand des Landes, die Erwartung über Krieg und Frieden und die besten Maßregeln zu seiner Sicherheit zu erfahren. Man muß sich erinnern, daß die Nachricht des zur Verminderung der Ausdehnung der Fehde eingegangenen Kampfvertrags Königs Robert erst den Tag vorher, ehe der Handschuhmacher Perth verließ, mitgetheilt worden war, und erst einige Zeit nachher bekannt gemacht wurde.