»Das macht die Sache anders,« erwiderte der Hirte. »So anders, daß, wenn Ihr um Mitternacht an Mac Jans Thür kämt mit dem Kopfe des Königs von Schottland in Eurer Hand und tausend Mann hinter Euch, um sein Blut zu rächen, daß ich nicht glaube, es würde seiner Ehre zuträglich sein, Euch Schutz zu versagen. Und was Eure Schuld oder Unschuld betrifft, so thut die nichts zur Sache – oder vielmehr, er sollte Euch um so eher schützen, wenn ihr schuldig, denn Eure Noth und seine Gefahr wären in diesem Falle um so größer. Ich muß gleich zu ihm, damit ihm keine vorschnelle Zunge Eure Ankunft hier ohne den Grund derselben meldet.«
»Schade, daß ich dich bemühe,« sagte der Handschuhmacher: »aber wo liegt der Häuptling?«
»Er hat sein Quartier etwa zehn Meilen von hier, und ist beschäftigt mit Angelegenheiten des Leichenbegängnisses und mit Vorbereitungen zum Kampfe – die Todten zum Grabe, die Lebenden zur Schlacht zu führen.«
»Es ist ein weiter Weg, und wird Euch, um zurückzukehren, die ganze Nacht kosten,« sagte der Handschuhmacher; »und ich bin überzeugt, daß Conachar, wenn er weiß, ich sei es, der –«
»Vergiß Conachar,« sagte der Hirte, den Finger auf die Lippen legend. »Und was die zehn Meilen betrifft, so sind die nur ein Hochländersprung, wenn Einer eine Botschaft zwischen seinem Freunde und seinem Häuptling trägt.«
So sprechend und den Reisenden der Obhut seines ältesten Sohnes und seiner Tochter überlassend, verließ der behende Hirte sein Haus zwei Stunden vor Mitternacht, und kehrte lange vor Sonnenaufgang dahin zurück. Er störte seinen ermüdeten Gast nicht; als aber der alte Mann am Morgen aufstand, machte er ihm bekannt, daß das Begräbniß des verstorbenen Häuptlings am nächsten Tage stattfinden werde, und daß, obwohl Eachin Mac Jan einen Sachsen nicht zu dem Leichenbegängniß einladen könne, er sich doch freuen würde, denselben beim darauf folgenden Gastmahl zu empfangen.
»Sein Wille muß befolgt werden,« sagte der Handschuhmacher, halb lächelnd über den Wechsel des Verhältnisses zwischen ihm und seinem Lehrling. »Der Mann ist jetzt der Gebieter, und ich hoffe, er wird sich erinnern, daß, als die Sachen anders zwischen uns standen, ich mein Ansehen nicht unfreundlich übte.«
»Fürwahr, Freund!« rief der Booshalloch, »je weniger du davon sprichst, um so besser. Du wirst finden, daß du Eachin ein recht willkommener Gast bist, und der Teufel auf den, der dich in seinen Grenzen zu stören wagt. Aber leb' wohl; denn ich muß, wie es sich ziemt, zum Begräbniß des besten Häuptlings gehen, den der Clan je besaß, und des weisesten Führers, der je den süßen Zweig (Myrte) auf seine Mütze steckte. Leb' wohl auf kurze Zeit, und wenn du auf den Gipfel des Tom-an-Lonach hinter dem Hause gehen willst, so wirst du einen prächtigen Anblick haben und einen Coronach hören, der bis zur Spitze des Ben Lawers schallt. In drei Stunden wird ein Boot in einem kleinen Kanal etwa eine halbe Meile westwärts vom Ausfluß des Tay dich erwarten.«
Mit diesen Worten nahm er Abschied, begleitet von seinen drei Söhnen, um das Boot zu bemannen, in welchem er sich zu den andern Leidtragenden gesellen wollte, und zwei Töchtern, deren Stimmen nöthig waren, um in die Klage einzustimmen, die gesungen oder vielmehr geschrieen wurde bei solchen Anlässen allgemeiner Trauer.
Als sich Simon Glover allein befand, ging er zum Stall, um nach seinem Pferde zu sehen, welches er wohl versorgt fand mit Graddan oder Brod aus geschrotener Gerste. Diese Güte würdigte er vollkommen, denn er wußte, daß die Familie wahrscheinlich wenig von diesem Leckerbissen für sich übrig hatte, bis die nächste Ernte dürftigen Vorrath einbrächte. Mit Viehfutter waren sie wohl versehen, und der See gab ihnen Ueberfluß an Fischen für ihre Fastenspeise, welche sie nicht streng hielten; aber Brod war ein seltener Artikel im Hochland. Die Moore lieferten weiches Heu, obwohl nicht von der besten Art, aber die schottischen Pferde waren, wie ihre Reiter, an harte Kost gewöhnt. Handschuh, denn dies war der Name des Pferdes, hatte den Stall voll getrocknetes Farrenkraut als Streu und war außerdem so wohl versorgt, als es hochländische Gastfreundschaft vermochte.
Simon Glover, der so seinen eigenen schmerzlichen Gedanken überlassen war, blieb, nachdem er die Bequemlichkeit seines stummen Reisegefährten gesehen, nichts übrig, als des Hirten Rath zu befolgen; und indem er gegen den Gipfel einer Anhöhe, genannt Tom-an-Lonach oder Berg der Eibenbäume, emporstieg, erreichte er nach halbstündiger Wanderung den Gipfel, und konnte den weitausgedehnten See, den die Anhöhe mit der trefflichsten Aussicht beherrschte, überschauen. Einige bejahrte und zerstreute Eichenbäume rechtfertigten noch immer den Namen des schönen grünen Hügels. Aber eine weit größere Anzahl war in der kriegerischen Zeit dem allgemeinen Verlangen nach Bogenstäben als Opfer gefallen; denn der Bogen war die gewöhnliche Waffe der Bergbewohner, obgleich ihre Bogen wie ihre Pfeile an Gestalt und Form, besonders an Wirksamkeit denen des lustigen England weit nachstanden. Die noch übrigen schwarzen und zerstreuten Eiben glichen den Resten eines gesprengten Heeres, die in Unordnung einen günstigen Posten einnehmen, mit dem festen Vorsatz, bis auf den letzten Blutstropfen auszuhalten. Hinter dieser Anhöhe, aber losgerissen von ihr, erhob sich ein höherer Hügel, zum Theil mit Gestrüpp bedeckt, zum Theil in Weidetriften sich öffnend, wo das umherirrende Vieh zwischen den Quellen und Sümpfen, von denen jetzt frisches Gras aufkeimte, dürftige Nahrung fand. Die entgegengesetzte oder nördliche Küste des Sees bot eine Aussicht dar, die weit mehr jener von den Alpen aus glich, als die, auf welcher der Handschuhmacher stand. Wälder und Gesträuche stiegen an den Seiten der Berge empor und verschwanden unter den Windungen, die die Schluchten bildeten, welche sie von einander trennten; aber weit über diese Proben eines erträglichen natürlichen Bodens erhoben sich die dunkeln und nackten Gebirge selbst in der schwarzgrauen Oede der Jahreszeit.
Einige waren spitz, andere breitgipfelig, einige felsig und steil, andere von sanfteren Umrissen; und der Clan der Titanen schien von ihren eigenen Häuptlingen beherrscht zu sein – dem finstern Berge Ben Lawers und der noch erhabeneren Höhe des Ben Mohr, hoch über die andern emporragend, und deren Gipfel einen blendenden Schneehelm weit in den Sommer hinein und bisweilen das ganze Jahr hindurch tragen. Doch zeigten die Grenzen dieser wilden Waldungen, wo die Berge zu dem See sich hinabsenkten, selbst in jener frühen Zeit viele Spuren menschlicher Wohnungen. Dörfer zeigten sich, besonders an dem nördlichen Seeufer, halb in den kleinen Schluchten verborgen, aus denen Nebenflüßchen in den Taysee strömten, die, wie so Manches auf Erden, von weitem einen schönen Anblick darboten, in der Nähe aber, wegen des Mangels an Bequemlichkeiten, wie sie selbst indianische Wigwams bieten, ekelhaft und abschreckend waren. Sie waren von einem Geschlecht bewohnt, das weder den Boden anbaute, noch um die Genüsse, die der Gewerbfleiß verschafft, sich bekümmerte. Die Weiber, die sonst mit Liebe und selbst zarter Achtung behandelt wurden, verrichteten alle durchaus nöthigen häuslichen Arbeiten. Die Männer übten, außer dem verhaßten Gebrauch eines schlechtgeformten Pflugs, oder noch gewöhnlicher eines Spatens, mit dem sie murrend und wie mit einer Sache umgingen, die weit unter ihnen stände, kein anderes Geschäft, als das Hüten ihrer schwarzen Rinderheerden, worin ihr Reichthum bestand. Außerdem jagten, fischten oder streiften sie immer, während der kurzen Friedenszeit, zum Zeitvertreib; plünderten mit frecher Zügellosigkeit und fochten mit stolzer Erbitterung zur Zeit des Krieges, der, mocht' er nun öffentlich oder Privatfehde, von größerer oder geringerer Ausdehnung sein, das eigentliche Geschäft ihres Lebens bildete, und das einzige, welches sie ihrer würdig achteten.