Er hatte indeß wenig Zeit, die Scene ringsum zu bewundern, denn sobald sie auf der Bank landeten, bemerkte der Booshalloch mit einiger Verlegenheit, daß, da sie nicht zur Tafel des Gebieters gebeten waren, zu welcher er eine Einladung erwartet zu haben schien, sie am besten thun würden, sich einen Platz in den niedern Hütten oder Buden zu sichern; er trat mit seinem Gaste den Weg dorthin an, als ihn einer von den Leibwachen anhielt, der das Amt eines Ceremonienmeisters zu versehen schien, und ihm Etwas in's Ohr flüsterte.
»So dacht' ich,« sagte der Hirt, sehr getröstet, »ich dachte, daß weder der Fremde noch der Mann von meinem Amte von der Haupttafel ausgeschlossen sein könnte.
Sie wurden daher in die große Halle geführt, in welcher lange Reihen von Tischen meist schon von Gästen eingenommen waren, während diejenigen, welche den Dienst versahen, ihnen reichlichen aber rohen Vorrath des Mahles vorsetzten. Der junge Häuptling, obwohl er gewiß den Hirten und den Handschuhmacher eintreten sah, grüßte doch Keinen von Beiden besonders, und ihre Plätze wurden ihnen in einer entfernten Ecke angewiesen, weit unter dem Salzfaß (einer großen alterthümlichen Silberschüssel), dem einzigen Gegenstande von Werth, den die Tafel zeigte, und der von dem Clan wie eine Art Palladium betrachtet wurde, gezeigt und gebraucht nur bei den feierlichsten Gelegenheiten, wie bei der gegenwärtigen.
Der Booshalloch, etwas unzufrieden, flüsterte, als er seinen Platz einnahm, Simon zu: »Die Zeiten haben sich geändert, Freund. Sein Vater, dessen Seele ruhen möge, würde uns Beide angesprochen haben; aber das sind schlechte Sitten, die er im Niederlande unter Euch Sachsen gelernt hat.«
Auf diese Bemerkung hielt der Handschuhmacher eine Erwiderung nicht für nöthig; statt derselben betrachtete er das Immergrün und besonders die Felle und andern Zierrathen, womit das Innere der Halle geschmückt war. Der merkwürdigste Theil dieser Zierrathen war eine Anzahl hochländischer Panzerhemden, nebst Stahlhauben, Streitäxten und zweihändigen Schwertern, die rings um den obern Theil des Gemachs hingen, zugleich neben reichverzierten Schildern. Jedes Panzerhemd hing über einer wohlgeputzten Hirschhaut, welche die Rüstung vortheilhaft zeigte und sie zugleich vor dem Rauche schützte.
»Dies,« flüsterte der Booshalloch, »sind die Waffen der erwählten Streiter des Clans Quhele. Es sind, wie du siehst, neunundzwanzig, und Eachin selbst ist der dreißigste, der seine Rüstung heut' trägt, sonst würden dreißig dahängen. Und er hat überhaupt keinen so guten Harnisch bekommen, als er am Palmsonntag tragen sollte. Jene neun Harnische von so bedeutender Größe sind für die Leichtach oder Leibwache, von der man so viel erwartet.«
»Und jene hübschen Hirschhäute,« sagte Simon, in welchem der Geist seines Berufes beim Anblick der Güter seines Gewerbes erwachte, – »glaubt Ihr, der Häuptling werde geneigt sein, sie zu verkaufen? Man sucht sie zu den Wämsern, welche die Ritter unter der Rüstung tragen.«
»Bat ich Euch nicht,« sagte der Booshalloch, »nichts von dem Gegenstande zu erwähnen?«
»Ich sprach von den Panzerhemden,« sagte Simon, – »darf ich fragen, ob eines davon von unserm berühmten Perther Waffenschmied, genannt Harry vom Wynd, gefertigt ist?«
»Du fragst unglücklicher, als vorher,« sagte Niel; »jenes Mannes Name ist für Eachins Gemüth wie ein Wirbelwind auf dem See; doch weiß Niemand, aus welchem Grunde.«
»Ich kann mir's denken,« dachte unser Handschuhmacher, sprach aber den Gedanken nicht aus; und nachdem er zwei Mal unerfreuliche Gegenstände der Unterhaltung berührt hatte, schickte er sich, gleich den Uebrigen um ihn her, an, das Mahl zu genießen, ohne einen neuen Gegenstand anzuregen.
Wir haben so viel von den Zurüstungen gesagt, daß der Leser daraus schließen kann, daß das Fest hinsichtlich der Beschaffenheit der Speisen von der rohesten Art war, indem es hauptsächlich aus großen Fleischstücken bestand, die mit wenig Rücksicht auf die Fastenzeit verzehrt wurden, obwohl mehrere der Mönche des Inselklosters die Tafel durch ihre Gegenwart ehrten und weiheten. Die Schüsseln waren von Holz, ebenso die mit Reifen umgebenen Kelche oder Becher, aus welchen die Gäste ihr Getränk und die Fleischbrühe, die man für etwas Leckerhaftes hielt, tranken. Es waren auch verschiedene Milchspeisen da, die man hochschätzte und aus ähnlichen Gefäßen genoß. Brod war der seltenste Artikel bei der Mahlzeit; aber der Handschuhmacher und sein Wirth wurden mit einigen dünnen Stückchen, die besonders zu ihrem Gebrauch gereicht wurden, versehen. Beim Essen, wie es durch ganz Britannien der Fall war, gebrauchten die Gäste ihre Messer, genannt Skenes, oder die großen Dolche, welche Dirks hießen, ohne sich durch den Gedanken stören zu lassen, daß sie vielleicht ganz anderen oder verderblichen Zwecken dienen könnten.
Am obern Ende der Tafel stand ein leerer Sessel, ein oder zwei Stufen über dem Boden erhaben. Er war mit einem Baldachin von Hollunder- und Epheuzweigen überdeckt, und dabei lehnte ein Schwert in der Scheide und ein zusammengefaltetes Banner. Dies war der Sitz des verstorbenen Häuptlings gewesen, der ihm zu Ehren leer blieb. Eachin nahm einen niedrigen Stuhl zur Rechten des Ehrenplatzes ein.
Der Leser würde sich sehr irren, wenn er aus dieser Schilderung die Vermuthung herleiten wollte, als hätten sich die Gäste wie eine Heerde hungriger Wölfe betragen, die auf ein ihnen seltenes Mahl losstürzten. Im Gegentheil, der Clan Quhele betrug sich mit der Art höflicher Zurückhaltung und Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse Anderer, welche oft bei Urvölkern, besonders solchen, die stets unter Waffen sind, gefunden wird, weil eine allgemeine Beobachtung der Regeln der Höflichkeit nothwendig ist, um Streit, Blutvergießen und Mord zu verhüten. Die Gäste nahmen die Plätze ein, die von Torquil von der Eiche, der als Marschall Taeh, d.h. Tafelmeister, auftrat, durch die Berührung mit einem weißen Stabe, ohne ein Wort zu sprechen, ihnen angewiesen wurden. Als so die Gesellschaft in Ordnung saß, wartete man geduldig aus die angewiesene Portion, die von dem Leichtach unter sie vertheilt wurde; die tapfersten Männer oder ausgezeichnetsten Krieger des Stammes wurden doppelt versehen, was man bezeichnend Bieyfir oder Antheil eines Mannes nannte. Als die Tafelmeister Jedermann bedient sahen, nahmen sie selbst ihre Plätze beim Gastmahl ein, und wurden mit einer dieser größeren Portionen versehen. In die Nähe jedes Mannes wurde Wasser gestellt, und eine Handvoll weiches Moos diente als Tafeltuch, so daß die Hände, wie bei einem morgenländischen Mahl, so oft gewaschen wurden, als die Gerichte wechselten. Zur Unterhaltung recitirte der Barde das Lob des verstorbenen Häuptlings und drückte das Vertrauen des Clans auf die aufblühenden Tugenden des Nachfolgers aus. Der Seanachin recitirte die Genealogie des Stammes, die sie bis zum Geschlecht der Dalriads zurückführten; die Harfner spielten im Saale, während die Kriegspfeifen draußen die Menge ergötzten. Die Unterhaltung unter den Gästen war ernst, würdevoll und höflich – kein Scherz überschritt die Grenzen eines freundlichen Spaßes, nur berechnet, ein flüchtiges Lächeln zu erregen. Man erhob die Stimmen nicht und kein Streit fand statt; und Simon Glover hatte hundert Mal mehr Lärm bei einem Innungsmahl in Perth gehört, als bei dieser Gelegenheit zweihundert wilde Hochländer erregten.