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Der Angriff auf Mannerings Wohnung und der Unfall des jungen Hazlewood schienen ihm eine gute Gelegenheit darzubieten, der ganzen Gegend zu beweisen, welche wichtigen Dienste ein tätiger Beamter leisten könne, der mit dem Gesetze ebenso wohlbekannt sei, als mit den Gängen und Gewohnheiten der Schleichhändler. Seine Kenntnisse in letzter Hinsicht hatte er sich früher durch heimlichen Verkehr mit verschiedenen Genossen derselben und zwar solcher der schlimmsten Art erworben, bald indem er sich an ihren Unternehmungen direkt beteiligte, bald indem er ihnen zu solchen geraten oder auch allerhand Umstände dabei verraten hatte.

Da er aber diesen Umgang seit Jahren aufgegeben hatte, und solche Menschen ihr gefährliches Gewerbe bekanntlich selten lange treiben können oder in der Regel von einem Orte zum andern gejagt werden, so machte er sich keinerlei Sorge, durch seine Nachforschungen etwa alte gute Freunde, die mit ihm noch ein Hühnchen zu rupfen haben möchten, in Verlegenheit oder Unruhe zu setzen. Daß er mit solchen Subjekten und Schlichen in Beziehung gestanden, durfte ihn nach seiner Meinung nicht abhalten, seine Erfahrungen zum Nutzen des Gemeinwesens, wohl auch im eignen Interesse auszunützen. Daran hingegen, Mannerings Achtung und Gunst zu erwerben, mußte ihm vor allem liegen, noch wichtiger für ihn war es aber, in gute Beziehungen zum alten Hazlewood zu treten, der über großen Anhang in der Grafschaft verfügte; wenn es ihm nun gelang, die Schuldigen zu entdecken und dem Gerichte zur Bestrafung zu überliefern, so stand es außer Zweifel, daß ihm Mannering und Hazlewood näher treten müßten, und außerdem winkte ihm noch die Freude, Mac Morlan zu demütigen und zu übertrumpfen, denn diesem als Unter-Sheriff lag es noch mehr ob als ihm, in solcher Sache sich zu bemühen.

Glossin scheute keine Mühe, Mitglieder der Bande, die Woodbourne überfallen hatte, besonders aber dasjenige Subjekt ausfindig zu machen, von welchem Hazlewood verwundet worden war. Er setzte Prämien aus, gab Mittel und Wege bekannt, wie es seiner Meinung nach gelingen müsse, das Versteck der Uebeltäter zu ermitteln, und benutzte allen Einfluß auf alte Bekannte aus der Zeit seines Verkehrs mit den Schleichhändlern, ihnen klar zu machen, daß sie klüger täten, ein paar Leute, an denen nichts gelegen sei und die ihnen nichts mehr schaden oder nützen könnten, zu opfern, statt sich dem häßlichen Verdacht einer Mitschuld an solch empörender Missetat auszusetzen. Zunächst blieben all seine Bemühungen fruchtlos. Das niedere Volk war mit dem Schleichhandel zu eng verwachsen, daß sich jemand darunter hätte finden sollen, der als Zeuge vor Gericht in einer Sache hätte auftreten mögen, die alle Schmuggler auf die Beine bringen und ihm auf den Hals hetzen mußte. Nach einiger Zeit aber bekam Glossin, der die Hände nicht mehr ruhen ließ, Wind davon, daß ein Mann, auf den das Signalement von Hazlewoods Feinde ziemlich genau paßte, am Abend vor dem Ueberfall im Wirtshause zu Sippletringan aufhältlich gewesen sei. Glossin begab sich auf der Stelle dorthin. Frau Mac Candlish mochte, wie sich der Leser erinnern dürfte, von Glossin nicht viel wissen. Sie sagte ihm kaum guten Tag und ließ sich lange bitten und nötigen, bis sie sich dazu verstand, mit ihm in ihre Wohnstube zu gehen.

»Recht hübsch frisch heute früh, liebe Frau Candlish, aber herrliches Wetter,« begann Glossin die Unterhaltung.

»O ja, solchen Morgen kann man sich schon gefallen lassen,«

»Sagen Sie mal, liebe Frau Mac Candlish,« fragte er nun, »kommen die Herren Friedensrichter noch immer nach der Dienstagssitzung zu Ihnen zu Tisch?«

»O freilich, – warum sollten sie nicht? Sie werden wohl kommen wie immer,« versetzte die Wirtin trocken und schickte sich an, die Stube zu verlassen.

»Haben Sie es doch nicht so eilig, liebe Frau! Sie sind doch gewiß nicht böse, eine nette Tischgesellschaft einmal in jedem Monat bei sich zu sehen?«

»Sicher nicht, Herr Glossin, wenn es Herren sind, die sich sehen lassen dürfen –«

»Na, das sollt ich meinen, Gutsbesitzer und Leute, die in der Grafschaft eine Rolle spielen, meine ich; ich möchte solchen Mittagsklub einrichten.«

Frau Mac Candlish antwortete hierauf mit einem Husten, den man nicht gerade als Zeichen der Ablehnung aufzufassen brauchte, aus dem aber gewiß Zweifel herausklangen, ob zu so etwas ein Mann wie Glossin der rechte sei. Glossin fühlte das recht gut heraus, aber Empfindlichkeit hierüber merken zu lassen, war jetzt nicht an der Zeit ... »Der Verkehr auf der Landstraße läßt wohl noch immer nichts zu wünschen?« fuhr er fort; – »wohl auch heute viel Gesellschaft da?«

»O ja! die Gäste werden auf mich warten!«

»Nur ein Paar Sekunden noch, liebe Frau! Ein alter Kunde wie ich darf darum wohl bitten ... Hat nicht in der letzten Woche ein großer junger Mensch bei Ihnen logiert – oder genächtigt?«

»Das kann ich wirklich nicht sagen. Ich sehe mir meine Gäste nicht darauf an, ob sie lang oder kurz sind, sondern ob sie lange oder kurze Rechnungen machen.«

»Und wenn die Gäste für lange Rechnungen nicht sorgen, Frau Mac Candlish, dann tun Sie es – wie? – he! – – – Aber der junge Mensch, den ich meine, hat einen dunklen Rock mit blanken Knöpfen angehabt, hat hellbraunes Haar, blaue Augen und eine gerade Nase gehabt und ist zu Fuß gereist ohne Diener, ohne Gepäck. Auf solchen Gast müßten Sie sich doch besinnen können!«

»So etwas, Herr Glossin, kann man in einem Hause wie hier wirklich nicht im Kopfe behalten. Da gibt's doch mehr zu tun, als das, sich um Haar und Nase von Gästen zu bekümmern.«

»Nun, dann muß ich eben mit der Sprache herausrücken, Frau Mac Candlish! Dieser junge Mensch steht im Verdacht, sich eines Verbrechens schuldig gemacht zu haben – und ich als Friedensrichter muß solche Auskunft von Ihnen verlangen, und weigern Sie sie mir, dann kommt es zum Eide.«

»Aber ich darf, nicht schwören, Herr Glossin! Sie wissen doch, daß mein Mann – Gott habe ihn selig! sich zu dem presbyterianischen Glauben bekannte, und daß ich als seine Witwe mich zu einem andern Glauben nie bekennen darf und werde; wenn ich schwören soll, so muß ich mich erst bei unserm Geistlichen befragen, zumal es sich um ein so unschuldiges Menschenkind handelt, das so fremd und mutterseelenallein durch die Grafschaft pilgerte.«