Selbst das Getränk schien die Gesellschaft nicht über den Ton anständigen Ernstes aufzuregen. Es war von verschiedener Art – Wein erschien in sehr geringer Menge und ward nur den vorzüglichsten Gästen gereicht, unter deren geehrte Zahl wieder Simon Glover gehörte. Der Wein und die beiden Weizenbrote waren in der That die einzigen Zeichen von Beachtung, die er während des Mahles erfuhr; aber Niel Booshalloch, eifersüchtig für seines Herrn Ruf der Gastfreundschaft, verfehlte nicht, sie als Beweise hoher Auszeichnung zu rühmen. Gebrannte Wasser, die man später so allgemein im Hochland gebrauchte, waren vergleichungsweise damals unbekannt. Der Usquebaugh ging in geringer Menge herum und wurde durch eine Abkochung von Safran und andern Kräutern noch reizender gemacht, so daß er mehr einem medicinischen Trank, als einem Getränk für die Mahlzeit glich. Cider und Meth sah man ebenfalls, aber Bier, welches in großer Menge dazu gebraut war und ohne alle Einschränkung floß, war das allgemeine Getränk, und ward mit einer Mäßigung getrunken, die unter den neuern Hochländern weit minder bekannt ist. Ein Becher auf das Andenken des verstorbenen Häuptlings war der erste Toast, der feierlich nach vollendeter Mahlzeit ausgebracht wurde; und ein tiefes Gemurmel von Segenswünschen wurde von der Gesellschaft gehört, während die Mönche allein, ihre vereinigten Stimmen erhebend, Requiem aeternam dona, sangen. Eine ungewöhnliche Stille folgte, wie wenn etwas Außerordentliches erwartet würde, als Eachin mit kühnem und männlichem, doch bescheidenem Anstand sich erhob und, indem er den leeren Thronsessel einnahm, mit Würde und Festigkeit sagte:
»Diesen Sitz und meines Vaters Erbtheil nehme ich als mein Recht in Anspruch – so helfe mir Gott und St. Barr!«
»Wie willst du deines Vaters Kinder beherrschen?« sagte ein alter Mann, der Oheim des Verstorbenen.
»Ich will sie mit meines Vaters Schwert vertheidigen und Gerechtigkeit unter meines Vaters Banner für sie üben.«
Der alte Mann zog mit zitternder Hand das gewichtige Schwert aus der Scheide, und indem er es bei der Klinge hielt, bot er der Hand des jungen Häuptlings den Griff; zu gleicher Zeit entfaltete Torquil von der Eiche das Banner des Stammes und schwenkte es wiederholt über Eachins Haupt, der mit seltenem Anstand und Gewandtheit, als vertheidigte er die Fahne, den großen Claymore schwang. Die Gäste erhoben ein gellendes Geschrei, um ihre Beistimmung zur Wahl des patriarchalischen Häuptlings, der ihre Huldigung in Anspruch nahm, zu bezeugen, und kein Anwesender war geneigt, vor dem schönen und gewandten Jüngling an die traurigen Weissagungen zu erinnern. Als er in flammender Rüstung, auf das lange Schwert gestützt, und durch würdevolle Bewegungen den Zuruf, der die Luft innen, außen und ringsumher durchbrach, anerkennend dastand, war Simon Glover versucht zu zweifeln, ob diese männliche Gestalt derselbe Jüngling sei, den er oft mit wenig Umständen behandelt hatte, und begann, die Folgen davon einigermaßen zu fürchten. Ein allgemeiner Gesang der Minstrels folgte dem Zuruf, und Fels und Wald erklangen von Harfen und Pfeifen, wie kurz vorher von Wehklagen und Jammer.
Es würde ermüdend sein, wenn wir den Fortgang des Einweihungsfestes verfolgen oder die Trinksprüche einzeln anführen wollten, die den ehemaligen Helden des Clans und besonders den neunundzwanzig tapfern Streitern gebracht wurden, welche in dem bevorstehenden Kampfe unter den Augen und der Führung ihres jungen Häuptlings fechten sollten. Die Sänger nahmen in den alten Zeiten mit ihrer Kunst verbundenen prophetischen Charakter an, und wagten den ausgezeichnetsten Sieg zuzusichern und die Wuth vorauszusagen, mit welcher der blaue Falke, das Zeichen des Clans Quhele, die Bergkatze, das wohlbekannte Zeichen des Clans Chattan, in Stücke reißen würde.
Sonnenuntergang war nahe, als eine Bowle, genannt der Gnadenbecher, aus Eichenholz und mit Silber eingefaßt, zum Zeichen der Trennung um die Tafel ging, obwohl es Jedem freistand, noch länger zu zechen oder sich sogleich in eine der äußern Hütten zu begeben. Was Simon Glover betraf, so führte ihn der Booshalloch in eine der kleinen Hütten, die für einen Einzelnen eingerichtet zu sein schien, und ein Bett von Haidekraut und Moos enthielt, so gut es die Jahreszeit gestaltete, und ein reicher Vorrath solcher Leckerbissen, als das gehaltene Gastmahl gewährte, zeigte, daß alle Sorgfalt für des Bewohners Bequemlichkeit beobachtet worden.
»Verlaß diese Hütte nicht,« sagte der Booshalloch zu seinem Freunde und Schutzbefohlenen, indem er Abschied nahm; »dies ist dein Ruheplatz; aber in einer solchen geräuschvollen Nacht gehen die Gemächer verloren, und wenn der Dachs sein Loch verläßt, kriecht der Fuchs hinein.«
Simon Glover war diese Einrichtung keineswegs unangenehm. Er war vom Geräusche des Tages ermüdet und sehnte sich nach Ruhe. Nachdem er daher einen Bissen gegessen, was sein Appetit kaum nöthig machte, und einen Becher Wein getrunken, um sich zu erwärmen, murmelte er sein Abendgebet, hüllte sich in seinen Mantel und legte sich auf ein Lager, welches durch alte Bekanntschaft ihm bequem und vertraut war. Das Summen und Murmeln, ja selbst das gelegentliche Geschrei von einigen der Gäste, welche draußen fortfuhren zu schwärmen, unterbrach seine Ruhe nicht lange; und nach etwa zehn Minuten war er eingeschlafen, als wenn er in seinem eigenen Bette in Curfewstreet gelegen hätte.
Neunundzwanzigstes Kapitel
Stets weilt er bei meiner Tochter.
Hamlet
Zwei Stunden vor dem Hahnschrei ward Simon Glover durch eine wohlbekannte Stimme geweckt, die ihn beim Namen rief.
»Wie, Conachar!« rief er, indem er aus dem Schlaf emporfuhr; »ist der Morgen schon so weit vorgerückt?« und als er die Augen erhob, stand die Person, von der er träumte, vor ihm; und im nämlichen Augenblicke, während er sich rasch der Vorgänge des gestrigen Tages erinnerte, sah er mit Staunen, daß die Erscheinung die Gestalt behielt, die der Schlaf ihr gegeben, denn es war nicht der in Stahl gehüllte Hochländerhäuptling mit dem Claymore in der Hand, wie er ihn am vorigen Abend gesehen, sondern Conachar aus der Curfewstreet in seinem bescheidenen Lehrlingskleide, eine Eichengerte in der Hand haltend. Ein Gespenst würde unsern Perther Bürger nicht mehr überrascht haben. Als er so verwundert hinstarrte, kehrte der Jüngling ein Stück angezündetes Kienholz, welches er in einer Laterne hatte, gegen ihn und erwiderte auf seinen Ausruf:
»Freilich, Vater Simon; es ist Conachar, gekommen, um unsere alte Bekanntschaft zu erneuern, jetzt, wo unser Gespräch am wenigsten Aufmerksamkeit erregen wird.«
So sprechend setzte er sich auf einen Holzblock, der die Stelle eines Stuhles versah, und indem er die Laterne daneben stellte, fuhr er im freundlichsten Tone fort:
»Ich habe deine Speise manchen Tag genossen, Vater Simon – ich hoffe, es hat dir in meinem Hause nichts gemangelt?«
»Ganz und gar nicht, Eachin Mac Jan« – antwortete der Handschuhmacher, – denn die Einfachheit der celtischen Sprache und Sitten verwirft alle Ehrentitel; »es war sogar zu gut für diese Fastenzeit und viel zu gut für mich, da ich mich bei dem Gedanken schämen muß, wie hart es Euch in Curfewstreet ergangen ist.«