»Und zugleich der arme Conachar, hoff' ich? Ihr würdet ihn nicht in einsamer Größe wollen vertrauern lassen.«
»Ich würde,« antwortete der Handschuhmacher, »dem Clan Quhele, meinen ältesten Freunden, nicht so Uebles wünschen, daß sie im Augenblicke der Gefahr eines tapfern, jungen Häuptlings beraubt würden, und dieser Häuptling um den Ruhm käme, den er an ihrer Spitze im bevorstehenden Kampfe erlangen soll.«
Eachin biß sich auf die Lippe, um seine gereizten Gefühle zu verbergen, während er erwiderte: – »Worte, Worte – leere Worte, Vater Simon. Ihr fürchtet den Clan Quhele mehr, als Ihr ihn liebt, und Ihr glaubt, ihr Unwille würde fürchterlich sein, wenn ihr Häuptling die Tochter eines Bürgers von Perth heirathen würde.«
»Und wenn ich einen solchen Ausgang fürchte, Hektor Mac Jan, habe ich nicht Grund dazu? Welchen Ausgang haben ungleiche Heirathen gehabt im Hause Mac Callanmore's, in dem der mächtigen Mac Leans, ja, in dem der Lords der Inseln selbst? Was ist je daraus entstanden, außer Trennung und Enterbung – bisweilen noch ein schlimmeres Geschick für den ehrgeizigen Eindringling? Ihr könntet mein Kind nicht vor einem Priester heirathen und könntet sie Euch nur an die linke Hand trauen lassen; und ich« – er unterdrückte den heftigen Ton, den der Gegenstand forderte, und schloß: – »und ich selbst bin ein ehrlicher, obwohl niedriger Bürger von Perth, der eher wünschte, sein Kind wäre die rechtmäßige und unzweideutige Gattin eines Bürgers von meinem Range, als das geduldete Kebsweib eines Fürsten.«
»Ich will Katharina vor dem Priester und vor der Welt heirathen, – vor dem Altar und vor den schwarzen Steinen von Jona,« sagte der ungestüme, junge Mann. »Sie ist die Geliebte meiner Jugend, und es gibt kein Band der Religion und Ehre, womit ich mich nicht binden will! Ich habe mein Volk geprüft. Wenn wir diese Schlacht gewinnen – und mit der Hoffnung, Katharina zu gewinnen, werden wir sie gewinnen – so sagt mir mein Herz – werde ich so sehr Herr ihrer Neigungen sein, daß, wenn mir's gefiele, eine Braut aus dem Armenhause zu nehmen, sie diese begrüßen würden, als wäre sie eine Tochter Mac Callanmore's. – Aber Ihr verwerft mein Gesuch?« sagte Eachin ernst.
»Ihr legt mir beleidigende Worte in den Mund,« sagte der alte Mann, »und könnt mich sofort dafür bestrafen, weil ich ganz in Eurer Macht bin. Aber mit meiner Zustimmung soll meine Tochter nie heirathen, außer in ihrem eigenen Stande. Ihr Herz würde brechen unter den beständigen Kriegen und blutigen Scenen, welche mit Eurem Schicksal verknüpft sind. Wenn Ihr sie wirklich liebt und Euch ihrer Furcht vor Streit und Kampf erinnert, so werdet Ihr nicht wünschen, sie dem Gewühl kriegerischer Schrecknisse auszusetzen, in die Ihr, gleich Eurem Vater, unvermeidlich und fortwährend verwickelt sein werdet. Wählt eine Gattin unter den Töchtern der Hochländerhäuptlinge, mein Sohn, oder der stolzen Edeln des Niederlands. Ihr seid schön, jung, reich, hochgeboren und mächtig, und werdet nicht vergebens werben. Ihr werdet Eine bereitwillig finden, die sich Eurer Siege freuen und Euch selbst im Unterliegen freundlich sein wird. Für Katharina würde das Eine so schrecklich wie das Andere sein. Ein Krieger muß einen Stahlhandschuh tragen – ein Handschuh von Bockleder würde binnen einer Stunde zerreißen.
Eine dunkle Wolke zog über das Gesicht des jungen Häuptlings, das kurz zuvor noch so feurig war.
»Lebe wohl,« sagte er, einzige Hoffnung, die mir zu Ruhm oder Sieg geleuchtet haben könnte!« – Er blieb eine Zeitlang still, tief nachdenkend, mit niedergeschlagenen Angen, gesenkter Stirn und verschlungenen Armen. Endlich erhob er seine Hände und sagte: »Vater – denn ein solcher seid Ihr mir gewesen, – ich bin im Begriff, Euch ein Geheimniß mitzutheilen. Vernunft und Stolz rathen beide mir Schweigen an, aber das Schicksal zwingt mich, und ihm muß ich gehorchen. Ich bin im Begriff, Euch in das tiefste und theuerste Geheimniß einzuweihen, welches ein Mann dem Manne anvertrauen kann. Aber hütet Euch – ende dieses Gespräch auch wie es wolle – hütet Euch, je eine Silbe von dem zu verrathen, was ich Euch nun anvertrauen will; denn wißt, thätet Ihr dieß auch im entferntesten Winkel Schottlands, so hab' ich Ohren, es selbst dort zu hören, und eine Hand und einen Dolch, um des Verräthers Busen zu erreichen. – Ich bin – aber das Wort will nicht heraus.«
»So sprecht es nicht,« sagte der vorsichtige Handschuhmacher: »ein Geheimniß ist nicht mehr sicher, sobald es über die Lippen des Eigentümers gegangen ist; und ich wünsche nicht ein so gefährliches Vertrauen, womit Ihr mich bedroht.«
»Ja, aber ich muß sprechen und Ihr müßt hören,« sagte der Jüngling. »Seid Ihr, Vater, in diesem Zeitalter des Kampfes selbst ein Streiter gewesen?«
»Ein einzig Mal,« erwiderte Simon, »als die Südländer die gute Stadt angriffen. Ich ward aufgerufen, meinen Theil an der Vertheidigung zu nehmen, wie meine Bürgerpflicht gebot, gleich der anderer Zunftgenossen, die verpflichtet sind, Wache zu halten.«
»Und wie fühltet Ihr Euch bei der Sache?« fragte der junge Häuptling.
»Was thut das bei der gegenwärtigen Angelegenheit?« sagte Simon etwas erstaunt.
»Viel, sonst hätte ich die Frage nicht gethan,« antwortete Eachin im Tone des Hochmuthes, den er bisweilen annahm.
»Ein alter Mann wird leicht dazu gebracht, von alten Zeiten zu reden,« sagte Simon, der, nach kurzer Ueberlegung, das Gespräch nicht ungern von seiner Tochter ablenkte; »und ich muß daher gestehen, daß meine Gefühle sehr verschieden von dem hohen, freudigen Vertrauen, ja dem Vergnügen waren, womit ich andere Männer zur Schlacht gehen sah. Mein Leben und Beruf waren friedlich, und wiewohl ich den Muth eines Mannes nicht entbehrte, wenn die Zeit es verlangte, so hab' ich doch selten schlechter geschlafen, als die Nacht vor jenem Treffen. Meine Gedanken waren gequält von den Geschichten, die uns (mit ziemlicher Wahrheit) von den sächsischen Bogenschützen erzählt wurden; wie sie ellenlange Pfeile abgeschossen und Bogen gebrauchten, ein Drittel länger als die unsern. Als ich in einen unruhigen Schlaf gesunken war, so fuhr ich empor und erwachte, wenn nur ein Strohhalm des Lagers meine Seite berührte, weil ich glaubte, es führe mir ein englischer Pfeil in den Leib. Am Morgen, als ich vor großer Müdigkeit wirklich einzuschlafen begann, ward ich durch den Schall der Gemeindeglocke erweckt, welche die Bürger zu den Mauern rief: – nie vorher oder nachher schien mir ihr Klang einer Todtenglocke so ähnlich.«
»Fahrt fort, was geschah weiter?« fragte Eachin.
»Ich legte meinen Harnisch an,« sagte Simon, »da es so sein mußte – empfing den Segen meiner Mutter, einer hochherzigen Frau, die von der guten Stadt sprach. Dieß ermuthigte mich und ich fühlte mich noch kühner, als ich mich unter den Reihen der anderen Gewerbe befand, lauter Bogenschützen, denn du weißt, die Bürger von Perth sind geschickt in dieser Waffe. Wir wurden auf den Mauern vertheilt, mehrere Ritter und Knappen in guter Rüstung waren unter uns gemischt, die ein kühnes Ansehen zeigten, vielleicht auf ihre Harnische vertrauend, und uns zu unserer Ermutigung sagten, sie würden mit ihren Schwertern und Äxten jeden niederhauen, der seinen Posten zu verlassen suchte. Mir selbst versicherte dies freundlich der alte Kämpe von Kinfauns, wie man ihn nannte, unsers guten Sir Patricks Vater, damals unser Oberrichter. Er war ein Enkel des roten Räubers, Toms von Longueville, und ein Mann, der sein Wort hielt, welches er an mich besonders richtete, weil mich eine so unbehagliche Nacht blässer als gewöhnlich gemacht haben mochte; überdies war ich nur ein junger Bursche.«
»Und steigerte seine Bemerkung Eure Furcht oder Eure Entschlossenheit?« sagte Eachin, der sehr aufmerksam schien.
»Meine Entschlossenheit,« antwortete Simon; »denn ich glaube, nichts ist im Stande, einen Mann so kühn zu machen, daß er einer nahe vor ihm liegenden Gefahr trotzt, als die Kenntnis einer andern dicht hinter ihm, die ihn vorwärts stößt. Nun, ich erstieg die Mauern mit erträglichem Mute und ward mit Andern auf den Späh-Turm gestellt, weil man mich als guten Schützen kannte. Aber es überlief mich kalt, als ich die Engländer in größter Ordnung, die Bogenschützen voraus und die Schwerbewaffneten dahinter, in drei starken Kolonnen zum Angriff vorwärts marschieren sah. Sie kamen mit festem Schritt, und Einige von uns hätten gern auf sie geschossen, aber es war streng verboten, und wir waren genötigt, bewegungslos zu bleiben und uns hinter der Brustwehr, so gut wir konnten, zu schützen. Als die Engländer ihre langen Reihen in Linien aufstellten, und jeder seinen Platz wie durch Zauberei einnahm, und sich durch große Schilder, Pavessen genannt, die sie vor sich pflanzten, deckte, fühlte ich einen seltsamen kurzen Atem, und wünschte nach Hause zu gehen, um ein Glas Branntwein zu trinken. Aber als ich zur Seite sah, erblickte ich den tapfern Kämpen von Kinfauns, wie er einen großen Bogen spannte, und ich dachte, es sei schade, den Bolzen gegen einen treuherzigen Schotten zu verlieren, wenn so viele Engländer da wären; so blieb ich, wo ich war, da ich mich in einem bequemen Winkel, von zwei Brustwehren gebildet, befand. Die Engländer rückten dann vor und zogen ihre Sehnen an, – nicht an der Brust, wie Eure hochländischen Bursche, sondern am Ohr, und sandten eine Ladung Schwalbenschwänze ab, bevor wir St. Andreas rufen konnten. Ich zuckte, als ich sie ihre Geschosse spannen sah, und ich glaube, ich fuhr zusammen, als die Pfeile anfingen, gegen die Brustwehr zu rasseln. Aber als ich umher sah und Keinen außer John Squallit, den Stadtausrufer, verwundet erblickte, dessen Backen von einem ellenlangen Pfeile durchbohrt waren, faßte ich mir ein Herz, und schoß mit bestem Willen und wohlgezielt. Ich schoß auf einen kleinen Mann, der gerade von hinten neben seinem Schild hervorguckte, und durchbohrte mit einem Pfeil seine Schulter. Der Oberrichter rief: ›Gut getroffen, Simon Glover!‹ – ›St. John für seine eigene Stadt, meine Zunftgenossen!‹ rief ich, obwohl ich damals nur ein Lehrling war. Und, wenn Ihr mir's glauben wollt, im Verfolg des Treffens, welches mit dem Abzuge der Feinde endete, zog ich so ruhig die Sehne und schoß die Pfeile ab, als hätt' ich auf Scheiben, statt auf Menschenbusen geschossen. Ich gewann einigen Ruhm, und habe nachher stets gedacht, daß ich ihn im Falle der Nothwendigkeit (denn bei mir war dieß nie Sache freier Wahl) nicht wieder verlieren würde. – Und dieß ist Alles, was ich von kriegerischer Erfahrung sagen kann. Andere Gefahren hab' ich erlebt, die ich als kluger Mann zu vermeiden strebte, oder denen ich, wenn sie unvermeidlich waren, als ein beherzter begegnete. Anders kann ein Mann in Schottland nicht leben oder sein Haupt emporheben.«