»Ich verstehe Eure Erzählung,« sagte Eachin; »aber ich finde es schwer, Euch die meinige glaublich zu machen, da ihr das Geschlecht, dem ich entsprossen bin, als ein tapferes kennt, und besonders da ich der Sohn dessen bin, den wir heute in das Grab legten – wohl ihm, daß er nun dort liegt, wo er nimmer hören wird, was Ihr jetzt hören sollt! Seht, mein Vater, das Licht, welches ich trage, wird niedrig und dunkel, und in wenigen Minuten wird es erlöschen – aber bevor es stirbt, wird die häßliche Geschichte erzählt sein. – Vater, ich bin ein Feiger! Endlich ist es ausgesprochen, und das Geheimniß meiner Schmach besitzt ein Anderer!«
Der junge Mann sank in eine Art Ohnmacht zurück, die seine Herzensangst bei der traurigen Mittheilung hervorbrachte. Der Handschuhmacher, gerührt sowohl durch Furcht als Mitleid, bemühte sich, ihn in's Leben zurückzurufen, und zwar gelang ihm dieß, doch konnte er ihn nicht beruhigen; er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und seine Thränen flossen reichlich und bitterlich.
»Um unserer Frau willen, faßt Euch,« sagte der alte Mann, »und widerruft das schnöde Wort! Ich kenn' Euch besser, als Ihr selbst – Ihr seid kein Feiger, sondern nur zu jung, unerfahren, ja, und etwas zu schnell in der Einbildungskraft, um die feste Tapferkeit eines bärtigen Mannes zu besitzen. Ich wollte das keinen andern Mann von Euch sagen hören, Conachar, ohne ihn der Lüge zu zeihen – Ihr seid kein Feiger – ich habe Funken hohen Muthes bei Euch sprühen sehen, selbst bei geringfügigem Anlaß.«
»Hohe Funken von Stolz und Leidenschaft!« sagte der unglückliche Jüngling; »aber wann saht Ihr sie unterstützt durch die Entschlossenheit, die sie halten sollte? Die Funken, von denen Ihr sprecht, fielen auf mein feiges Herz, wie auf ein Stück Eis, welches kein Feuer fangen kann – wenn mich beleidigter Stolz zum Streite trieb, so bestimmte mich meine Geistesschwäche im nächsten Augenblicke zur Flucht.«
»Mangel an Gewohnheit,« sagte Simon; »durch das Ueberklettern von Mauern lernen junge Leute Abhänge ersteigen. Beginnt mit geringen Fehden – übt täglich die Waffen Eurer Heimath im Turnier mit Euren Leuten.«
»Und welche Muße hab' ich dazu?« rief der junge Häuptling, emporfahrend, als wäre seiner Einbildungskraft etwas Schreckliches begegnet. »Wie viel Tage liegen zwischen dieser Stunde und Palmsonntag, und was soll da geschehen? – Eingeschlossene Schranken, von denen sich niemand entfernen kann, schlimmer daran als der arme Bär, der an seine Stange gefesselt ist. Sechzig Männer, die besten und mutigsten (einen ausgenommen!), welche Albyn von seinen Bergen herniedersenden kann, alle dürsten nach der Andern Blut, während ein König und Tausende umher, wie bei einem Schauspiel, mit Jubel zusehen, um ihre teuflische Wut aufzuregen. Hiebe fallen dicht und Blut strömt dicker, schneller, röter, – sie stürzen auf einander wie Wahnsinnige – sie zerreißen einander wie wilde Bestien. – Die Verwundeten werden unter den Füßen ihrer Gefährten zu Tode getreten! Blut strömt, die Arme werden schwach – aber da gilt kein Vertrag, kein Waffenstillstand, keine Unterbrechung, während die verstümmelten Elenden noch am Leben sind! Da verkriecht man sich nicht hinter Brustwehren, streitet nicht mit Geschossen, – Mann steht gegen Mann, bis die Hände sich nicht mehr erheben können, um den gräßlichen Kampf fortzusetzen! – Wenn solch ein Schlachtfeld in der Einbildung so schrecklich ist, was meint Ihr, soll es in der Wirklichkeit sein?«
Der Handschuhmacher blieb schweigend.
»Ich wiederhole, was meint Ihr?«
»Ich kann Euch nur bedauern, Conachar,« sagte Simon. »Es ist hart, der Abkömmling eines großen Geschlechtes zu sein – der Sohn eines edlen Vaters – der geborene Führer einer tapfern Schaar – und doch die Eigenschaft zu entbehren oder sich ihren Mangel einzubilden (denn noch immer glaub' ich, der Fehler liegt mehr an einer lebhaften Phantasie, welche die Gefahr überschätzt), die jeder Streithahn besitzt, der eine Handvoll Korn wert ist, jeder Hund, der einen Knochen verdient. Aber wie kommt es, daß Ihr mit einem solchen Bewußtsein der Schwäche im Kampfe eben jetzt Euch erbietet, Eure Herrschaft mit meiner Tochter zu teilen? Eure Macht hängt von Eurer Tapferkeit in diesem Kampfe ab, und dabei kann Euch Katharina nicht helfen.«
»Ihr irrt Euch, alter Mann,« erwiderte Eachin; nähme Katharina die aufrichtige Liebe, die ich für sie hege, freundlich auf, so würd' es mich mit dem Feuer eines Streitrosses gegen die Reihe der Feinde treiben. So überwältigend auch mein Bewußtsein der Schwäche ist, der Gedanke, daß Katharina mich sähe, würde mir Kraft geben. Sagt doch, – o sagt doch, sie solle mein sein, wenn der Kampf gewonnen ist, und selbst Gow Chrom, dessen Herz ein Stück mit seinem Ambos ist, würde nimmer so leicht zur Schlacht gehen, wie ich alsdann! Eine starke Leidenschaft wird durch eine andere besiegt.«
»Das ist Thorheit, Conachar. Vermag nicht die Erinnerung an Euren Vortheil, Eure Ehre, Eure Verwandten so viel, um Euren Muth aufzustacheln, als die Gedanken an ein schwarzäugig Mädchen? Pfui über dich, Mann!«