Mehr als vierzehn Tage waren vergangen, seit der Handschuhmacher zu Ballough angekommen war, und es begann ihn zu wundern, daß er nichts von Katharina und Harry Wynd gehört hatte, dem, wie er glaubte, der Oberrichter Grund und Ziel seiner Reise mitgetheilt hatte. Er wußte, daß sich der muthige Schmied nicht in das Land des Clans Quhele wagen durfte, wegen verschiedener Fehden mit den Einwohnern und mit Eachin selbst, so lange er den Namen Conachar trug; doch aber, dachte der Handschuhmacher, könne Harry Mittel finden, ihm eine Botschaft oder ein Zeichen durch einen der verschiedenen Boten zu schicken, die zwischen dem Hofe und dem Hauptquartier des Clan Quhele hin und her gingen, um über die Bedingungen des bevorstehenden Kampfes, den Marsch der Parteien nach Perth, und andere Umstände, die vorläufig geordnet werden mußten, zu unterhandeln. Man war nun in der Mitte des März und der verhängnißvolle Palmsonntag nahete schnell.
Während die Zeit so hinschlich, hatte der verbannte Handschuhmacher seinen ehemaligen Lehrling auch nicht ein einzig Mal zu Gesicht bekommen. Die Sorgfalt, die man anwendete, um seine Bedürfnisse und Bequemlichkeit in jeder Hinsicht zu befriedigen, zeigte, daß er nicht vergessen war; wenn er jedoch des Häuptlings Horn durch die Wälder schallen hörte, pflegte er gewöhnlich seinen Weg nach entgegengesetzter Richtung einzuschlagen. Eines Morgens fand er sich jedoch unerwartet in Eachins unmittelbarer Nähe, und hatte kaum Zeit, ihm auszuweichen; dieß ging so zu. Als Simon gedankenvoll durch eine kleine Waldlichtung schlenderte, die von allen Seiten von hohen Waldbäumen, gemischt mit Unterholz, umgeben war, brach ein weißes Reh aus dem Dickicht, verfolgt von zwei Jagdhunden, von denen einer es bei der Hüfte, der andere bei der Kehle packte, und es bis auf eine Ackerlänge von dem Handschuhmacher schleppte, der über das plötzliche Ereigniß etwas erschrak. Der nahe und gellende Schall eines Hornes und das Bellen eines Spürhundes ließen Simon merken, daß die Jäger nahe und dem Thiere auf der Spur waren. Ein Hallorufen und den Lärm von Männern, die durch das Gebüsch eilten, hörte er in der Nähe. Ein wenig Ueberlegung hätte Simon gelehrt, daß es das Beste sei, stehen zu bleiben oder langsam sich zurückzuziehen, und Eachin ihn erkennen zu lassen oder nicht, wie es ihm beliebte. Aber sein Wunsch, dem Jüngling aus dem Wege zu gehen, war ihm zu einer Art von Instinkt geworden, und in dem Schrecken, ihn so nahe zu finden, versteckte sich Simon unter einen Haselbusch, der mit Stechpalmen durchwachsen war und ihn ganz verbarg. Kaum war dieß geschehen, so sprang Eachin, roth vor Anstrengung, aus dem Dickicht in die Lichtung, begleitet von seinem Pflegevater Torquil von der Eiche. Letzterer warf mit gleicher Anstrengung das kämpfende Thier auf den Rücken, und indem er dessen Vorderfüße in der rechten Hand hielt, während er auf den Leib kniete, bot er sein Messer mit der linken dem jungen Häuptling, damit er des Thieres Kehle durchschneiden möchte.
»Es geht nicht, Torquil; verrichte dein Amt und versuch' es selber. Ich darf das Ebenbild meiner Pflegemutter nicht tödten.«
Dies ward mit einem melancholischen Lächeln gesprochen, während zu gleicher Zeit eine Thräne in des Sprechers Auge stand. Torquil starrte einen Augenblick seinen jungen Häuptling an, zog dann sein scharfes Waidmesser quer über des Thieres Kehle mit einem so heftigen und schnellen Schnitt, daß die Waffe bis auf den Kinnbacken ging. Dann stand er auf und sagte, nachdem er wieder einen langen Blick auf seinen Häuptling geheftet: »Was ich diesem Reh gethan habe, würde ich jedem lebendigen Wesen thun, dessen Ohr meinen Pflegesohn ein weißes Reh nennen und das Wort mit Hektors Namen paaren gehört hätte!«
Hatte Simon keinen Grund gehabt, sich vorher zu verbergen, so gab ihm einen sehr dringenden diese Rede Torquils.
»Es kann nicht verborgen sein, Vater Torquil,« sagte Eachin; »es wird Alles offen an den Tag kommen.«
»Was wird herauskommen? was will an den lichten Tag?« fragte Torquil erstaunt.
»Es ist das unselige Geheimniß,« dachte Simon, »und wenn jetzt dieser gewaltige Geheimerath nicht schweigen kann, wird man vermuthlich mich verantwortlich machen, daß Eachins Schmach bekannt geworden ist.«
Indem er so ängstlich dachte, bediente er sich zugleich seiner Stellung, um so viel als möglich zu sehen, was zwischen dem betrübten Häuptling und dessen Vertrauten vorging, indem ihn derselbe Geist der Neugier antrieb, der uns in den wichtigsten wie in den kleinsten Verhältnissen des Lebens lenkt, und der sich bisweilen in Gesellschaft großer persönlicher Furcht befindet.
Während Torquil dem lauschte, was Eachin ihm mittheilte, sank der junge Mann in seine Arme und schloß, sich auf seine Schulter stützend, seine Beichte, indem er Jenem in's Ohr flüsterte. Torquil schien mit solchem Staunen zuzuhören, daß er unfähig war, seinen Ohren zu trauen. Als wollte er sich überzeugen, daß es Eachin sei, der spreche, hob er allmälig den Jüngling aus seiner lehnenden Stellung auf, hielt ihn an der Schulter ein wenig von sich, indem er ein Auge auf ihn heftete, welches durch die Wunder, die er vernahm, zugleich erweitert und in Stein verwandelt zu sein schien. So wild wurde des Alten Gesicht, nachdem er die geflüsterte Mittheilung gehört hatte, daß Simon fürchtete, er werde den Jüngling als einen Entehrten von sich schleudern, in welchem Fall er aus dem Gebüsch, das ihn versteckte, sich erhoben und seine Entdeckung so peinlich als gefährlich gemacht hätte. Aber die Heftigkeit Torquils, der seinen Pflegesohn mit der doppelten leidenschaftlichen Zärtlichkeit liebte, die solche Verwandtschaft im Hochlande stets begleitet, nahm eine andere Wendung.
»Ich glaub' es nicht!« – rief er; »es ist falsch von deines Vaters Kind; – falsch von deiner Mutter Sohn; am falschesten von meinem Pflegesohn! ich verpfände mich dem Himmel und der Hölle, und will gegen Jedermann den Kampf bestehen, der es wahr nennen wird! Du bist durch einen bösen Blick bezaubert, mein Liebling, und die Schwäche, die du Feigheit nennst, ist das Werk der Zauberei. Ich erinnere mich der Keule, die in deiner Geburtsstunde, jener Stunde des Schmerzes und der Freude, die Fackel ausschlug. Aber sei fröhlich, mein Geliebter! Du sollst mit mir nach Jona, und der gute St. Columbus, mit der ganzen Schaar gesegneter Heiligen und Engel, die je dein Geschlecht begünstigten, wird dir das Herz des weißen Rehes nehmen und dir das zurückgeben, welches sie dir gestohlen haben.«
Eachin hörte zu, mit einem Blicke, als hätte er gern den Worten des Trösters glauben mögen.
»Aber, Torquil,« sagte er, »gesetzt auch, dies hälfe uns, so ist doch der verhängnißvolle Tag nahe, und wenn ich in die Schranken gehe, fürcht' ich, wir werden Schande haben.«
»Es kann nicht sein – es wird nicht!« sagte Torquil, – »die Hölle soll nicht so weit herrschen – wir wollen dein Schwert in geweihtes Wasser tauchen, Eisenkraut, St. Johnskraut und Eschenlaub in deinen Helm stecken. Wir wollen dich umringen, ich und deine acht Brüder – du sollst sicher sein, wie in einem Schloß.«
Der hilflose Jüngling murmelte wieder Etwas, was Simon wegen des leisen Tones, in dem es gesprochen ward, nicht verstehen konnte, während Torquils antwortende tiefe Stimme voll und deutlich in sein Ohr tönte.
»Ja, es kann eine Möglichkeit vorhanden sein, dich von dem Kampfe zurückzuziehen. Du bist der Jüngste, der das Schwert ziehen soll. Nun höre mich, und du wirst erfahren, was es heißt, die Liebe eines Pflegevaters zu besitzen, und wie weit sie selbst die Liebe der Blutsfreunde übertrifft. Der Jüngste auf der Liste des Clans Chattan ist Ferquhard Day. Sein Vater erschlug den meinigen und das rothe Blut siedet heiß zwischen uns – ich sah den Palmsonntag als das Ziel an, das es kühlen sollte. – Aber höre, – man hätte denken sollen, das Blut in den Adern dieses Ferquhard Day und in den meinigen würde, wenn man es in dasselbe Gefäß brächte, sich nicht vermischen; doch hat er seine Neigung auf meine einzige Tochter Eva geworfen – das schönste unserer Mädchen. Denke, mit welchen Gefühlen ich das hörte. Es war, als hätte ein Wolf aus den Wäldern von Ferragon gesagt: »Gib mir deine Tochter zum Weibe, Torquil!« – Meine Tochter denkt nicht so, sie liebt Ferquhard und weint aus Furcht vor dem nahen Kampfe ihre Farbe und Gesundheit weg. Laß sie ihm ein günstiges Zeichen geben und ich weiß, er wird Haus und Hof vergessen, dem Schlachtfeld entsagen und mit ihr zur Wüste fliehen.«