Ramorny eilte in's Vorzimmer, um Dwining des Prinzen Plan zu melden.
»Sieh zu, wie du den Narren bei Laune erhältst,« sagte er; »mir liegt nichts dran, wie wenig ich ihn sehe, da ich weiß, was geschehen soll.«
»Vertraut Alles mir an,« sagte der Arzt, die Schulter emporziehend. »Was ist das für ein Schlächter, der des Lammes Kehle abschneiden kann, und sich fürchtet, sein Blöken zu hören?«
»Still, fürchte nichts für meine Beständigkeit. – Ich kann nicht vergessen, daß er mich so rücksichtslos in's Kloster gesteckt hätte, als wenn er den Schaft einer zerbrochenen Lanze wegwärfe. An's Werk – doch halt – bevor du diese thörichte Mummerei besorgst, muß Etwas geschehen, um den dickköpfigen Charteris zu täuschen. Wahrscheinlich wird er, im Glauben, die Herzogin von Rothsay sei noch hier mit Katharina Glover in ihrem Gefolge, mit Dienstanerbietungen daher kommen, und das zu einer Zeit, wo, wie ich dir nicht zu sagen brauche, seine Gegenwart unbequem wäre – fürwahr, dies ist um so wahrscheinlicher, da die Leute der großen und zarten Fürsorge für das Mädchen von Seiten des eisenköpfigen Ritters einen wärmern Namen geben.«
»Mit diesem Winke überlaßt mir's allein, gegen ihn zu wirken. Ich will ihm einen solchen Brief schicken, daß er für diesen Monat sich ebenso bereit zu einer Reise nach der Hölle, als nach Falkland halten wird. – Könnt Ihr mir den Namen des Beichtvaters der Herzogin sagen?«
»Waltheof, ein Kapuziner.«
»Genug – also an's Werk.«
Binnen wenigen Minuten, denn er war ein Schreiber von seltener Gewandtheit, vollendete Dwining einen Brief, den er Ramorny einhändigte.
»Dies ist vortrefflich, und würde dein Glück bei Rothsay gemacht haben – ich denke, ich hätte zu eifersüchtig sein sollen, um dich in seinen Dienst zu bringen, außer jetzt, da seine Tage sich schließen.«
»Les't es laut,« sagte Dwining, »damit wir urtheilen können, ob sich's gut ausnimmt.« Und Ramorny las wie folgt: – »Auf Befehl unserer hohen und mächtigen Prinzessin Marjory, Herzogin von Rothsay u.s.w., thun wir, Waltheos, unwürdiger Bruder des Ordens St. Franciscus, dir, Sir Patrick Charteris, Ritter von Kinfauns, zu wissen, daß sich Ihre Hoheit sehr über die Unbedachtsamkeit wundert, mit welcher Ihr derselben ein Weib geschickt habt, über deren Ruf sie nur bedenklich urtheilen kann, da sie sieht, daß dieselbe länger als eine Woche ohne alle Noth in deinem eigenen Schloß wohnte, ohne irgend andere weibliche Gesellschaft, als Mägde; von diesem schnöden Betragen hat sich das Gerücht schon durch Fife, Angus und Perthshire verbreitet. Trotzdem hat Ihre Hoheit in Betracht der menschlichen Schwachheit die Buhlerin nicht mit Nesseln peitschen oder sonst harte Buße thun lassen; sondern da zwei gute Brüder ans dem Kloster Lindores, die Väter Thickscull und Dundermore, durch besondern Befehl in's Hochland gerufen wurden, hat Ihre Hoheit das Mädchen deren Sorge übergeben, um sie zu ihrem Vater zu führen, der, wie sie hört, sich am Taysee aufhält, unter dessen Schutz sie eine für ihre Fähigkeiten und Gewohnheiten passendere Lage finden wird, als im Schloß Falkland, so lange Ihre Hoheit, die Herzogin von Rothsay, darin wohnt. Sie hat den besagten ehrwürdigen Brüdern aufgetragen, das Mädchen so zu behandeln, daß sie zur Erkenntniß der Sünde der Unenthaltsamkeit komme, und sie empfiehlt dir Beichte und Buße. – Unterzeichnet: Waltheof, auf Befehl einer hohen und mächtigen Prinzessin,« u.s.w.
Als er geendet hatte, rief Ramorny: »Trefflich, trefflich! Dieser unerwartete Tadel wird Charteris toll machen! Er hat dieser Lady lange eine Art Huldigung bewiesen, und sich nun der Unenthaltsamkeit verdächtig zu finden, während er das volle Lob einer barmherzigen That erwartete, wird ihn ganz verwirren. Und, wie du sagst, es wird lange dauern, eh' er hierher kommt, nach der Dirne zu sehen, oder der Dame aufzuwarten. – Aber fort zu deiner Mummerei, während ich das bereite, was der Mummerei für immer ein Ende machen soll.«
Es war eine Stunde vor Mittag, als Katharina, begleitet vom alten Hendschaw und einem Reitknecht des Ritters von Kinfauns, vor dem Schloß Falkland anlangte. Das große Banner, welches herniederwehte, trug das Wappen Rothsay's, alle Diener, die erschienen, trugen die Hausfarben des Prinzen, Alles den allgemeinen Glauben bestärkend, daß die Herzogin noch dort wohne. Katharinens Herz schlug, denn sie hatte gehört, die Herzogin habe so gut den Stolz, als den hohen Muth des Hauses Douglas, und sie war ungewiß über die Art ihrer Aufnahme. Beim Eintritt in's Schloß bemerkte sie, daß die Dienerschaft minder zahlreich war, als sie erwartet hatte, aber da die Herzogin ganz zurückgezogen lebte, ward sie dadurch wenig befremdet. In einer Art Vorzimmer begegnete ihr ein kleines altes Weib, die vom Alter tiefgebeugt schien und sich auf einen Ebenholzstab stützte.
»Gewißlich bist du willkommen, liebe Tochter,« sagte sie, Katharina begrüßend, »und, wie ich wohl sagen kann, in einem betrübten Hause; und ich hoffe (dabei grüßte sie noch ein Mal), du wirst meiner edeln und königlichen Tochter, der Herzogin, ein Trost sein. Setz' dich, mein Kind, bis ich gesehen habe, ob Mylady Zeit hat, dich zu empfangen. Ach, mein Kind, du bist sehr schön, in der That, wenn dir nur unsere Frau ein Herz gegeben hat, das einem so schönen Leibe gleichkommt.«
Damit kroch die nachgemachte Alte in's nächste Zimmer, wo sie Rothsay in dem herbeigeschafften Maskenstaat fand, so wie Ramorny, der keinen Theil an der Mummerei genommen, in seinem gewöhnlichen Anzuge.
»Du bist ein köstlicher Schuft, Sir Doctor,« jagte der Prinz; »bei meiner Ehre, ich glaube, du könntest in deinem Herzen Lust haben, das ganze Spiel, Liebhaberrolle und Alles, selber durchzuspielen.«
»Wär' es auch nur, um Eurer Hoheit die Mühe zu sparen,« sagte der Arzt, mit seinem gewöhnlichen unterdrückten Lachen.
»Nein, nein,« sagte Rothsay, »ich werde nie deine Hilfe brauchen, Mann – und sage mir nun, wie seh' ich aus, so auf dem Kissen ruhend – schmachtend und damenartig, nicht?«
»Etwas zu schön von Farbe und von zu sanften Zügen für die Lady Marjory von Douglas, wenn ich mich unterfangen darf, das zu sagen,« sagte der Apotheker.
»Fort, Schuft, und führe das schöne Eisstück ein – fürchte nicht, daß sie sich über meine Weiblichkeit beklagen soll – und du, Ramorny, geh' ebenfalls.«
Als der Ritter das Zimmer durch die eine Thür verließ, führte das nachgeahmte alte Weib Katharina Glover durch die andere herein. Das Zimmer war sorgfältig in Zwielicht gehüllt, so daß Katharina ohne den mindesten Argwohn die anscheinend weibliche Gestalt auf dem Bette liegen sah.
»Ist es das Mädchen?« fragte Rothsay mit einer natürlich zarten Stimme, die er nun sorgfältig nur flüsternd hören ließ. – Laß sie näher treten, Griselda, und unsere Hand küssen.«
Die vermeinte Amme führte das zitternde Mädchen zur Seite des Bettes und ließ sie niederknieen. Katharina that dies und küßte mit vieler Demuth und Einfalt die behandschuhte Hand, welche die falsche Herzogin ihr entgegenhielt.
»Fürchte dich nicht,« sagte dieselbe musikalische Stimme; »in mir siehst du nur ein trauriges Beispiel der Eitelkeit menschlicher Größe – glücklich diejenigen, mein Kind, deren Stand sie unter die Stürme des Staates stellt.«