»Seine Dienste! O, Mylord, wenn Chroniken wahr sprechen, so legten solche Dienste Troja in Trümmer und gaben Spanien den Ungläubigen in die Hände.«
»Still, Mädchen; sprich mit Mäßigung, ich bitte dich,« sagte der Prinz, aufstehend; »unser Gespräch endigt hier.«
»Noch ein Wort, Mylord, Herzog von Rothsay,« sagte Katharina mit Lebhaftigkeit, während ihr schönes Gesicht dem eines warnenden Engels glich – »ich kann nicht sagen, was mich antreibt, so kühn zu sprechen, aber das Feuer brennt in mir und will herausbrechen. Verlaßt dies Schloß ohne eine Stunde zu zögern! Die Luft ist ungesund für Euch. Entlaßt diesen Ramorny, bevor der Tag zehn Minuten älter ist! Seine Gesellschaft ist höchst gefährlich.«
»Welchen Grund habt Ihr, dies zu sagen?«
»Keinen besonderen,« sagte Katharina, über ihren eigenen Eifer betroffen, – »keinen vielleicht, außer meine Besorgniß für Eure Sicherheit.«
»Auf leere Besorgniß darf der Erbe von Bruce nicht achten. Wie, heda! wer wartet draußen?«
Ramorny trat ein und verbeugte sich tief vor dem Herzog und dem Mädchen, die er wahrscheinlich zur Stelle einer Lieblingssultanin bestimmt glaubte, und folglich zu höflicher Aufwartung berechtigt.«
»Ramorny,« sagte der Prinz, »ist unter der Dienerschaft irgend eine anständige Frau, welche tauglich ist, dieser Jungfrau aufzuwarten, bis wir sie hinsenden können, wohin sie zu gehen wünscht?«
»Ich fürchte,« antwortete Ramorny, »wenn es Eurer Hoheit nicht mißfällt, die Wahrheit zu hören, daß Euer Haushalt in dieser Hinsicht schlecht versehen ist; und um die Wahrheit zu sagen, die Sängerin ist die Anständigste unter uns.«
»Also laßt sie diesem jungen Mädchen aufwarten, da keine Bessere vorhanden ist. – Habe Geduld, Mädchen, auf einige Stunden.«
Katharina entfernte sich.
»Wie, Mylord, – scheidet Ihr so bald von dem schönen Mädchen von Perth? Das ist, in der That, der Uebermuth des Sieges.«
»Hier ist weder von Sieg noch von Niederlage die Rede,« erwiderte der Prinz trocken. »Das Mädchen liebt mich nicht; auch liebe ich sie nicht genug, um mich hinsichtlich ihrer Bedenklichkeiten zu quälen.«
»Der keusche jungfräuliche Malcolm lebt in einem seiner Nachkommen wieder auf!« sagte Ramorny.
»Begünstigt mich, Sir, mit einem Stillstand Eures Witzes, oder mit einem andern Gegenstand für denselben. Es ist Mittag, glaub' ich, und Ihr werdet mich verbinden, wenn Ihr die Mahlzeit auftragen laßt.«
Ramorny verließ das Zimmer, aber Rothsay glaubte ein Lächeln auf seinem Gesichte zu entdecken, und der Gegenstand für den Spott dieses Mannes zu sein, machte ihm nicht geringe Pein. Er rief indeß den Ritter zu seiner Tafel und erwies selbst Dwining dieselbe Ehre. Die Unterhaltung war lebendigen und muntern Charakters, ein Ton, den der Prinz förderte, als wollte er dadurch seine sittliche Strenge an diesem Morgen gut machen, die Ramorny, welcher in alten Geschichten belesen war, die Kühnheit hatte, mit der Enthaltsamkeit Scipio's zu vergleichen.
Die Mahlzeit wurde, trotz des Herzogs schwankender Gesundheit, übermüthiger Weise weit über die Grenzen der Mäßigung hinausgezogen; und, geschah es nun blos wegen der Stärke des Weines, den er trank, oder wegen seiner schwachen Constitution, oder auch, was am wahrscheinlichsten ist, weil der letzte Wein, den er genoß, von Dwining eine Beimischung erhielt, kurz, der Prinz fiel zuletzt in einen tiefen Schlaf, aus dem ihn zu wecken unmöglich schien. Sir John Ramorny und Dwining trugen ihn in sein Gemach, ohne fremde Hilfe, außer von einer dritten Person, die wir später nennen werden.
Am nächsten Morgen ward verkündigt, der Prinz sei von einer ansteckenden Krankheit ergriffen, und um zu verhüten, daß sich dieselbe unter die Dienerschaft verbreite, ward Niemandem gestattet, ihm aufzuwarten, außer seinem ehemaligen Stallmeister, dem Arzt Dwining und dem bereits erwähnten Diener; Einer von ihnen schien stets in dem Zimmer zu bleiben, während die Andern eine gewisse Vorsicht hinsichtlich ihrer Gespräche mit den übrigen Hausgenossen beobachteten, und zwar so streng, daß sie den Glauben aufrecht hielten, er liege gefährlich an einer ansteckenden Krankheit darnieder.
Zweiunddreißigstes Kapitel
In langen Winternächten sitz' am Feuer
Mit guten alten Leuten, und laß dir erzählen
Von längst entschwundner, jammervoller Zeit;
Und eh' du gute Nacht sagst, zur Vergeltung
Erzähl' du ihnen mein betrübtes Ende.
König Richard II. Akt V. Scene l.
Sehr anders aber war das Schicksal des irregeleiteten Erben von Schottland gewesen, als man es in der Stadt Falkland ausstreute. Sein ehrgeiziger Oheim hatte seinen Tod beschlossen, als einziges Mittel zur Beseitigung der ersten und furchtbarsten Schranke zwischen seiner eigenen Familie und dem Throne. James, der jüngere Sohn des Königs, war nur ein Knabe, der mit mehr Muße leicht beseitigt werden konnte. Ramorny's Aussichten aus größere Macht und die Rachlust, die er seit Kurzem gegen seinen Gebieter nährte, machten ihn zum bereitwilligen Werkzeug für Rothsay's Untergang. Dwining leitete dabei seine Habsucht und natürliche Bosheit. Man beschloß mit der berechnendsten Grausamkeit, alle Mittel zu vermeiden, die Zeichen gewaltsamen Todes hinterlassen würden, und das Leben durch Entziehung jedes Heilmittels für einen schwachen und angegriffenen Körper von selber erlöschen zu lassen. Der Prinz von Schottland sollte nicht ermordet werden, wie Ramorny sich bei einer andern Gelegenheit ausgedrückt hatte, – er sollte nur aufhören zu leben.
Rothsay's Schlafgemach im Schlosse Falkland war zur Ausführung eines so schrecklichen Planes wohlgeeignet. Eine kleine schmale Treppe, deren Vorhandensein man kaum gewahrte, und die eine Fallthüre im Zimmer schloß, führte durch einen Gang in die unterirdischen Kerker des Schlosses, durch welchen der Schloßherr insgeheim und verkleidet die Bewohner dieser furchtbaren Region besuchen konnte. Auf dieser Treppe brachten die Verruchten den besinnungslosen Prinzen in den tiefsten Kerker des Schlosses, so weit in den Eingeweiden der Erde, daß kein Geschrei und Stöhnen vernommen werden konnte, während die Stärke der Thüren und der Schlösser, auch wenn der Eingang entdeckt worden wäre, lange Zeit der Gewalt getrotzt hätte. Bonthron, der nur zu diesem Zwecke vom Galgen gerettet wurde, war das thätige Werkzeug der unmenschlichen Grausamkeit Ramorny's gegen seinen verführten und verrathenen Herrn.
Dieser Elende besuchte den Kerker zu der Zeit, als des Prinzen Lethargie zu weichen begann und als er, zur Besinnung erwachend, tödtliche Kälte empfand, unfähig sich zu regen und belastet mit Ketten, die ihm kaum gestatteten, sich auf dem feuchten Stroh zu erheben, auf welches er gelegt war. Sein erster Gedanke war, er sei in einem fürchterlichen Traume – sein nächster ließ ihn die Wahrheit dunkel ahnen. Er rief, lärmte, schrie endlich wie rasend – aber keine Hilfe kam und nur das Kerkergewölbe antwortete. Das Werkzeug der Hölle hörte dieses Schreien der Verzweiflung und berechnete es kalt gegen die Vorwürfe und den Hohn, womit Rothsay seine ahnungsvolle Abneigung gegen ihn ausgedrückt hatte. Als der unglückliche Jüngling erschöpft und hoffnungslos schwieg, beschloß der Grausame, sich seinem Gefangenen zu zeigen. Die Schlösser rasselten und der Riegel fiel; der Prinz stand auf, so weit es seine Ketten erlaubten – ein rother Lichtstrahl, gegen den er die Augen schloß, strömte durch's Gewölbe, und als er sie wieder öffnete, sah er die scheußliche Gestalt eines Mannes, den er für todt halten mußte. Er sank voll Entsetzen zurück. »Ich bin verurtheilt und verdammt!« rief er; »und der abscheulichste Teufel in den höllischen Regionen ist gesendet, mich zu quälen!«
»Ich lebe, Mylord,« sagte Bonthron; »und damit Ihr leben und Euch des Lebens freuen mögt, so gefall' es Euch, aufzustehen und Eure Lebensmittel zu essen.«