Выбрать главу

»Befreie mich von diesen Eisen,« sagte der Prinz, – »erlöse mich aus diesem Kerker, – und, ein Hund wie du bist, sollst du der reichste Mann in Schottland sein.«

»Gäbt Ihr mir das Gewicht Eurer Ketten in Gold,« sagte Bonthron, »ich möchte doch lieber das Eisen an Euch sehen, als selber den Schatz haben! – Aber blickt auf – Ihr wart gewohnt, ein gutes Mahl zu lieben – seht, wie ich für Euch gesorgt habe.« Der Elende entfaltete mit teuflischer Freude ein Stück rohen Felles, worein das Bündel, das er unterm Arme trug, gewickelt war, und indem er das Licht darüber hin und her bewegte, zeigte er dem unglücklichen Prinzen einen frisch vom Rumpfe gehauenen Stierkopf, was in Schottland als sicheres Zeichen des Todes bekannt war. Er legte ihn zu Füßen des Bettes oder vielmehr der Streu, worauf der Prinz lag. »Seid mäßig in Eurer Nahrung,« sagte er; »es wird wahrscheinlich lange dauern, eh' Ihr ein anderes Gericht bekommt.«

»Sage mir nur eins, Elender,« sagte der Prinz. »Weiß Ramorny um diesen Streich?«

»Wie wärest du sonst hieher gelockt worden? Arme Schnepfe, du bist gefangen!« antwortete der Mörder.

Mit diesen Worten schloß sich die Thür, die Riegel hallten und der unglückliche Prinz blieb in Finsterniß, Einsamkeit und Elend. »O mein Vater! – mein prophetischer Vater! – Der Stab, auf dem ich lehnte, hat sich in der That als Speer erwiesen!« – Wir wollen bei den folgenden Stunden, ja Tagen voll leiblichem Schmerz und Seelenverzweiflung nicht weilen.

Aber es war nicht der Wille des Himmels, daß ein so großes Verbrechen ungestraft verübt werden sollte.

Katharina Glover und die Sängerin, vernachlässigt von den anderen Hausgenossen, welche mit den Nachrichten von des Prinzen Krankheit beschäftigt schienen, durften indeß das Schloß nicht eher verlassen, als bis man sehen würde, wie diese schreckliche Krankheit sich ende, und ob sie wirklich ansteckend sei. Zur Gesellschaft beiderseitig gezwungen, wurden die Mädchen einander Gefährtinnen, wo nicht Freundinnen, und die Verbindung wurde noch etwas enger, als Katharina fand, daß es dieselbe Sängerin war, derentwillen Harry Wynd bei ihr in Ungnade fiel. Sie vernahm nun seine gänzliche Unschuld und hörte begeistert das Lob, womit Louise ihren tapfern Beschützer überhäufte. Auf der andern Seite verweilte die Sängerin, welche Katharina's höhern Stand und Charakter wohl anerkannte, gern bei einem Gegenstande, der ihr zu gefallen schien, und zeigte ihre Dankbarkeit gegen den tapfern Schmied in der Wiederholung des kleinen Liedes: »Du, kühn, voll Muth,« welches lange ein Lieblingslied in Schottland war.

Du, kühn, voll Muth,

Mit blauem Hut,

In dem nie Lüg' und Furcht geruht!

Deß Herzen stets sein Wort war werth,

Deß Hand getreu war seinem Schwert –

Durchsuch' Europa fern und nah,

Der Blauhut ist bei mir nur da!

Ich sah wohl Deutschlands muth'ge Schaar –

Sah Frankreichs tapfre Ritter zwar,

Bei Schwert und Lanze groß, fürwahr!

Ich sah wohl Englands tapfern Sohn

Und seiner braunen Streitaxt Droh'n.

Ob Frankreich schön und England frei:

Der Blauhut wohnt doch mir nur bei!

Kurz, obwohl Louisens verrufene Beschäftigung unter anderen Umständen für Katharina ein Hinderniß gewesen wäre, freiwillig ihre Gesellschaft zu theilen, so fand sie in ihr doch, bei ihrem gezwungenen Zusammensein, eine bescheidene und gefällige Gefährtin.

Sie verlebten auf diese Weise vier oder fünf Tage, und um so viel als möglich das Angaffen oder auch wohl die Unarten der Diener zu vermeiden, bereiteten sie sich ihre Nahrung auf ihrem Zimmer. Wenn es durchaus nöthig war, mit den Leuten zu verkehren, so übernahm Louise, die sich mehr zu helfen wußte, aus Gewohnheit und um Katharinen zu gefallen, das Geschäft, vom Küchenmeister das Nöthige zu ihrem kleinen Mahl zu holen und mit der Geschicklichkeit ihrer Heimath zu bereiten.

Die Sängerin war in dieser Absicht am sechsten Tage ein wenig vor Mittag weggegangen, und das Verlangen nach frischer Luft, die Hoffnung, etwas Salat oder Küchenkraut, oder doch einige zeitige Blumen zu finden, um damit ihren Tisch zu schmücken, hatte sie in den Schloßgarten gelockt. Sie trat wieder in's Gemach, bleich wie Asche und gleich Espenlaub zitternd. Ihr Schrecken ging sogleich auf Katharinen über, die kaum Worte fand, zu fragen, welch' neues Unglück sich ereignet habe.

»Ist der Herzog von Rothsay todt?«

»Schlimmer! Sie lassen ihn lebendig verhungern!«

»Du bist wahnsinnig, Mädchen!«

»Nein, nein, nein!« sagte Louise, außer Athem, und ihre Worte so schnell hervorbringend, daß Katharina sie kaum verstehen konnte. »Ich suchte nach Blumen, weil Ihr gestern sagtet, Ihr liebtet sie – mein armer kleiner Hund, der sich in ein Gebüsch von Eiben und Hollunder drängte, das aus einigen alten Ruinen nahe bei der Schloßmauer wuchs, kam winselnd und heulend zurück – ich schlich mich hin, um zu sehen, was der Grund sei, und o! ich hörte das Stöhnen eines im Todeskampfe begriffenen Menschen, aber so schwach, daß es aus der Tiefe der Erde selbst herauszukommen schien. Endlich merkte ich, daß es aus einer kleinen Mauerspalte hervorkam, und als ich das Ohr dicht an die Oeffnung legte, hört' ich deutlich des Prinzen Stimme sagen: >Es kann nun nicht lange dauern;< und dann versank er in Etwas, wie ein Gebet.«

»Gnädiger Himmel! – spracht Ihr zu ihm?«

»Ich sagte: Seid Ihr's, Mylord? und die Antwort war: >Wer verhöhnt mich mit dem Titel?< – Ich fragte ihn, ob ich ihm helfen könnte, und er antwortete mit einer Stimme, die ich nimmer vergesse: >Nahrung! – Nahrung! – ich sterbe vor Hunger!< – Es kam ich hieher, es Euch zu erzählen. – Was kann geschehen? Sollen wir Lärm im Hause machen?«

»Ach! das hieße ihn wahrscheinlicher verderben, als ihm helfen,« sagte Katharina.

»Und was sollen wir dann thun?« sagte Louise.

»Ich weiß noch nicht,« antwortete Katharina, entschlossen und kühn bei plötzlichen Vorfällen, obwohl sie ihrer Gefährtin bei gewöhnlichen Gelegenheiten an Erfindungsgabe nachstand. »Ich weiß noch nicht – aber Etwas wollen wir thun – das Blut der Bruce soll nicht hilflos sterben.«

So sagend ergriff sie die kleine Schüssel, die ihre Suppe enthielt und das Fleisch, womit sie bereitet war, steckte einige dünne Kuchen, die sie gebacken hatte, in die Falten ihres Mantels, und indem sie ihrer Gefährtin winkte, mit einem Gefäß voll Milch, ebenfalls einem Theile ihrer Mahlzeit, zu folgen, eilte sie nach dem Garten.

»So, will unsre schöne Vestalin fortgehen?« sagte der einzige Mann, dem sie begegnete, und der einer von den Dienern war; Katharina aber ging ohne Blick und Antwort vorüber und erreichte den kleinen Garten ohne fernere Störung.

Louise zeigte ihr einen Trümmerhaufen, der, mit Gebüsch bedeckt, dicht an der Schloßmauer lag. Wahrscheinlich war es ursprünglich ein Vorsprung des Gebäudes gewesen, und der enge Spalt, der mit dem Kerker in Verbindung stand, um Lust zuzuführen, hatte sich darin geendet. Aber die Oeffnung war durch den Verfall etwas erweitert und ließ einen trüben Lichtstrahl hinab, obwohl derselbe nicht von denen bemerkt werden konnte, die den Ort mit Fackellicht besuchten.

»Hier herrscht Todtenstille,« sagte Katharina, nachdem sie aufmerksam einen Augenblick gelauscht hatte. – »Himmel und Erde, er ist dahin!«

»Wir müssen Etwas wagen,« sagte ihre Gefährtin, und ließ die Finger über die Saiten ihrer Laute laufen.

Ein Seufzer war die einzige Antwort aus der Tiefe des Kerkers. Darauf wagte Katharina zu sprechen. »Ich bin hier, Mylord – ich bin hier, mit Nahrung und Getränk.«

»Ha, Ramorny? – der Scherz kommt zu spät – ich sterbe,« war die Antwort.