»Sein Hirn ist verwirrt, und kein Wunder,« dachte Katharina; »aber so lange Leben da ist, kann auch Hoffnung sein.«
»Ich bin's, Mylord, Katharina Glover – ich habe Nahrung, wenn ich sie sicher zu Euch bringen könnte.«
»Der Himmel segne dich, Mädchen! ich dachte, die Qual sei vorüber, aber es glüht wieder in mir bei dem Worte Nahrung.«
»Die Nahrung ist hier, aber wie, ach! wie kann ich sie Euch mittheilen? Der Spalt ist so eng, die Mauer so dick! Doch es gibt ein Mittel – ich hab' es! – Schnell, Louise, schneide mir einen Weidenzweig, den längsten, den du findest.«
Die Sängerin gehorchte, und mittelst eines Spaltes an dem Ende der Ruthe sendete Katharina mehrere Stücke der weichen Kuchen, in Brühe getaucht, hinab, die zugleich als Speise und Getränk dienten.
Der junge unglückliche Mann aß wenig und mit Mühe, flehte aber tausendfachen Segen herab auf das Haupt seiner Trösterin. »Ich hatte dich zur Sklavin meiner Laster bestimmt,« sagte er, »und doch suchst du die Erhalterin meines Lebens zu werden! Aber hinweg und rette dich selbst.«
»Ich kehre mit Nahrung zurück, sobald ich Gelegenheit finde,« sagte Katharina, eben als die Sängerin sie am Aermel zupfte und bat, zu schweigen und still zu stehen.
Beide verbargen sich unter die Ruinen, und sie hörten die Stimmen Ramorny's und des Arztes, die sich leise unterhielten.
»Er ist stärker, als ich dachte,« sagte der Erstere in tiefem, krächzendem Tone. »Wie lange hielt Dalwolsy aus, als ihn der Ritter von Liddesdale in seinem Schloß von Hermitage einkerkerte?«
»Vierzehn Tage,« antwortete Dwining; »aber er war ein starker Mann und hatte einigen Beistand durch Korn, welches aus einer Kornkammer über seinem Gefängniß fiel.«
»Wär' es nicht besser, die Sache schnell zu enden? Der schwarze Douglas kommt diesen Weg. Er ist nicht in Albany's Geheimniß. Er wird den Prinzen sehen wollen, und Alles muß vorüber sein, eh' er kommt.«
Sie gingen in ihrem düsteren und verhängnißvollen Gespräch vorüber.
»Nun gewinnen wir das Schloß,« sagte Katharina zu ihrer Gefährtin, als sie sah, daß Jene den Garten verlassen hatten. »Ich hatte einen Plan der Flucht für mich – ich will ihn in einen der Rettung des Prinzen verwandeln. Die Schaffnerin betritt das Schloß zur Vesperzeit und läßt gewöhnlich ihren Mantel in dem Gange, während sie die Milch zum Küchenmeister trägt. Nimm du den Mantel, hülle dich darein und gehe kühn am Wächter vorbei; er ist gewöhnlich betrunken um diese Stunde, und du wirst, gleich der Melkerin, ungefragt durch Thor und Brücke kommen, wenn du dich nur mit Selbstvertrauen benimmst. Dann eile zum schwarzen Douglas, er ist unsere nächste und einzige Hilfe.«
»Aber,« sagte Louise, »ist er nicht jener schreckliche Lord, der mich mit Schmach und Strafe bedrohte?«
»Glaube mir,« sagte Katharina, »Leute wie du und ich bleiben nie eine Stunde in Douglas' Gedächtniß, weder im Guten noch im Bösen. Sag' ihm, daß sein Schwiegersohn, der Prinz von Schottland, stirbt – verrätherisch verhungert – im Schloß Falkland, und du wirst nicht allein Gnade, sondern Lohn erwerben.«
»Ich frage nicht nach Lohn,« sagte Louise, »die That wird sich selbst belohnen. Aber mich dünkt, zu bleiben ist gefährlicher als zu gehen. – Laß mich daher bleiben und den unglücklichen Prinzen ernähren; Ihr aber geht fort, um Hilfe zu bringen. Wenn sie mich vor Eurer Rückkehr tödten, so lass' ich Euch meine arme Laute und bitt' Euch, freundlich mit meinem armen Charlot zu sein.«
»Nein, Louise,« erwiderte Katharina, »Ihr seid eine privilegirtere und erfahrenere Wandererin, als ich – geht Ihr – und wenn Ihr mich todt bei Eurer Rückkehr findet, was wohl möglich ist, so gebt meinem armen Vater diesen Ring und eine Locke meines Haares, und sagt ihm, Katharina starb, während sie Bruce's Blut erretten wollte. Und diese andere Locke gebt Harry; sagt, daß Katharina zuletzt seiner gedachte, und daß, wenn er sie für zu bedenklich hielt hinsichtlich des Blutes Anderer, er erkennen möge, daß es nicht geschah, weil sie ihr eigenes hochschätzte.«
Sie schluchzten, einander in den Armen liegend, und die Stunden bis zum Abend verflossen mit Berathungen, wie man auf bessere Weise den Gefangenen mit Nahrung versehen könne, und mit Verfertigung einer Röhre, die aus ineinandergeschobenem Schilfrohr bestand, mittelst deren man ihm Flüssigkeit zuführen konnte. Die Glocke der Dorfkirche von Falkland läutete zur Vesper. Die Schaffnerin trat mit ihren Gefäßen ein, um die Milch für den Haushalt abzuliefern und Neuigkeiten zu erzählen und zu hören. Sie war kaum in die Küche getreten, als die Sängerin sich noch ein Mal in Katharinens Arme warf, sie ihrer unwandelbaren Treue versicherte und, das Hündchen unterm Arm, still die Treppe hinunterschlich. Einen Augenblick später sah die athemlose Katharina sie, in der Schaffnerin Mantel gehüllt, ruhig über die Zugbrücke gehen.
»Nun,« sagte der Wächter. »Ihr kehrt heute früh zurück, May Bridget? Wenig Spaß im Schloß – ja, Weib! – kranke Zeiten sind traurige Zeiten.«
»Ich habe mein Kerbholz vergessen,« sagte die schnell besonnene Französin, »und komme wieder, eh' man einen Milcheimer ausschöpft.«
Sie ging weiter, vermied das Dorf Falkland und schlug einen Fußpfad ein, der durch den Park führte. Katharina athmete frei und pries Gott, als sie sie in der Ferne verschwinden sah. Noch eine ängstliche Stunde dauerte es, bis man die Flucht der Sängerin entdeckte. Dies geschah, sobald die Schaffnerin, die sich eine Stunde zu einem Geschäft genommen hatte, wozu zehn Minuten genügten, zurückkehren wollte, und fand, daß Jemand ihren grauen Friesmantel weggenommen hatte. Sogleich wurde genaue Untersuchung angestellt; endlich erinnerten sich die Mägde der Sängerin und wagten zu flüstern, dieser könne es wohl eingefallen sein, ein altes Kleid für ein neues auszutauschen. Der Wächter wurde streng befragt und gab an, er habe die Schaffnerin gleich nach der Vesperglocke hinausgehen sehen, und als diese selbst es läugnete, sagte er, so könne es kein Anderer, als der Teufel gewesen sein.
Da indeß die Sängerin nicht gefunden werden konnte, so ließen sich die wirklichen Umstände der Sache leicht ahnen, und der Hausverwalter ging, um Sir John Ramorny und Dwining zu benachrichtigen (die jetzt fast nie getrennt waren), daß eine ihrer weiblichen Gefangenen entflohen sei. Jeder Umstand erweckt den Argwohn des Schuldigen. Sie sahen einander mit unzufriedenen Gesichtern an, und begaben sich sofort mit einander in Katharinens niederes Gemach, um sie wo möglich mit der Untersuchung über Louisens Verschwinden zu überraschen.
»Wo ist Eure Gefährtin, Mädchen?« sagte Ramorny in strengem und ernstem Tone.
»Ich habe keine Gefährtin hier,« antwortete Katharina.
»Keine Ausflucht,« erwiderte der Ritter; »ich meine die Sängerin, die jüngst mit Euch dies Zimmer bewohnte.«
»Sie ist fort, sagt man mir,« – sagte Katharina, »fort seit einer Stunde.«
»Und wohin?« sagte Dwining.
»Wie,« antwortete Katharina, »soll ich den Weg wissen, den eine Wandererin von Handwerk wählen mag? Sie war ohne Zweifel des einsamen Lebens müde, welches so verschieden ist von den Scenen der Festlichkeit und des Tanzes, zu denen sie ihr Beruf oft führt. Sie ist fort, und dabei nur zu bewundern, daß sie so lange dageblieben ist.«
»Dies ist also Alles,« sagte Ramorny, »was Ihr uns berichten könnt?«
»Alles, was ich Euch zu berichten habe, Sir John,« antwortete Katharina mit Festigkeit; »und wenn der Prinz selber fragte, ich könnt' ihm nicht mehr sagen,«
»Es ist wenig Gefahr, daß er Euch wieder die Ehre anthun werde, in Person mit Euch zu reden,« sagte Ramorny, »selbst wenn Schottland dem Unglück entgeht, durch seinen Tod elend zu werden.«
»Ist der Herzog von Rothsay so sehr krank?« fragte Katharina.
»Keine Hilfe, außer im Himmel,« antwortete Ramorny, emporblickend.