»So möge von dort doch Hilfe kommen,« sagte Katharina, »wenn menschliche Hilfe nichts vermag.«
»Amen!« sagte Ramorny mit dem entschiedensten Ernst, während Dwining ein Gesicht schnitt, welches dies Gefühl auch ausdrücken sollte, obwohl es ihm einen peinlichen Kampf zu kosten schien, sein höhnisches, aber leises Triumphgelächter zu unterdrücken, welches besonders durch Alles, was eine religiöse Färbung hatte, erregt ward.
»Und Menschen sind es – irdische Menschen und nicht eingefleischte Teufel, die so den Himmel anrufen, während sie tropfenweise das Lebensblut ihres unglücklichen Herrn verschlingen!« murmelte Katharina, als ihre beiden betroffenen Inquisitoren das Gemach verließen. – »Warum schläft der Donner? – aber er wird bald rollen, und o! möge es geschehen, sowohl zu erhalten als zu strafen.«
Nur die Stunde des Mittagessens gewährte eine Zeit, wo, da Alles im Schlosse mit der Mahlzeit beschäftigt war, Katharina glaubte, sie hätte die beste Gelegenheit, sich zum Mauerspalt zu wagen, ohne besondere Gefahr zu fürchten. Während sie auf die Stunde wartete, bemerkte sie einige Bewegung im Schlosse, das seit der Einkerkerung des Herzogs von Rothsay still wie das Grab gewesen war. Das Fallgatter wurde niedergelassen und aufgezogen, und unter das Krachen der Maschine mischte sich Rossegetrappel, und Bewaffnete auf dampfenden und schnaubenden Pferden ritten ab und zu. Sie sah auch von ihrem Fenster, daß alle Diener, die ihr in die Augen fielen, bewaffnet waren. Bei alle dem klopfte ihr Herz stark, denn es ließ das Nahen der Hilfe hoffen, und überdies ließ das Getümmel den kleinen Garten einsamer als je. Endlich erschien die Mittagsstunde; sie hatte Sorge getragen, unter dem Vorwand ihrer eigenen Bedürfnisse, denen der Küchenmeister gern zu genügen schien, sich solche Speisen zu verschaffen, die sich am leichtesten zu dem unglücklichen Gefangenen bringen ließen. Sie flüsterte, um ihm ihre Gegenwart zu melden – keine Antwort erfolgte; – sie sprach lauter, aber noch blieb Alles still.
»Er schläft,« – diese Worte murmelte sie halblaut und mit einem Schaudern, dem ein Zusammenfahren und ein Schrei folgte, als eine Stimme hinter ihr erwiderte:
»Ja, er schläft; aber für immer.«
Sie sah sich um. Sir John Ramorny stand hinter ihr in voller Rüstung, aber das Visir seines Helms war offen, und zeigte ein Gesicht, ähnlicher dem eines Sterbenden, als eines Mannes, der fechten will. Er sprach mit ernstem Tone, der zwischen dem des ruhigen Beobachters eines merkwürdigen Vorfalles und dem des thätigen Teilnehmers und Gehilfen dabei in der Mitte lag.
»Katharina,« sagte er, »Alles ist wahr, was ich Euch sage. Er ist todt – Ihr habt Euer Bestes für ihn gethan – Ihr könnt nicht mehr thun.« »Ich will nicht – ich kann es nicht glauben,« sagte Katharina. »Der Himmel erbarme sich meiner! Es würde mich an der Vorsehung zweifeln lassen, zu denken, daß ein so großes Verbrechen vollbracht werden konnte.«
»Zweifle nicht an der Vorsehung, Katharina, obwohl sie duldete, daß der Verworfene durch seine eigenen Rathschläge fiel. Folge mir – ich habe zu sagen, was dich angeht. – Folge mir, sag' ich,« (denn sie zögerte,) »wenn du es nicht vorziehst, der Gnade des rohen Bonthron und des Arztes Henbane Dwining überlassen zu bleiben.«
»Ich will Euch folgen,« sagte Katharina. »Ihr könnt mir nicht mehr thun, als Euch gestattet wird.«
Er führte sie nach dem Schlosse und erstieg Treppe nach Treppe, Leiter nach Leiter.
Katharinens Entschlossenheit wich. »Ich will nicht weiter folgen,« sagte sie. »Wohin wollt Ihr mich führen? – Wenn zu meinem Tode, so kann ich hier sterben.«
»Blos zu den Zinnen des Schlosses, Thörin,« sagte Ramorny, eine verriegelte Thür weit aufsperrend, die sich nach dem gewölbten Dache des Schlosses öffnete, wo man sogenannte Mangonels (Kriegsmaschinen, um Steine oder Pfeile zu werfen) und tüchtige Armbrüste rüstete, auch Steine zusammenhäufte. Aber die Vertheidiger waren an Zahl nicht über zwanzig, und Katharina glaubte Furcht und Unentschlossenheit unter ihnen zu bemerken.
»Katharina,« sagte Ramorny, »ich darf diesen Posten nicht verlassen, der nothwendig zu meiner Verteidigung ist; aber ich kann hier so gut als anderswo mit Euch reden.«
»So redet,« antwortete Katharina, – »ich bin bereit, Euch zu hören.«
»Ihr habt Euch in ein blutiges Geheimniß gedrängt, Katharina. Habt Ihr Festigkeit genug, es zu bewahren?«
»Ich versteh' Euch nicht, Sir John,« antwortete das Mädchen.
»Seht Ihr. Ich habe erschlagen – ermordet, wenn Ihr wollt – meinen ehemaligen Herrn, den Herzog von Rothsay. Der Funke von Leben, den Eure Freundlichkeit nähren wollte, war leicht erstickt. Seine letzten Worte lauteten an seinen Vater. Ihr seid ohnmächtig – rafft Euch zusammen – Ihr habt mehr zu hören. Ihr kennt das Verbrechen, aber Ihr kennt nicht den Anlaß. Seht, dieser Handschuh ist leer – ich verlor meine rechte Hand für ihn; und als ich nicht mehr für seinen Dienst taugte, ward ich wie ein abgelebter Hund weggeworfen, mein Geschick verspottet, mir ein Kloster empfohlen, statt der Schlösser und Paläste, die meine natürliche Sphäre waren! Daran denkt – habt Mitleid und steht mir bei.«
»Auf welche Weise könnt Ihr Beistand von mir verlangen?« sagte das zitternde Mädchen; »ich kann weder Euren Verlust ersetzen, noch Euer Verbrechen tilgen.«
»Du kannst schweigen, Katharina, über das, was du in jenem Dickicht gesehen und gehört hast. Es ist nur eine kurze Vergeßlichkeit, die ich von dir verlange, auf deren Worte man, wie ich weiß, hören wird, mögt Ihr nun sagen, es geschah oder es geschah nicht. Das Wort deiner marktschreierischen Gefährtin, der Fremden, wird Niemand einer Nadelspitze werth achten. Willst du mir dies zugestehen, so nehme ich dein Versprechen für meine Sicherheit und öffne den Anrückenden das Thor. Versprichst du mir nicht Sicherheit, so vertheidige ich das Schloß, bis Alle gefallen sind, und schleudere dich rücklings von diesen Zinnen. Ja, sieh' sie nur an – es ist kein Sprung, dem man leicht Trotz bietet. Sieben Treppen gingst du mit Anstrengung und athemlos heran, aber du sollst in kürzerer Zeit vom Giebel bis auf den Grund kommen, als du einen Seufzer ausstößt! Sprich das Wort, schönes Mädchen; denn Ihr sprecht mit Einem, der Euch nicht gern schaden möchte, aber bei seinem Vorsatze beharrt.«
Katharina stand erschrocken und unfähig, einem Menschen zu antworten, der ihr so verzweifelt schien; aber die Antwort ward ihr erspart, indem Dwining sich näherte. Er sprach mit derselben Demuth, die stets sein Benehmen auszeichnete, und mit seinem gewöhnlichen ironischen Lachen, welches jenes Benehmen Lügen strafte. »Ich thue Unrecht, edler Sir, daß ich mich zu Euch dränge, während Ihr mit einem schönen Mädchen beschäftigt seid. Aber ich komme, um eine kleine Frage zu thun.«
»Sprich, Quäler!« sagte Ramorny. »Schlimme Nachrichten sind Scherz für dich, selbst wenn sie dich selber angehen, wofern sie nur auch Andere betreffen.«
»Hm, – hi, hi! – ich wünschte nur zu wissen, ob Eure Herrlichkeit das ritterliche Geschäft der Vertheidigung des Schlosses mit einer einzigen Hand unternehmen will – ich bitt' um Verzeihung – ich meinte mit Eurem einzigen Arm? Die Frage ist der Rede werth, denn ich werde bei der Vertheidigung für wenig gut sein, außer wenn Ihr die Belagerer dahin bringen könnt, Arznei zu nehmen – hi, hi, hi ! und Bonthron ist so betrunken, als Bier und gebranntes Wasser ihn machen können – und Ihr, Er und Ich machen die ganze Besatzung aus, die zum Widerstand aufgelegt ist.«
»Wie! – wollen die andern Hunde nicht fechten?« sagte Ramorny.
»Man sah nimmer Leute, die weniger Lust dazu zeigten,« antwortete Dwining, »niemals; aber da kommt ein Paar von ihnen. – Venit extrema dies. – Hi, hi, hi!«
Eviot und sein Gefährte Buncle näherten sich nun mit düsterer Entschlossenheit im Gesicht, gleich Männern, welche den Entschluß gefaßt haben, der Macht zu widerstehen, welcher sie lange gehorchten.