»Wie steht's?« sagte Ramorny, ihnen entgegentretend. »Warum von eurem Posten? – Warum hast du die Warte verlassen, Eviot? – Und du anderer Bursch', trug ich dir nicht auf, nach den Mangonelen zu sehen?«
»Wir haben Euch Etwas zu sagen, Sir John Ramorny,« antwortete Eviot. »Wir werden in dieser Fehde nicht fechten.«
»Wie – meine eigenen Knappen meistern mich?« rief Ramorny.
»Wir waren Eure Knappen und Pagen, Mylord, während Ihr in des Herzogs von Rothsay Diensten standet – man erzählt, der Herzog lebe nicht mehr – wir wünschen die Wahrheit zu wissen.«
»Welcher Verräther wagt solche Lügen auszustreuen!?« sagte Ramorny.
»Alle, welche ausgegangen sind, den Park zu besetzen, Mylord, und unter Andern bringe ich selbst dieselbe Nachricht zurück. Die Sängerin, welche das Schloß gestern verließ, hat das Gerücht überall ausgestreut, der Herzog von Rothsay sei ermordet oder dem Tode nah. Der Douglas zieht gegen uns mit einer starken Macht –«
»Und ihr, Feiglinge, macht Euch ein müßig Gerücht zu nutze, um euern Herrn zu verlassen?« sagte Ramorny unwillig.
»Mylord,« sagte Eviot, »laßt Buncle und mich den Herzog von Rothsay sehen, und seine persönlichen Befehle zur Vertheidigung des Schlosses empfangen, und wenn wir dann nicht bis zum Tode in diesem Kampfe fechten, so will ich mich gern auf den höchsten Thurm hängen lassen. Aber wenn er an natürlicher Krankheit gestorben ist, so wollen wir das Schloß dem Grafen von Douglas übergeben, der, wie man sagt, des Königs Statthalter ist – oder wenn, was der Himmel verhüte! – dem edlen Prinzen Arges widerfuhr, so wollen wir uns nicht in die Schuld verwickeln, indem wir die Waffen zum Schutze der Mörder brauchen, mögen sie sein, wer sie wollen.«
»Eviot,« sagte Ramorny, seinen verstümmelten Arm erhebend, »wäre dieser Handschuh nicht leer, so hättest du's nicht erlebt, zwei Worte voll Unverschämtheit auszusprechen.«
»Sei dem wie ihm wolle,« antwortete Eviot, »wir werden nur unsere Pflicht thun. Ich bin Euch lange gefolgt, Mylord, aber hier halt' ich den Zügel an.«
»So fahrt denn wohl, und ein Fluch treff' euch Alle!« rief der erbitterte Baron. »Laßt mein Pferd vorführen!«
»Unsere Tapferkeit ist im Begriff, davon zu laufen,« sagte der Apotheker, der dicht an Katharinens Seite geschlichen war, eh' sie es merkte. »Katharina, du bist eine abergläubische Närrin, wie die meisten Weiber; trotzdem hast du einigen Verstand, und ich spreche mit dir als einer Person, die mehr versteht, als die Büffel, die um uns herum weiden. Diese stolzen Barone, die nur so über die Welt wegschreiten, was sind sie am Tage des Unglücks? – Spreu vor'm Wind! Laßt ihre Schmiedehammerhände oder ihre Säulenfüße Schaden nehmen, und bah! – die Ritter sind weg – Herz und Muth ist ihnen nichts, Kraft und Glieder Alles; – gebt ihnen Thieresstärke, was sind sie anders, als wüthende Stiere? – nehmt diese weg und Euer ritterlicher Held kriecht auf dem Boden, wie ein lahmes Thier. Nicht so der Weise; so lang' ein Körnchen Verstand einem verwachsenen oder verstümmelten Körper übrig bleibt, soll sein Geist so stark sein, denn je. – Katharina, diesen Morgen sann ich auf Euern Tod; aber mich dünkt, es freut mich jetzt, daß Ihr noch lebt, um zu erzählen, wie der arme Mediciner, der Pillenvergolder, der Mörselstößer, der Gifthändler seinem Schicksal begegnete, in Gesellschaft mit dem tapfern Ritter von Ramorny, jetzigem Baron und künftigem Grafen von Lindores – Gott segne seine Herrlichkeit!«
»Alter Mann,« sagte Katharina, »wenn du in der That dem Tage deines verdienten Schicksals so nahe bist, so wären andere Gedanken weit heilsamer, als die ruhmredigen Schwätzereien einer eitlen Philosophie. – Frage nach einem frommen Manne –«
»Ja,« sagte Dwining verächtlich, »mich an einen fetten Mönch wenden, der – hi, hi, hi! – das barbarische Latein nicht versteht, was er auswendig hersagt. Der würde ein passender Rathgeber für Einen sein, der in Spanien und Arabien studirt hat! Nein, Katharina, ich will einen Beichtvater wählen, den man gern ansieht, und Ihr sollt mit dem Amte beehrt werden. – Nun, seht dort seine Tapferkeit – seine Augenbrauen tropfen vor Feuchtigkeit, seine Lippen beben vor Angst – hi, hi, hi! – – denn seine Tapferkeit bittet ihre ehemaligen Diener um das Leben, und hat nicht Beredtsamkeit genug, um sie zu bereden, sie entschlüpfen zu lassen. Seht, wie die Fibern seines Gesichts arbeiten, indeß er die undankbaren Bestien anfleht, die er mit Wohlthaten überhäuft hat, ihm nur eine so kurze Lebensfrist zu geben, als die Jagdhunde dem Hasen, wenn die Menschen ihm tüchtig nachsetzen. Seht auch die finstern, niedergeschlagenen, hündischen Gesichter, womit die schurkischen Knechte, zwischen Furcht und Schande schwankend, ihrem Herrn diese elende Frist versagen. Solche Wesen hielten sich für höher, als ein Mann wie ich! Und Ihr, thörichtes Mädchen, denkt so gemein von Eurer Gottheit, daß Ihr Elende wie sie für das Werk der Allmacht haltet!«
»Nein! böser Mensch, nein!« sagte Katharina mit Wärme; »der Gott, den ich verehre, schuf diese Menschen mit der Fähigkeit, ihn zu erkennen und anzubeten, ihre Mitgeschöpfe zu schützen und zu schirmen, Frömmigkeit und Tugend zu üben. Ihre eigenen Laster und die Versuchungen des Bösen haben sie so gemacht, wie sie jetzt sind. O, nimm diese Lehre auf in dein Herz von Diamant! der Himmel machte dich klüger als deine Nebenmenschen, gab dir Augen, um in die Geheimnisse der Natur zu sehen, einen scharfen Verstand und eine geschickte Hand; aber dein Stolz hat all' diese schönen Gaben vergiftet und einen gottlosen Atheisten aus einem Mann gemacht, der ein christlicher Weiser hätte sein können!«
»Atheist, sagst du?« antwortete Dwining; »vielleicht hab' ich Zweifel in dieser Sache – aber sie werden bald gelöst sein. Dort kommt Einer, der mich, wie zuvor Tausende, an den Ort geschickt hat, wo sich alle Geheimnisse aufklären werden.«
Katharina folgte dem Auge des Arztes nach den Waldlichtungen und sah, daß sie von einer Reiterschaar bedeckt waren, die im vollen Galopp anrückte. In ihrer Mitte wehte eine Fahne, die, obwohl Katharina ihr Wappen nicht sehen konnte, doch durch ein Gemurmel ringsum als die des schwarzen Douglas anerkannt wurde. Sie machten einen Pfeilschuß vom Schlosse halt, und ein Herold mit zwei Trompetern ritt an das Hauptthor, wo er nach einem lautschmetternden Trompetenstoß Einlaß begehrte für den hohen und gefürchteten Archibald, Grafen von Douglas, Lordstatthalter des Königs, derzeit mit unumschränkter Vollmacht Seiner Majestät versehen; zugleich wurde allen Bewohnern bei Strafe des Hochverraths befohlen, die Waffen niederzulegen.
»Hört Ihr?« sagte Eviot zu Ramorny, der düster und unentschlossen dastand. »Wollt Ihr die Uebergabe des Schlosses befehlen, oder muß ich – «
»Nein, Schurke!« unterbrach ihn der Ritter, »bis an's Ende will ich Euch befehlen. Oeffnet die Thore, laßt die Brücke nieder und übergebt das Schloß dem Douglas.«
»Nun, das kann man doch eine tapfere That aus freiem Willen nennen,« sagte Dwining. »Just, wie wenn die metallenen Dinger, die seit einer Minute schreien, sich anmaßten, die Töne sich selber beizulegen, die ein dickbackiger Trompeter hineingeblasen hat.«
»Elender Mensch,« sagte Katharina, »entweder schweigt, oder wendet Eure Gedanken auf die Ewigkeit, an deren Rande Ihr steht.«
»Und was geht das dich an?« antwortete Dwining. »Du, Dirne, kannst nicht umhin, zu hören, was ich dir sage, und du wirst es wieder erzählen, weil dein Geschlecht keins von beiden lassen kann. Perth und ganz Schottland sollen wissen, welch einen Mann sie in Henbane Dwining verloren haben.«
Das Geklirr der Waffe verkündigte nun, daß die neuen Ankömmlinge abgestiegen waren und das Schloß betreten hatten, während sie die kleine Besatzung entwaffneten. Graf Douglas erschien selbst mit einigen seiner Leute auf den Zinnen, und wies sie an, Ramorny und Dwining gefangen zu nehmen. Andere schleppten aus einem Winkel den betäubten Bonthron.