»Was hat der Fremde weiter gesagt, als Sie ihm das sagten?«
»Gar nichts hat er gesagt; bloß als die Frauenzimmer um den See gingen, hat er sie wieder angestiert, als ob er sie hätte fressen wollen. Dann ist er vom Eise weg, über den Kirchweg durchs Gehölz von Woodbourne gegangen, und wir haben nichts mehr von ihm gesehen.«
»Der muß ja ein steinhartes Herz haben!« rief die Wirtin, »den armen jungen Menschen vor den Augen der Braut anzuschießen!«
»O, dergleichen Fälle kennt die Justiz mehr,« antwortete Glossin; »jedenfalls hat er sich für seine Rache die Stelle gesucht, wo sie am sichersten traf!«
»Gott helf uns!« rief der Armenpfleger, »was sind wir doch für schwache Geschöpfe, wenn wir uns selbst überlassen sind! Wie kann ein Mensch vergessen, was in der Schrift steht: Mein ist die Rache, spricht der Herr, ich will vergelten.«
»Aber, ihr Herren,« meinte John, in seiner hartköpfigen Pfiffigkeit sichtlich bemüht, das Wild aufzutreiben, während die andern bloß auf den Busch klopften – »Sie dürften sich am Ende doch irren! Mir wenigstens will es nicht in den Kopf, daß jemand seinen Mitmenschen mit dessen eigenem Gewehre erschießt, wenn er's ihm erst dazu aus der Hand reißen muß. Ich bin nur ein schwacher Kerl, aber mir sollte der stärkste Mann in Schottland meine Flinte nicht aus der Hand reißen, ehe ich ihm nicht eine Kugel daraus durch die Rippen gejagt hätte.«
John ging, denn er wußte weiter nichts auszusagen. Die Aussage, die der Hausknecht machte, stimmte mit der von John gemachten so ziemlich überein. Glossin fragte, ob Brown an dem unglücklichen Morgen Waffen bei sich gehabt hätte; aber keiner von beiden Zeugen hatte außer dem kurzen Säbel, den der Fremde an der Seite gehabt, eine Waffe bei ihm gesehen.
»Ich muß Ihnen sagen, mein lieber Glossin,« nahm der Krämer und Pfleger das Wort und vergaß im Eifer, daß er einen Friedensrichter – noch dazu einen, der eben erst dazu ernannt wurden, – vor sich hatte, und faßte Glossin vertraulich am Rockknopfe: »Mir kommt die Geschichte immer wunderlicher vor! Wie kann einer mit solchem Käsemesser darauf ausgehen sollen, sich an jemand zu vergreifen?«
Glossin machte seinen Rockknopf von der Hand des Krämers frei und ließ, aber nicht unfreundlich, – denn es mußte ihm jetzt daran liegen, überall von sich die beste Meinung zu wecken – das Thema fallen, erkundigte sich nach dem Preise von Tee und Zucker und ließ ein Wort darüber fallen, daß er nicht abgeneigt sei, bei Bearcliffe seinen nächsten Jahresbedarf zu decken. Zunächst bestellte er bei Frau Candlish ein gutes Essen für eine Gesellschaft von fünf Personen, und drückte John, der ihm statt des Hausknechtes das Pferd hielt, eine halbe Krone in die Hand.
»Das muß wahr sein,« meinte der Krämer zu Frau Mac Candlish, als sie ihm einen Bittern eingoß; »der Teufel ist so böse nicht, wie man ihn macht. Es verdient immer Anerkennung, wenn sich jemand mit öffentlichen Dingen so eifrig befaßt wie Herr Glossin.«
»Das stimmt, Herr Bearcliffe, das stimmt,« Pflichtete die Wirtin bei, »und doch kommt's mir sonderbar vor, daß unsere Lairds solchem Manne ihre Angelegenheiten anvertrauen. Aber freilich, so lange das liebe Geld eben rund bleibt und rollt, so lange darf man es nicht so genau damit nehmen, was für ein Königskopf darauf geprägt ist.«
»Mir scheint, als ob Glossin nicht viel Ehre aus der Sache ernten wird,« meinte John, am Schenktische vorübergehend, »aber das tut der halben Krone keinen Abbruch, die er mir gegeben.«
Zweites Kapitel
Glossin ritt langsam heim nach Ellangowan. Viel Licht hatten ihm seine Erkundigungen ja noch nicht gebracht, aber je mehr er über den Fall nachdachte, desto fester wurde seine Meinung, daß sich ihm eine gute Gelegenheit bot, sich bei Hazlewood und Mannering in ein gutes Licht zu setzen, falls es ihm glückte, Licht in die geheimnisvolle Affäre zu bringen. Vielleicht meinte er auch, sich schon deshalb nach Kräften bemühen zu müssen, weil andernfalls sein Renommee als kluger Kopf auf dem Spiele stünde. Seine Freude war begreiflicherweise nicht gering, als ihm bei der Heimkehr nach Kippletringan berichtet wurde, dem Gendarmen Mac Guffog sei ein guter Fang geglückt, und er warte in der Küche auf ihn.
Glossin war im Nu vom Pferde und ließ seinen Schreiber rufen.
»Nun, Mac Guffog,« fragte er, als er sich mit dem Schreiber am Tisch postiert hatte. »Wo habt Ihr Euren Gefangenen erwischt?«
Mac Guffog, ein stämmiger, krummbeiniger Gesell mit dickem Stiernacken, hochrotem Vollmondgesicht und Schielaugen, machte zuerst eine Reihe von plumpen Verbeugungen und tischte dann seine Sache auf ... »Ich bin in das Haus gegangen, das Euer Edlen mir nannten,« sagte er, »und worin die Frau wohnt, die Euer Edlen kennen. Was ich Gutes brächte, fragte sie; ich käme doch von Ellangowan? – Ja, sagte ich, den Herrn von Ellangowan kennen Sie doch von früher?«
»Was soll das?« fiel ihm Glossin ins Wort. »Zur Sache.«
»Ja doch,« sagte Mac Guffog störrisch – »als wir bei einem Gläschen saßen, da – nun, da kam er herein.«
»Wer?« fragte Glossin.
»Na, der,« versetzte Mac Guffog und zeigte auf die Küche; »er hatte sich in den Mantel gehüllt, und ich sah recht gut, daß er Waffen bei sich trug. Da dachte ich, es wäre doch am besten, ihn recht sicher zu machen, und fing so vertraulich zu schwatzen an, daß er schier meinte, ich sei einer von der Insel Man. Nun setzte ich mich zwischen ihn und sie, daß sie ihm keinen Wink geben sollte. Als wir im besten Trinken waren, wettete ich mit ihm, auf einen Zug, ohne abzusetzen, ein Quart Schnaps auszutrinken. Er ging darauf ein, und als er eben angesetzt hatte, sprangen John und Richard auf ihn zu und legten ihm die Ketten an; er aber blieb ruhig wie ein Lamm. Jetzt hat er ausgeschlafen und ist frisch wie ein Maikäfer,«
»Waffen hatte er bei sich?« fragte Glossin wieder.
»Solche Kerle sind nie ohne Dolch und Genickfänger.«
Mac Guffog wurde verabschiedet. Gleich darauf hörte man Kettengerassel auf der Treppe, und ein dicker, rüstiger Mann wurde hereingeführt, dessen graues Haar schon ein ziemlich hohes Alter verriet; er war nicht groß von Figur, und doch möchten nur wenige Luft gehabt haben, sich in einen Kampf mit ihm einzulassen. Sein Gesicht verriet noch die Spuren des Rausches, der seine Verhaftung erleichtert hatte, aber der kurze Schlaf und noch mehr die Erkenntnis seiner gefährlichen Lage hatten ihn wieder zu voller Besinnung gebracht.
Der Friedensrichter und der Gefangene sahen einander lange an, ohne ein Wort zu wechseln. Glossin schien in dem Manne einen frühern Bekannten gefunden zu haben und war sichtlich verlegen, wie er sich ihm gegenüber verhalten, und wie er das Verhör beginnen sollte, Endlich fragte er: »Seid Ihr es wirklich, Kapitän? Ihr habt Euch seit ein paar Jahren recht fremd hier gemacht!«
»Ich fremd?« erwiderte der andere; »mehr als fremd, dächte ich – denn der Teufel soll mich scheren, wenn ich je hier gewesen bin.«
»Damit werdet Ihr schwerlich durchkommen, Kapitän!«
»Werd' schon damit durchkommen müssen, Herr Friedensrichter, oder – der Teufel schert uns beide,« versetzte der andere tückisch.
»Und wie beliebt's Euch jetzt genannt zu werden?« fuhr Glossin fort. »Oder soll ich Leute zitieren, die Eurem Gedächtnis ein bißchen aushelfen?«
»Wer ich bin? – Mord und Brand! Jans Janson von Cuxhaven bin ich – wer denn sonst?«
Glossin langte aus einer Schublade ein Paar Taschenpistolen, die er mit großer Sorgfalt lud .. »Ihr könnt einstweilen mit den Leuten abtreten,« sagte er zu dem Schreiber, »bis ich Euch rufe. Aber im Vorsaal geblieben, verstanden?«