Zu Perth eines Tags unweit der Dominikaner.
Wyntoun.
Palmsonntag dämmerte nun. In einer früheren Periode der christlichen Kirche würde es für eine des Bannes würdige Entweihung gegolten haben, wenn man einen Tag der Passionswoche zu einem Kampfe benutzt hätte. Die römische Kirche hatte, zu ihrer unendlichen Ehre, entschieden, daß während der heiligen Osterzeit, wo der Mensch aus seinem gefallenen Zustande erlöst worden, das Kriegsschwert in der Scheide ruhen und zornige Fürsten die Zeit achten sollten, welche Gottesfriede hieß. Die wilde Heftigkeit der letzten Kriege zwischen Schottland und England hatte alle Rücksicht auf diese sittliche und religiöse Anordnung vernichtet. Sehr oft mißbrauchte eine Partei die feierlichsten Gelegenheiten zu einem Angriff, weil sie einander in frommer Andacht und unvorbereitet zur Vertheidigung zu finden hofften. So war der Gottesfriede, den man früher der Zeit, wo er galt, angemessen fand, unterbrochen, und es war selbst nicht ungebräuchlich, die heiligen Feste der Kirche zur Entscheidung der Kampfprobe zu wählen, mit welcher der bevorstehende Streit eine bedeutende Aehnlichkeit hatte.
In gegenwärtigem Falle wurden indeß die Pflichten des Tages mit üblicher Feierlichkeit beobachtet, und die Kämpfer selbst nahmen daran Theil. Eibenzweige in den Händen tragend, als die passendsten Stellvertreter der Palmenzweige, zogen sie ehrfurchtsvoll nach dem Dominikaner- und Karthäuserkloster, um das Hochamt zu hören und sich wenigstens durch einen Anschein von Frömmigkeit auf den blutigen Streit des Tages vorzubereiten. Daher war wohl dafür gesorgt, daß sie während dieses Zuges einander selbst nicht so nahe kamen, daß eine Partei die Sackpfeifen der andern hören konnte; denn es war gewiß, daß sie gleich Streithähnen, die auffordernd einander ankrähen, sich gesucht und angegriffen hätten, ehe man auf dem Kampfplatz anlangte.
Die Bürger von Perth drängten sich auf den Straßen, den ungewöhnlichen Aufzug zu sehen, und erfüllten die Kirche, worin die Clans ihre Andacht verrichteten, um ihr Benehmen zu beobachten und aus ihrem Äußern die Wahrscheinlichkeit des Sieges für die eine Partei zu erkennen. Ihr Benehmen in der Kirche war, so selten sie auch sonst ähnliche Orte besuchten, höchst würdig, und es waren, trotz ihrer wilden und ungebändigten Natur, doch wenige Hochländer, die Verwunderung oder Neugier blicken ließen. Sie schienen es unter ihrer Würde zu achten, Staunen oder Überraschung bei vielen Dingen zu äußern, die sie wahrscheinlich zum ersten Male erblickten.
Hinsichtlich des Ausganges des Streites wagten selbst nur wenige der kompetentesten Richter eine Meinung auszusprechen; obwohl die große Gestalt Torquils und seiner acht gewaltigen Söhne Einge, die sich für Kenner menschlicher Kraft hielten, geneigt machte, dem Clan Quhele den Vortheil zuzusprechen. Die Meinung des weiblichen Geschlechts wurde hauptsächlich durch die schöne Gestalt, die edlen Züge und das ritterliche Benehmen Eachin Mac Jans bestimmt. Mehr als Eine glaubte sich seiner Züge zu erinnern, aber sein glänzender Kriegeranzug machte den niedrigen Lehrling des Handschuhmachers unkenntlich in dem jungen Hochländerhäuptling, außer für eine Person.
Diese Person war, wie man vermuthen kann, der Schmied vom Wynd, der voran unter der Menge gewesen war, welche sich drängte, die tapferen Streiter des Clans Quhele zu sehen. Mit gemischten Gefühlen von Mißfallen, Eifersucht und einer Art Bewunderung betrachtete er den Lehrling des Handschuhmachers, der seine gemeine Kleidung abgelegt hatte und als ein Häuptling glänzte, der durch sein schnelles Auge und ritterliches Benehmen, die edle Stirn und den stolzen Nacken, die glänzende Rüstung und die wohlgebauten Glieder als ein Mann erschien, der wohl verdiente, den ersten Rang unter Männern einzunehmen, die erwählt waren, für die Ehre ihres Stammes zu leben oder zu sterben. Der Schmied konnte kaum glauben, daß er denselben leidenschaftlichen Knaben sah, den er von sich geschüttelt hatte, wie etwa eine Wespe, die ihn stach, und den er aus bloßem Mitleiden nicht zu Boden trat.
»Er sieht stattlich aus mit meinem schönen Harnisch,« so murmelte Harry für sich, »den besten, den ich je machte. Ständ' ich aber mit ihm zusammen, wo keine Hand hälfe, kein Auge zusähe, bei Allem, was heilig ist in dieser Kirche, der gute Harnisch sollte dann zu seinem Eigner zurückkehren! Alles, was ich werth bin, wollte ich um drei oder vier schöne Hiebe auf seine Schulter geben, um mein bestes Werk zu verderben; aber solches Glück wird mir nimmer zu Theil. Entkommt er aus dem Kampfe, so ist der Ruhm seines Muthes so gegründet, daß er es wohl verachten kann, sein neues Glück durch Zweikampf mit einem armen Bürger, wie ich, in Gefahr zu setzen. Er wird mir einen Kämpfer stellen, und zwar meinen Zunftgenossen, den Hammerer, wobei mein ganzer Gewinn sein kann, einen Hochländer Ochsen vor den Kopf zu schlagen. Wenn ich nur Simon Glover sehen könnte! – Ich will nach der andern Kirche, um ihn zu suchen, denn sicherlich muß er aus dem Hochland herunter sein.«
Die Gemeinde ging aus der Kirche der Dominikaner, als der Schmied seinen Entschluß faßte, den er eilig auszuführen trachtete, indem er sich so schnell durch die Menge drängte, als die Gelegenheit und die Würde des Ortes gestattete. Indem er sich Bahn durch's Gedränge machte, kam er auf einmal so nahe an Eachin, daß ihre Augen sich begegneten. Des Schmieds kühnes, braunes Gesicht färbte sich wie das glühende Eisen, das er bearbeitete, und behielt die dunkle Röthe mehrere Minuten. Eachin's Züge glühten von der helleren Glut des Zornes, und ein Blick voll feurigen Hasses schoß aus seinen Augen. Aber das schnelle Erröthen schwand in aschgraue Blässe und sein Auge mied sogleich den unwilligen, aber festen Blick, der ihm begegnete.
Torquil, dessen Auge seinen Pflegesohn nie verließ, sah seine Aufregung und schaute ängstlich um sich, um den Grund zu entdecken. Aber Harry war bereits fern, und eilte weiter nach dem Karthäuserkloster. Auch hier war der heutige Gottesdienst geendet, und die, welche vor Kurzem zum Andenken der großen Begebenheit, welche Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen brachte, Palmen getragen hatten, strömten auf den Kampfplatz, theils in der Absicht, ihren Mitmenschen das Leben zu nehmen, oder es selbst zu verlieren, theils den tödtlichen Kampf mit dem rohen Vergnügen zu betrachten, das die Heiden an den Gefechten ihrer Gladiatoren fanden.
Die Menge war so groß, daß jede andere Person gezweifelt haben würde, hindurchzukommen. Aber die allgemeine Ergebung, die man Harry vom Wynd schenkte, als dem Kämpfer von Perth, und das allgemeine Bewußtsein, er sei fähig, sich den Weg zu erzwingen, veranlaßte Alle, ihm Platz zu machen, so daß er sich ganz dicht bei den Streitern des Clans Chattans befand. Ihre Pfeifer zogen an der Spitze ihres Zuges. Hierauf folgte das wohlbekannte Banner, die springende Bergkatze darstellend, mit der geeigneten Warnung: »Rühre die Katze nicht ohne den Handschuh an.« Der Häuptling folgte mit erhobenem zweihändigen Schwerte, als wollte er das Sinnbild seines Stammes beschützen. Er war ein Mann von mittlerer Größe, mehr als fünfzig Jahre alt, der aber weder in Mienen noch Gestalt eine Abnahme oder ein Zeichen des Alters verrieth. Sein dunkelrothes krauses Haar war zum Theil mit grauen Locken gemischt, aber sein Schritt und seine Bewegung waren so leicht im Kampfe, auf der Jagd, oder im Tanze, als wär' er noch nicht über das dreißigste Jahr hinaus. Ans seinem grauen Auge glänzte ein wildes Feuer des Muthes mit Trotz verbunden, aber Weisheit und Erfahrung wohnte augenscheinlich auf seiner Stirn, seinen Brauen und Lippen. Die erwählten Streiter folgten ihm paarweise. Es war ein ängstlicher Zug auf den Gesichtern von Vielen bemerkbar, denn sie hatten diesen Morgen die Abwesenheit eines Mannes aus der bestimmten Zahl bemerkt, und in einem so verzweifelten Kampfe schien dieser Verlust Allen bedeutend, außer dem hochherzigen Häuptling Mac Gillie Chattanach.
»Sagt den Sachsen nichts von seiner Abwesenheit,« sagte dieser kühne Führer, als man ihm die Verminderung seiner Schaar berichtete. »Die falschen niederländischen Zungen könnten sagen, daß Einer vom Clan Chattan ein Feiger war, und daß die Uebrigen vielleicht seine Flucht begünstigt haben, um einen Vorwand zur Vermeidung des Kampfes zu finden. Ich weiß, daß Ferquhard Day sich gewiß in den Reihen zeigen wird, ehe wir zum Kampfe bereit sind; oder wenn das nicht geschieht, bin ich nicht Mannes genug für Zwei vom Clan Quhele? oder würden wir nicht lieber Fünfzehn gegen Dreißig kämpfen, als den Ruhm verlieren, den dieser Tag uns bringt?«