Der Stamm vernahm mit Beifall die muthige Rede seines Führers, doch blickten Manche besorgt umher, in der Hoffnung, den Flüchtigen zurückkehren zu sehen, und vielleicht war der Häuptling der Einzige in der muthigen Schaar, den der Umstand gar nicht kümmerte.
Sie zogen vorwärts durch die Straßen, ohne Etwas von Ferquhard Day zu sehen, der viele Meilen jenseits der Berge beschäftigt war, eine solche Entschädigung für den Verlust der Ehre zu empfangen, als glückliche Liebe gewähren konnte. Mac Gillie Chattanach zog voran, ohne seine Abwesenheit zu bemerken, wie es schien; er betrat den nördlichen Anger, eine schöne Ebene dicht bei der Stadt, die zu den Waffenübungen der Bürger eingerichtet war.
Diese Fläche war auf einer Seite von dem tiefen wogenden Tay bespült. Hier war ein starker Pallisadenzaun errichtet, der von drei Seiten einen Platz von hundertundfünfzig Yards Länge und vierundsiebzig Yards Breite umschloß. Die vierte Seite der Schranken hielt man durch den Fluß für hinreichend gedeckt. Ein Amphitheater für die Zuschauer lief rings um die Schranken, welches einen großen Raum für Bewaffnete zu Roß und Fuß und für die gemeinen Zuschauer frei ließ. Am Ende der Schranken war eine Reihe erhöhter Balkone für den König und den Hof, so sehr mit ländlichem Laubwerk und vergoldeten Zierrathen geschmückt, daß der Platz bis auf den heutigen Tag die goldene oder vergoldete Laube heißt.
Die hochländischen Musiker, welche die geeigneten Pibrochs oder Schlachtweisen der jederseitigen Partei gespielt hatten, schwiegen, als sie den Anger betraten, denn so lautete der gegebene Befehl. Zwei stattliche aber bejahrte Krieger, jeder das Banner seines Stammes tragend, schritten an die entgegengesetzten Seiten der Schranken und steckten ihre Standarten in die Erde, bereit, die Zuschauer eines Gefechtes zu sein, woran sie nicht Theil nahmen. Die Pfeifer, die gleichfalls neutral im Kampfe sein sollten, nahmen ihre Plätze bei ihren Brattachs ein.
Die Menge empfing beide Schaaren mit dem allgemeinen Geschrei, womit sie bei ähnlichen Gelegenheiten diejenigen begrüßt, von deren Bemühungen sie Unterhaltung, oder, wie sie sich ausdrückt, Spaß erwartet. Die erwählten Kämpfer erwiderten diesen Gruß nicht, sondern jede Schaar begab sich nach entgegengesetzten Seiten der Schranken, wo sich Eingänge befanden, durch die sie in's Innere gelassen werden sollten. Eine starke Abtheilung Bewaffneter bewachte jeden Eingang; und der Graf Marschall auf der einen, der Lord Großconnetable auf der andern Seite untersuchten sorgfältig jeden Einzelnen, ob er die gehörigen Waffen, nämlich Helm, Panzer, zweihändiges Schwert und Dolch führe. Auch zählten sie beide Schaaren, und groß war der Schrecken des Volkes, als der Graf von Errol die Hand emporhielt und rief: – »Ho! – der Kampf kann nicht beginnen, denn dem Clan Chattan fehlt ein Mann.«
»Was thut das?« sagte der junge Graf von Crawford; »sie hätten besser zählen sollen, ehe sie von Hause gingen.«
Der Graf Marschall stimmte indeß dem Connetable bei, daß das Gefecht nicht vor sich gehen könne, bis die Ungleichheit beseitigt sei, und allgemein regte sich die Besorgniß unter der versammelten Menge, daß nach all' den Zurüstungen kein Kampf stattfinden werde.
Von allen Anwesenden waren vielleicht nur Zwei, die sich bei der Aussicht, daß der Kampf vertagt werden solle, freuten; und diese waren der Häuptling des Clans Quhele und der weichherzige König Robert. Inzwischen begegneten sich die beiden Häuptlinge, jeder von einem besondern Freund und Rathgeber begleitet, in der Mitte des Platzes, während ihnen in der Berathung, was zu thun sei, der Graf Marschall, der Lord Großconnetable, der Graf Crawford und Sir Patrick Charteris beistanden. Der Häuptling des Clans Chattan erklärte, daß er gern und willig auf der Stelle kämpfen wolle, ohne Rücksicht auf die ungleiche Zahl.
»Das,« sagte Torquil von der Eiche, »wird der Clan Quhele nimmer zugeben. Ihr könnt nimmer bei uns Ehre gewinnen mit dem Schwerte, und sucht nur eine Ausflucht, um, wenn ihr geschlagen seid (was geschehen wird, wie ihr wißt), sagen zu können, dies sei wegen der kleinen Zahl geschehen. Aber ich thue einen Vorschlag – Ferquhard Day war der Jüngste eurer Schaar, Eachin Mac Jan ist der Jüngste der Unsern – wir wollen ihn für den Mann weglassen, der dem Kampfe entflohen ist.«
»Ein höchst unbilliger und ungerechter Vorschlag,« rief Toshach Beg, der Secundant, wie man ihn nennen konnte, Mac Gillie Chattanachs. »Das Leben des Häuptlings ist für den Clan der Lebensodem, und nimmer dulden wir, daß unser Häuptling den Gefahren ausgesetzt werde, welche der Häuptling des Claus Quhele nicht theilt.«
Torquil sah mit großer Besorgniß, daß sein Plan scheitern wollte, als man diesen Einwand gegen Hektors Wegbleiben aus dem Kampfe machte; und er sann nach, wie sich sein Vorschlag unterstützen ließe, als sich Eachin selbst einmischte. Seine Furchtsamkeit war, wie man bemerken muß, nicht von der schmutzigen und selbstsüchtigen Art, die diejenigen, welche von ihr angesteckt sind, ruhig der Schande sich unterziehen läßt, ehe sie sich in Gefahr wagen. Er war im Gegentheil von moralischem Muthe beseelt, aber durch körperliche Anlage feig, und die Scham, den Kampf zu meiden, war in dem Augenblicke mächtiger, als die Furcht vor demselben.
»Ich will,« sagte er, »nichts von einem Plane hören, der während des glorreichen Kampfes dieses Tages mein Schwert ruhig in der Scheide läßt. Wenn ich jung in Waffen bin, so sind genug tapfere Männer um mich, denen ich nachahmen kann, wenn ich ihnen nicht gleichzukommen vermag.«
Er sprach diese Worte mit einem Feuer, das auf Torquil und vielleicht auf den jungen Häuptling selbst Eindruck machte.
»Nun, Gott segne dein edles Herz,« sagte der Pflegevater zu sich selbst. »Ich wußte gewiß, daß der schnöde Zauber gebrochen werden würde, und daß der träge Geist, der ihn gefangen hielt, beim Klange der Pfeife und beim ersten Wehen des Brattach weichen müßte!«
»Hört mich, Lord Marschall,« sagte der Connetable. »Die Stunde des Kampfes kann nicht länger verschoben werden, denn es ist hoch am Mittag. Laßt den Häuptling des Clan Chattan die übrige halbe Stunde nützen, um einen Vertreter für seinen Flüchtling zu finden; kann er's nicht, so mögen sie fechten, wie sie dasteh'n.«
»Ich bin's zufrieden,« sagte der Marschall, »wiewohl, da Keiner von seinem eigenen Clan näher als fünfzig Meilen ist, ich nicht einsehe, wie Mac Gillie Chattanach einen Helfer finden soll.«
»Das ist seine Sache,« sagte der Großconnetable; »aber wenn er einen hohen Lohn bietet, so gibt's genug rüstige Yeomen um die Schranken, die froh sein werden, ihre Glieder in einem solchen Kampfspiel zu regen. Ich selber, wenn Stand und Amt es erlaubten, würde gern unter diesen wilden Burschen fechten, und es mir zur Ehre anrechnen.«
Sie theilten ihre Entscheidung den Hochländern mit, und der Häuptling des Clans Chattan erwiderte: »Ihr habt unparteiisch und edel geurtheilt, Mylord, und ich halte mich für verpflichtet, Eurer Weisung zu folgen. – So macht bekannt, Herolde, daß wenn Einer an den Ehren und Schicksalen des Clans Chattan heute Theil nehmen will, er sofort eine Goldkrone erhalten und die Freiheit haben soll, bis auf den Tod in meinen Reihen zu fechten.«
»Ihr seid etwas karg mit Eurem Schatze, Häuptling,« sagte der Graf Marschall; »eine Goldkrone ist ein geringer Lohn für einen solchen Kampf.«
»Wenn Jemand da ist, der um Ehre fechten will,« erwiderte Mac Gillie Chattanach, »so ist der Preis hoch genug; und ich kann den Dienst eines Kerls nicht brauchen, der sein Schwert allein für Gold zieht.«