Mac Louis stürzte mit Mehreren von der Leibwache in's Gemach.
»Mord und Verrath!« rief der arme König. »Brandanen, euer edler Prinz –« hier unterbrachen Schmerz und Zorn auf einen Augenblick die schreckliche Kunde, die er machen wollte. Endlich fand er die gehemmte Sprache wieder – »sogleich eine Axt und einen Block in den Hof! – Verhaftet« – das Wort erstarb ihm, während er sprechen wollte.
»Wen verhaften, mein edler König?« – sagte Mac Louis, der, bemerkend, daß der König von einer heftigen Leidenschaft ergriffen war, wie sie der Sanftmuth seines gewöhnlichen Benehmens fremd war, fast vermuthete, sein Hirn sei durch die ungewöhnlichen Schrecken des gesehenen Kampfes verwirrt worden, – »wen soll ich verhaften, mein König?« sagte er. »Hier ist Niemand, außer Eurer Majestät königlicher Bruder von Albany.«
»Ja wohl,« sagte der König, dessen kurzer Anfall rachgierigen Zornes bald schwand. »Ja wohl, Niemand als Albany – Niemand, außer meiner Eltern Kind – Niemand, als mein Bruder. – O Gott! mache mich fähig, die sündige Leidenschaft zu ersticken, die in diesem Busen glüht – Sancta Maria! ora pro nobis!«
Mac Louis warf einen Blick der Verwunderung auf den Herzog von Albany, der sich bemühte, seine Verwirrung unter dem Scheine tiefen Mitleids zu verbergen und dem Offizier zuflüsterte:
»Das große Unglück war zu gewaltig für seinen Verstand.«
»Welches Unglück, ich bitt' Eure Hoheit?« erwiderte Mac Louis. »Ich habe von keinem gehört.«
»Wie? – nichts gehört vom Tode meines Neffen Rothsay?«
»Der Herzog von Rothsay todt, Mylord von Albany?« rief der treue Brandane mit dem höchsten Schrecken und Entsetzen. – »Wann, wie und wo?«
»Vor zwei Tagen – das Wie ist unbekannt – zu Falkland.«
Mac Louis starrte den Herzog einen Augenblick an; dann sagte er mit glühendem Auge und entschlossener Miene zum König, der tief in Andacht versunken schien: – »Mein König, vor wenig Minuten ließt Ihr ein Wort – ein einzig Wort – unausgesprochen. Laßt es über Eure Lippen gehen, und Euer Wille ist Gesetz für Eure Brandanen!«
»Ich betete gegen Versuchung, Mac Louis,« sagte der König gebrochenen Herzens, »und Ihr bringt sie mir wieder. Wollt Ihr einen Wahnsinnigen mit einem bloßen Schwert bewaffnen? Aber o! Albany! mein Freund, mein Bruder, mein Herzensberather! – wie, wie konntest du das über's Herz bringen?«
Albany, welcher sah, daß des Königs Stimmung milder war, erwiderte mit mehr Festigkeit als vorher: – »Mein Schloß hat keine Wehr gegen die Macht des Todes – ich habe nicht den schnöden Verdacht verdient, den Eurer Majestät Worte enthalten. Ich verzeihe ihn dem Schmerz eines verwaisten Vaters. Aber ich bin bereit, bei Kreuz und Altar zu schwören – bei meinem Theil an der Erlösung, bei den Seelen unsrer königlichen Eltern –«
»Sei still, Robert,« sagte der König; »füge nicht Meineid zum Mord. – Und geschah dies Alles, um der Krone und dem Scepter einen Schritt näher zu kommen? Nimm sie sogleich, Mensch; und magst du fühlen, wie ich es fühlte, daß sie von glühendem Eisen sind! – O! Rothsay, Rothsay! Du entgingst zum wenigsten dem Loose, ein König zu sein!«
»Mein König!« sagte Mac Louis, »laßt mich Euch erinnern, daß Krone und Scepter Schottlands, sobald Eure Majestät aufhört sie zu tragen, dem Rechte Prinz Jakobs gebühren, welcher seines Bruders Rechte erbt.«
»Ja, Mac Louis,« sagte der König hastig, »und auch seines Bruders Gefahren wird das arme Kind erben! Dank, Mac Louis, Dank – Ihr habt mich erinnert, daß ich noch auf Erden zu thun habe. Laß deine Brandanen unter die Waffen treten, so schnell du kannst. Laß keinen Menschen zu uns, dessen Treue dir nicht bekannt ist. Keinen besonders, der mit dem Herzog von Albany verkehrt hat – diesen Mann mein' ich, der sich meinen Bruder nennt! Laß sogleich meine Sänfte bereit halten. Wir wollen nach Dunbarton, Mac Louis, oder nach Bute. Abhänge, Wogen und meine Brandanenherzen sollen das Kind vertheidigen, bis wir Meere zwischen dasselbe und seines grausamen Oheims Ehrgeiz bringen können. – Lebe wohl, Robert von Albany – lebe wohl für immer, du hartherziger, blutiger Mann. Genieße den Theil der Gewalt, den dir Douglas gestatten mag. – Aber suche nicht mein Angesicht wiederzusehen, noch weniger, dich meinem noch übrigen Kinde zu nähern! Denn zur Stunde, wo du das thust, haben meine Wachen Befehl, dich mit ihren Partisanen niederzuschlagen! – Mac Louis, sorge, daß diese Weisung gegeben wird.«
Der Herzog von Albany verließ das Gemach, ohne weitere Entschuldigung und Antwort zu versuchen.
Was folgt, ist Gegenstand der Geschichte. Im nächsten Parlament bewog der Herzog von Albany diese Versammlung, ihn für unschuldig am Tode Rothsay's zu erklären, während er zu gleicher Zeit sein Schuldbewußtsein dadurch zeigte, daß er Ablaß oder Verzeihung für dieses Vergehen annahm. Der unglückliche und bejahrte König verschloß sich in sein Schloß Rothsay in Bute, um den verlorenen Sohn zu betrauern und mit fieberhafter Aengstlichkeit über das Leben des ihm gebliebenen zu wachen. Als die beste Maßregel für des jungen Jakobs Sicherheit schickte er ihn nach Frankreich, um ihn am dortigen Hofe erziehen zu lassen. Aber das Fahrzeug, auf dem der Prinz von Schottland absegelte, wurde von einem englischen Kreuzer genommen, und obgleich zwischen beiden Königreichen Friede war, hielt ihn doch Heinrich IV. unedler Weise gefangen. Dieser letzte Schlag brach dem unglücklichen König Robert III. gänzlich das Herz. Die Rache folgte, wenn gleich langsamen Schrittes, der Verrätherei und Grausamkeit seines Bruders. Robert von Albany's eignes graues Haar ging zwar in Frieden zu Grabe, und er übertrug seine schlecht erworbene Regentschaft seinem Sohne Murdoch; aber neunzehn Jahre nach dem Tode des alten Königs kehrte Jakob I. nach Schottland zurück, und Herzog Murdoch von Albany ward mit seinen Söhnen auf's Schaffot geführt, um seines Vaters Schuld und seine eigene zu sühnen.
Sechsunddreißigstes Kapitel
Ein ehrlich Herz, in welchem ruht
Betrug und Falschheit nimmer,
Hat, trotz des Glückes Wankelmut,
Doch Grund zu lächeln immer.
Burns.
Wir kehren nun zu dem schönen Mädchen von Perth zurück, die von der schrecklichen Scene in Falkland auf Douglas' Befehl fortgeschickt worden war, um unter den Schutz seiner Tochter, der nun verwittweten Herzogin von Rothsay, gestellt zu werden. Dieser Dame einstweilige Residenz war ein frommes Haus, genannt Campsie, dessen Ruinen noch eine malerische Lage am Tay einnehmen. Es erhob sich auf dem Gipfel eines steilen Felsens, der sich an dem fürstlichen Strome hinabsenkt, wo dieser besonders merkwürdig ist durch den Wasserfall, genannt Campsie Linn, dessen Fluthen hier stürmisch über eine Reihe Basaltfelsen stürzen, die den Strom hemmen, gleich einem von Menschenhänden errichteten Damm. Entzückt von einer so romantischen Stelle, führten die Mönche der Abtei Cupar hier ein Gebäude auf, einem unbekannten Heiligen, Namens Hunnand, geweiht, und sie pflegten sich zur Erholung oder Andacht hierher zurückzuziehen. Es hatte seine Pforten bereits geöffnet, um die edle Dame aufzunehmen, die jetzt seine Bewohnerin war, als sich das Land unter der Gewalt des mächtigen Lord Drummond, Douglas' Bundesgenossen, befand. Hier wurden des Grafen Briefe der Herzogin von dem Anführer der Schutzwache übergeben, die Katharinen und die Sängerin nach Campsie begleitet hatte. So viel sie auch Grund haben mochte, sich über Rothsay zu beklagen, sein furchtbares, unerwartetes Ende erschütterte die edle Lady tief und sie brachte die Nacht größtentheils damit zu, daß sie ihrem Schmerze nachhing und im Gebete lag. Am nächsten Morgen, dem des denkwürdigen Palmsonntags, ließ sie Katharina Glover und die Sängerin vor sich kommen. Der Muth der beiden jungen Mädchen war sehr gesunken und erschüttert durch die schrecklichen Auftritte, in welche sie jüngst verwickelt gewesen, und die äußere Erscheinung der Herzogin Marjory war, gleich der ihres Vaters, mehr geeignet, Furcht einzuflößen, als Vertrauen. Sie sprach trotz ihres Schmerzes freundlich, und erfuhr von Jenen Alles, was sie in Bezug auf das Schicksal ihres verirrten, unbesonnenen Gemahls zu erzählen hatten. Sie schien dankbar für Katharinens und der Sängerin gefahrvolle Bemühungen, Rothsay von seinem entsetzlichen Schicksal zu retten. Sie lud sie zur Theilnahme an ihrem Gebet ein, und um die Zeit des Mittagsmahles bot sie Beiden ihre Hand zum Kuß und überließ sie ihrer eigenen Erholung mit der Versicherung ihres wirksamen Schutzes, besonders für Katharinen, der, wie sie sagte, auch ihres Vaters Schutz mit einschlöße, und eine Mauer für Beide sein würde, so lange sie selbst lebte.