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Eine andere, wunderbarere Sage deutet an, daß er vom Daione-Shie oder Feen-Volke dem Tode entrissen ward, und daß er nun noch immer durch Wald und Wildniß wandert, bewaffnet wie ein alter Hochländer, das Schwert aber in der linken Hand tragend. Das Gespenst zeigt sich stets in tiefem Gram. Bisweilen scheint er im Begriff, den Reisenden anzufallen, flieht aber stets, wenn man ihm muthig entgegentritt. Diese Sagen gründen sich auf zwei besondere Punkte in seiner Geschichte – seine erwiesene Furchtsamkeit und seinen Selbstmord; beides Umstände, die in der Geschichte eines Hochländerhäuptlings fast ohne Beispiel sind.

Nachdem Simon Glover dafür gesorgt, daß sein Freund Harry in seinem eigenen Hause in Curfewstreet gehörige Pflege fand, langte er am nämlichen Abend zu Campside an und fand seine Tochter sehr fieberkrank in Folge der Auftritte, die sie jüngst erlebt hatte, und besonders des Endes ihres ehmaligen Spielgenossen. Die Zuneigung der Sängerin machte diese zu einer so aufmerksamen und sorglichen Pflegerin, daß der Handschuhmacher sagte: es solle nicht seine Schuld sein, wenn sie je die Laute wieder berührte, außer zu ihrem eigenen Vergnügen.

Es währte einige Zeit, ehe Simon wagte, seiner Tochter von Harry's letztem Streit und seinen schweren Wunden zu sagen, und er nützte möglichst den vortheilhaften Umstand, daß ihr treuer Liebhaber Ehre und Reichthum zurückgewiesen habe, um kein Kriegsmann von Profession zu werden und Douglas zu folgen. Katharina seufzte tief und schüttelte das Haupt über die Geschichte des blutigen Palmsonntags auf dem nördlichen Anger. Offenbar aber hatte sie erwogen, daß die Menschen selten in Civilisation und Verfeinerung den Begriffen ihrer eigenen Zeit vorschreiten, und daß ein kühner und ausschweifender Muth, wie der Harry Schmieds, in den eisernen Tagen, in welchen sie lebte, der Schwäche vorzuziehen sei, welche Conachars unglückliches Ende herbeiführte. Wenn sie noch irgend Bedenklichkeiten bei der Sache hatte, so wurden sie bei Zeiten durch Harry's Berichtigungen beseitigt, sobald die hergestellte Gesundheit ihn fähig machte, seine eigene Sache zu vertreten.

»Ich sollte erröthen, zu gestehen, Katharina, daß der Gedanke an Kampf mich krank macht. Jenes letzte Schlachtfeld zeigte Metzelei genug, um einen Tiger zu befriedigen. Daher bin ich entschlossen, mein Schlachtschwert aufzuhängen und es nie wieder zu ziehen, außer gegen die Feinde Schottlands.«

»Und sollt' es Schottland verlangen,« sagte Katharina, »so will ich dir's umschnallen.«

»Und Katharina,« sagte der freudige Handschuhmacher, »wir wollen reichlich Seelenmessen für die bezahlen, welche durch Harry's Schwert gefallen sind; das wird nicht nur Geisterspuk verhüten, sondern uns auch wieder mit der Kirche befreunden.«

»Zu diesem Zweck, Vater,« sagte Katharina, »können die Schätze des elenden Dwining verwendet werden. Er hat sie mir vermacht, aber ich denke, Ihr möchtet sein schnödes Blutgeld nicht mit unserm ehrlich Erworbenen mischen.«

»Ebenso gern möcht' ich die Pest in mein Haus bringen,« sagte der entschlossene Handschuhmacher.

Die Schätze des bösen Apothekers wurden daher unter die vier Klöster vertheilt, und nie fand wieder ein leiser Verdacht Statt hinsichtlich der Rechtgläubigkeit des alten Simon oder seiner Tochter.

Harry und Katharina wurden vier Monate nach der Schlacht auf dem Nordanger verbunden, und nie führten die Innungen der Handschuhmacher und Schmiede ihren Schwerttanz so stattlich auf, als bei der Hochzeit des kühnsten Bürgers und des schönsten Mädchens von Perth. Zehn Monden später füllte ein munteres Kind die wohlbereitete Wiege und Louise wiegte es nach der Weise:

Treu und voll Muth.

Mit blauem Hut.

Die Namen der Pathen des Kindes sind aufbewahrt, nämlich »Ein hoch und mächtiger Lord, Archibald Grav von Douglas, Ein edel und frommer Ritter, Herr Patrick Charteris von Kinfauns, und Eine gnädige Prinzessin, Marjory, Wittib des erlauchten Herren David, weiland Herzogen von Rothsay.« Unter solcher Gönnerschaft hebt sich eine Familie schnell, und mehrere der geachtetsten Häuser in Schottland, besonders aber in Perthshire, und viele Männer, ausgezeichnet in Künsten und Waffen, erinnern sich mit Stolz ihrer Herkunft von dem Gow Chrom und dem

schönen Mädchen von Perth.

Anna von Geierstein

oder

Das Nebelmädchen

Roman aus den schweizerischen Bauernkriegen

Band 1 und 2

Übersetzt von Erich Walter

Anne of Geierstein

or The Maiden of the Mist.

Edinburgh 1829

Erster Band.

Erstes Kapitel

Fast vier Jahrhunderte mögen seit den Geschehnissen, die in folgenden Kapiteln erzählt werden sollen, verflossen sein. Die Aktenstücke, in welchen sich die Grundzüge der Geschichte vorfanden und die ihr zugleich als Beweis der Wahrhaftigkeit dienen dürften, wurden lange Zeit in der prächtigen Bibliothek des Klosters zu St. Gallen aufbewahrt, gingen jedoch, gleich mehreren anderen Schätzen dieses Gebäudes, verloren, als das Kloster von den französischen Revolutionsarmeeen geplündert wurde. Die Begebenheiten fallen, zufolge geschichtlicher Daten, in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, jener wichtigen Periode, wo das Rittertum, das seinem baldigen Erlöschen, und zwar in etlichen Gegenden durch die Einrichtung freier Verfassungen, in anderen durch Feststellung monarchischer Gewalt, nahe war, vorm Untergang ein letztes Mal aufblühte.

Die Bewunderung und Aufmerksamkeit der Mitwelt wurde zum ersten Male um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts auf die Schweiz gelenkt, als sich das Gerücht von schweren Gefechten verbreitete, in denen die deutsche Ritterschaft, bemüht, einen Aufstand ihrer in den Alpengegenden wohnenden Untertanen zu beschwichtigen, wiederholte und blutige Niederlagen hatte erleiden müssen, obgleich Ueberzahl, Manneszucht und der Vorteil vollkommener kriegerischer Rüstung auf ihrer Seite gewesen war. Mächtig erstaunte man, daß Reiterscharen, die den wesentlichsten Teil der damaligen Kriegsheere ausmachten, von Fußvolk vernichtet wurden, daß Männer, von oben bis unten in Stahl gehüllt, von Leuten überwältigt wurden, die höchst regellos nur mit Piken, Hellebarden und Keulen versehen waren; vor allem aber wollte es ein Wunder bedünken, daß Ritter und Herren von Bauern und Hirten in die Flucht gejagt worden waren.

Obgleich nun die entscheidenden Siege, durch welche die Schweizerlande ihre Freiheit errangen, und der Geist der Entschlossenheit und Einsicht, mit der die Glieder der kleinen Verbindung sich gegen die Gewaltmaßregeln Österreichs behauptet hatten, weit durch alle Nachbarländer den Ruhm der Schweizer verbreiteten, obgleich diese Schweizer selbst recht wohl die Macht erkannten, die sie durch ihre wiederholten Siege errungen hatten, so verblieben sie dennoch bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts und später noch im hohen Grade bei der Weisheit, Mäßigung und Einfachheit ihrer uralten Sitten, und dies in solchem Maße, daß diejenigen, denen die Führung der Truppen des Freistaates zur Kriegszeit vertraut wurde, gewöhnlich den Hirtenstab wieder ergriffen, wenn sie das Schlachtschwert ablegten, und gleich den römischen Feldherren von der Höhe, auf die ihre eigene Fähigkeit und die Aufforderung ihrer LandsIeute sie gestellt hatte, in den gleichen Stand wie ihre Mitbürger zurückkehrten.

So also beginnt um die Zeit des Herbstes im Jahre 1474 unsere Erzählung in den Waldkantonen des Schweizerlandes.