Zwei Reisende, von denen der eine schon bedeutend über die Blütezeit hinaus war, der andere etwa zwei- oder dreiundzwanzig Jahre alt sein mochte, hatten die Nacht im Städtchen Luzern, dem Hauptorte des Ländchens gleichen Namens, zugebracht, das in einer lieblichen Gegend am Vierwaldstädtersee liegt. Ihrer Kleidung und ihrem Wesen nach schienen sie Kaufleute höherer Klasse zu sein, und indem sie zu Fuße reisten, weil die Beschaffenheit des Landes diese Art zu reisen als die bequemste anempfahl, folgte ihnen ein junger Bauernbursche, von der italienischen Alpenseite her gebürtig, mit einem Maultiere, das er bisweilen bestieg, öfter jedoch am Zügel führte.
Die Reisenden hatten ein ungewöhnlich freundliches Ansehen und schienen sehr nahe miteinander verwandt zu sein. Wahrscheinlich waren sie Vater und Sohn; denn in der kleinen Herberge, wo sie am Abend vorher übernachtet hatten, war die Ehrfurcht und Hochachtung, die der jüngere dem älteren erwies, den Eingeborenen nicht entgangen, die, gleich andern in Einsamkeit lebenden Leuten, um so neugieriger waren, als es ihnen an Mitteln gebrach, sich Welt- und Menschenkenntnis zu verschaffen. Auch bemerkten sie, daß die Kaufleute, unter dem Vorwande, Eile zu haben, ihre Warenballen nicht öffnen wollten, auch keine Lust bezeigten, Handel mit den Luzernern zu treiben, indem sie behaupteten, daß sie keine Artikel führten, die sich für den dortigen Markt schickten.
Indessen hatte der junge Bursche, der sie begleitete, verlauten lassen, die Reisenden kämen aus Venedig und hätten dort große Ankäufe von jenen Waren gemacht, wie sie aus Indien und Aegypten nach diesem berühmten Stapelort, dem gemeinschaftlichen Markt des Abendlandes, gebracht wurden und von dort nach allen Gegenden Europas weitergingen. Endlich hatten die Schweizermädchen seit kurzem die Entdeckung gemacht, wie Putzsachen und Edelsteine gar lieblich anzuschauen sind, und obgleich ihnen keine Hoffnung blühte, sich dergleichen Schmuck und Herrlichkeiten anzueignen, so waren sie doch sehr begierig, den reichen Vorrat unserer Wanderer zu betrachten und zu betasten, und waren nun nicht wenig ärgerlich, daß ihnen dies Vergnügen versagt war.
Ferner war die Neugier der Landeseinwohner durch den Umstand rege gemacht, daß die beiden Wanderer in einer Sprache miteinander redeten, die zuverlässig weder Deutsch noch Italienisch, noch Französisch war, sondern von der ein alter Mann, der in der Schenke diente und einst Paris gesehen hatte, mutmaßte, daß sie die Sprache der Engländer wäre, eines Volkes, von dem man nichts weiter wußte, als daß es einen kühnen Insulanerstamm bildete, der viele Jahre hindurch Krieg mit Frankreich führte und von dem einst eine starke Truppe die Waldstätte überfiel und im Tale Rußwyl eine gewaltige Niederlage erlitt, deren sich eisgraue Männer in Luzern, auf welche die Sage von den Vorvätern übergegangen war, noch recht wohl erinnern wollten.
In dem Burschen, der den Führer der Fremden abgab, erkannte man bald einen Jüngling aus dem Graubündnerlande, der, so gut seine Kenntnisse der Gebirgsgegend es ihm gestattete, sein Amt bei unsern Reisenden verwaltete. Er sagte, daß seine Gebieter die Absicht hätten, nach Basel zu gehen, daß sie jedoch zu wünschen schienen, auf Umwegen und wenig besuchten Straßen dorthin zu gelangen.
Alle diese eben mitgeteilten Umstände erhöhten das allgemeine Verlangen, mehr von den Reisenden und deren Handelswaren zu erforschen. Dennoch ward kein Warenballen aufgeschnürt, und die Handelsmänner verließen am andern Morgen Luzern und setzten ihre beschwerliche Reise fort, indem sie durch fast wegloses Gelände zogen, um jede Begegnung mit räuberischen Rittern zu vermeiden, die nach Gefallen Krieg führten und mit aller Frechheit kleinlicher Tyrannei Zölle und Abgaben allen denen auferlegten, die auf eine Meile Wegesbreite sich ihren Besitzungen nahten.
Nachdem die Reisenden Luzern verlassen hatten, wanderten sie vier Stunden lang glücklich weiter. Wie abschüssig und gefahrvoll der Weg auch sein mochte, so wurde er ihnen doch durch alle die herrlichen Naturbilder angenehm gemacht, an denen die Schweiz einen so verschwenderischen Reichtum hat: Felspässe, grünende Täler, breite Seen und rauschende Waldströme, alles überragt vom blendendweißen Hermelin der himmelhohen Gletscher.
Unsere Handelsmänner betrachteten halb mit Schrecken, halb mit Staunen die erhabene Natur ringsum. Ihre Straße führte am Ufer des Sees hin, und zwar bisweilen eben hart am Wasser, bisweilen stieg sie bis zum Kamm des Gebirges an, und wand sich an dem Rand von Abgründen hin, die in das Wasser so steil und schroff hinabschauten, wie die Mauer eines Schlosses sich an dem Graben hinaufzieht, der ihr zur Schutzwehr dient. Ein anderes Mal schritten sie durch eine Gegend von milderem Charakter, erblickten liebliche, grünende Anhöhen und tief ruhende Täler, wo Weiden, urbare Felder und Ortschaften lagen, die aus hölzernen Hütten und einer kleinen Kirche mit abenteuerlichem Turme bestanden.
»Arthur,« sagte der Aeltere der Wanderer, als beide, wie auf Verabredung, still standen, um eine der soeben beschriebenen Szenen zu betrachten: »Arthur, dieser Bach gleicht dem Leben eines guten und glücklichen Menschen.«
»Und der Wassersturz,« entgegnete Arthur, »der sich von jener fernen Höhe herab ergießt und seinen Lauf durch einen Streifen weißen Schaumes bezeichnet, wem mag er gleichen?«
»Dem Leben eines wackeren und unglücklichen Mannes,« versetzte der Vater,
»So sei der Wassersturz das Bild meines Lebens,« sprach Arthur, »ein kühner Strom, den menschliche Gewalt nicht dämmen kann; mag dann sein Lauf ebenso kurz wie rühmlich sein!«
»Das ist eines Jünglings Gedanke,« entgegnete der Vater, »doch weiß ich es gar wohl, er ist so tief in Deinem Herzen eingewurzelt, daß nichts als die rauhe Hand des Mißgeschickes ihn wird ausrotten können. Lerne, daß bis zur Mitte des zurückzulegenden Lebens die Menschen kaum wissen, wahres Glück von Mißgeschick zu unterscheiden, oder vielmehr, daß sie das als Gaben des Glückes begrüßen, was sie mit größerem Rechte als Kennzeichen ihres Unglückes wahrnehmen sollten. Schau hin zu jenem Berge, der auf seiner gerunzelten Stirn eine Krone von Wolken trägt, die sich im Sonnenschein bald erhebt, bald wieder senkt. Ein Kind mag diese Wolke für eine Krone des Ruhmes ansehen, ein Mann erkennt in ihr das Vorzeichen nahen Sturmes.«
Arthur folgte der Richtung des Blickes seines Vaters nach der dunklen und beschatteten Höhe des Pilatusberges.
»Ist denn der Nebel auf jenem wilden Berge so prophetischer Art?« fragte der Jüngling.
»Lege diese Frage dem Antonio vor,« war des Vaters Antwort; »er wird Dir die Legende erzählen.«
Der Bub bekreuzte sich andächtig und erzählte die Volkssage vom Tode des gottlosen Statthalters von Judäa: wie er sich, nachdem er jahrelang in den Schluchten des nach ihm benannten Berges zugebracht, endlich mehr aus Verzweiflung als Reue in den trüben tiefen See auf dem Gipfel des Berges gestürzt hätte. Ob nun das Wasser sich weigerte, das Henkeramt an dem Elenden zu vollziehen, oder ob er wirklich ertrunken sei und seitdem als Gespenst den Ort unheimlich machte, wo er seinen Selbstmord verübte: das wagte Antonio nicht zu entscheiden. Allein oft, erzählte der Bursche, sei eine Gestalt zu sehen, die aus dem trüben Gewässer aufzutauchen und die Gebärden eines Menschen zu machen schiene, der sich die Hände wüsche; und dann sammelten sich sofort dunkle Nebelwolken um das Bett des Höllensees (so heißt das Wasser von Alters her), hüllten den ganzen obern Teil des Berges in Dunkelheit und weissagten einen Orkan, der auch sicherlich jedesmal nach kurzer Frist erfolgte.
Antonio bekreuzte sich nochmals, und seine Zuhörer, die beide zu gute Katholiken waren, als daß sie den geringsten Zweifel in die Wahrheit seiner Erzählung hätten setzen sollen, taten das gleiche.
Man sah an den rauhen Wänden des Berges dicke Wolken von Nebel sich herabwälzen, die durch die gähnenden Spalten hinrollten und dem rauschenden Lavastrom glichen, der am Rücken eines Vulkanes zu Tage quillt. Die schroffen Ueberhänge jener Klüfte zeigten ihre spitzen und rauhen Ecken über dem Qualme, gleichsam als teilten sie den herabwallenden Nebelstrom, der zwischen ihnen hinwogte. Als schneidender Gegensatz zu diesem düstern und dräuenden Gebilde erglänzte der Rücken des Rigi in aller Pracht des herbstlichen Sonnenscheins,