Während die Reisenden diesen überraschenden Kontrast beobachteten, der gleichsam einen herannahenden Kampf zwischen Licht und Finsternis verkündete, ermahnte ihr Führer sie in seinem aus italienischen und deutschen Brocken zusammengeworfenen Kauderwelsch zur Eile. Das Dorf, in das er sie führen wolle, sei noch weit entfernt, der Weg schlecht, und falls der Böse (wobei er mit dem Zeichen des Kreuzes auf den Pilatusberg wies), seine Finsternis auf das Tal herabsenken würde, sogar gefährlich. Die also angetriebenen Reisenden rückten entschlossen die Mütze in die Stirn, zogen die Schnalle des Gürtels fester, der ihr Gewand zusammenhielt, und setzten, in der Hand den mit einer Eisenpike versehenen Gebirgsstecken, ihre Wanderung mit unermüdetem Eifer und furchtlosem Herzen fort.
»Ich möchte,« sagte der Aeltere nach einer Weile, »wir besäßen jene geheimnisvolle Nadel, von der die Seefahrer erzählen. Ihre Spitze soll sich ewig nach Norden wenden und sie in den Stand setzen, auf dem Wasser auch dann ihre Bahn zu halten, wenn weder ein Vorgebirge, noch eine Landzunge, weder Sonne, noch Mond, noch Steine, noch irgend ein Zeichen am Himmel und auf Erden ihnen sagt, wohin sie steuern sollen.«
»Diese Nadel würde uns hier in den Bergen schwerlich von Nutzen sein,« antwortete der Jüngling, »denn wie wundersam sie auch ihre Spitze gegen den nördlichen Polarstern wenden möge, sobald sie, wie auf dem Meere, auf ebener Fläche ruht, so läßt es sich doch nicht denken, daß sie das auch hier tun würde, wo diese ungeheuren Berge sich gleich Mauern zwischen die Stahlspitze und das Gestirn lagern, nach welchem sie hinstrebt.«
»Ich befürchte,« fuhr der Vater fort, »unser Führer, der von der Stunde an, wo er sein mütterliches Tal verließ, immer einfältiger geworden ist, wird uns auch nicht mehr viel nützen können. Kannst Du mir sagen, mein Bursch,« fügte er hinzu, indem er Antonio in schlechtem Italienisch anredete, »ob wir auf rechtem Wege sind?«
»So es dem heiligen Antonius gefällt!« sprach der Führer, der offenbar viel zu bestürzt war, als daß er die Frage hätte geradezu beantworten können.
»Und jenes halb mit Nebel überzogene Gewässer, das am Fuße dieses greulichen Abhanges durch den Dunst blickt, ist es noch ein Teil des Sees von Luzern, oder sind wir zu einem andern Gewässer gelangt, seit wir die letzte Höhe hinabstiegen?« Antonius konnte nichts Gewisses darüber angeben.
»Hund von einem Italiener!« rief der jüngere Reisende, »Du verdienst, daß man Dir die Knochen zerschlägt, weil Du ein Amt übernahmst, das Du nicht ausführen kannst.«
»Ruhig, Arthur,« sagte der Vater, »wenn Du den Jungen erschreckst, so rennt er von dannen, und wir verlieren auch den geringen Vorteil, den uns seine etwaige Kenntnis der Gegend noch gewähren könnte. Komm her zu mir, mein Bursch,« fuhr er dann in seinem kümmerlichen Italienisch fort, »erschrick nicht vor dem heftigen Jüngling, dem ich nicht gestatten werde, daß er Dich beleidige; aber nenne mir, so Du kannst, die Namen der Dörfer, durch welche wir auf unserer heutigen Wanderung ziehen.«
Die sanfte Redeweise des älteren Reisenden machte dem Burschen neuen Mut. Er war nicht wenig über den barschen Ton und die dräuenden Ausdrücke des jüngeren Gefährten erschrocken. Nun sagte er, in seinem schwerfälligem Idiom einen Schwall von Namen her, in denen die deutschen Gaumenlaute sich seltsam mit den zarten Vokalklängen der italienischen mischten. Der Reisende vermochte jedoch aus seiner Antwort nicht klug zu werden, so daß er schließlich ungeduldig ausrief: »So führe uns im Namen der heiligen Mutter oder des heiligen Antonius, wenn Dir das lieber ist; wir verlieren, wie ich sehe, nur Zeit bei dem müßigen Versuche, uns einander verständlich zu machen.«
So schritten sie denn abermals weiter, wie bisher, jedoch mit dem Unterschiede, daß der Führer, der das Maultier lenkte, jetzt voranging und die beiden ihm folgten, nachdem sie sonst sich den Weg durch Zuruf von dem hinter ihnen kommenden Jungen hatten zeigen lassen. Mittlerweile verdickten die Wolken sich mehr und mehr, und der Nebel, der anfangs dünner Dunst gewesen war, begann jetzt in Gestalt großer Regentropfen herabzufallen, die sich wie Tau an die Mäntel der Reisenden hängten. Fernher rasselnde und heulende Töne dröhnten von den Bergen herüber.
Als sie so etwa drei oder vier Meilen weiter gegangen waren, die ihnen, so aufs Geratewohl zurückgelegt, noch länger vorkamen, gerieten sie endlich in einen Engpaß, der sich am Rande eines Abgrundes hinstreckte. Unten floß Wasser, jedoch war nicht zu erkennen, ob es ein Bach, ein Fluß oder ein See war.
Bisher war der Pfad, so steil und rauh er war, doch immer deutlich sichtbar gewesen, hatte auch Spuren von Reitern und Fußgängern gezeigt. Jetzt aber, als Antonio mit dem Maultiere eine vorragende Höhe, um deren Gipfel herum der Weg eine scharfe Krümmung bildete, erreicht hatte, stand der Bursch plötzlich still, indem er sich mit dem ihm eigenen Ausruf an seinen Schutzheiligen wendete.
Es wollte Arthur bedünken, als teilte das Maultier den Schrecken seines Führers; denn es sträubte sich, stemmte seine Vorderfüße gespreizt auf den Boden und schien durch diese Stellung den Entschluß anzudeuten, keinen Schritt weiter zu gehen.
Arthur stand im nächsten Augenblick neben Antonio und dem Lasttiere auf der Platte eines Felsens, wo der Weg ganz aufzuhören schien und ein jäher Abgrund gähnte; doch ließ der Nebel die Tiefe der Schlucht, obwohl dieselbe über dreihundert Fuß betragen mochte, nicht unterscheiden,
Bestürzung malte sich in den Zügen der Reisenden; sie starrten hinab in den Nebelschlund zu ihren Füßen und spähten vergebens nach irgend einer Fortsetzung des Pfades.
Während sie unschlüssig dastanden, wollte der Vater eben vorschlagen, auf dem bisher zurückgelegten Wege wieder umzukehren, als ein lautes Geheul des Windes, wilder, als sie es bisher gehört hatten, in das Tal herunterbrauste. Alle drei sahen die Gefahr vor Augen, von dem schwindligen Punkt, auf dem sie standen, herabgeschleudert zu werden, und griffen nach Busch und Felsspitze, um sich daran festzuhalten, während sogar das arme Maultier sich vor dem mit unerwarteter Wucht heranbrechenden Windstoß zu sichern suchte.
Der Wind zerriß dabei zwei bis drei Minuten lang den Nebelschleier, zeigte ihnen die Beschaffenheit des Ortes und löste das Rätsel des plötzlich abgebrochenen Weges.
Arthurs schneller, scharfer Blick erkannte sogleich, daß der Pfad von der Felsenspaltung aus, auf der man jetzt stand, sich in gleicher Richtung aufwärts an einer Erdbank entlanggezogen hatte, die alsdann die obere Fläche einer steilen Felsenschicht gebildet haben mochte. Allein durch eine der Naturerschütterungen, die sich in jenen wilden Gegenden, wo die ewige Natur nach so furchtbarem Maßstabe verfährt, oft zu ereignen pflegen, hatte die Erdlage einen Riß bekommen oder war vom Felsen herabgestürzt und zusamt dem Fußpfade, den Büschen und Bäumen in dem Gießbach unten versunken; denn als einen solchen Gießbach, nicht aber als einen See oder als einen Arm des Sees, wie sie bis jetzt gemeint hatten, konnten sie nunmehr das Gewässer zu ihren Füßen erkennen.
Die unmittelbare Ursache dieser Erscheinung mochte wohl eine in jenem Lande nicht selten vorkommende Erderschütterung gewesen sein. Die bei ihrem Falle umwühlte Erdbank war jetzt eine wilde Trümmermasse und zeigte etliche Bäume, die in horizontaler Lage wuchsen, oder andere, die mit ihrem Wipfel in den Abgrund gestürzt waren. Der schauerliche Felsabhang, der hinter ihnen sich erhob, bildete die Mauer eines fürchterlichen Abgrundes, der wie ein jüngst geschlagener Steinbruch aussah.
Am fernen Ufer des Gewässers, weiter hinauf im Tale, konnte Arthur einen viereckigen Bau erkennen, der sich aus den mit Felsen durchsetzten Fichtenwäldern erhob, von beträchtlicher Höhe war und den Trümmern eines gotischen Turmes glich. Arthur zeigte dem Antonio dieses Gebäude und fragte ihn, ob es ihm bekannt wäre; denn er dachte, es müsse wegen der Besonderheit seiner örtlichen Lage ein Wahrzeichen sein und wer es einmal gesehen hätte, könnte es schwerlich vergessen.