Der Bursche erkannte den Turm auch sogleich und rief freudig aus, das sei der Geierstein oder Geierfelsen. Den Namen trüge der Ort nach einer ungeheuren Felsenspitze, die sich in seiner Nähe fast in der Gestalt eines Kirchturmes erhöbe, und auf deren Krone der Lämmergeier (einer der größten unter den bekannten Raubvögeln) vor alters das Kind des ehemaligen Schloßherrn hinweggeführt hätte. Er erzählte nun auch, was der Ritter von Geierstein Unserer lieben Frau zu Einsiedeln gelobt hätte, wenn sie sein Kind rettete; und noch während er also sprach, hüllten Schloß, Felsen, Wald und Abgrund sich wieder in dichten Nebel. Kaum hatte er sein wundersames Märlein beendet, nach welchem das Kind dem Vater unversehrt zurückgegeben worden sei, da schrie er plötzlich: »Vorsicht! Der Sturm – der Sturm!« Dieser blies heran und gewährte, indem er den Nebel auseinander jagte, den Reisenden nochmals den Anblick des Grauens, das sie hier umringte.
»Ha!« rief Antonio triumphierend aus, als der Windstoß nachließ, »der alte Pontius scheint nichts von Unserer lieben Frau zu Einsiedeln hören zu mögen; allein sie wird schon mit ihm fertig werden – Ave Maria!« – »Jener Turm,« sagte der jüngere Reisende, »scheint unbewohnt zu sein. Ich sehe keinen Rauch daraus aufsteigen.« – »Er ist seit manchem lieben Tag nicht bewohnt gewesen,« entgegnete der Führer. »Bei alledem wollte ich, wir wären drinnen. – Der ehrliche Arnold Biedermann, der Landammann im Kanton Unterwalden, wohnt in der Nähe, und ich versichere Euch, Fremdlinge werden sich, wo er zu befehlen hat, nach seinem Tisch und Keller zurücksehnen.«
»Ich habe von ihm gehört,« sprach der ältere Reisende, den Antonio mit dem Namen Signore Philippson anzureden gelernt hatte, »er ist ein guter und gastfreier Mann, der das Ansehen, das er unter seinen Landsleuten genießt, in vollem Maße verdient.«
»Ihr spracht Wahres von ihm, Signore,« entgegnete der Führer, »und ich wollte, wir könnten seine Wohnung erreichen, wo Ihr gastliche Aufnahme und gute Zurechtweisung zur nächsten Tagesreise mit Sicherheit erwarten könntet. Allein, wie wir zu dem Geierschlosse gelangen sollen, ohne Flügel wie ein Geier zu haben: die Frage ist schwer zu beantworten.«
Zweites Kapitel
Nachdem die Wanderer den schauerlichen Schauplatz, soweit der stürmische Zustand der Atmosphäre es ihnen gestattete, überblickt hatten, bemerkte der jüngere Reisende: »Ich halte es für möglich, mein Vater, an den Zacken des Abgrundes vorwärts zu klimmen, bis ich die Wohnung zu Gesicht bekomme, von der der Bursche sprach. Gibts wirklich eine solche Wohnung, so muß doch ein Zugang zu ihr gefunden werden können; und vermag ich auch nicht den Weg dahin zu finden, so kann ich doch wenigstens denen, die in der Nähe des Geiernestes dort drüben wohnen, ein Zeichen geben und von ihnen freundliche Zurechtweisung erlangen,« – »Ich kann nicht zugeben, daß Du Dich solcher Gefahr preisgibst,« sagte der Vater. »Laß den Burschen weitergehen, so er kann und will. Er ist auf den Bergen groß geworden, und ich will ihm reichen Lohn geben.« – Allein dessen weigerte sich Antonio entschieden. »Ich bin wohl auf den Bergen groß geworden, allein ich bin kein Gemsenjäger,« sprach er, »ich habe keine Flügel, um mich einem Raben gleich, über Klippen zu schwingen. Gold wägt nicht das Leben auf.« – »Gott sei davor,« versetzte Signore Philippson, »daß ich Dich versuchen sollte, eines gegen das andere abzuwägen! So geh denn, mein Sohn, geh; ich folge Dir!«
»Nicht so, mit Eurer Erlaubnis, teuerster Herr und Vater,« entgegnete der Jüngling, »es ist genügend, wenn einer hier das Leben wagt, und das meinige, das bei weitem unwürdigere, sollte nach allen Regeln der Vernunft wie der Natur zuerst aufs Spiel gesetzt werden. Nur laßt mich allein gehen! Wenn Ihr mitgingt, würde ich stets zurückblicken müssen, um zu sehen, wie Ihr Euch auf dem Standpunkte halten würdet. Und erwägt, mein teuerster Vater, was und wieviel verloren wäre, wenn Ihr abstürztet!« – »Du hast recht, mein Kind,« sagte der Vater. »Ich besitze noch etwas, das mich an dies Leben auch dann noch knüpft, wenn ich in Dir alles verlieren sollte, was mir teuer ist. Sei gesegnet und behütet, mein Sohn! Dein Fuß ist jung, Deine Hand ist stark. Sei tapfer, aber behutsam, – bedenke, daß ein Mann lebt, der, wenn er Dich missen müßte, nur noch durch eine strenge Pflicht an diese Erde gebunden ist. Ist diese vollführt, so wird er Dir folgen.«
Der Jüngling machte sich bereit. Indem er den schweren Mantel abwarf, enthüllte er wohlgeformte Glieder, die mit einer fest an den Leib sitzenden grauen Tuchjacke bekleidet waren. Des Vaters Entschluß wankte, als der Sohn sich zu ihm wendete, um ihm Lebewohl zu sagten. Er widerrief die gegebene Erlaubnis und befahl ihm in gebieterischem Ton, innezuhalten. Doch ohne des Befehles zu achten, hatte Arthur bereits seine gefährliche Wanderung begonnen. Indem er von der Abplattung, auf der er stand, sich an den Aesten eines alten Eschenbaumes hinabließ, der aus einem Spalt des Felsens hervorragte, war der Jüngling, wiewohl mit unsäglicher Gefahr, imstande, eine schmale Steinlage, den äußersten Rand des Abhanges, zu betreten. Von hier aus hinabkriechend, hoffte er, soweit vorzudringen, daß man ihn von der von dem Führer erwähnten Wohnung aus würde sehen oder hören können. Seine Lage schien, als er dieses kühne Vorhaben auszuführen sich bemühte, so gefährlich, daß selbst der gemietete Begleiter bei dem Anblicke des Jünglings kaum Atem zu holen wagte. Das Felsband, auf dem sich Arthur bewegte, erschien immer schmäler, je weiter er sich entfernte, und wurde schließlich fast unkenntlich. Seinem Vater und dessen Begleiter erschien Arthur kaum noch als ein Mensch, sondern eher als ein Insekt, das an einer senkrechten Mauer hinkriecht. Man sieht es wohl sich weiter bewegen, kann aber nicht erkennen, auf welche Weise es sich an der Mauer festhält. Und bitterlich jammerte jetzt des Jünglings trostloser Vater, daß er nicht auf seinem Vorsatz beharrte und nicht lieber auf dem bisher zurückgelegten Wege wieder zur vorigen Nachtherberge umgekehrt sei.
Mittlerweile fühlte der Jüngling sich mächtig zur Ausführung seines gefahrvollen Unternehmens gestählt. Er legte seiner Einbildungskraft, die sonst leicht rege zu werden pflegte, die strengsten Fesseln an und versagte es sich, selbst auf Augenblicke nur, irgend einer der entsetzlichen Einflüsterungen Gehör zu geben, durch die die Phantasie nur allzugerne eine wirkliche Gefahr noch vergrößert. Männlichen Sinnes war er bemüht, alles, was ihn umgab, nach dem Maße besonnener Vernunft zu messen, wodurch wahrer Mut am kräftigsten unterstützt wird. »Diese Felsenlage,« sprach er sich selbst beurteilend vor, »ist nur schmal, doch immer noch breit genug, mich zu tragen; diese Spalten im Felsen sind klein, aber ich kann doch immer noch mit den Händen hineinfassen und mich festhalten. Meine Sicherheit hängt also durchaus von mir ab. Wenn ich mich entschlossen und festen Schrittes bewege, auch mich gehörig festhalte, so sehe ich nicht ein, was es auf sich haben kann, daß ich mich so dicht über einem Abgrund befinde.«
Indem er auf solche Weise den Umfang der Gefahr, die er lief, nach Grundsätzen der Vernunft und Wirklichkeit abmaß und sich eine gewisse Fertigkeit in Körperübungen zunutze machte, setzte der rüstige Jüngling seine staunenerregende Kletterei Schritt für Schritt fort und legte seinen Weg mit aller Vorsicht, Beharrlichkeit und Geistesgegenwart zurück, die allein ihn vor augenblicklichem Verderben bewahrten. Endlich gelangte er zu dem gefährlichsten Punkt. Der Fels hing um mehr als sechs Fuß gegen den Waldstrom über, den er in einer Tiefe von über hundert Klaftern wie unterirdischen Donner tosen hörte. Er untersuchte den Ort mit der größten Sorgfalt. Gras, Gesträuch und Baumstümpfe brachten ihn auf die Vermutung, daß dieses Felsstück das äußerste Ende des versunkenen Fußpfades sein müsse, und daß, wenn er nur den Winkel würde umgehen können, er die sichere Hoffnung hegen dürfe, die Fortsetzung des durch Naturereignisse so seltsam abgebrochenen Pfades zu erreichen. Allein der Felsenvorsprung ragte so weit vornüber, daß es ganz unmöglich schien, unter ihm hin oder um ihn herum zu klettern. Da er sich um mehrere Fuß hoch über dem Standpunkte erhob, den Arthur erreicht hatte, war es keine geringe Aufgabe, auf ihn hinaufzukommen. Dennoch wählte er dieses Mittel, denn nur so konnte er hoffen, dieses letzte Hindernis zu überwinden. Ein vorragender Baum bot ihm Gelegenheit, emporzusteigen und sich auf den Gipfel des Vorsprungs zu schwingen. Allein kaum hatte er dort Fuß gefaßt, kaum auf einen Augenblick sich Glück dazu gewünscht, daß er von hier aus, mitten in einem wilden Chaos von Fels und Wald, die düstern Ruinen des Geiersteins, aus denen Rauch aufstieg, und etwas wie eine menschliche Wohnung neben ihnen erblickte, als zu seinem Entsetzen die Klippe, auf der er stand, wankte, sich langsam vorwärts neigte und allmählich aus ihrem Lager zu sinken begann,