Getrieben vom Instinkte der Selbsterhaltung, zog Arthur sich vorsichtig von dem sinkenden Stein auf den Raum zurück, an dem er heraufgeklettert war, und starrte nun, wie von Zauber gebannt, auf den Felsblock, der in jedem Augenblick hinabstürzen mußte. Der Stein schwankte zwei oder drei Sekunden lang, als wäre er unschlüssig, nach welcher Richtung er fallen sollte; und hätte er sich seitwärts gesenkt, so würde er unseren Abenteurer an seinem Zufluchtsorte zerschmettert – oder ihn mitsamt dem Baum jählings in den Strom geschleudert haben. Aber er stürzte nach vorn zu Tal, zerschlug und zersplitterte in seinem Falle Bäume und Gebüsche und was er sonst traf, und fiel endlich in den Gießbach mit einem Krach, als wenn hundert Kanonen sich auf einmal entlüden. Das Getöse widerhallte von Ufer zu Ufer, von Abgrund zu Abgrund, mit sich selbst verschlingendem Donner.
Wer beschreibt die Angst, die sich unterdessen des bekümmerten Vaters bemächtigte, als er den schweren Felsen hinabstürzen sah, jedoch nicht wahrzunehmen vermochte, ob sein Sohn mit ihm versunken sei? Des Vaters erste Regung war, an den Rand des Abgrundes hinzustürzen, auf dem Arthur entlang gekrochen war; Antonio, der Schweizerbube, hielt ihn zurück, und der Reisende suchte mit der Wut eines grimmigen Bären, dem man die Jungen raubt, sich loszureißen. Da plötzlich erklang von der verhängnisvollen Klippe herüber, von der sich durch Arthurs kühnen Aufschwung die ungeheure Steinmasse losgerissen hatte, der gellende Ton eines der großen Hörner, die man von dem Stier oder Bullen des Schweizerlandes als Beute gewinnt – in uralter Zeit das einzige Musikinstrument dieser Bergbewohner, »Haltet, Herr, haltet!« rief der Graubündner; »von drüben her ist das Zeichen vom Geierstein herabgegeben. Es wird bald jemand uns zu Hilfe kommen, um uns einen sicheren Weg zu zeigen, auf dem wir Euern Sohn suchen können. – Und seht nur, da drüben über jenem Busche, der durch den Nebel schimmert – heiliger Antonius beschütze mich! – dort erblicke ich ein Weißes Tuch! Wie es flattert! und gerade über dem Punkte, wo der Felsklump niederstürzte!« – Der Vater strengte sich an, seine Blicke auf den bezeichneten Ort zu heften, allein seine Augen schwammen so in Tränen, daß sie nichts unterscheiden konnten. »Es ist alles umsonst,« sagte er, indem er sich die Tränen aus den Augen wischte. »Ich werde nur noch seine leblosen Gebeine sehen,« – »Ihr werdet ihn lebendig wiedersehen,« sprach der Graubündner, »Sankt-Antonius will es so; seht nur, das weiße Tüchlein hängt nicht locker an einem Ast – ich kann deutlich sehen, wie es an eine Stange gebunden ist und absichtlich hin und her geschwenkt wird. Euer Sohn gibt ein Zeichen, daß er frisch und wohlauf ist.« – »Und ist dem so,« sprach der Reisende, indem er die Hände zusammenschlug, »so seien gesegnet die Augen, die es sahen, und die Zunge, die es mir sagte! Wenn wir meinen Sohn finden, und am Leben finden, so soll dieser Tag auch für Dich ein Tag des Glückes sein.« –
Endlich erkannte auch er, daß das Zeichen wirklich von einer Menschenhand gegeben wurde; und ebenso empfänglich für den Schimmer wiederauflebender Hoffnung, wie früher für die Einwirkung des verzweiflungsvollen Kummers, machte er abermals den Versuch, zu seinem Sohne hinzueilen, um diesem womöglich in Aufsuchung einer sichereren Herberge beizustehen. Allein die dringenden Bitten und wiederholten Zusicherungen seines Führers veranlaßten ihn, inne zu halten. – »Bleibt ruhig hier!« sagte dieser, »bis Hilfe kommt. An dem Schall glaube ich das Horn des Wächters vom Geierstein, des ehrlichen Arnold Biedermann, zu erkennen. Er hat Eures Sohnes Gefahr wahrgenommen und sorgt schon jetzt für unsere Sicherheit.«
»Aber wenn jener Hörnerschall wirklich ein Zeichen war,« sprach der Reisende: »wie kommt es, daß mein Sohn nicht darauf antwortete?« – »Höchstwahrscheinlich hat er es auch getan,« versetzte der Graubündner, »wie sollten wir es aber gehört haben? Das Alphorn von Uri selbst ertönt bei diesem Geheul des Wassers und Sturmwindes nicht lauter, als die Rohrpfeife des Hirtenknaben; wie sollen wir da den Ruf eines Menschen vernehmen können?« – »Doch dünkt mich,« sagte Signore Philippson, »als höre ich etwas wie eine Menschenstimme; allein Arthurs Stimme ist es nicht.« – »Freilich nicht,« versetzte der Graubündner, »denn die Stimme ist eine weibliche. Die Dirnen sprechen zueinander von Klippe zu Klippe, durch Sturm und Wetter, läg' auch eine Halbstunde Weges zwischen ihnen.«
»Nun, der Himmel sei gelobt, daß er uns Hilfe schickt!« sprach Signore Philippson; »ich hoffe, daß dieser fürchterliche Tag noch ein glückliches Ende nimmt!«
Inzwischen befand der Sohn sich noch immer in höchst gefährlicher Lage. Der Anblick des dicht unter ihm in grausigem Sturze niederdonnernden und unter Staub- und Dunstwolken zersplitternden Felsblockes hatte ihm allen Mut und alle Kraft geraubt. Schwindel ergriff ihn, und die Glieder, die ihm bisher so trefflich gedient hatten, versagten ihm plötzlich den Dienst; seine Arme und Hände hingen jetzt, als wären sie nicht mehr die seinigen, in krampfhafter Umklammerung an den Aesten des Baumes und zitterten in so völliger Erschlaffung der Nerven, daß der Jüngling fürchten mußte, er würde sich nicht lange mehr halten können.
Ein Umstand, der an sich selbst zwar unbedeutend war, erhöhte die Not, in die Arthur durch das Schwinden seiner Kräfte sich versetzt fühlte. Jegliches lebendige Geschöpf in der Nähe war durch den grausen Felssturz in Schrecken gesetzt worden. Scharen von Eulen, Fledermäusen und andern Nachtvögeln hatten sich in die Schluchten und Ritzen der umherliegenden Felsen geflüchtet. Unter diesen Vögeln, die der Aberglaube für Unglücksboten ansieht, befand sich auch ein Lämmergeier, ein Vogel, der an Größe und Raubgier den Adler übertrifft, und Arthur sah ein solches Tier jetzt zum erstenmal in solcher Nähe. Ihrem Instinkt gemäß, suchten diese Vögel, wenn sie sich genügend voll gefressen haben, eine unerklimmbare Berghöhe auf, wo sie still und bewegungslos sitzen bleiben, bis das Verdauungswerk vollendet ist und neue Freßlust sie wieder neu belebt. Gestört in solchem Zustande der Ruhe, hatte sich einer dieser entsetzlichen Vögel von dem Gemäuer erhoben, das nach ihm den Namen führt, war mit gespenstischem Geschrei und klatschenden Flügeln im Kreise herumgeflogen und hatte sich in einer Entfernung von wenigen Ellen von dem Baume, an welchem Arthur in gefahrvoller Stellung sich angeklammert hielt, auf der Spitze eines Felsenvorsprunges niedergelassen.
Bemüht, sich zu ermannen und die Betäubung von sich zu schütteln, schlug Arthur die Augen auf, um vorsichtig umherzuschauen, und begegnete nun dem starren Blick des gefräßigen, schauerlichen Vogels, der durch seinen federentkleideten Kopf und Hals, seine schwarzgelb geränderten Augen und seine mehr liegende, als aufgerichtete Stellung sich von der edlen Haltung und dem regelmäßigeren Bau des Adlers ebenso unterschied, wie in der Reihe der Vierfüßler der Löwe erhaben ist über den tückischen, räuberischen, gräßlichen und dennoch feigherzigen Wolf.