Wie durch einen Zauber gebannt, hefteten sich die Blicke des jungen Philippson auf diesen gräßlichen Vogel, und die Furcht vor eingebildeten wie wirklichen Gefahren lastete auf seiner durch die Trübseligkeit seiner Lage fast ganz entmutigten Seele, Warum starrte der Vogel ihn so ernst an? warum beugte er seine Mißgestalt so vornüber, als wäre er bereit, über ihn herzufallen? War dieser Raubvogel der Dämon des Ortes, dem er seinen Namen lieh? Und war er gekommen, sich daran zu ergötzen, daß ein Mensch, der zu diesem ungangbaren Geklüft kam, sich jetzt von Gefahren umringt und ohne alle Hoffnung sah, je daraus erlöst zu werden? Oder war er ein auf diesem Felsen horstender Geier, der in diesem kühnen Wanderer eine willkommene Beute begrüßte? Wartete er nur auf den Tod dieses Unglücklichen, um sein grauses Mahl zu beginnen, oder war es das furchtbare Los des Jünglings, den Schnabel und die Krallen des Vogels in seinem Fleische zu fühlen, bevor noch sein Herz aufgehört hätte zu schlagen?
Dergleichen schreckliche Vorstellungen halfen mehr dazu, als alle Vernunftgründe es bewirken konnten, die Spannkraft des Jünglings neu zu beleben. Indem er sein Schnupftuch schwenkte, wobei er jedoch die größte Vorsicht in seinen Bewegungen machte, glückte es ihm den Geier aus seiner Nähe zu verscheuchen. Dieser erhob sich von seinem Ruheplatze, stieß ein Kreischen aus und segelte mit ausgespreizten Schwingen fort, um einen ruhigeren Ort zu suchen.
Mit mehr Besonnenheit strebte nun der Jüngling, der von seinem Standpunkte aus einen Teil der Abplattung sehen konnte, die er verlassen hatte, seinem Vater von seinem Wohlbefinden dadurch Kunde zu erteilen, daß er so hoch wie möglich, das Fähnlein flattern ließ, durch welches er den Geier verjagt hatte. Gleich seinen beiden Reisegefährten vernahm auch er, doch aus geringerer Entfernung, den Schall des großen Alphorns, das ihm nahe Hilfe zu verheißen schien. Er antwortete durch lautes Rufen und Schwenken seiner Flagge, um den Beistand zu derjenigen Stelle zu locken, wo die Gefahr am dringensten war.
Als frommer Katholik empfahl er im eifrigen Gebet sich Unserer lieben Frau von Einsiedeln und flehte sie unter Gelübden an, sie möchte ihn aus diesem fürchterlichen Zustande erlösen. »O gnädige Mutter!« rief er am Schlusse seines Gebetes aus: »Wenn ich verurteilt bin, mein Leben, gleich einem gejagten Fuchse in dieser Wildnis voll wankender Felskuppen zu enden, so gib mir mindestens meine ehemalige Geduld und meinen sonstigen Mut zurück und laß den, der wie ein Mann, wenn auch wie ein sündiger Mensch lebte, nicht gleich einem scheuen Hasen den Tod hier finden!«
Hierauf spähte er umher, ob sich nicht ein Mittel böte, den festen Boden wiederzugewinnen. Allein er verspürte, daß ihm noch alle Nerven zuckten, und sein Herz schlug, als wollte es zerspringen. So sehr er sich anstrengte, so vermochte er doch nicht, seine starren und schwindelnden Blicke ringsum schweifen zu lassen; ihm war, als drehten sich seine Augen in ihren Höhlen, so daß die Landschaft um ihn her tanzte und das wirre Chaos von Wald und Felsengeklüft in solchem Wirbel sich wälzte, daß er um nicht vom Baum herabzuspringen und an dem wilden Tanze teilzunehmen, sich wieder und wieder vorhalten mußte, nur seine gänzliche Ermattung erzeuge dieses Gaukelspiel. – »Der Himmel beschütze mich!« seufzte der unglückliche Jüngling. »Meine Sinne verlassen mich!«
Dies erschien ihm um so gewisser, als er jetzt gar eine weibliche Stimme zu vernehmen meinte, die in überaus hohem, doch lieblichem Tone aus geringer Entfernung ihm zuzurufen schien. Arthur öffnete noch einmal die Augen, erhob sein Haupt und blickte nach dem Orte, von wannen der rufende Ton kam. Und nun erschien ihm gar eine Gestalt, die ihn vollends in der Meinung bestärken mußte, daß seine Seele wirklich erkrankt sei und seine Sinne versagten.
Auf der höchsten Spitze eines wie eine Pyramide geformten Felsens, der aus der Tiefe des Tales emporstieg, stand ein weibliches Wesen, jedoch so von Nebel umhüllt, daß nur die Umrisse sichtbar wurden. Die vom Abendhimmel sich abhebende Gestalt schien eher ein geisterhafter Schemen als der Körper eines sterblichen Mädchens zu sein; denn ihre Person zeigte sich ebenso verschwommen, wie die dünne Wolke, von der der Fels, auf welchem sie stand, umhüllt war. Der erste Gedanke, der sich dem Hilfebedürftigen aufdrängte, war, daß die heilige Jungfrau sein Gelübde erhört hätte und in eigener Person zu seiner Rettung herniedergeschwebt wäre; und schon wollte er sein Ave Maria herbeten, als die Stimme nochmals den seltsam schrillen Ton eines sogenannten Jodlers erschallen ließ.
Während Arthur versuchte, diese unerwartete Erscheinung anzureden, entschwand sie von der Kuppe, auf der sie zuerst sichtbar geworden war, und zeigte sich sofort wieder auf der Klippe unmittelbar über dem Baum, auf welchem der Jüngling eine Zuflucht gefunden hatte. Ihre Erscheinung und Kleidung kennzeichneten sie als ein Kind dieser Berge, das mit den gefährlichsten Gebirgspässen vertraut war. Arthur sah ein junges, schönes Mädchen vor sich stehen, das ihn mit einer Mischung von Mitleid und Bewunderung betrachtete. – »Fremdling,« sprach endlich das Mädchen, »wer seid Ihr, von wannen kommt Ihr?« – »Fremdling bin ich, und mit Recht nennt Ihr mich so,« versetzte der Jüngling, indem er sich aufrichtete, so gut er es vermochte: »Ich reiste diesen Morgen von Luzern in Begleitung meines Vaters und eines Führers ab. Ich verließ beide ein kurzes Stück von hier. Möchtest Du so gut sein, liebliches Mädchen, ihnen mein Wohlbefinden kundzutun; denn ich weiß, daß mein Vater meinetwegen in Verzweiflung sein wird.« – »Herzlich gern,« sprach das Mädchen, »allein mich dünkt, mein Ohm oder einer meiner Vettern müsse sie schon gefunden und ihnen als treuer Führer gedient haben. Kann ich Euch nicht beistehen? Seid Ihr verwundet? Fühlt Ihr Euch verletzt? Wir wurden aufgeschreckt durch den Sturz des Felsstückes. Da drunten liegt's.«
Indem das Schweizerdirnlein also redete, trat es ganz nahe an den Rand des Abgrundes und blickte gelassen in den Schlund hinab. – »Seid Ihr krank?« fragte das Mädchen, gleich darauf, als es Arthur erbleichen sah. – »Nein, liebes Mädchen, nur mein Kopf schwindelt, und mein Herz schlagt ängstlich, wenn ich Euch so nahe am Rande der Klippe stehen sehe.« – »Ist das alles?« entgegnete die Schweizerin. »Wisset, Fremdling, daß ich am Herd meines Oheims nicht sicherer stehen könnte, als ich an Abgründen stand, gegen welche dieser Schlund ein Kinderspiel ist.« –
»Vor einer halben Stunde bin ich auch furchtlos hier entlang geklettert,« antwortete Arthur: »doch nun –« – »Seid darob nicht trostlos,« sprach das Mädchen begütigend, »denn ein vorübergehender Dunst mag wohl zuzeiten den Geist umnebeln und auch die Sehkraft des Tapfersten und Erfahrensten blenden. Ersteigt den Stamm des Baumes und betrachtet die Stelle genau. Leicht wird es Euch, sobald Ihr die Krone des Baumstammes erreicht habt, durch einen kühnen Schritt den festen Felsen zu erklimmen, wo ich stehe, und alsdann ist weder Gefahr noch Schwierigkeit für einen jungen Mann vorhanden, dessen Glieder gesund und dessen Mut rüstig ist.«
»Meine Glieder sind freilich gesund,« erwiderte der Jüngling, »allein ich schäme mich darüber, wie sehr mein Mut gesunken ist. Doch will ich die Teilnahme, die Ihr für einen unglücklichen Wanderer zeigt, nicht dadurch verscherzen, daß ich länger den feigen Einflüsterungen eines Gefühles Gehör gebe, das bis zu diesem Tage meinem Busen ein Fremdling war.«
Das Mädchen blickte zaghaft und mit reger Teilnahme zu ihm herüber, als er sich vorsichtig erhob und den Baumstamm entlangrutschte, der fast in wagerrechter Lage aus dem Felsen hervorragte und sich unter der Last zu beugen schien. Bald stand der Jüngling aufrecht, und zwar von der Klippe, auf der das Mädchen sich befand, nur soweit entfernt, daß auf ebener Erde es nur eines tüchtigen Schrittes bedurft hätte, hinüberzukommcn. Allein statt eines solchen Schrittes auf ebenem Boden war hier ein Sprung über einen finsteren Abgrund nötig, in dessen Tiefe ein Waldstrom mit unbeschreiblichem Wüten brauste und aufkochte. Arthurs Kniee schlotterten, seine Füße wurden ihm bleischwer und schienen ihn nicht mehr tragen zu wollen. In höherem Grade als je erfuhr er jenen entnervenden Einfluß, den diejenigen nie vergessen können, die von ihm in ähnlicher Gefahr überwältigt wurden.