Das Mädchen gewahrte des Jünglings innere Bewegung und sah deren wahrscheinliche Folgen vorher. Sie versuchte das einzige noch mögliche Mittel, sein Selbstvertrauen wieder herzustellen. Leichten Fußes sprang sie von dem Felsen auf den Baumstamm, auf dem sie sich mit der Leichtigkeit und Sicherheit eines Vogels wiegte, und kehrte dann schnell ebenso zur Klippe zurück. Dann streckte sie die Hand aus, indem sie sagte: »Mein Arm ist nur ein schwaches Geländer; doch schreitet nur mit Entschlossenheit vorwärts, so werdet Ihr Euch ebenso sicher fühlen, wie auf den Berner Verschanzungen.«
Nun aber siegte in Arthur die Scham über die Furcht, so daß er den Beistand des Mädchens ausschlug, sich ein Herz faßte und glücklich den furchtbaren Sprung vollführte, der ihn auf eben die Klippe brachte, auf der sich seine gütige Helferin befand.
Des Mädchens Hand zu ergreifen und sie zu rührendem Beweise seiner Dankbarkeit und Hochachtung an die Lippen zu drücken, war natürlich das erste, was der Jüngling tat; auch war es der Schweizerin nicht möglich, ihn daran zu hindern, ohne eine ihrem Gemüte fremdartige Sprödigkeit anzunehmen. Wer hätte auf einer Felsengruppe von kaum fünf Fuß Breite und drei Fuß Länge einen galanten Höflichkeitszwist anfangen mögen?
Drittes Kapitel
»Jetzt, liebes Kind,« sagte Arthur, »muß ich hin zu meinem Vater. Das Leben, das ich Eurem Beistande verdanke, kann nicht eher Wert für mich haben, als bis es mir gestattet, zu seiner Rettung zu eilen.«
Hier wurde er durch einen abermaligen Hörnerruf unterbrochen, der von dem Orte herzuschallen schien, an welchem der Jüngling den älteren Philippson und dessen Führer verlassen hatte. Arthur blickte nach der Gegend hin, allein die Abplattung war von dem Felsen aus, auf dem er jetzt mit der Schweizerin stand, nicht zu sehen.
»Es würde mir ein leichtes sein, hinunterzusteigen,« sagte das Mädchen. »Allein ich bin überzeugt, daß sie unter sicherer Obhut sind; denn das Horn verkündigt, daß mein Ohm oder gar einer meiner jungen Vettern sie erreicht hat. Sie sind in diesem Augenblicke auf dem Wege nach dem Geierstein, nach welchem ich, so Ihr es erlaubt, Euch führen will. Wir würden nur Zeit verlieren, wenn wir Eure Freunde aufsuchen wollten; denn von dem Orte aus, wo Ihr sie verließet, werden sie den Geierstein eher als wir erreichen.«
Arthur folgte dem Mädchen und konnte nun seine Retterin etwas genauer betrachten. Ein Oberkleid, daß weder so fest anschloß, daß es die Körperform im scharfen Umriß hervorhob, noch so locker saß, daß es beim Gehen und Klettern hinderlich werden konnte, deckte zum Teil einen fester anschließenden Rock von einer anderen Farbe, der bis über Waden herabhing, jedoch die Knöchel sehen ließ. Um den Leib war das Oberkleid von einer mit Goldfäden durchwirkten Schärpe aus farbiger Seide gehalten, während vorn an der Brust auf eines Zolles Breite die Form und blendende Weiße eine schlanken Halses zum Vorschein kam. Das Antlitz zeigte die Spuren der freien Luft und der Sonne, ohne dadurch an Schönheit einzubüßen. Ihr schönes langes Haar fiel in einem Reichtum von Locken zu beiden Seiten des Angesichts herab, dem blaue Augen, liebliche Züge und holde Schlichtheit des Ausdrucks einen Charakter der Milde und selbstvertrauenden Entschlossenheit verliehen.
Ihr Wuchs war etwas über Mittelgröße, und ihre Formen, ohne im geringsten männlich zu erscheinen, hatten eher die herbe Art der Minerva als die stolze Schönheit der Juno oder die schmachtende Anmut der Venus. Die edle Stirn, die wohlgeformten und schlanken Glieder, der feste und doch leichte Schritt – vor allem der gänzliche Mangel jeder bewußten Darstellung körperlicher Schönheit sowie der offene und redliche Blick, der keine Spur von Neugierde verriet, aber auch deutlich erkennen ließ, daß sie selber nichts zu verhehlen hatte: dies alles waren Kennzeichen, daß Anna von Geierstein der Göttin der Weisheit und Keuschheit keineswegs unähnlich und unwürdig war.
Der Weg, den der junge Engländer unter der Führung dieses liebenswürdigen Mädchens zurückzulegen hatte, war beschwerlich und rauh, doch im Vergleich mit den Abgründen, die Arthur jüngst überschritten hatte, fast ungefährlich. Der Pfad war in der Tat eine Fortsetzung des Weges, der durch den mehrmals erwähnten Erdsturz unterbrochen worden war. Auch erfuhr Arthur von dem Mädchen, daß der Weg, den sie jetzt gingen, durch eine neuangelegte Verbindung mit dem, den er und sein Vater bis hierher verfolgt hatten, zusammenhänge. Wenn sie sich zu rechter Zeit nach diesem neu gemachten Fußweg gewendet hätten, waren sie der Gefahr entgangen, die ihnen auf der Abplattung jenes Felsens Einhalt gebot. Der Pfad ging bergan, führte gleichlaufend mit dem Gießbach weiter und bog dann jäh herum, gerade auf das Schloß zu. Der uralte, ziemlich schmucklose Turm des Schlosses Geierstein erhob sich in schrecklicher Würde an dem steilen Rande des entgegengesetzten Waldstromufers. Der Gießbach fällt von dem Abhange des Geiersteins in einem etwa hundert Fuß hohen Katarakt steil herunter und braust dann, ehe er in die Ebene tritt, durch eine Felshöhlung, die er sich vielleicht vor Urzeiten gegraben hat.
Hinabschauend auf dies ewig tosende Wasser, stand der alte Turm dem Rande des Abgrundes so nahe, daß die Quadersteine des Fundaments einen Teil des Gebirgsfelsens zu bilden, mit ihm verwachsen zu sein schienen. Nach einem zu jenen Zeiten in Europa herrschenden Gebrauche war dem Gebäude die Form eines massiven und vierkantigen Turmes gegeben, dessen verfallene Bedachung mit malerischen Seitentürmen von verschiedener Gestaltung und Größe besetzt war: etliche waren rund, andere winklich, etliche verfielen schon in Trümmer, andere hielten sich noch so leidlich.
Ein gegittertes Falltor, das hinter etlichen zum Turme fühlenden Stufen herabfiel, hatte in früherer Zeit zu einer Brücke geleitet, die das Schloß mit jener Seite des Gießbaches in Verbindung setzte, auf der Arthur Philippson und seine schöne Führerin jetzt standen. Ein einzelner Schwibbogen oder vielmehr nur die Rippe eines solchen war noch stehen geblieben und überwölbte den tiefen Abgrund.
Da zur Zeit, von welcher wir reden, das Schloß gänzlich verwüstet und entfestigt dalag, Tor, Zugbrücke und Vorwall dahin waren, so wurden sowohl der verfallene Torweg als der schmale Brückenbogen, der das Wasser überspannte, als Uebergang zwischen den beiden Stromufern von den Bewohnern der Nachbarschaft benützt, die sich mit der Zeit an die gefährliche Brücke gewöhnt hatten.
Arthur Philippson hatte mittlerweile, gleich einem guten frisch angezogenen Bogen, die Spannkraft der Seele wieder erhalten, die ihm sonst eigen zu sein pflegte. Zwar folgte er nicht mit vollkommen hergestellter Fassung seiner Führerin, als sie leichthin über die schmale Brücke hüpfte, die aus rauhen Steinen geformt und durch das Spritzwasser des nahen Wassersturzes feucht und schlüpfrig geworden war. Auch legte er nicht ohne Bangigkeit diesen gefährlichen Pfad hoch über dem Wasserfall zurück, dessen dumpfes Geheul ihm gewaltig in die Ohren drang, wiewohl er Sorge trug, den Kopf nicht zu den Schrecknissen des Sturzes hinzuwenden, weil ihn sonst von neuem der Schwindel gepackt hätte. Arthur schämte sich, dort Feigheit blicken zu lassen, wo ein junges Mädchen soviel Beherztheit zeigte und folgte seiner leicht dahineilenden Führerin über die gähnende Tiefe hinweg und durch das verfallene Gattertor, das zu ebenfalls teilweise in Trümmer liegenden Treppenstufen leitete.