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Der Torweg führte zu einer Masse von Ruinen, über die Efeu und anderes Schlingkraut einen wilden Mantel gebreitet hatte, und sie gelangten durch das Haupttor des Schlosses an eine wildromantische Stelle. Auch von hier aus gesehen, erhob das Schloß sich bedeutend über seine Umgebung. Denn vor ihm dehnte sich eine steile Anhöhe aus, die wie ein Glacis neuerer Zeit zur Festigung des Gebäudes abgeböscht war. Sie war mit jungen Bäumen bedeckt, aus denen der Turm bizarr emporragte. War man über dieses vorhängende Dickicht hinaus, so bot sich abermals ein anderer Anblick. Ein mehr als hundert Morgen großer Landstrich schien aus den Felsen und Bergen hervorzuwachsen, die ebenso wild und unwegsam waren, wie die, in denen sich unsere Reisenden am Morgen verirrt hatten. Die Oberfläche dieses kleinen Grundstückes bot viele Mannigfaltigkeit dar; im allgemeinen zeigte sie eine sanfte Steigung nach Südwesten hin. –

Das Augenmerk fiel hier vor allem auf ein geräumiges Haus, das aus mächtigen unsymmetrisch zusammengefügten Steinklumpen geformt war, während der Rauch, der aus dem Gebäude aufstieg, die Geräumigkeit der Nebenhäuser und der urbare Zustand der umherliegenden Gefilde zu erkennen gaben, daß dieses Haus, wenn auch kein Sitz des Glanzes, so doch der Bequemlichkeit und Wohlhabenheit sein müßte. Südwärts des Hauses lag ein Obstgarten, reich an fruchttragenden Bäumen. Gruppen von Walnuß- und Kastanienbäumen zeigten sich in stattlicher Fülle, und sogar eine drei bis vier Morgen große Weinpflanzung war vorhanden. Jetzt wird Wein in der Schweiz allgemein gebaut, allein in jener Vorzeit beschränkten sich ausschließlich nur wohlhabende Eigentümer darauf. Auch fette Weidetriften waren auf der erwähnten Bergfläche wahrzunehmen. Dorthin wurde eine schöne Gattung von Zuchtvieh, daß den Stolz und Reichtum der Schweizer Bergbewohner ausmacht, von den Alpmatten, wo es während der Sommerzeit geweidet hatte, herabgetrieben, damit es eher Schutz und Obdach fände, wenn die Herbststürme kämen. Durch dieses Bergparadies ging der Lauf eines Silberbaches, der bald sich dem Blicke der Sonne zeigte, welche um diese Zeit den Nebel zerteilte, bald an seinen sanft anschwellenden Ufern von hohen Bäumen überschattet war, oder sich unter Hagedornbüschen und Haselnußsträuchern verbarg. Dieses Gewässer vereinigte sich, gleich einem Jünglinge, der aus dem friedlichen, fröhlichen Bezirke des Knabenlebens in die wild bewegte Bahn des tätigen Lebens stürzt, mit dem ungestümen Gießbach, der, von den angrenzenden Felsen herabtosend, den Turm des alten Schlosses Geierstein erschütterte und dann heulend in die Tiefe sauste, in der unser jugendlicher Reisender fast den Tod gefunden hätte.

Das, was hier eingehend beschrieben worden, beschäftigte den jungen Philippson nur wenige Minuten; denn an einem sanften Abhange, gegenüber der Meierei, wie man das Hauptgebäude auf jener Fläche wohl nennen durfte, erblickte er fünf oder sechs Personen, unter denen er seinen Vater erkannte, den wiederzusehen er vor kurzem alle Hoffnung aufgegeben hatte. Munteren Schrittes folgte er seiner Führerin, als diese ihn den steilen Abhang hinabführte, an welchem die Ruine des Turmes sich erhob, Sie näherten sich der Gruppe, die Arthur erblickt hatte. Sein Vater eilte ihm entgegen, begleitet von einem ziemlich betagten Manne von riesenhaftem Wuchse und einer so einfachen und majestätischen Haltung, daß man sogleich in ihm einen würdigen Landsmann Tells, Stauffachers und Winkelrieds erkannte.

Aus natürlich einfacher Artigkeit, um Vater und Sohn bei diesem rührenden Wiedersehen allein zu lassen, gab der Landammann selbst, als er mit dem älteren Philippson vorschritt, seinen Begleitern, die alle junge Leute zu sein schienen, ein Zeichen zurückzubleiben. Sie taten es und erkundigten sich, wie es schien, bei dem Führer Antonio nach den Abenteuern der Fremden. Anna, die Führerin Arthurs, hatte nur noch Zeit, dem jungen Philippson zu sagen: »Jener Greis ist mein Ohm, Arnold Biedermann, und jene Jünglinge sind meine Vettern,« als Biedermann und Arthurs Vater auch schon dicht vor ihnen standen. Mit eben dem Zartgefühle, das er vorhin gezeigt hatte, gab der Landammann seiner Nichte einen Wink, ein wenig zu ihm zur Seite zu treten; jedoch während er sich von ihr über ihre Wanderung berichten ließ, beobachtete er Vater und Sohn, soweit sein natürliches Gefühl für Schicklichkeit es ihm erlaubte. Indessen benahmen die beiden bei ihrem Wiedersehen sich ganz anders, als der biedere Schweizer erwartet hatte.

Wir haben den älteren Philippson bereits als einen Vater geschildert, der innig an seinem Sohne hing und bereit war, sich in den Tod zu stürzen, als er ihn verloren glaubte. Allein wie viele seiner Landsleute, verbarg der Engländer die starken, lebhaften Gefühle, die ihn bewegten, unter einem Anschein von Kälte und Zurückhaltung. Als er seinen Sohn erblickte, beflügelte er die Schritte, doch als sie einander gegenüberstanden, sprach er eher in einem Tone des Tadels und der Ermahnung als der zärtlichen Vaterliebe. – »Arthur, mögen Dir die Heiligen die Bekümmernis vergeben, die Du mir an diesem Tage verursacht hast!« – »Amen!« versetzte der Jüngling. »Ich bedarf der Verzeihung, so ich Euch bekümmert habe. Dennoch glaubt, daß ich in der besten Absicht handelte.« – »Gut ist's, Arthur, daß Deine eigensinnige Laune der besten Absicht entsprang, sonst wäre sie vielleicht Dein Tod gewesen.« – »Daß sie es nicht war,« antwortete der Sohn bescheiden und unterwürfig, »das verdanke ich diesem Mädchen« – und dabei zeigte er auf Anna, die wenige Schritte weit von ihm stand. – »Dem Mädchen soll mein Dank werden,« sagte der Vater, »sobald ich nur erst weiß, auf welche Weise ich ihr gebührend danken kann; allein hältst Du es für schicklich und geziemend, von einem Mädchen den Beistand anzunehmen, den Du als Mann vielmehr dem schwächeren Geschlecht erweisen solltest?« – Arthur senkte das Haupt, und hohe Röte trat auf seine Wangen; während Arnold Biedermann, der sich in des Jünglings Gefühle zu versetzen wußte, vorschritt und Teil an der Unterredung nahm.

»Seid nicht niedergeschlagen, mein junger Gast,« sagte er, »daß Ihr Eure Rettung einem Menschen aus Unterwalden verdankt; denn unser ganzes Land verdankt seine Freiheit dieses Landes ebensosehr dem Mut und der Klugheit seiner Töchter wie seiner Söhne. Und Ihr, mein älterer Gast, der Ihr, wie ich meine, schon manches Jahr erlebtet und vielerlei Länder sahet, müßt oft schon mit angesehen haben, wie der Starke durch Hilfe des Schwachen, der Stolze durch den Beistand des Demütigen gerettet wurde.«

»Mindestens,« versetzte der Engländer, »habe ich gelernt, nicht unnötigerweise über irgend einen Punkt mit einem Gastfreunde zu streiten, der mich so gütig aufnahm,« und nach einem Blicke auf seinen Sohn, aus dem die tiefste Rührung zu erglänzen schien, setzte er, während die Gesellschaft sich dem Hause zuwendete, eine Unterredung fort, die er mit seinem neuen Bekannten angeknüpft hatte, bevor Arthur und das Mädchen zu ihnen gekommen waren.

Unterdessen fand Arthur Muße, die Gestalt und Züge seines schweizerischen Wirtes näher zu betrachten. Seine Kleidung wich im Schnitte nicht sehr von der oben beschriebenen Bekleidung des Mädchens ab. Sie bestand aus einem Oberkleide, das, ähnlich einem Hemd der neueren Zeit, über das Unterwams gezogen und nur an der Brust offen war. Allein das Untergewand des Mannes war bedeutend kürzer und hing nicht tiefer herab, als der »Kilt« oder Schurz der Hochlandsschotten; die Stiefel oder Gamaschen gingen bis über das Knie hinauf. Eine Mütze aus Marderfell, mit einem silbernen Schilde versehen, war das einzige Kleidungsstück, das einen Zierat aufwies. Der breite Gürtel war aus Büffelleder und wurde von einer Messingschnalle zusammengehalten. Die Gestalt des Mannes, der diese landesübliche, fast ganz aus der Wolle der Bergschafe und den auf der Jagd erbeuteten Tierfellen gefertigte Kleidung trug, würde Ehrfurcht eingeflößt haben, wo immer sie sich gezeigt hätte, und das besonders in jenen kriegerischen Tagen, wo man den Mann nach seinen Körperkräften maß. Arnold Biedermann hatte die breiten Schultern, die mächtige Muskulatur eines Herkules, dabei aber geistvolle Züge, eine offene Stirn und große blaue Augen. Es begleiteten ihn mehrere Söhne und Verwandte, Jünglinge, von denen er, zwischen ihnen hinschreitend, Ehrerbietung und Gehorsam als einen ihm gebührenden Tribut empfing; gleichwie eine Herde junger Spießer dem Königshirsch zu gehorchen pflegt.