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»Nein, es ist nicht wahr, ich war's nicht!« rief Glossin, aus dem Schlafe auffahrend. Das geänstigte Gewissen hatte die grausigen Bilder vor seine Seele geführt. Treue Bilder aus der Vergangenheit! Glossin, besser als irgend jemand mit den Schlupfwinkeln der Schleichhändler bekannt, war stehenden Fußes zu der Höhle gerannt, noch ehe er wußte, daß Kennedy ermordet worden, in der Meinung vielmehr, ihn als Gefangenen der Schleichhändler zu finden. Er kam mit der Absicht, den Vermittler zu machen; als er aber zu ihnen trat, waren alle von bangem Schrecken ergriffen, und die Wut, die sie zum Morde verleitet hatte, war bei allen, nur nicht bei Hatteraick, der Gewissensangst und Furcht gewichen. Glossin war damals arm und hatte der Schulden mehr als Haare auf dem Kopfe, aber Bertrams Vertrauen hatte er bereits gewonnen und kannte dessen Fügsamkeit und Schwäche gut genug, daß es ihm gar nicht schwer erscheinen konnte, sich auf seine Kosten zum reichen Manne zu machen, sobald es ihm nur gelang, den männlichen Erben auf die Seite zu schaffen, da dann das alte Gut das unbeschränkte Eigentum des schwachen, verschwenderischen Vaters wurde. Für ihn handelte es sich momentan nicht bloß um die Anwartschaft auf weitere Vorteile,, – er nahm, was ihm die in Schreck gejagten Schleichhändler anboten, um ihm den Mund zu stopfen, nicht bloß an – nein! er bestärkte sie in ihrer Absicht, das Kind seines Wohltäters aus dem Lande zu schaffen, war es doch alt genug, von dem schrecklichen Ereignis, dessen Zeuge es gewesen, eine Schilderung zu geben, Wohl versuchte Glossin sein Gewissen zu beschwichtigen, aber es wollte ihm nicht gelingen, wenn er sich auch vorredete, daß die Versuchung groß gewesen sei, daß sie plötzlich über ihn gekommen, daß sie ihm alle Vorteile, nach denen er lange gerungen, jäh vor Augen gerückt, daß sie ihm vorgespielt habe, ihn aus seinem finanziellen Jammer mit einmal zu erlösen, aus all den Bedrängnissen, die ihm das Messer an der Kehle hielten. Auch daß er sich weiter einredete, die Selbsterhaltungspflicht lasse ihm keine andere Wahl, wollte wenig nützen; nur das Bewußtsein, sich in der Gewalt von Räubern zu befinden, die ihm, wenn er sich auf ihr Ansinnen nicht einließe, keine Zeit gönnen würden, die freilich nicht eben ferne Hilfe herbeirufen könnten, sondern, wie so oft bei geringeren Anlässen, sicherlich vor keinem Morde zurückschrecken möchten.

Unruhig fuhr Glossin von seinem Lager auf und blickte hinaus in die Nacht. Rings umher war die Gegend mit Schnee bedeckt, von dessen weißem Glänze die Fläche des düstern Meers grell abstach. Sein Blick fiel auf die finstern Trümmer des alten Schlosses, aus dessen vorspringendem Turme zwei Lichter blinkten; eins aus Hatteraicks Verließ, das andere aus der Stube, in der die Wächter lagen. Ob er die Flucht schon bewerkstelligt hat? fragte sich Glossin ... Ob sie ihm gelingen wird? Ob die, Leute, auf die sonst nie Verlaß war, heute gewacht hatten, ihn vollends zu verderben? War der Verbrecher früh noch im Kerker, so mußte er ihn nach Edinburg schaffen, und ob nun Mac Morlan oder sonst jemand die Untersuchung führte, so stand außer Zweifel, daß er selbst hineingezogen, überführt und ein hartes Urteil zu gewärtigen hatte; denn Dirk Hatteraick schonte seiner doch gewiß nicht.

Eine Beute dieser quälenden Gedanken, war er kaum imstande, sich ruhig zu verhalten, als er mit einemmale wahrnahm, daß eins der beiden Lichter sich verfinsterte, ganz so, als ob eine dunkle Gestalt ans Fenster getreten wäre. O, dieser Augenblick peinvoller Erwartung! Ist er der Fesseln ledig? Ha! er rüttelt an den Gitterstangen! Sie sind morsch, sie fallen, sie schlagen klirrend auf die Steine! Das Gepolter muß doch die Wächter aufstören ... Hol der Teufel seine Ungeschicklichkeit! Da, das Licht brennt wieder hell – sie haben ihn vom Fenster gerissen, sie binden ihn – doch nein! er ist bloß auf einen Augenblick vom Fenster getreten – das Poltern der fallenden Eisenstangen hat ihn selbst erschreckt – jetzt steht er wieder am Fenster – das Licht ist weg – eine breite Masse lagert sich davor – sie bewegt sich – er hat sich durchs Fenster geschwungen – da – ein dumpfer Aufprall, wie von einem in weichen Schnee fallenden Körper, und der ängstliche Horcher gewinnt die Zuversicht, daß Hatteraicks Flucht geglückt ist! Und nicht lange mehr, so sieht er eine dunkle Gestalt wie einen Schatten längs dem weißen Gestade hinschleichen, zu dem Orte hin, wo das Schiff lag ... Neue Besorgnisse! Wird er allein stark genug sein, es loszumachen? oder muß ich, fragte sich Glossin, hinabgehen und ihm helfen? Nein! Das Schiff ist los, Gott sei Dank! Schon glitzert das Segel im Mondlicht. Der Wind ist ihm günstig – o, wenn sich ein Sturm erheben – wenn die Flut ihn verschlingen wollte!

Mit diesem satanischen Begehr im Herzen verfolgte er den Lauf des Bootes, das nach der Warroch-Klippe zulenkte, mit den Blicken, bis das dunkle Segel sich von den finstern Wogen, über die es entlang zog, nicht mehr unterscheiden ließ.

Drittes Kapitel

Bei dem Gendarmen und den Fronen herrschte am nächsten Morgen arge Bestürzung, als sie die Flucht ihres Gefangenen entdeckten. Noch schwer im Kopfe und von Bange geschüttelt, trat Mac Guffog mit der Unglücksbotschaft vor den Friedensrichter, kam aber mit einem ernsten Rüffel davon. Ueber dem Eifer, des Entsprungenen habhaft zu werden, schien Glossin der Pflicht, die lässigen Wächter zu strafen, zu vergessen. Den Häschern legte er vor allem ans Herz, in den ruinenhaften Ueberbleibseln von Derncleugh, wo Landstreicher oft nachts Zuflucht suchten, Nachsuche zu halten. Darauf eilte er selbst auf Umwegen durch den Wald von Warroch zu der Höhle, wo er den Schleichhändler zu treffen dachte, von dem er dort in größerer Ruhe Nachricht über die Rückkehr des Erben von Ellangowan zu bekommen rechnete.

Wie ein Fuchs, der, um den Hunden auszuweichen, im Zickzack herumfährt, suchte Glossin sich dem Orte der Zusammenkunft zu nähern, ohne durch eine Spur im Schnee seinen Weg zu verraten. O, wie wünschte er, daß es schneite, daß der Schnee doch seine Tritte verdeckte! denn fand sie einer der Spürhunde, so war es außer Zweifel, daß er sie verfolgte!

Er stieg nicht ohne Beschwerde die Klippe hinab, und kletterte zwischen den Felsen und den Spritzwellen, die die Flut auf den Strand spülte, ängstlich umher, bald aufwärts schauend, ob ihn jemand von der Höhe bemerkte, bald unruhig auf die See blickend, ob ein Boot sich zeigte, das ihn beobachten könnte. Aber selbst diese Regungen eines von Selbstsucht erfüllten Gemüts erstarben, als er zu der Stelle kam, wo Kennedys Leichnam gefunden worden war. Noch sah man das Felsstück, das mit ihm oder hinter ihm her gestürzt war; es hatte sich mit kleinen Schaltieren bedeckt und war mit Seegras überwachsen, aber von den umherliegenden Felsstücken noch immer deutlich zu unterscheiden. Daß er der Stelle bisher fürsorglich aus dem Wege gegangen war, läßt sich denken – und als er sie nun zum erstenmal seit dem unglücklichen Tage wieder erblickte, stand die schreckliche Szene mit allem ihrem Grausen urplötzlich vor seiner bebenden Seele. Es fiel ihm ein, wie er sich damals ängstlich aus der Höhle vorschlich und behutsam unter die erschrockenen Männer gemischt hatte, die um den Leichnam herum standen, immer zitternd vor der wahrscheinlichen Frage, woher denn er gekommen; es fiel ihm ein, wie er im Bewußtsein seiner Schuld die Blicke von dem gräßlichen Schauspiele abgewendet hatte. Das Wehgeschrei seines Wohltäters: »O mein Kind!« klang ihm wieder in den Ohren ... »O Gott!« rief er da, »ist alles, was ich gewonnen, der Angst wert, die seitdem mein Leben verbittert hat? O, läge ich doch, wo jener Unglückliche liegt, und stände er doch an meiner Stelle hier lebend und gesund! – Doch all diese Klagen kommen zu spät!«

Diese qualvollen Empfindungen bekämpfend, schlich er zu der Höhle, die der Stelle, wo man den Leichnam gefunden, so nahe war, daß die Schleichhändler in ihrem Zufluchtsorte alles, was die Umstehenden über das Schicksal des Ermordeten gesprochen, hatten hören müssen. Die enge Oeffnung der Höhle lag an der Vorderseite der Klippe hinter einem aufrecht stehenden schwarzen Felsblocke, der zweierlei Zweck erfüllte: dem Unkundigen den Eingang zu ihr zu verbergen, dem Kundigen aber ihre Lage zu verraten. Der Raum zwischen dem Felsblocke und der Klippe war sehr enge, und dermaßen mit Sand und Schutt angefüllt, daß man selbst bei sorgfältigem Suchen die Höhle nicht hätte entdecken können, ohne zuvor wegzuräumen, was die Flut vor ihrem Zugang gespült hatte. Um sie noch unauffindbarer zu machen, verstopften die Schleichhändler, sobald sie in dem Schlupfwinkel waren, die Oeffnung gewöhnlich mit welkem Seegras, das sie so locker zu schlichten wußten, daß es aussah, als sei es von den Wogen hinweggeschwemmt worden. Dirk Hatteraick war dieser Vorsicht nicht bloß eingedenk, sondern hatte sie auch jetzt nicht außer acht gelassen. Ein so kühner, verwegener Mann Glossin war, so klopfte ihm das Herz doch und die Kniee schlotterten ihm heftig, als er sich jetzt rüstete, in jenen Schlupfwinkel der schlimmsten Verbrecher zu kriechen und mit Dirk Hatteraick zu verhandeln, den er als den tollkühnsten, rohesten, verzweifeltsten von allen zur Genüge kannte. »Aber er hat keinen Vorteil dabei, mir zu schaden,« dachte er bei sich und suchte Trost hierin. Er vergaß aber nichtsdestoweniger, seine Taschenpistolen nachzusehen, ehe er das Seegras wegräumte und auf Händen und Beinen in die Höhle kroch. Der Eingang war so niedrig und eng, daß ein Mensch nur kriechend hineingelangen konnte; gleich dahinter breitete sich die Höhle zu einem hohen, geräumigen Gewölbe. Kies von herrlicher Reinheit bedeckte den allmählich ansteigenden Boden. Noch ehe Glossin sich wieder auf die Beine emporgerichtet hatte, dröhnte Hatteraicks rauhe, aber gedämpfte Stimme, durch die Windungen der Höhle ... »Alle Schock Teufel! bist Du's?«