Als die Wanderer in Arnold Biedermanns Wohnung eintraten, sahen sie dort in einem geräumigen Gemach, das ein allgemeines Versammlungszimmer zu sein schien, den Tisch zu einem behaglichen, reichen Mahle gedeckt. An den Wänden hingen sinnbildliche Darstellungen von Ackerbau und Jagd. Der ältere Philippson betrachtete mit besonderem Interesse ein ledernes Koller, eine lange, schwere Hellebarde und ein großes Schwert – Gegenstände, die wie eine Trophäe aufgehängt waren. Daneben hing, jedoch staubbedeckt und ungeputzt, ein Helm mit Visier, wie ihn Ritter und geharnischte Männer zu tragen pflegen. Der goldene Reifen, der den Helm umschloß, deutete auf Geburt und Rang. Den Aufsatz bildete ein Geier von jener Art, die dem alten Schlosse den Namen gegeben hatten. Der englische Gast, der die Geschichte der schweizerischen Revolution gut kannte, hielt die Rüststücke denn auch mit Recht für Siegeszeichen aus dem früheren Kriege zwischen diesen Bergbewohnern und dem Lehnsherrn, dessen Joch sie abgeschüttelt hatten.
Arnold Biedermann lud seine Gäste ein, an dem Tische Platz zu nehmen, und nun erschien die gesamte Bewohnerschaft dieses Anwesens und setzte sich nieder zu einer reichlichen Mahlzeit von Ziegenfleisch, Fischen, Milch, Käse und einem Gamsbraten, der das Hauptgericht bildete. Der Landammann selbst machte bei der Tafel den Wirt mit vieler Güte und Einfachheit und ermahnte die Fremden, nach Herzenslust zuzulangen.
Ueber dem Essen knüpfte er eine Unterhaltung mit seinem älteren Gaste an, während die jungen Leute wie das Gesinde sich still verhielten. Ehe noch abgegessen worden war, ging hinter dem Flügelfenster der Speisehalle eine Gestalt vorbei, die bei alle denen, die ihrer ansichtig wurden, eine lebhafte Bewegung hervorzurufen schien.
»Wer war es denn?« fragte der alte Biedermann diejenigen, die dem Fenster gegenübersaßen. – »Unser Vetter, Rudolph von Donnersberg,« antwortete einer der Söhne Arnolds.
Den jüngeren Söhnen des Landammannes schien diese Antwort großes Vergnügen zu bereiten; während das Haupt der Familie nur in ernstem und ruhigem Tone sagte: »Unser Vetter ist willkommen – sagt ihm das, und laßt ihn hereinkommen!« –
Zwei oder drei Jünglinge erhoben sich, als seien sie nicht miteinander einig, wer von ihnen diesem neuen Gaste die Ehrenbezeugung zu erweisen hätte. Der Ankömmling trat inzwischen herein: ein junger Mann von ungewöhnlicher Länge, wohlgebaut und rüstig, dicke, dunkelbraune Locken wallten ihm um das Angesicht und von noch dunklerem Braun war der Knebelbart. Die Kappe, die er trug, war im Verhältnis zu seinem starken Haupthaar zu klein, und statt das Haupt zu bedecken, hing sie nur auf einer Seite. Sein Kleid war von gleichem Schnitt und gleicher Beschaffenheit wie das Arnold Biedermanns, allein es war aus feinerem Stoff auf deutschem Webstuhl gefertigt und auf reiche und phantastische Art geschmückt. Ein Aermel seines Wamses war dunkelgrün und mit Schnüren und mit Silberstickerei verziert, während der übrige Teil des Kleidungsstückes scharlachrot war. Sein Degengehänge war mit Gold durchwirkt und trug einen Dolch mit silbernem Griffe. Er hatte Stiefel an, deren Spitzen so lang waren, daß sie nach der Mode des Mittelalters, sich schnabelförmig aufwärts bogen. Eine goldene Kette, an der eine Schaumünze aus gleichem Metall befestigt war, hing ihm um den Hals.
Dieser rüstige Jüngling wurde augenblicklich von den Verwandten Biedermanns umringt. Die schweizerische Jugend schien in ihm ein Vorbild zu erblicken, nach dem man sich in Benehmen, Aeußerungen, Sitten und Kleidung zu richten hätte. Von zwei Personen jedoch wurde, wie es Arthur Philippson bedünken wollte, der junge Mann mit weniger Begeisterung empfangen. Arnold Biedermann selbst war mindestens nicht allzusehr über das Erscheinen des jungen Berners – denn Bern war Rudolfs Geburtsort – erfreut. Der junge Mann zog ein versiegeltes Päckchen aus dem Busen, das er mit besonderer Hochachtung dem Landammann überreichte. Er schien zu erwarten, daß Arnold, nachdem er das Siegel gelöst und den Inhalt überblickt, ihm etwas darüber sagen würde. Allein der Patriarch lud ihn bloß zum Sitzen ein und nötigte ihn, teil am Mahle zu nehmen; worauf Rudolf neben Anna von Geierstein einen Platz fand, der ihm von einem der Söhne Arnolds mit bereitwilliger Höflichkeit eingeräumt wurde.
Ferner schien auch das Mädchen den jungen Gecken nur sehr kühl zu behandeln, so sehr er sich gegen sie auch der gesuchtesten Artigkeit befleißigte. Offenbar war es sein innigster Wunsch gewesen, an ihrer Seite zu sitzen, und über dem Bemühen, sich ihr angenehm zu machen, kam er nur wenig zum Essen.
Während Arthur diese Betrachtung anstellte, ließ sich der Familienvater einen weingefüllten Becher geben, und nachdem er die beiden Fremden ersucht hatte, ihm aus einem ziemlich großen Becher von Ahornholze Bescheid zu tun, trank er dem Rudolf von Donnersberg zu, – »Jedoch Ihr, Vetter,« sprach er dabei, »seid an heißere Weine gewöhnt, als die halbreifen Trauben vom Geierstein zu liefern vermögen. – Solltet Ihr es Euch wohl denken können, Herr Handelsmann,« fuhr er, gegen Philippson gewendet fort, »daß es Bürger in Bern gibt, die sich ihren Wein aus Frankreich und Deutschland kommen lassen?« – »Mein Verwalter mißbilligt das,« versetzte Rudolf, »jedoch nicht jeder Ort hat Weinpflanzungen wie der Geierstein, der alles hervorbringt, was Herz und Augen wünschen mögen.« – Dies sagte er mit einem Blicke auf seine Nachbarin, die nicht geneigt schien, das Kompliment anzunehmen; während der Berner Gesandte fortfuhr: »Allein unsere bemittelten Bürger, die etliche überflüssige Krontaler haben, halten es nicht für Vergeudung, ihr Geld gegen einen Becher besseren Weines einzutauschen, als unsere Berge hervorbringen können. Wir werden mäßiger sein, wenn wir erst bei den Weinfässern Burgunds sind!« – »Wie versteht Ihr das, Vetter Rudolf?« fragte Arnold Biedermann. – »Mich dünkt, verehrter Herr und Vetter,« antwortete der Berner, »die Briefe müssen Euch gemeldet haben, daß unser Reichstag nahe daran ist, dem Lande Burgund den Krieg zu erklären.« – »So? Und Ihr kennt also den Inhalt dieser Depeschen?« fragte Arnold. »Da sieht man, wie die Zeiten in Bern sich geändert haben. Seit wann starben alle ergrauten Staatsmänner Helvetiens, daß unsere verbündeten Kantone unbärtige Knaben zu ihren Beratungen heranziehen?«
Halb beschämt, halb um zu rechtfertigen, was er vorhin gesagt hatte, versetzte der junge Mann: »Der Magistrat zu Bern und der Reichstag des Schweizerlandes setzen die jungen Leute von ihren Absichten in Kenntnis, seitdem sie eingesehen haben, daß eben das junge Volk diese ihre Pläne auszuführen hat. Der Kopf, der zu denken hat, darf wohl auch dem Arm vertrauen, der das Schwert zu führen hat.« – »Doch nicht eher, als bis es aus der Scheide gezogen werden soll, junger Mann,« antwortete sehr ernsthaft der alte Biedermann. »Was für ein Ratgeber ist derjenige, der leichtfertig die Geheimnisse in Staatsangelegenheiten vor Weibern und Fremden ausplaudert? Geht, Rudolf; Ihr alle geht und prüft an männlichen Leibesübungen, wer unter Euch am besten imstande ist, dem Vaterlande zu dienen. Halt, junger Mann,« rief er Arthur zu, der mit aufgestanden war; »an Euch war das nicht gerichtet. Ihr seid es nicht gewöhnt, über die Berge zu reisen, und bedürft wohl der Ruhe.«
»Nicht so, Herr, mit Erlaubnis,« sagte der ältere Reisende; »wir in England halten dafür, daß man sich von einer Erschöpfung am besten erholt, indem man zu einer anderen Körperanstrengung übergeht, so z.B. erfrischt sich bei uns, wer sich müde gelaufen hat, durch einen Ritt besser als im Daunenbett. Wenn Eure jungen Leute es also erlauben, so wird mein Sohn an ihren Uebungen teilnehmen.« – »Er wird rohe Spielgenossen in ihnen finden,« antwortete der Schweizer, »doch geschehe nach Eurem Gefallen!«