Demzufolge gingen die Jünglinge in den offenen Raum vor dem Hause, Anna von Geierstein und etliche von der weiblichen Dienerschaft setzten sich auf eine Bank, um zu urteilen, welcher seine Sache am besten machen würde, und bald hörten die beiden Alten, die in der Halle sitzen blieben, Geschrei, Gelächter, und alle jene Zeichen von Beifall oder Spott, mit denen junges Volk dem männlichen Spiele folgt. Der Hausherr ergriff noch einmal die Weinflasche, deren Rest er in seinen Becher goß, nachdem er zuvor das Trinkgeschirr seines Gastes gefüllt hatte.
»In einem Alter, werter Fremdling,« sprach er dann, »wo das Blut kühler wird und man nicht mehr so rasch von einem Gefühle zum andern springt, erweckt ein mäßig gefüllter Becher Weins lichte Gedanken und macht die Glieder geschmeidig. Dennoch wünschte ich fast, Noah hätte nimmer die Traube gepflanzt, seitdem ich in neuerer Zeit mit eigenen Augen gesehen habe, wie meine Landsleute den deutschen Wein hinabgießen, bis sie daliegen wie die Schweine.« – »Ich habe auch bemerkt, daß dieses Laster,« sagte der Engländer, »in Eurem Vaterlande mehr und mehr überhand nimmt, während es doch, wie ich hörte, vor einem Jahrhundert hier noch ganz unbekannt war.« – »Das war es,« entgegnete der Schweizer, »denn Wein wurde hier wenig gebaut und vom Auslande überhaupt nicht eingeführt, weil fürwahr niemand hier die Mittel besaß, Wein oder sonst etwas, was unsere Täler nicht selbst hervorbrachten, zu kaufen. Allein unsere Siege haben uns Reichtümer wie Ruhm erworben, und nach der Meinung mindestens eines Schweizers stünde es ohne beides besser um uns, wenn wir nicht mit Ruhm und Reichtum zugleich auch die Freiheit errungen hätten. Bei alledem ist es etwas wert, daß der Handel gelegentlich zu unsern abgelegenen Bergen Gäste führt, wie Ihr einer seid, würdiger Herr, an dessen Worten man einen Mann von Einsicht und Unterscheidungsvermögen erkennen kann; denn ich sehe wohl ein, daß wir Bergbewohner durch Männer, wie Ihr seid, mehr von der Welt um uns her erfahren, als wir aus uns selbst vermöchten. Ihr habt beschlossen, sagtet Ihr, nach Basel und von dort in das Lager des Herzogs von Burgund zu ziehen?« – »So ist's, werter Gastfreund,« sprach der Handelsmann, »das heißt, wenn ich unbehelligt reisen kann.« – »Wegen Eurer Sicherheit seid unbesorgt, sobald Ihr zwei oder drei Tage verweilen könnt; denn nach dieser Frist werde ich selbst die Reise und zwar unter einer Bedeckung unternehmen, die vor jeder Gefahr Schutz gewähren wird, Ihr sollt in mir einen zuverlässigen und treuen Geleitsmann finden, und ich werde von Euch viel über andere Länder erfahren, die besser kennen zu lernen für mich von Wichtigkeit ist. Soll es gelten?« – »Der Vorschlag ist zu sehr zu meinem Vorteil, als daß ich ihn ablehnen könnte,« sagte der Engländer; »darf ich indessen nach dem Zweck Eurer Reise fragen?«
»Ich schmähte vorhin jenen Burschen,« antwortete Biedermann, »daß er über öffentliche Angelegenheiten ohne Ueberlegung und in Anwesenheit des gesamten Hausgesindes sprach; allein meine Sendung brauche ich vor einem achtenswerten Manne, wie Ihr, der alles bald durch das öffentliche Gerücht erfahren wird, nicht geheim zu halten. Ihr kennt ohne Zweifel den Haß, der zwischen Ludwig XI. von Frankreich und Karl von Burgund herrscht, den man den Beinamen des Kühnen gibt; und da Ihr, wie ich aus früherem Gespräch mit Euch entnahm, diese Länder besucht habt, so seid Ihr wahrscheinlich von den mancherlei Ursachen des Zwistes unterrichtet. Jetzt bietet Ludwig, dessen List und Schlauheit die Welt nicht zu durchschauen vermag, indem er große Summen an etliche der Räte unserer Nachbarn in Bern verteilt, indem er selbst in den Staatsschatz dieses Kantons Schätze fließen läßt, alles auf, um die Berner in einen Krieg mit dem Herzog zu verwickeln. Karl dagegen verfährt, wie er häufig zu tun pflegt, ganz so, wie Ludwig es wünscht. Unsere Nachbarn und Verbündeten, die Berner beschränken sich nicht wie wir in den Waldstätten auf Viehzucht und Ackerbau, sondern treiben bedeutenden Handel, den der Herzog von Burgund zu verschiedenen Malen durch Erpressungen und Gewalttaten seiner Offiziere in den Grenzstädten beeinträchtigte, was Euch ohne Zweifel auch bekannt ist. Es wird Euch daher nicht wunder nehmen, wenn, von einem Monarchen verhätschelt, vom andern verletzt, stolz auf frühere Siege und begierig nach ausgedehnter, Macht, Bern und die Städtekantone unseres Bundes, deren Repräsentanten vermöge ihres größeren Reichtums und ihrer besseren Erziehung in unserm Reichstag mehr zu sagen haben als wir in den Waldstätten, für den Krieg sind, der bis jetzt der Republik jederzeit Sieg, Wohlhabenheit und Erweiterung des Besitzes eingebracht hat. Doch wir sollten aus unseren ehemaligen Siegen eine bessere Lehre ziehen. Als wir für unsere Freiheit fochten, segnete der Herr unsere Waffen; allein, wird er das auch tun, wenn wir entweder für Landeserweiterung oder für französisches Gold streiten?« – »Eure Zweifel sind gerecht,« sagte der Kaufmann; »allein, angenommen, Ihr zöget das Schwert, um der Willkür Burgunds ein Ende zu machen?« – »Hört mich an, guter Freund,« antwortete der Schweizer, »es mag sein, daß wir in den Waldkantonen zu gering von den Handelsangelegenheiten denken, die die Berner Bürger so sehr beschäftigen. Bei alledem wollen wir unsere Nachbarn und Eidgenossen im gerechten Streite nicht verlassen; und es ist schon so ziemlich ausgemacht, daß eine Deputation an den Herzog von Burgund geschickt werden soll, um Milderung und Abhilfe zu erbitten. Auf Antrag des jetzt zu Bern versammelten allgemeinen Reichstags soll ich an dieser Gesandtschaft beteiligt sein. Daher also die Reise, auf der mir Eure Gesellschaft erwünscht wäre.« –
»Es soll mir sehr lieb sein, in Eurer Gesellschaft zu reisen, würdiger Gastfreund,« sagte der Engländer, »allein da ich ein aufrichtiger Mann bin, so sage ich Euch, daß mich dünkt, Eure Gestalt und Haltung gleiche eher der eines Kriegsheroldes als der eines Friedensboten.«
»Und ich möchte dagegen sagen,« versetzte der Schweizer, »daß Eure Redeweise und Eure Gesinnung, verehrter Gast, eher zum Schwerte als zum Meßstabe passe.« – »Ich wurde für das Schwert erzogen, werter Herr, ehe ich die Tuch-Elle in die Hand nahm,« entgegnete Philippson, »und es mag sein, daß ich noch jetzt mehr, als klug sein dürfte, zu meinem ehemaligen Beruf hinneige.« – »Ich dachte es mir,« sprach Arnold, »aber da fechtet Ihr wahrscheinlich unter dem Banner Eures Vaterlandes gegen einen auswärtigen, allgemeinen Feind; und in solchem Falle will ich einräumen, daß der Zweck des Krieges die notwendige Rücksicht auf das große Leid vergessen läßt, das Gottes Geschöpfe auf beiden Seiten einander im Kampfe zufügen. Allein der Krieg, in welchem ich mitkämpfte, hatte nicht diese glänzende Außenseite. Es war der unglückliche Zürcherkrieg, wo Schweizer ihre Piken gegen Landsleute richteten. Von solchen Erinnerungen sind Eure kriegerischen Rückblicke wahrscheinlich frei.«
Der Kaufmann senkte das Haupt und drückte die Hand an seine Stirn gleich einem, dem quälende Erinnerungen plötzlich erweckt werden. »Ach,« sprach er, »ich verdiene es, die Bekümmernis zu fühlen, die Eure Worte mir einflößen. Welche Nation kann das Weh Englands nachempfinden, wenn sie nicht gleiches Weh erlitt – welches Auge kann solches Weh durchschauen, wenn es nicht sah, wie ein Land zerfleischt und blutend dem Streite zweier Parteien erlag, Schlachten in allen seinen Provinzen lieferte, seine Ebenen mit Leichen anfüllte und Schafotte im Blut schwimmen ließ! Selbst in Euren friedlichen Tälern, meine ich, müßt Ihr von den Bürgerkriegen in England gehört haben?« – »Ich erinnere mich dessen allerdings,« sagte der Schweizer. »Allein, diese Kämpfe sind beendigt?« – »Einstweilen, so scheint es,« entgegnete Philippson,
Während er so sprach, wurde an die Tür geklopft. Der Hausherr rief: »Herein!« die Tür ging auf, und Anna von Geiersteins liebliche Gestalt erschien.
Viertes Kapitel