Er nahm das Papier aus der Hand seiner Nichte, die es errötend hingab. Die Buchstaben auf dem Zettel waren so schön geschrieben, daß der Landammann überrascht ausrief: »Kein Schreiber von St. Gallen hätte zierlicher schreiben können. – Sonderbar,« setzte er hinzu, »daß eine Hand, die so fest eine Bogensehne anzuziehen vermag, leicht genug ist, so niedliche Buchstaben zu malen!« Dann rief er aus: »Aha! Verse! Bei der heiligen Jungfrau, Verse! Was, haben wir Minnesänger hier, die sich als Handelsleute verkleideten?« Dann las er folgende Zeilen von dem Papier:
»Treff ich den Pfahl dort sowie Band und Taube,
Wort hielt ein Schütz aus England dann, das glaube!
Ach, holdes Mädchen, zieltest Du nach mir,
Ein Blick tät mehr als die drei Pfeile hier.«
»Das sind Reime, mein werter Gast,« sprach der Landammann kopfschüttelnd, »schöne Worte, um hübschen Mädchen den Kopf zu verdrehen. Doch entschuldigt Euch deshalb nicht, es ist das so Sitte in Eurem Lande, und wir verstehen uns darauf, es als solche Modesitte zu behandeln.« – Und ohne weiter auf die Verse anzuspielen, deren Lesung den Dichter wie das Mädchen, dem sie galten, in nicht geringe Verlegenheit brachte, fügte Herr Arnold ernsthaft hinzu: »Ihr müßt eingestehen, Rudolf von Donnersberg, daß der Fremde auch wirklich die drei Punkte traf, die er sich zum Ziele setzte.« »Daß er sie traf, liegt am Tage,« antwortete der Angeredete; »Allein, daß er sie wacker traf, mag zu bezweifeln sein, sobald es Dinge wie Hexerei und Zauberei auf dieser Welt gibt.« – »Schämt Euch, schämt Euch, Rudolf, können Wahn und Neid, einen so wackeren Jüngling, wie Ihr seid, beeinflussen, einen Jüngling, von dem meine Söhne Mäßigung, Schonung, Aufrichtigkeit und männliche Tapferkeit lernen sollten?« – Der Berner errötete, als ihm dieser Vorwurf gemacht wurde, und gab keine Antwort. Aber während Arnold und der ältere Philippson hinwegschritten und die Jünglinge sich wieder ihren Spielen widmeten, trat er an Arthur heran und flüsterte ihm rasch zu: »Ihr Handelsleute verkauft Handschuhe – habt Ihr jemals einzelne verkauft, oder setzt Ihr sie nur paarweise ab?« – »Ich verkaufe Handschuhe nicht einzeln,« versetzte Arthur, der den Sinn der Frage sofort verstand und dem es sehr willkommen war, den Berner für die beleidigende Verdächtigung von vorhin zu strafen. »Doch bin ich jederzeit bereit, mein Herr, einen einzelnen Handschuh einzutauschen.« – »Ihr seid schlau, wie ich sehe,« sagte Rudolf; »blickt auf die Spieler, während ich rede, sonst argwöhnt man, was wir vorhaben. Wenn wir unsere Handschuhe austauschen, wie soll jeder den seinigen wieder einlösen?« – »Durch unsere guten Schwerter,« versetzte Arthur Philippson. – »In Rüstung, oder so, wie wir hier sind?« – »Ei, wie wir hier sind,« sagte Arthur. »Mir ist kein anderes Gewand gerecht als dieses Wams, so wie keine andere Waffe als mein Schwert. – Nennt Zeit und Ort!« –
»Bei Sonnenaufgang im alten Schloßhof des Geiersteins,« erwiderte Rudolf, »hier ist mein Handschuh!« – »Und hier ist der meinige!« sagte Arthur.
Fünftes Kapitel
Der Landammann von Unterwalden und der ältere Philippson gingen, als sie die jungen Leute bei ihren Scherzen und Spielen zurückgelassen hatten, gemeinsam weiter, indem sie sich hauptsächlich über die politischen Angelegenheiten Frankreichs Englands und Burgunds unterhielten, bis das Gespräch sich änderte, als sie in den alten Schloßhof des Geiersteins eintraten, in dessen Mitte sich der einsame, von andern Ruinen umringte Turm erhob. – »Das ist seinerzeit ein stolzer, fester Bau gewesen,« sagte Philippson, – »Es war ein stolzes, machtvolles Geschlecht, dem es gehört hat,« versetzte der Landammann. »Die Grafen von Geierstein haben eine Geschichte, die hinaufreicht bis in die Zeiten der alten Helvetier. Allein alle irdische Größe hat ein Ende, und freie Leute wandeln jetzt auf den Ruinen der Zwingburg ihres Lehnsherrn.« – »Ich gewahre,« sagte der Kaufmann, »auf einem Steine unter jenem Turmgesims, wie mich dünkt, das Wappen der Familie: einen Geier, der auf einem Felsen sitzt.« – »Es ist das alte Wahrzeichen des Hauses,« erwiderte Arnold Biedermann.
»Ich bemerkte auch in Eurem Saale,« fuhr der Handelsmann fort, »einen Helm, der auf seinem Kamme eben dies Wahrzeichen trägt. Er ist wohl auch ein Andenken an einen Sieg der Schweizer Landleute über die Edlen von Geierstein?« – »Nein, lieber Herr. Als die Schweizer sich von der Sklaverei freimachten, wurde zwar manches stolze Schloß aus gerechter Rache des gereizten Volkes geplündert und zerstört, aber den Geierstein traf dieses Schicksal nicht. Das Blut der alten Besitzer dieser Türme fließt noch in den Adern dessen, der heute diese Ländereien besitzt. – »Wie habe ich das zu verstehen, Herr Landammann?« fragte Philippson. »Seid Ihr nicht selbst Besitzer dieser Gegend?«
»Und wahrscheinlich denkt Ihr,« versetzte Arnold, »ich könne nicht von altadeligem Geschlecht abstammen, weil ich gleich andern Hirten lebe, weil ich ein selbstgesponnen und selbstgewebtes Gewand trage und den Pflug mit eigener Hand lenke? Es gibt in diesen Kantonen manchen Bauersmann von adeliger Abstammung, aber diese Edlen haben freiwillig auf ihre Rechte als Lehnsherren verzichtet,«
»Allein,« erwiderte der Kaufmann, der noch nicht mit dem Gedanken vertraut werden konnte, daß sein schlichter Wirt ein Mann von vornehmer Geburt war, »Ihr tragt nicht den Namen Eurer Väter, werter Herr – jene waren, sagt Ihr, Grafen von Geierstein, und Ihr seid.« –
»Arnold Biedermann, Euch zu dienen,« versetzte der Landammann, doch brauche ich nur den Helm dort aufzusetzen oder eine Falkenfeder auf meine Mütze zu stecken, so kann ich mich Arnold, Graf von Geierstein nennen. Schon mein Großvater Heinrich von Geierstein, machte gemeinsame Sache mit den verbündeten Bauern, um de Courey's räuberische Schar zu verjagen, wie ich Euch schon erzählte, und als der Krieg mit Oesterreich wieder anfing, focht mein Ahnherr im Gegensatz zu vielen Adeligen, die es mit Kaiser Leopold hielten, an der Spitze der verbündeten Schweizer und trug durch seine Geschicklichkeit und Tapferkeit zu dem entscheidenden Siege bei Sempach bei. Mein Vater dachte ebenso wie mein Großvater, schloß sich eng an den Kanton Unterwalden, wurde Mitglied der Eidgenossenschaft und tat sich so hervor, daß er zum Landammann der Gemeinde gewählt wurde. Er hatte zwei Söhne, mich und meinen jüngeren Bruder, Albert, und äußerte bei seinem Tode den Wunsch, daß einer seiner Söhne Graf von Geierstein bleiben, der andere als freier Insasse von Unterwalden leben und seinen Mitbürgern sich widmen sollte. Er bot mir, als seinem ältesten Sohne die weite Besitzung von Geierstein an, und schlug meinem jüngeren Bruder vor, schweizerischer Bauer und Bürger zu werden. Der aber erhob Einspruch. »Nein, Vater,« sprach er, »Geierstein ist ein Reichslehn, und nach dem Gesetz habe ich ein Anrecht, auf die Hälfte des Besitztums. Soll mein Bruder ein Graf von Geierstein sein, so bin ich nicht minder Graf Albert von Geierstein; und ich werde eher den Kaiser anrufen, als mir Rang und Stand nehmen lassen, sei es auch durch meinen Vater.« – »Geh,« sagte dieser voller Zorn, »stolzer Knabe, klage gegen Deinen Vater bei einem willkürlichen Fürsten. Geh, doch komm mir nicht wieder vor Augen und fürchte meinen ewigen Fluch!« Schon wollte Albert heftig antworten, da erklärte ich mich mit dem Wunsche meines Vaters einverstanden und bereit, Bauer und Bürger von Unterwalden zu werden. So ward denn Albert zum Erben des Schlosses und Ranges unter dem Titel Graf Albert von Geierstein erklärt, und ich wurde Besitzer dieser Felder und reichen Matten, aus deren Mitte mein Haus sich erhebt, und meine Nachbarn benannten mich Arnold Biedermann. Mein Bruder erhielt noch andere Besitzungen in Schwaben und Westfalen und kam nur selten auf sein väterliches Schloß, das er von einem Vogt verwalten ließ, der sich bei den Untergebenen des Grafen höchst verhaßt machte. Aber auch mein Bruder, wenn er bisweilen den Geierstein besuchte, wußte sich durchaus nicht beliebt zu machen. Er hörte nur auf seinen grausamen, eigennützigen Vogt, Ital Schreckenwald genannt, und selbst meine Vorstellungen waren in den Wind geredet. Mich sah er für einen rohen und beschränkten Bauer an, der das edle Blut seines Stammes durch gemeine Neigungen besudelte. Bei jeder Gelegenheit ließ er gegen seine Landsleute merken, wie tief er sie verachtete. Mit Vorliebe trug er auf der Mütze eine Pfauenfeder, obgleich er wußte, daß dies Abzeichen des Hauses Oesterreich im Schweizerlande tödlich gehaßt wurde und. daß mancher schon bloß deshalb erschlagen worden war, weil er dieses Abzeichen getragen. Inzwischen heiratete ich meine Berta, die jetzt eine Heilige im Himmel ist und mir sechs Söhne schenkte, von denen Ihr heute fünf an meinem Tische gesehen habt. Auch Albert nahm eine Frau – eine Adelige aus Westfalen, Er hatte nur eine Tochter: Anna von Geierstein, Dann brach der Krieg zwischen unseren Waldstätten und der Stadt Zürich aus, die sich zu Oesterreich schlagen wollte. Mein Bruder ergriff nicht nur die Waffen für des Kaisers Sache, sondern nahm auch in die Feste Geierstein eine Schar österreichischer Söldner auf, mit denen der gottlose Ital Schreckenwald die ganze Umgebung, mit Ausnahme meines kleinen väterlichen Erbes, verwüstete. Ich zog gegen diese Räuber und Strauchdiebe, und der Kampf wurde mit wechselndem Glücke geführt. Während meiner Abwesenheit brannte der Vogt von Geierstein mein Haus nieder und erschlug meinen jüngsten Sohn, der seinen väterlichen Herd verteidigte. Meine Aecker wurden verwüstet, meine Herden weggetrieben. Dafür, glückte es dann mir, mit Hilfe einer Schar Bauern aus Unterwalden, das Schloß Geierstein zu erstürmen. Die Burg wurde entfestigt.«