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»Und was sagte Euer Bruder dazu?« – »Er war sicherlich des Glaubens, ich hätte sein Schloß in der Absicht genommen, mich dadurch zu bereichern. Er schwur sogar, mich in offener Feldschlacht aufzusuchen und mit eigener Hand zu erschlagen. Wirklich fochten wir beide in der Schlacht bei Freienbach; aber mein Bruder war durch einen Pfeil verwundet worden und mußte weggetragen werden. Nachher nahm ich noch an den blutigen Gefechten auf dem Hirzelberge und bei der Sankt Jakobskapelle teil, nach denen Zürich zur Nachgiebigkeit genötigt und Oesterreich nochmals gezwungen war, Friede mit uns zu schließen. Nach diesem Kriege, der dreizehn Jahre währte, erließ der Reichstag ein Urteil lebenslänglicher Verbannung gegen meinen Bruder Albert und hätte auch seine Besitzungen konfisziert, nur daß man in Rücksicht auf die Dienste, die ich dem Lande geleistet hatte, davon absah. Als der Spruch dem Grafen von Geierstein mitgeteilt ward, gab er eine trotzige Antwort; jedoch nicht lange Zeit nachher zeigte uns ein Umstand, daß Albert doch noch an seinem Vaterlande hing und auch meiner unverändert gebliebenen Liebe zu ihm Gerechtigkeit widerfahren ließ.«

»Ich möchte meinen Kredit verwetten,« sagte der Handelsmann, »daß das, was nun folgt, Eure Nichte betrifft.« – »Ganz richtig,« versetzte der Landammann. »Wir hörten also, daß mein Bruder am Hofe des Kaisers in hohen Gnaden gestanden hätte, jedoch vor kurzem verdächtigt und in die Verbannung geschickt worden wäre. Kurze Zeit, nachdem uns diese Kunde geworden, und es sind, wie mich dünkt, jetzt etwa sieben Jahre her, kehrte ich von der Jagd am jenseitigen Flußufer zurück, war wie gewöhnlich über die schmale Brücke geschritten und ging durch den Hofraum, als eine Stimme in deutscher Sprache ausrief: »Ohm, habt Mitleid mit mir!« Als ich mich umschaute, gewahrte ich ein Dirnlein von zehn Jahren, das aus den Ruinen scheu hervortrat und mir zu Füßen sank. Bittend hob sie die Händlein zu mir auf. »Bin ich Dein Ohm, kleines Mädchen,« sagte ich, »wie kannst Du Furcht vor mir hegen?« – »Weil Ihr das Haupt der gottlosen und schändlichen Bauern seid, die ihre Freude daran finden, das Blut der Edlen zu vergießen,« versetzte die Dirne mit einem Mute, der mich überraschte. – »Wie heißt Du, mein kleines Mädchen?« fragte ich, »wer hat Deinen Verwandten so bei Dir angeschwärzt, und wer brachte Dich hierher?« – »Ital Schreckenwald,« sagte das Kind, das nur zur Hälfte meine Fragen verstehen mochte. – »Ital Schreckenwald!« denn schon der Name dieses Verhaßten brachte mich in Wut. Eine Stimme, die wie das dumpfe Echo aus einem Grabe erscholl, rief aus den Ruinen: »Ital Schreckenwald!« und der Schuft trat aus seinem Schlupfwinkel hervor und stand mir gegenüber. Ich hatte meinen Bergstecken in der Hand – schon wollte ich ihn niederschlagen – allein er war unbewaffnet, eine Bote meines Bruders, – ich durfte mich nicht an ihm vergreifen. Er begann in der ihm eigenen Verwegenheit: »Vasall des edlen, hochgeborenen Grafen von Geierstein, vernimm die Worte Deines Herrn und leiste ihnen Gehorsam! Zieh' die Mütze ab und horche; denn ist auch die Stimme mein, so sind es doch die Worte des edlen Grafen.« – »Gott und Menschen wissen,« versetzte ich, »ob ich meinem Bruder Hochachtung und Unterwürfigkeit schuldig bin; es ist viel, wenn ich aus Rücksicht gegen ihn seinem Botschafter nicht die Peitsche gebe. Fahre fort, und befreie mich möglichst bald von Deiner verhaßten Gegenwart.« – »Albert von Geierstein, Dein Herr und mein Herr,« fuhr Schreckenwald fort, »sendet seine Tochter, die Gräfin Anna, und vertraut sie Deiner Obhut, bis er soweit seine Zwecke erreicht haben wird, daß er sie von Dir zurückfordern mag. Er verlangt, daß Du zu ihrem Unterhalte die Renten und Erträgnisse der Ländereien von Geierstein verwendest, die Du ihm entrissen hast.« – »Wenn die Umstände, wie Du sagst, es meinem Bruder unmöglich machen,« antwortete ich, »seine Tochter bei sich zu behalten, so werde ich ihr ein Vater sein, und es soll ihr an nichts mangeln. Die Ländereien von Geierstein aber sind dem Staate verfallen, das Bergschloß ist zerstört worden, wie Du siehst, und daran trägt die größte Schuld Deine Schändlichkeit. Und somit hast Du Deine Botschaft – geh von hinnen, so Dir Dein Leben lieb ist; denn gefährlich ist's, höhnisch zum Vater zu reden, während Deine Hände mit dem Blute seines Sohnes gefärbt sind.« Der Elende entwich, als ich so sprach, und erlöste mich aus der schweren Versuchung, unter der ich rang, mit seinem Blute den Ort zu benetzen, wo er viele seiner Grausamkeiten und Verbrechen verübt hatte. Ich begleitete meine Nichte in mein Haus und überzeugte sie bald, daß ich ihr treuester Freund war. Gleich als wäre sie meine Tochter, machte ich sie vertraut mit der Lebensweise auf unseren Bergen. Jetzt gilt Anna von Geierstein mit Recht für die Krone des Bezirkes; dabei zweifle ich nicht, daß, wenn sie einen würdigen Mann zum Gatten wählen sollte, der Staat ihr ein reiches Heiratsgut aus ihres Vaters Besitzungen zufließen läßt, da es bei uns nicht Grundsatz ist, das Kind um der Fehler seiner Eltern willen zu strafen.«

»Es wird natürlich Euer sehnliches Verlangen sein, mein würdiger Gastfreund,« entgegnete der Engländer, »Eurer Nichte eine Heirat zu sichern, wie ihre Geburt und Ansprüche, vor allem aber ihr Verdienst es erheischen.« – »Das ists eben, mein ehrlicher Gast,« sagte der Landammann, »was schon oft meine Gedanken beschäftigt hat. Allzunahe Verwandtschaft verbietet es mir, Anna einen meiner eigenen Söhne heiraten zu lassen. Jener Rudolf von Donnersberg ist tapfer und geachtet bei seinesgleichen, aber zu ehrgeizig und streberhaft, auch jähzornig, wenn auch von Herzen gut. Doch werde ich wohl, wenn auch auf etwas unangenehme Weise, von aller Sorge befreit werden, denn mein Bruder, der sie sieben Jahre lang anscheinend vergessen hatte, schrieb mir kürzlich, ich solle Anna zurückgeben. – Ihr könnt lesen, werter Herr, denn Euer Gewerbe verlangt das. Seht, hier ist die Rolle. Lest laut, ich bitte Euch!«

Demzufolge las der Kaufmann: »Bruder – ich danke Euch für die Sorge, die Ihr für meine Tochter getragen habt, denn sie ist in Sicherheit gewesen, während sie ohne Euch in Gefahr hätte leben müssen. Ich bitte Euch jetzt, sie mir zurückzuliefern, und hoffe, sie wird gern bereit sein, die Gewohnheiten einer Schweizer Bäuerin gegen die Anmut eines hochgeborenen Fräuleins zu vertauschen. – Lebt wohl, ich danke Euch nochmals für Eure Sorgfalt, die ich Euch vergelten würde, so es in meiner Macht stände. Ich verbleibe Euer Bruder