»Schlag zu, Engländer!« rief der Schweizer, nachdem sie etwa eine Minute lang einander gegenüber gestanden hatten.
»Das längste Schwert sollte wohl den ersten Streich führen,« sagte Arthur; und die Worte waren kaum über seine Lippen, als die Klinge des Schweizers sich erhob und mit einer Schnelligkeit niedersauste, die bei ihrer Schwere und riesigen Größe ganz erstaunlich war. Die geschickteste Parade hätte nichts vermocht gegen die Wucht dieses Hiebes, mit dem der Berner Kämpe den kaum begonnenen Kampf auch gleich zu enden hoffte, aber der junge Philippson konnte sich auf sein richtiges Augenmaß und die Geschmeidigkeit seiner Glieder verlassen. Bevor die Klinge herabfuhr, brachte er sich durch einen schnellen Seitensprung in Sicherheit, und ehe noch der Schweizer sein Schwert wieder heben konnte, erhielt er schon eine freilich nur leichte Wunde am linken Arm. Wütend über den Fehlschlug und über die Wunde, erhob der Schweizer nochmals seinen Flamberg, und nun prasselte auf seinen Gegner ein Hagel von Hieben mit so erstaunlicher Gewalt und Schnelligkeit herab, daß der junge Engländer alle Geschicklichkeit aufbieten mußte, um diesen Schlägen zu entrinnen, von denen jeder einzelne hingereicht hätte, einen Felsblock zu spalten. Philippson sprang gewandt hin und her und wartete nur auf den Augenblick, bis sein ergrimmter Feind sich müde gearbeitet hätte oder sich in seiner Kampfeswut eine Blöße geben würde. Das letztere geschah auch bald, denn bei einem besonders wuchtigen Hieb strauchelte der Schweizer über einen großen Stein, der im langen Grase versteckt lag, und erhielt, ehe er wieder feststand, von seinem Gegner einen derben Stoß an den Kopf. Im Futter seiner Mütze steckte aber eine kleine Stahlkappe, so daß er unverwundet blieb und, aufspringend, den Kampf mit unverminderter Wut, jedoch, wie es dem jungen Engländer schien, mit kürzerem Atem und vorsichtiger geführten Streichen fortsetzte.
So fochten sie mit gleichem Glücke, als eine ernste Stimme, die das Geklirr der Schwerter und das Brausen des Wasserfalles übertönte, in herrschendem Ton ausrief: »Bei Eurem Leben – haltet inne!«
Die beiden Fechter senkten ihre Schwerter, und die Unterbrechung eines Kampfes, der sicherlich ein tödliches Ende genommen hätte, kam beiden nicht unerwünscht. Sie blickten zur Seite und der Landammann stand vor ihnen und zeigte seine breite, ausdrucksvolle, vom Zorne gerunzelte Stirne,
»Was, Jungen!« rief er, »seid Ihr Gäste des Arnold Biedermann, und entehrt sein Haus durch Gewalttaten!« – »Arthur,« sprach der ältere Philippson, der gleichzeitig mit ihrem Gastfreunde herangeschritten war, »welche Raserei? Liegt Dir nichts Wichtigeres ob, als Zank und Kampf mit dem ersten, besten Prahlhans und Tollkopf?« – Die Jünglinge blickten einander an und stützten sich auf ihre Waffe, – »Rudolf Donnersberg,« sprach der Landammann, »gib mir Dein Schwert, mir gib es, dem Eigner dieses Bodens, dem Haupte dieser Familie und der obrigkeitlichen Person dieses Kantons,« – Und was noch mehr ist,« antwortete Rudolf unterwürfig: »Euch, der Ihr Arnold Biedermann seid, auf dessen Befehl jeder Bewohner dieser Berge sein Schwert entblößt oder in die Scheide steckt.« Mit diesen Worten übergab er seinen doppelgriffigen Flamberg dem Landammann.
»Nun bei meinem Ehrenwort,« sagte Biedermann, »es ist dies dasselbe Schwert, mit dem Dein Vater Stephan so rühmlich bei Sempach, Schulter an Schulter mit dem berühmten Arnold von Winkelried, focht! Schmach über Dich, daß Du es gegen einen schutzlosen Fremdling zogst! Und Ihr, junger Herr, wollte der Schweizer, gegen Arthur gewendet, fortfahren, als dessen Vater in dem Augenblicke sagte: »Arthur, überliefere Dein Schwert dem Landammanne.« – »Es wird nicht nötig sein, Herr,« sagte der junge Engländer; »denn was mich betrifft, so halte ich unsern Streit für geschlichtet. Dieser wackere Edelmann berief mich hierher, um, wie ich glaube, meinen Mut zu erproben: ich muß von seiner Ritterlichkeit und Waffentüchtigkeit das beste Zeugnis ablegen; und da ich hoffe, er werde nichts Schmähendes über mein männliches Betragen zu äußern haben, so meine ich, daß unser Zwist lange genug gedauert hat,« – »Zu lange für mich,« rief Rudolf freimütig; »der grüne Ärmel meines Wamses, den ich mir aus Liebe zu den Waldkantonen in dieser Farbe anfertigen ließ, ist jetzt so dunkelrot gefärbt als hätten ihn Färber von Ypern oder Gent unter den Händen gehabt. Allein von Herzen vergebe ich dem braven Fremden, daß er mir eine Lehre erteilt hat, die ich nicht so bald vergessen werde. Hier ist meine Hand, wackerer Fremdling! Du hast mich ein Fechterkunststück gelehrt, und wenn wir unser Frühstück eingenommen haben, wollen wir, so Dir's recht ist, in den Wald gehen, wo ich Dich ein Jägerstückchen lehren will. Ist Dein Fuß nur zur Hälfte so gewandt wie Deine Hand, und ist Deinem Auge nur ein wenig von der Festigkeit Deines Herzens zuteil geworden, so sollst Du nicht viele Jäger finden, die es Dir zuvor täten,«
»Diese beiden Burschen hätten ein böses Spiel gespielt,« sagte der ältere Philippson, »wenn Ihr, mein würdiger Gastfreund, nicht ihr Vorhaben durchkreuzt hättet. Doch darf ich fragen, wie Ihr noch zu rechter Zeit etwas davon erfuhrt?« – »Das danke ich der Fee meines Hauses,« antwortete Biedermann, »die der gute Engel meiner Familie zu sein scheint; ich meine, meine Nichte Anna, die bemerkt hatte, daß die beiden Wagehälse einen Handschuh austauschten, und die Worte »Geierstein« und »Tagesanbruch« von ihnen gehört hatte. Ja Herr, es ist eine eigene Sache um eines Weibes Scharfsinn.« – »Ich hätte wohl Lust,« sagte der Engländer, »in Eurer Gegenwart dem Mädchen, dem ich so sehr verpflichtet bin, meinen Dank abzustatten.« – »Dazu habt Ihr in diesem Augenblick die beste Gelegenheit,« sagte der Landammann und damit rief er durch die Baumgruppen des Mädchens Namen. Anna von Geierstein hatte auf einem Hügel in einiger Entfernung gestanden und sich hinter einem Reisighaufen verborgen. Sie erschrak, als sie den Ohm rufen hörte, doch gehorchte sie sogleich, und indem sie den beiden Jünglingen, die vorausgeschritten, aus dem Wege ging, gesellte sie sich, einen Pfad durch das Gehölz einschlagend, zu dem älteren Philippson und dem Landammann. – »Mein würdiger Gast und Freund wollte mit Dir reden, Anna,« sagte der Landammann, nachdem der Morgengruß gegeben und erwidert worden war. Das Schweizermägdlein errötete auf Stirn und Wangen, als Philippson sie mit folgenden Worten anredete: »Es begegnet uns Kaufleuten bisweilen, meine schöne, junge Freundin, daß wir für den Augenblick nicht die Mittel besitzen, unsere Schulden zu tilgen; allein mit Recht ist derjenige unter uns als der niedrigste der Menschen zu betrachten, der diese seine Schulden nicht anerkennt. Genehmigt deswegen den Dank eines Vaters, dessen Sohn Ihr erst gestern vom Tode gerettet habt. Heute morgen nun hat Eure Klugheit ihn abermals aus großer Gefahr befreit. Macht mir die Freude und nehmt diese Ohrringe an!« fügte er hinzu, indem er ein Schmuckkästchen hervorzog und öffnete. »Sie sind freilich nur von Perlen, allein sie wurden dennoch nicht für unwürdig gefunden, in den Ohren einer Gräfin –«
»Und wären deswegen,« unterbrach ihn der Landammann, »nicht am Platze bei einer Schweizerdirne aus Unterwalden, denn das und nichts weiter ist meine Nichte Anna, so lange sie unter meinem Dach weilt. Doch schlagen Dirnen,« fügte er hinzu, indem er gutmütig lächelte und einen der Ohrringe dicht vor Annas Gesicht hielt, »dergleichen Schmuck nicht gern aus. Deshalb, Anna, überlasse ich es ganz Deiner eigenen Einsicht, ob Du das kostbare Geschenk unseres rechtschaffenen Gastes annehmen und tragen willst oder nicht.« – »Da Ihr es mir erlaubt, mein teuerer Ohm und Freund,« sagte das junge Mädchen errötend, »so will ich unserm Gast nicht den Kummer bereiten, abzulehnen, was er mir so freundlich anbietet; doch mit seinem und Eurem Gutbefinden, will ich diese prächtigen Ohrgehänge dem heiligen Schrein Unserer lieben Frau zu Einsiedeln weihen, um der Mutter Gottes dadurch unsern gemeinschaftlichen Dank für die Gnade auszudrücken, mit der sie uns bei den Schrecknissen des gestrigen Sturmes und bei dem Zwischenfall dieses Morgens hilfreich gewesen ist.«