Nach zehn Tagen langte die Gesandtschaft, die beauftragt war, beim Herzog über die Bedrückungen Archibalds von Hagenbach Beschwerde zu führen, endlich auf Geierstein an, von wo aus die Reise angetreten werden sollte. Es waren ihrer drei, außer dem jungen Berner und dem Landammann von Unterwalden. Einer war, wie Arnold, ein Grundeigentümer aus den Waldstätten, der wie ein einfacher Alphirt gekleidet war, aber durch die Schönheit und die Form seines langen silberfarbenen Bartes auffiel. Nicolaus Bonstetten hieß er. Melchior Sturmthal, Bannerträger von Bern, ein Mann mittleren Alters und ein Krieger von ausgezeichnetem Mute, und Adam Zimmermann, ein Abgeordneter von Solothurn, der bedeutend älter war, vervollständigten die Zahl der Gesandten. Die Abgeordneten reisten zu Fuß, ihre Stecken in der Hand, Pilgrimen gleich, die nach einem Wallfahrtsort zogen. Zwei Maultiere, mit etwas Gepäck beladen, wurden von etlichen jungen Burschen, den Söhnen oder Vettern der Mitreisenden, geführt. Leute, die in so wichtiger Angelegenheit reisten, konnten zu jener Zeit, und bei dem gänzlich ungeregelten Zustand des Landes jenseits ihrer Grenze, keinesfalls ohne Bedeckung bleiben. Es gab damals noch Wölfe in den Bergen, und auf den Ebenen trieben sich Rotten von Kriegsknechten, die diesem oder jenem Banner entlaufen waren, und ganze Banditenhaufen herum, die die Grenzen von Elsaß und den deutschen Ländern unsicher machten. Deshalb war die Gesandtschaft von ungefähr zwölf auserlesenen Jünglingen aus den verschiedenen Schweizerkantonen begleitet, und Arnolds drei älteste Söhne, Rüdiger, Ernst und Sigismund, waren unter der Zahl; doch beobachteten sie keine kriegerische Ordnung, sondern bildeten etliche Streifpartien von fünf oder sechs Mann und durchspürten so die Feldwege, Wälder und Engpässe, durch die der Weg der Abgeordneten führte. Bei der langsamen Gangart der Alten hatten sie Zeit, Wölfe und Bären zu erlegen oder gelegentlich ein Gemstier auf den Klippen zu jagen. Ein besonderer Ruf aus einem großen Stierhorn war das verabredete Zeichen, auf das sich alle bei etwaiger Gefahr an einem und demselben Punkte zusammenzufinden hatten. – Rudolf von Donnersberg, obschon um vieles jünger als mancher der mit im Zuge befindlichen Jünglinge, hatte den Oberbefehl über diese Leibwache der Gesandten erhalten.
Natürlich zog Arthur Philippson die Gesellschaft und die Jägerei der jungen Gesellen der ernsten Unterhaltung und dem langsamen Weiterschreiten der Väter aus der Gebirgsrepublik vor. Allein, es war für ihn eine starke Versuchung vorhanden, sich auch öfters bei dem hinterherziehenden Gepäck aufzuhalten; denn im Nachtrab der Gesandtschaft befand sich, zusammen mit einem andern Schweizermädchen, Anna von Geierstein.
Die beiden Mädchen ritten auf Eseln, die kaum mit dem Trabe der Maultiere Schritt halten konnten. Arthur Philippson hätte daher die Dienste, die Anna ihm erwiesen, einigermaßen wieder wettmachen können, indem er dem Mädchen durch rege Unterhaltung die langwierige Reise verkürzte. Aber er durfte es nicht wagen, eine Höflichkeit zu erzeigen, die die Landessitte zu verbieten schien; denn weder einer der Vettern noch Rudolf von Donnersberg kümmerten sich um das Mädchen, Die Bekanntschaft mit Anna von Geierstein vertraulicher zu gestalten, wollte Arthur jedoch schon deshalb vermeiden, um weder seinem Vater zu mißfallen, noch den Unwillen des alten Biedermann zu erregen. Somit beschränkte sich Arthur darauf, wenn Halt gemacht wurde, dem Mädchen einige Aufmerksamkeiten zu erweisen, die zu Rüge und Tadel keinen Anlaß geben konnten.
Mittlerweile hatte der ältere Philippson andere, ernstere Gegenstände in Erwägung zu ziehen. Er war, wie der Leser schon ersehen haben muß, ein Mann, der die Welt kannte und bereits eine ganz andere Rolle darin gespielt hatte, als die war, in der er jetzt auftrat. Beim Anblick von Beschäftigungen, die auch er früher betrieben, wurden längst entschwundene Gefühle in ihm wach und rege. Das Bellen der Hunde, das von den rauhen Höhen und aus den düstern Wäldern widerhallte, die jungen tapferen Jäger, die, wenn sie ihr Wild aufspürten, sich zwischen himmelhohen Klippen und tiefen Abgründen zeigten, wo kaum noch Raum für den Fuß zu sein schien, die Hörnerklänge und das Halali, lockten ihn immer wieder, teil an dem verwegenen, jedoch herzerfrischenden Sport zu nehmen. Doch er unterdrückte dieses Gelüst und erforschte mit lebhaftem Interesse Sitten und Meinungen seiner Reisegefährten. Sie schienen allesamt einen Anflug von eben jener offenherzigen und reinen Einfachheit zu besitzen, durch die Arnold Biedermann sich auszeichnete, obgleich die andern nicht so ernst, im Denken geübt und einsichtig waren, wie der Landammann.
In Gegenwart des älteren Philippson sprach man freimütig über die Anmaßungen des Herzogs von Burgund, erörterte die Mittel, die dem Schweizerlande zu Gebote standen, seine Unabhängigkeit zu behaupten, und beteuerte die feste Entschlossenheit, auch der äußersten Gewalt, die die Welt gegen sie aufbringen könnte, lieber Trotz zu bieten, als sich der geringsten Schmach zu beugen.
Nach drei Tagen kam die Gesellschaft in die Nähe Basels, damals eine der größten Städte an der Südwestgrenze Deutschlands. Hier wollten sie für die kommende Nacht Quartier nehmen, durften sie dort doch auch einer freundlichen Aufnahme gewärtig sein. Freilich war damals die Stadt nicht Mitglied der schweizerischen Eidgenossenschaft, der sie erst im Jahre 1501 beitrat; allein sie war eine freie kaiserliche Stadt und stand in regem Verkehr mit Bern, Solothurn und andern Städten des Schweizerlandes. Die Gesandtschaft sollte ja einen Frieden zum Abschluß bringen, der der Stadt Basel ebenso willkommen sein mußte wie den Schweizern, und so erwarteten unsere Reisenden zu Basel eine freundliche Aufnahme.
Das folgende Kapitel wird zeigen, inwieweit diese Erwartungen in Erfüllung gingen.
Achtes Kapitel
Die englischen Reisenden, der Bergwildnis überdrüssig, blickten jetzt mit Freuden auf ein Land hinab, das freilich noch uneben und hügelig, aber doch schon mit Kornfeldern und Weingärten geschmückt war. Der Rhein, dieser breite, große Fluß, zog sich wie ein grauer ungeheurer Streifen durch die Landschaft und teilte die an seinen Ufern liegende Stadt Basel in zwei Teile.
Sie befanden sich noch eine halbe Stunde Weges von dem Eingange zur Stadt Basel, als ihnen eine Magistratsperson und zwei Bürger entgegenkamen, die auf Maultieren ritten und, nach der Ausrüstung der Tiere zu schließen, reiche vornehme Herren sein mußten. Sie begrüßten den Landammann von Unterwalden und dessen Gefährten auf ehrfurchtsvolle Weise. Allein die Zuversicht, gastlich empfangen zu werden, erlitt eine herbe Enttäuschung. Denn der Sprecher der Baseler Abgeordneten erwähnte zwar, daß die Stadt Basel mit den Städten der schweizerischen Eidgenossenschaft durch Freundschaft und allerlei Vorteile verbunden sei, schloß aber mit den Worten, daß aus gewissen schwerwiegenden Gründen, die zu geeigneter Zeit genügend erläutert werden sollten, die freie Stadt Basel an diesem Abend die hochgeehrten Gesandten, die auf Befehl des helvetischen Reichstages ins Hoflager des Herzogs von Burgund zögen, nicht in ihre Mauern aufnehmen könnte. Mit lebhaftem Interesse beobachtete Philippson, welche Wirkung diese unerwartete Eröffnung auf die Mitglieder der Gesandtschaft machte. Rudolf von Donnersberg schien minder überrascht zu sein als seine Gefährten, und während er stillschwieg, schien er erforschen zu wollen, wie sie über diesen Empfang dächten, und vorläufig keine Lust zu haben, seine Meinung kundzugeben. Schon öfters hatte der scharfsichtige Handelsmann wahrgenommen, daß dieser kecke, wilde Jüngling, sobald sein Vorhaben es erheischte, imstande war, der natürlichen Heftigkeit seiner Gemütsart Fesseln anzulegen. Was die andern betraf, so bewölkte sich die Stirn des Bannerträgers; das Angesicht des Insassen vom Solothurn erglühte gleich dem Monde, wenn er in Nordwesten aufgeht; der silberbärtige Deputierte von Schwyz blickte sehnsuchtsvoll auf Arnold Biedermann, und der Landammann schien tiefer bewegt, als es bei einem Manne von seinem Gleichmut gewöhnlich der Fall zu sein pflegte. Endlich sprach er zu dem Abgeordneten aus Basel mit vor Erregung leicht zitternder Stimme: »Dies ist eine sonderbare Botschaft an die Abgeordneten des Schweizerbundes, die in freundlicher Sendung ankommen. Dabei haben wir die Bürger Basels jederzeit als gute Freunde behandelt. Ein Obdach und die übliche Bewirtung weigert kein Staat den Bürgern eines befreundeten Staates.« – »Die Weigerung geschieht auch nicht mit dem Willen der Stadt Basel, würdiger Landammann,« erwiderte die Magistratsperson, »Nicht bloß Ihr und Eure würdige Genossen, sondern auch Eure Geleitsmänner und selbst Eure Lasttiere sollten in aller Gastfreundschaft aufgenommen werden, die die Baseler Bürger zu erweisen vermöchten – allein wir handeln unter Zwang,« – »Und von wem wird der ausgeübt?« fragte der Bannerträger, schon außer sich vor Zorn, »Hat der Kaiser Sigismund so wenig vom Beispiele seiner Vorfahren gelernt–?« – »Der Kaiser,« versetzte der Sprecher von Basel, indem er den Bannerträger unterbrach, »ist ein wohlgesinnter, friedlicher Herr, wie er es stets war; allein – es sind unlängst burgundische Kriegsknechte eingerückt, und unserer Stadt ist Botschaft geworden vom Grafen Archibald von Hagenbach–« – »Genug gesagt,« fiel ihm der Landammann ins Wort. »Ich begreife, Basel liegt der Feste La Ferette zu nahe, als daß es Basels Bürgern gestattet wäre, nach eigenem Ermessen zu handeln, Brüder, wir sehen Eure Verlegenheit, – wir bemitleiden Euch und verzeihen Euch Euer ungastliches Verhalten.«