»Ei, so hört mich doch zu Ende, werter Herr Landammann,« antwortete die Magistratsperson, »hier in der Nachbarschaft liegt eine alte Jagdfeste der Grafen von Falkenstein, Grafslust genannt. Wohl ist sie verwittert, aber sie ist doch ein besseres Quartier als der freie Himmel. Auch könntet Ihr Euch darin zur Not verteidigen, obwohl Gott verhüten wolle, daß jemand Euch angreife. Und Ihr dort, meine werten Freunde, hört! so Ihr in dem alten Gebäude einige Erfrischungen als Wein, Bier und dergleichen findet, so bedient Euch ihrer ohne Bedenken: denn sie sind für Euch bestimmt.« – »Ich weigere mich nicht,« sagte der Landammann, »ein sicheres Obdach anzunehmen, denn wiewohl es nur aus kleinlicher Bosheit geschieht, daß man uns die Tore Basels verschließt, so hegt man vielleicht doch die Absicht, gewalttätig gegen uns vorzugehen. Für Eure Lebensmittel danken wir; allein mit meiner Zustimmung werden wir uns nicht auf Kosten solcher Freunde sättigen, die sich schämen, uns anders als verstohlenerweise anzuerkennen.«
»Noch eins, mein würdiger Herr,« sagte der Baseler Beamte; »Ihr habt ein Mädchen in Eurem Zuge, die, wie ich vermute, Eure Tochter ist. Der Ort, zu dem Ihr zieht, eignet sich nicht zur Wohnung für Frauen, wie gut wir ihn auch nach unsern besten Kräften einrichteten. Laßt daher Eure Tochter lieber mit uns nach Basel ziehen, wo meine Frau ihr eine Mutter sein wird bis zum nächsten Morgen, an dem ich sie sicher in Euer Lager geleiten werde. Wir versprachen unsere Tore vor den Männern der Eidgenossenschaft verschlossen zu halten, von den Weibern war dabei keine Rede.« – »Ihr seid gar feine Klügler, Ihr Männer von Basel,« antwortete der Landammann, »doch wisset, daß von der Zeit her, wo die Schweizer gegen Julius Cäsar zogen bis zu der gegenwärtigen Stunde, die Weiber des Schweizerlandes im Drange der Gefahr jederzeit im Lager ihrer Väter, Brüder und Ehegatten weilten und keine andere Sicherheit suchten, als der Mut ihrer Angehörigen ihnen verbürgte. Wir haben der Männer genug, um unsere Weiber zu beschirmen, und meine Nichte soll bei uns bleiben und das Geschick mit uns teilen, das der Himmel über uns verhängt hat.« – »So gehabt Euch denn wohl, würdiger Freund,« sagte die Magistratsperson, »es tut mir weh, also von Euch scheiden zu müssen, doch das Mißgeschick will es nicht anders. Der Wiesenweg dort drüber wird Euch zu der alten Burgfeste führen, wo der Himmel Euch eine ruhige Nacht bescheren möge. Es soll nämlich in diesen Ruinen nicht ganz geheuer sein.« – »Wenn wir durch Wesen gestört werden, die uns gleichen,« sprach Arnold Biedermann, »so haben wir gute Waffen und tüchtige Arme; sollten wir, wie Eure Rede andeutet, von Wesen anderer Natur heimgesucht werden, so haben wir, meine ich, ein gutes Gewissen und Vertrauen auf Gott, – Gute Freunde, meine Brüder in dieser Gesandtschaft, habe ich bisher auch in Eurem Sinne gesprochen?« – Die andern Abgeordneten erklärten sich mit allem einverstanden, was ihr Gefährte gesagt hatte, und die Bürger von Basel verabschiedeten sich aufs höflichste.
»Feige Hunde!« rief Rudolf von Donnersberg, »möge der Metzger aus Burgund mit seinen Erpressungen ihnen das Fell über die Ohren ziehen!« – »Es wäre das allerbeste, wenn wir die Stadt erstürmten und sie mit gewaffneter Faust zwängen, uns Obdach zu gewähren!« rief Ernst, einer der Söhne Biedermanns.
»Hörte ich,« versetzte der Vater, »die Sprache eines meiner Söhne oder war es die eines groben Lanzenknechtes, der nur Wohlgefallen hat an Gemetzel und Gewalttat? Wohin ist es mit der Bescheidenheit der schweizerischen Jünglinge gekommen, die gewohnt waren, zu warten, bis die Vater des Kantons sie zum Kampfe riefen? Verlasse unsern Zug morgen früh mit Tagesanbruch und kehre heim nach Geierstein! Wer nicht imstande ist angesichts seiner Landsleute und seines eigenen Vaters die Zunge zu hüten, ist noch nicht reif, in fremde Länder zu reisen!«
Der junge Schweizer, offenbar tief erschüttert, beugte ein Knie und küßte die rechte Hand seines Vaters, während Arnold ohne das leiseste Zeichen von Verdruß ihm seinen Segen gab; und so trat Ernst ohne Widerrede zum Nachtrabe des Zuges.
Die Gesandtschaft wanderte nun den angewiesenen Pfad entlang, an dessen Ende sich die gewaltigen Trümmer von Grafslust erhoben. Als die Wanderer näher kamen, begann es schon dunkel zu werden, und sie konnten bemerken, daß drei oder vier Fenster erleuchtet waren, wahrend die übrige Vorderseite des Gebäudes sich in Nacht hüllte. Am Orte angelangt, sahen sie, daß ein breiter, tiefer Graben ihn rings umgab, in dessen Oberfläche sich die Lichter spiegelten.
Neuntes Kapitel
Es währte nicht lange, so entdeckten unsere Reisenden den Brückenkopf oder das Vorwerk, auf welchem die Zugbrücke, wenn sie herabgelassen war, ehedem geruht hatte. Die Brücke selbst war längst verfallen. Ein leidlicher Uebergang aus Tannenbäumen und Brettern, der wahrscheinlich erst vor kurzem gemacht worden war, bildete den Zugang zum Haupttor, und von ihm aus ging es zu einem Saale, der anscheinend zum Obdach für sie eingerichtet worden war, so gut die Umstände es gestatteten. Ein großes Feuer aus wohlgetrocknetem Holze brannte lichterloh im Kamin. Am Ende des Gemaches war ein Holzvorrat aufgestapelt, der groß genug war, das Feuer zu unterhalten, auch wenn die Reisenden eine Woche lang dort geblieben wären. In der Mitte des Saales standen zwei oder drei lange, schon gedeckte Tische, und, als man sich genauer umsah, fand man in einem Winkel mehrere große Packkörbe, die kalte Speisen im mundrechten Zustand enthielten. Der ehrliche Solothurner blinzelte, als er sah, wie die jungen Leute das Abendessen aus den Körben packten und die Tafel damit belasteten.
»Nun,« sprach er, »diese armen Männer von Basel haben ihre Ehre gerettet, denn wenn sie's uns am Willkommen gebrechen ließen, so haben sie doch für eine reiche Mahlzeit gesorgt.«
»Ach, Freund,« sprach Arnold Biedermann, »das beste Mahl ist nichts wert, wenn der Wirt es unter seiner Würde hält, mitzuspeisen. Doch nach seinen bedenklichen Worten scheint es geraten zu sein, über Nacht sorgsam Wache zu halten, ja ich schlage vor, daß etliche unserer jungen Gesellen von Zeit zu Zeit die alten Ruinen umgehen. Der Platz ist fest und wehrfähig, und auch dafür sind wir unsern Quartiermeistern Dank schuldig. An Eure Pflicht denn, Ihr Burschen! untersucht die Ruine sorgfältig, – sie birgt vielleicht noch mehr als uns.«
Alle billigten diesen Vorschlag, Die jungen Männer griffen nach Fackeln, von denen ein großer Vorrat zu ihrem Gebrauche dalag, und unternahmen eine strenge Durchforschung der Ruine.