»Seid Ihr im Finstern?« fragte Glossin.
»Im Finstern? Zum Henker ja! Woher sollt ich Licht kriegen?«
»Ich bringe Licht,« antwortete Glossin, schlug Feuer an und steckte eine kleine Handleuchte an.
»Ihr müßt auch Feuer anmachen,« herrschte Hatteraick ihm zu, »ich bin schon ganz erfroren.«
»Ja, kalt ist's hier, sehr kalt,« versetzte Glossin und suchte Faßdauben und Holz zusammen, das vielleicht seit Hatteraicks letztem Aufenthalte hier herumgelegen hatte.
»Kalt? Alle Schock Teufel! Ich habe mich bloß warm halten können durch Auf- und Niedergehen – ein gottvermaledeites Loch, diese Höhle! Ein Glück, daß mir die lustigen Zechstunden einfielen, die wir hier verlebt haben.«
Die Flamme fing an hell aufzulodern. Hatteraick wandte sein braunes Gesicht gegen das Feuer und hielt die rauhen nervigen Hände begierig darüber. Der Flackerschein erhellte seine wilden, finstern Züge. Der Rauch, der dem von Kälte erstarrten Mann mit Erstickung drohte, wirbelte ihm um den Kopf und stieg zu dem finstern Gewölbe auf, um seinen Ausgang durch verborgene Felsspalten zu suchen, durch die, wenn die Flut hereintrat, Luft zugeführt werden mochte. »Ich bringe Euch was zum Frühstück mit,« sagte Glossin wieder und holte Brot und Fleisch und Schnaps aus seinen Taschen hervor. Hatteraick griff begierig nach der Flasche und tat einen kräftigen Zug ... »Das schmeckt! das wärmt den Magen!« rief er lustig und stimmte ein paar Strophen eines deutschen Trinkliedes an:
Saufen Bier und Branntewein,
Schmeißen allen die Fenster ein;
Ich bin liederlich.
Du bist liederlich,
Sind wir nicht liederliche Leut!
»Gut gesagt, mein Herzenshauptmann!« rief Glossin und stimmte in den Zecherton ein, indem er das Lied weiter sang:
Branntwein vollauf, auch Wein soll fließen,
Frisch die Fenster eingeschmissen!
War'n drei wilde Jungen doch,
Wilde Jungen war'n wir doch,
Du auf dem Land, und ich auf dem Sand,
Und Hans am Galgen hoch – hoch – hoch!
Ei, nicht wahr, das paßt zu Eurer Weise? – Aber nun laßt uns von unsern Geschäften reden!«
»Von Eurem Geschäfte, bitte!« fiel ihm Hatteraick ins Wort. »Mein's war abgetan, sobald ich die Kette los war.«
»Geduld, mein Freund! ich will Euch bald klar machen, daß unser Vorteil ein und derselbe ist,« hob Glossin wieder an und setzte, als Hatteraick ihm mit einem trocknen Husten antwortete, nach einer Pause hinzu: »Sagt 'mal, wie kam's denn, daß Ihr den Knaben habt entwischen lassen?«
»Alle Schock Teufel! was ging er mich an? Leutnant Brown übergab ihn seinem Vetter im Hause Vanbeest und Vanbrüggen zu Middleburg, band ihnen das Märchen auf, der Junge sei in einem Gefecht mit Schnapphähnen eingefangen worden, und ließ ihn ihnen als Laufjungen – von Entwischen lassen, Glossin, ist keine Rede; bloß gekümmert hab ich mich nicht weiter um ihn.«
»So – und Laufjunge ist er geblieben, – he?«
»O bewahre! der alte Herr hatte bald einen Narren an dem Jungen gefressen, hat ihm seinen Namen gegeben, hat ihn die Kaufmannschaft erlernen lassen und hat ihn nach Indien geschickt. Ich glaube gar, er hätte ihn wieder hierher geschickt, hätte sein Vetter ihm nicht gesagt, daß es mit dem Freihandel auf lange Zeit aus sein dürfte, wenn der Junge wieder nach Schottland käme.«
»Ob er jetzt über seine Herkunft was weiß?«
»Wie kann ich sagen, was er jetzt weiß oder nicht weiß! Aber auf mancherlei besinnen konnte er sich. In seinem zehnten Jahre beschwatzte er einen anderen Jungen – auch aus England – mein Boot zu stehlen, um in sein Land, wie er's nannte, zurückzukehren, und ehe wir sie einholen konnten, war das Boot schon weit weg – im Meere hätt' es untergehen müssen –«
»O, wäre es doch untergegangen – und er mit!«
»Ja, ich war selbst so fuchswild auf ihn, daß ich ihm einen derben Puff versetzte – aber der Junge schwamm wie eine Ente! Eine Stunde lang habe ich ihn Wasser schlucken lassen, um ihn Mores zu lernen, und Hab ihn erst wieder ins Boot hereingenommen, als er unterzusinken drohte. Meiner Treu! Euch wird er schon was zu knacken geben!«
»Aber wie ist er denn aus Indien hergekommen?« fragte Glossin gespannt.
»Woher soll ich das wissen? Das Haus hatte falliert, und das hat uns in Middleburg auch böse getroffen; drum schickten sie mich wieder hierher, ob sich mit meinen alten Bekannten etwas machen lasse; die alten Faxen seien längst vergessen, dachten wir. Ich hatte auf den beiden letzten Reisen einen hübschen Handel in Gang gebracht; aber der dumme Brown, der Spitzbube, hat alles wieder verbuttert dadurch, daß er sich vom Obersten hat anschießen lassen.«
»Und warum wart Ihr nicht dort?«
»Alle Schock Teufel! Ich kenne keine Furcht – aber so weit ins Land hinein durfte ich mich doch nicht wagen; meine Fährte hätte man gar leicht finden können.«
»Allerdings – aber – um wieder auf den Jungen zu kommen –«
»Ja, das geht Euch an,« sagte Hatteraick.
»Wißt Ihr auch ganz bestimmt, daß er wieder im Lande ist?«
»Gabriel hat ihn im Gebirge gesehen,«
»Gabriel? Wer ist das?«
»Ein Zigeuner, der hier vor achtzehn Jahren zum Dienste gepreßt wurde. Er warnte uns vor dem Spürhund an dem Tage, da Kennedy umkam, und sagte uns, daß Kennedy uns verpetzt hätte. Die Zigeuner waren dem Kennedy ohnedies nicht grün. Gabriel ging nach Ostindien im gleichen Schiffe mit Eurem Junker und kannte ihn recht gut, wenn auch der andere sich nicht auf ihn besinnen mochte. Gabriel ging ihm aus dem Wege, weil er desertiert war und auf holländischen Schiffen gegen England gedient hatte, aber er ließ es uns gleich wissen, daß der Musje hier sei. Doch was geht das uns an!«
»Also wirklich hier im Lande, Hatteraick?« fragte Glossin – »auf Treue und Gewissen!«
»Alle Schock Teufel, ja doch! Was denkt Ihr denn von mir?«