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Der größte Teil der Feste war noch viel verfallener und verödeter als der, den die Baseler Bürger zur Bequemlichkeit unserer Gesandtschaft hergerichtet hatten. An etlichen Stellen fehlte die Bedachung, und einige Gemächer lagen voller Schutt, Der Lichtschimmer, das Blinken der Waffen, der Schall der Menschenstimmen und Fußtritte scheuchten aus düstern Schlupfwinkeln Eulen, Fledermäuse und andere garstige Nachttiere. Die Späher stellten fest, daß der tiefe Graben ihren Zufluchtsort rings umgab und sie folglich gegen jeglichen Angriff von außen gesichert waren; denn den Haupteingang konnte man leicht verrammeln und mit Schildwachen besetzen. Auch überzeugten sie sich davon, daß wohl ein einzelner sich hier verborgen hätte halten können, keinesfalls aber eine der ihren an Zahl gleiche Schar.

Sodann bezogen sechs Jünglinge unter Rudolf von Donnersberg Wache vor dem Gebäude. Beim ersten Hahnenschrei sollten sechs andere sie ablösen. Im Innern der Feste wurden ähnliche Vorsichtsmaßregeln getroffen. Ein alle zwei Stunden abzulösender Posten sollte am Haupttor und zwei andere an der entgegengesetzten inneren Seite des Gebäudes stehen, obgleich der Graben Sicherheit genug zu gewähren schien. Hierauf wurden aus einer Menge Heu und Stroh, das man in der weitläufigen Feste aufgeschichtet hatte, die Lagerstätten hergerichtet – ganz behagliche Betten für Leute, die im Kriege oder auf der Jagd oft mit weit schlechterem Nachtlager sich begnügt hatten.

Die Aufmerksamkeit der Baseler war sogar soweit gegangen, daß sie für Anna von Geierstein ein bequemes Obdach in einem Gemach hergerichtet hatten, das ehedem wahrscheinlich die Speisekammer der Feste gewesen war. Man betrat es vom Saal aus, und außerdem hatte es eine Tür, die in die Ruinen führte. Diese Tür war vor kurzem erst in aller Eile, doch mit großer Sorgfalt aus Quadern und Trümmergestein hergestellt worden. Die Steine waren freilich nicht mit Mörtel verbunden, doch durch ihr Eigengewicht so festgelegt, daß ein Versuch, sie einzurennen, nicht nur die in der Kammer, sondern auch die im Saale sofort hätte aufwecken müssen. In diesem kleinen Gemache standen zwei Feldbetten, und auf dem Herde glühte ein großes Feuer, Wärme und Behaglichkeit verbreitend. »Wir sollten unsere Baseler Freunde bemitleiden, nicht aber Unwillen gegen sie hegen,« sprach Biedermann, als er dies sah, »Sie haben für uns getan, was sie bei ihrer Angst um die eigene Haut irgend konnten. Das ist keine Kleinigkeit, meine Herren, denn keine Leidenschaft ist so unaussprechlich selbstsüchtig wie die Furcht. – Anna, mein Kind, Du bist müde. Geh in die für Dich eingerichtete Kammer und Liesl soll Dir von diesen Speisen nachbringen, was für Dich zum Abendbrot am zuträglichsten ist.« – Indem er so sprach, führte er seine Nichte in das Nebengemach, wo er mit einer Art von Wohlgefallen umherblickte und dem Mädchen eine gute Nacht wünschte; doch eine Wolke auf Annas Stirn schien zu weissagen, daß ihres Oheims Wünsche nicht erfüllt werden würden. Von dem Augenblicke an, wo sie das Schweizerland verlassen, hatte sie traurig dreingeschaut; ihr ganzes Wesen verriet geheime Angst oder versteckten Kummer. Dies entging ihrem Ohm nicht, doch schrieb er es ihrem Schmerz zu, sich von ihm trennen zu müssen und den stillen Aufenthaltsort zu verlassen, an welchem sie so manches Jahr ihrer Jugend zugebracht hatte.

Allein Anna von Geierstein hatte kaum das Gemach betreten, als sie heftig zu zittern begann; alle Farbe schwand aus ihren Wangen, sie sank auf eines der Feldbetten mit allen Anzeichen tiefinnerster Unruhe. »Wollte Gott, wir wären jetzt in Geierstein!« rief sie in schmerzlichem Tone. – »Wir werden dort sein, sobald wir unser Geschäft ausgerichtet haben,« sagte der ehrliche Landammann, »doch lege Dich jetzt auf Dein Ruhebett, Anna, –iß ein wenig und trinke ein Paar Tropfen Wein, so wirst Du morgen so fröhlich wie an einem Schweizerfeiertage erwachen, wenn die Schalmei das Morgenglöckchen klingen läßt.«

Anna wünschte ihrem Oheim gute Nacht.

Arnold Biedermann küßte seine Nichte und kehrte in den Saal zurück, wo seine Amtsgenossen mit Ungeduld seine Ankunft erwarteten, um sich zu Tisch zu setzen.

Es war Arthurs Absicht, sich zu den Jünglingen zu gesellen, denen die Pflicht oblag, im Innern des Gebäudes oder um die Jagdfeste her Wache zu stehen. Er hatte sich in diesem Sinne mit Sigismund, dem dritten Sohne des Landammannes, besprochen. Nun wollte er nur rasch noch einen Blick von Anna von Geierstein erhaschen und bemerkte auf des Mädchens Antlitz einen so tiefen, feierlichen Ausdruck, daß er darüber alles andere vergaß und sich mit vieler Besorgnis fragte, weshalb wohl das Mädchen plötzlich so traurig gestimmt sei. Die liebliche, offene Stirn, die Augen, die reine, ihrer selbst sich bewußte Unschuld ausdrückten, die Lippen, die stets bereit zu sein schienen, nur in Güte und voll Vertrauen so reden, wie das Herz es ihnen eingab, hatten sich in diesem Augenblick in Charakter und Ausdruck völlig verändert. Ermüdung hätte wohl die Rosen von des Mädchens Wangen verscheuchen, ihr Auge trüben und ihre Stirn bewölken können; aber der Blick tiefer Bekümmernis, mit dem sie dann und wann zu Boden sah und bald darauf wieder starr und erschrocken sich umschaute, mußte seine Ursache in Gemütsbewegungen ganz anderer Art haben. Der junge Philippson heftete voll innigen Mitleids und unverhohlener Zärtlichkeit den Blick auf Anna von Geierstein, und die geräuschvolle Umgebung schien um ihn her zu verschwinden. Ihm war, als weile in der einsamen Feste kein Wesen, als nur er und das Mädchen, um das er sich härmte. Vergebens aber fragte er sich nach den Gründen ihrer Bestürzung und Trauer. Während er sie so betrachtete, erhob Anna die Blicke in einer jener Anwandlungen tiefinnerster Unruhe, und während sie den Saal furchtsam überschaute, als erwarte sie mitten unter ihren wohlbekannten Reisegefährten irgend eine fremde, unwillkommene Erscheinung zu gewahren, fiel ihr Auge auf den starren, ängstlich fragenden Blick Arthur Philippsons. Eine tiefe Röte überzog ihre Wangen, und auch Arthur errötete, denn beide hatten das Gefühl, sich verraten und wider Willen etwas bekannt zu haben, was sie lieber voreinander geheim gehalten hätten. Der junge Mann zog sich sogleich zurück, und im selben Augenblick schlug die männliche Stimme des von Donnersberg an sein Ohr.

»Wie, Kamerad, hat unsere Tagereise Dich so sehr ermüdet, daß Du stehenden Fußes einschläfst?« rief Rudolf. – »Der Himmel verhüte das, Hauptmann,« sagte der Engländer, indem er aus seinen Träumereien auffuhr und den andern mit dem Titel anredete, den die Jünglinge ihm einmütig beigelegt hatten: »Der Himmel verhüte, daß ich schlafe, so sich nur das Geringste zeigt, das auf Gefahr deuten könne!« – »Wo gedenkst Du beim Hahnenruf zu sein?« fragte der Schweizer. – »Wohin die Pflicht mich ruft oder Eure Erfahrung mich sendet, edler Hauptmann,« versetzte Arthur. »Allein mit Eurer Erlaubnis übernehme ich bis Mitternacht oder bis zum Morgenrot gern Sigismunds Posten auf der Brücke. Ihr wißt, er hat sich auf der Gemsjagd den Fuß verstaucht, der ihn noch jetzt schmerzt, völlige Ruhe ist für ihn das beste Heilmittel.« – »Er, möge Bedenken tragen, der Ruhe zu pflegen,« flüsterte der von Donnersberg. »Der alte Landammann ist nicht der Mann, der kleine Unfälle als Entschuldigung gelten läßt. Leute, die unter seiner Botmäßigkeit stehen, müssen so wenig Hirn wie ein Bullochs und so starke Glieder wie ein Bär haben und gegen alle Schwächen der Menschheit so unempfindlich sein wie Blei oder Eisen,« – Arthur erwiderte in gleichem Tone: »Ich bin eine Zeitlang des Landammanns Gast gewesen, habe aber von einer solchen Strenge nichts bemerkt,« – »Ihr seid ein Fremder,« sagte der Schweizer, »und der alte Mann ist zu gastfrei, als daß er Euch den geringsten Zwang auferlegen sollte. Auch nehmt Ihr als Freiwilliger an unseren Jagden und Kriegspflichten teil, und wenn ich Euch bat, beim ersten Hahnenruf mit mir auszuziehen, so geschah es nur in der Voraussetzung, daß Ihr selbst damit einverstanden seid,« – »Ich stelle mich für jetzt unter Euren Befehl,« sagte Philippson. »Ich werde mich beim Hahnenruf auf der Brücke ablösen lassen und dann mit Freuden meinen Posten gegen einen wichtigeren vertauschen.« – »Tut Ihr damit nicht mehr, als Eure Kräfte vermögen?« fragte Rudolf. – »Ich tue nichts mehr, als was Ihr tut,« entgegnete Arthur. »Nahmt doch auch Ihr Euch vor, bis zum Morgen zu wachen.« – »Wahr,« versetzte der von Donnersberg, »aber ich bin ein Schweizer.« – »Und ich,« antwortete Philippson rasch, »bin ein Engländer.«