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»Ich meinte das nicht in dem Sinne, in welchem Ihr es nehmt,« sagte Rudolf lachend; »ich meinte nur, daß mich die Sache näher angeht als Euch, denn als Fremdling seid Ihr nicht weiter beteiligt an den Dingen, die uns jetzt beschäftigen.–« »Allerdings bin ich hier ein Fremdling,« entgegnete Arthur, »doch habe ich Eure Gastfreundschaft genossen, und daher steht mir's zu, solange ich bei Euch weile, Eure Mühen und Gefahren zu teilen.« – »Sei es denn so,« sagte Rudolf von Donnersberg, »Ich werde meine erste Runde um die Zeit vollendet haben, wo die Schildwachen innerhalb der Feste abgelöst werden sollen, und bereit sein, die zweite Runde in Eurer Gesellschaft zu machen,« – »Ich bin's zufrieden,« sprach der Engländer. »Und jetzt will ich auf meinen Posten, denn Sigismund wird denken, ich käme meiner Zusage nicht nach,«

Sie eilten zusammen an das Tor, wo Sigismund herzlich gern Waffe und Dienst dem jüngeren Philippson überließ, indem er die Meinung bestätigte, die dann und wann von ihm gehegt wurde – nämlich, daß er der schläfrigste und mutloseste der Söhne Geiersteins wäre. – Rudolf konnte sein Mißbehagen nicht unterdrücken, – »Was würde der Landammann sagen,« fragte er, »wenn er Dich sähe, wie Du gelassen Posten und Partisane einem Fremden überläßt?« – »Er würde sagen, daß ich wohl daran tat,« antwortete der Jüngling sonder alle Scheu, »denn er erinnert uns fortwährend daran, dem Fremden in allen Stücken zu Willen zu sein: und der Engländer übernimmt ganz aus freiem Willen die Wache. Hört also Eure Dienstpflicht! Ihr habt jeden aufzuhalten, der herein will. Zeigen sich Fremde, so habt Ihr Lärm zu machen. Doch dürft Ihr diejenigen von den Unsrigen, die Euch bekannt sind, ohne Anruf und Lärm hinauslassen,« – »Hol' Dich der Henker, Du träger Gesell!« rief Rudolf, »Du bist der einzige Schlummerkopf Deiner Sippschaft!« – »So bin ich der einzige Kluge von ihnen allen,« versetzte Sigismund, »Wenn es weise ist, zu essen, wenn uns hungert, so kann es keine Torheit sein, sich schlafen zu legen, wenn man müde ist,« Mit diesen Worten und nach Herzenslust gähnend, hinkte die abgelöste Schildwache davon.

»Und doch steckt Kraft in diesen schlotternden Gebeinen und Mut in dem trägen, schlummernden Geiste,« sagte Rudolf zu dem Engländer. »Aber es wird Zeit, daß ich, der ich die andern tadle, mein eigen Werk nicht versäume. Hierher, Ihr Wachtkameraden, hierher!« – Der Berner pfiff bei diesen Worten, und sechs junge Männer, die er sich zur Begleitung auf seinem Rundgang ausgewählt hatte, kamen heraus. Zwei von ihnen führten jeder einen großen Kettenhund oder Bullenbeißer, die, sonst nur zur Jagd gebraucht, doch auch geeignet waren, einen Hinterhalt aufzuspüren. Den einen Hund führte ein Bursche, der etwa zwanzig Schritte weit vor der Wache herging, an einer Leine; der zweite Hund gehörte Rudolf von Donnersberg und gehorchte diesem aufs Wort. Drei seiner Gefährten schritten dicht neben Rudolf her, und die beiden anderen, von denen einer das Horn eines Bergstieres als Jägerhorn trug, folgten ihm. Diese kleine Truppe schritt über die Brücke und ging dem Waldrande zu, der unfern der Jagdfeste lag, und wo sich gar wohl ein Feind hätte verstecken können. Der Mond war jetzt aufgegangen, sodaß Arthur von der Erhöhung herab, auf der er als Posten stand, die leise dahinschreitende Wachrunde im hellen Silberlicht verfolgen konnte, bis sie sich im Dunkel des Waldes verlor.

Als er sie nicht mehr sehen konnte, kehrten seine Gedanken sogleich zu Anna von Geierstein und zu dem seltsamen Ausdruck der Besorgnis zurück, der an diesem Abend ihr schönes Angesicht verfinstert hatte. Wieder sah er sie erröten, und er zitterte fast vor dem Gedanken, diesem Erröten die günstige Bedeutung zu geben, mit der ein selbstzufriedener junger Liebhaber sich ohne Bedenken geschmeichelt hätte. Kein Aufsteigen noch Niedersinken des Tagesgestirns war jemals den Augen des Jünglings so lieblich erschienen, als jenes Erröten ihm jetzt in der Erinnerung vorschwebte; auch vermochte kein begeisterter Schwärmer, kein poetischer Träumer je so mancherlei erdichtete Formen im Zuge und Fluge der Wolken wahrzunehmen, als Arthur aus den mancherlei Andeutungen von Teilnahme, die über das schöne Angesicht des Schweizermädchens hingeschwebt waren, wundersame Andeutungen von sich herzuleiten wußte.

Bei alledem fuhr durch seine Träumereien plötzlich der Gedanke, daß es ihn wenig bekümmern könnte, was denn wohl die Ursache von Annas Umwandlung sein mochte. Vor nicht langer Zeit hatte er das Mädchen zum ersten Male gesehen – bald mußte er wieder von ihr scheiden. Sie konnte für ihn nichts weiter sein als eine Erinnerung an einen schönen Traum, und er konnte in ihrem Andenken für nichts anderes gelten, als für einen Fremdling aus fernem Lande, der eine Zeitlang im Hause ihres Onkels weilte, den jedoch wiederzusehen, sie niemals erwarten konnte. Als sich diese Vorstellung in die Bilderreihe seiner romantischen Träume drängte, die ihm die Seele bewegten, war es, als wenn man einem tapferen Renner die Sporen in die Flanken gedrückt hätte. In dem Torweg, wo der junge Kriegsmann Wache hielt, wurde es ihm plötzlich zu enge. Er stürzte vor über die Bretterbrücke und betrat hastig einen Teil des Brückenkopfes, auf welchem das andere Ende des Brückenlagers ruhte, – Hier maß er mit langen und schnellen Schritten den engen Raum, auf den die Pflicht des Schildwachhaltens ihn beschränkte, als hätte er ein Gelübde getan, auf dem kleinsten, ihm zugemessenen Platze die möglichst größte Anstrengung zu vollführen. Dieses heftige Auf- und Abgehen beschwichtigte in der Tat sein stürmisches Gemüt, brachte ihn zu sich selbst zurück und erinnerte ihn an die zahlreichen Gründe, die es ihm untersagten, sich in Anna von Geierstein zu verlieben, so bezaubernd das Mädchen auch war.

»Gewiß,« dachte er indem er seinen Schritt mäßigte und seine Partisane schulterte, »gewiß ist mir Vernunft genug geworden, meinen Stand und meine Pflichten im Auge zu behalten, meines Vaters gedenken, dem ich alles in allem bin, und mir vorzustellen, was für eine Schmach mir daraus erwachsen müßte, wenn ich die Zuneigung eines offenherzigen, zutrauensvollen Mädchens gewönne, das ich niemals glücklich machen könnte, auch wenn ich ihrer Liebe meine Lebensbahn opferte. Nein,« sprach er zu sich selbst, »sie wird mich bald vergessen, und ich will darauf bedacht sein, an sie nur zu denken wie an einen lieblichen Traum, der für einen Augenblick die Nacht voll Mühseligkeiten und Gefahren erhellte, in der mein Dasein, wie es scheint, verfließen soll.«

Bei diesen Worten stand er still, und wie er sich an seine Waffe lehnte, trat unwillkürlich eine Träne in seine Augen und stahl sich seine Wange hinab. Doch er bekämpfte diese Regung der Wehmut und rief sich seine Dienstpflicht als Schildwache ins Gedächtnis zurück, die er im Drange seiner Erinnerungen fast vergessen hatte. Allein, wie groß war sein Erstaunen, als er nun hinausblickte in die mondbeleuchtete Landschaft und über die Brücke her, nach dem Walde hin, die Gestalt Annas von Geierstein schreiten sah!

Zehntes Kapitel

Die Gestalt Annas von Geierstein schwebte an ihrem Geliebten – an ihrem Bewunderer, wie wir ihn mindestens nennen müssen – rasch wie ein Hauch vorüber, dabei aber klar und unverkennbar. Im selben Augenblick, als der junge Engländer sich seiner Kleinmut entriß und seiner Pflicht als Schildwache gedachte, kam die Gestalt von der Brücke herüber, kreuzte Arthurs Weg, ohne ihm einen Blick zu gönnen, und ging mit raschem, doch festem Schritte dem Waldrande zu.