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Obwohl Arthurs Weisung lautete, niemand anzurufen, der das Schloß verließ, sondern nur diejenigen anzuhalten, die sich der Feste näherten, so wäre es doch natürlich gewesen, sollte es auch nur aus Höflichkeit geschehen sein, wenn er das Mädchen angesprochen hätte, als es ihm über den Weg strich. Allein sie tauchte so plötzlich auf, daß ihm für den Augenblick Sprache und Bewegung genommen war.

Nicht minder natürlich wäre es gewesen, wenn Anna von Geierstein, ob auch nur flüchtig, Notiz von dem jungen Manne genommen hätte, der eine Zeitlang mit ihr unter einunddemselben Dache gewohnt hatte; doch gab sie nicht durch die geringste Gebärde zu verstehen, daß sie ihn erkenne. Ja, sie vermied sogar, ihn anzusehen, als sie vor ihm vorbeischritt, ihr Blick war dem Walde zugewendet, dem sie schnellen, festen Schrittes zueilte; und noch bevor Arthur wußte, was er tun sollte, hatten die Baumstämme sie schon seinen Blicken entzogen.

Seine erste Empfindung war Verdruß über sich selbst, daß er sie so unbefragt hatte hineilen lassen. Vielleicht war sie zu so ungewöhnlicher Stunde an einen ungewöhnlichen Ort berufen worden, und er hätte ihr dabei behilflich sein, ihr wenigstens einen Rat erteilen können. Mit diesem Gedanken eilte er der Stelle zu, wo er den Saum ihres Gewandes hatte verschwinden sehen, rief nach ihr und bat sie, zurückzukehren und ihn nur wenige Minuten lang anzuhören. Doch er erhielt keine Antwort, und als er sich im finstern Walde sah, erinnerte er sich, daß er seinen Posten verlassen und seine Reisegefährten, die seiner Wachsamkeit trauten, der Gefahr eines Ueberfalls ausgesetzt hätte. Deshalb eilte er zurück zu dem Tore der Feste. Vergebens fragte er sich, in welcher Absicht das sittsame junge Mädchen, deren Benehmen zwar so offen war, die sich jedoch stets so zart und zurückhaltend benommen hatte, um Mitternacht gleich einer umherirrenden Romanheldin, und das in einem ihr fremden Lande, und in verdächtiger Nachbarschaft, so das Weite suchen konnte. Doch als schauderte er vor einer Gotteslästerung zurück, verwarf er jegliche Deutung, bei der ein Tadel auf Anna von Geierstein hätte fallen können. Nein, dieses Mädchen war unfähig, etwas zu tun, wovor ein Freund hätte erröten können. Allein, wenn Arthur die schreckhafte Stimmung, in der er sie eben noch gesehen, mit der absonderlichen Tatsache zusammenhielt, daß sie allein, schutzlos und zu solcher Stunde die Feste verließ, so mußte er notwendigerweise daraus die Folgerung ziehen, daß irgend eine geheime, höchstwahrscheinlich unglückselige Ursache sie dazu bewogen hätte.

»Ich will ihre Rückkehr abwarten,« sagte er zu sich selbst, »und, bietet sich die Gelegenheit, ihr versichern, daß es wenigstens ein treues Herz in ihrer Nähe gibt, das aus Ehrgefühl und Dankbarkeit verpflichtet ist, jeden Tropfen seines Blutes hinzugeben, um sie vor Ungemach zu schützen. Dies ist keine törichte Romangrille, wofür der gesunde Menschenverstand mir mit Recht Vorwürfe zu machen hätte; es ist nur das, was zu tun meine Pflicht ist, sofern ich nicht für immer auf den Namen eines ehrlichen, unbescholtenen Mannes verzichten wollte.«

Doch kaum hatte der Jüngling diesen Entschluß gefaßt, als seine Gedanken abermals eine andere Richtung nahmen. Er bedachte, Anna von Geierstein könne vielleicht die nahe Stadt Basel besuchen wollen, wohin sie Tags vorher eingeladen worden war und wo ihr Ohm Befreundete hatte. Freilich war es für einen solchen Gang eine unpassende Zeit, aber Arthur wußte recht wohl, daß die Schweizermädchen weder einen einsamen Weg noch eine späte Stunde scheuten, und daß in ihren eigenen Bergen Anna bei Mondlicht, um eine kranke Freundin zu besuchen oder sonst welche Wohltat zu verrichten, noch viel weiter gegangen wäre, als die Entfernung zwischen dieser Jagdfeste und der Stadt Basel betrug. Sich unter solchen Umständen aufzudrängen, wäre unbescheiden gewesen; und da sie an ihm vorübergegangen war, ohne im mindesten auf seine Anwesenheit zu achten, so lag es am Tage, daß sie nicht beabsichtigte, ihn freiwillig in das Geheimnis zu ziehen. In solchem Falle war es daher die Pflicht eines Ehrenmannes, sie so heimkehren zu lassen, wie sie hinweggeeilt war, nämlich unangeredet und ungefragt, und es ihr selbst zu überlassen, ob sie mit ihm reden wolle oder nicht.

Ein anderer, dem Jahrhunderte, in dem er lebte, ganz entsprechender Gedanke fuhr durch seine Seele. Jene Gestalt, die so vollkommen dem Mädchen Anna von Geierstein glich, konnte ein Blendwerk oder eine jener phantastischen Erscheinungen sein, von denen so mancherlei Geschichten in allen Ländern umliefen, und an denen, wie Arthur wohl wußte, die Schweiz und Deutschland Ueberfluß hatten. Die inneren unerklärlichen Gefühle, die ihn hinderten, das Mädchen anzureden, was sonst ganz natürlich gewesen wäre, sind leicht aus der Voraussetzung zu erklären, daß sein körperliches Wesen vor der Begegnung mit einem Wesen anderer Natur und Beschaffenheit zusammenschauerte. Auch hatte jener Baseler Bevollmächtigte ja davon gesprochen, daß in den Ruinen der Feste Geister umgingen. Allein das Beispiel seines Vaters, eines Mannes von großer Unerschrockenheit und höchst aufgeklärtem Verstande, hatte ihn gelehrt, nichts blindlings aus übernatürlichen Einwirkungen erklären zu wollen, was auf gewöhnlichem Wege zu enthüllen wäre, und deswegen befreite er sich ohne Schwierigkeit von dem Gefühle abergläubischer Furcht, das ihn für einen Augenblick anwandelte. Zuletzt beschloß er, alle beunruhigenden Mutmaßungen aufzugeben und, wenn nicht mit Geduld, doch mit Festigkeit, die Rückkehr der schönen Erscheinung abzuwarten.

Beharrlich in diesem Vorsatze, schritt er, Wache haltend, auf und ab, die Blicke auf den Punkt des Waldes geheftet, wo er die geliebte Gestalt hatte verschwinden sehen, wobei er für den Augenblick vergaß, daß er noch zu anderem Zwecke Posten stand, als um die Rückkehr der Erscheinung zu erwarten. Doch aus diesem gespannten Warten schreckte ihn bald ein ferner Ton auf, der wie Waffengeklirr klang und aus dem Walde kam. Plötzlich seiner Pflicht wieder eingedenk, stellte Arthur sich auf die Notbrücke, wo er sich am besten zur Wehr setzen konnte, und spähte und lauschte aufmerksam nach der Gegend hin, von wo Gefahr im Verzug sein konnte. Das Geklirr kam näher, Fußtritte ließen sich vernehmen, Speere und Helme wurden am grünen Waldrande sichtbar und blinkten im Mondlicht. Die stattliche Gestalt Rudolfs von Donnersberg, der an der Spitze schritt, war bald zu erkennen und verkündete unserer Schildwache, daß es nur die Runde war, die heimkehrte. Als sie in das Schloß einzogen, erhielten sie Befehl, ihre Kameraden zu wecken, mit denen Rudolf die Runde aufs neue zu machen gedachte, und Arthur Philippson ablösen zu lassen, dessen Wachdienst auf der Brücke zu Ende war.

»Und nun, Kamerad,« sagte Rudolf zu dem Engländer, »haben Nachtluft und langes Wachehalten Dich schläfrig gemacht, oder hast Du noch Lust, die Runde mitzumachen?« –In Wahrheit wäre Arthur am liebsten auf dem Platz an der Brücke geblieben, um Anna von Geiersteins Rückkehr von ihrer geheimnisvollen Wanderung zu beobachten. Jedoch konnte er dazu nicht wohl einen Vorwand finden, und es sagte ihm nicht zu, den hochfahrenden Rudolf auch den leisesten Verdacht fassen zu lassen, daß er an Ausdauer oder an Kraft hinter irgendeinem der Bergbewohner, deren Genoß er für jetzt war, zurückstände. Deshalb zauderte er auch nicht einen einzigen Augenblick, sondern indem er die geliehene Partisane an Sigismund zurückgab, der gähnend und schlaftrunken einherkam, erklärte er dem von Donnersberg, daß er nach wie vor entschlossen sei, die Runde mit ihm zu machen. Unverzüglich stießen die übrigen, an denen die Reihe war, zu ihnen, darunter auch Rüdiger, der älteste Sohn des Landammannes von Unterwalden; und als sie nun, geführt vom Berner Kämpen, an den Saum des Waldes gelangt waren, befahl Rudolf dreien von ihnen, mit Rüdiger Biedermann eine besondere Patrouille zu bilden. »Du machst,« sagte der Berner, »Deinen Rundgang nach links hinüber, und ich will mich rechts halten. Auf dem ersten freien Platz treffen wir dann wieder zusammen.«