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Rüdiger zog mit seinem Häuflein links weg, und Rudolf, der einen von dem bei ihm gebliebenen Mannen voraussandte und einen zweiten als Nachtrab hinterhergehen ließ, befahl dem dritten, ihm und Arthur Philippson zu folgen, der auf diese Weise das Mitteltreffen der Wachtrunde bilden half. Als der dritte Befehl erhalten hatte, soweit hinter den beiden Freunden zurückzubleiben, daß sie sich ungestört miteinander besprechen konnten, redete Rudolf den Engländer mit jener Vertraulichkeit an, die aus ihrer jüngst geschlossenen Freundschaft erwachsen war.

»Und jetzt, König Arthur,« sprach er, »wie denkt Eure Majestät von England über unsere Schweizer Jugend? Könnte sie wohl beim Lanzenstechen oder Turnier einen Preis gewinnen?« – »Was Lanzenstechen oder Turnier anbelangt,« versetzte Arthur, der seine Gedanken sammelte, um antworten zu können, »so vermag ich darüber nicht zu urteilen, da ich Euch noch nie mit eingelegter Lanze auf einem Gaul gesehen habe. Allein, wo es auf starke Gliedmaßen und hohen Mut ankommt, da möchte ich Euch Schweizerkämpen wohl den Rittern jeglichen Landes gleichstellen.« – Der Engländer weilte mit seinen Gedanken noch immer bei Anna von Geierstein, wie sie in der stillen Stunde seiner Nachtwache an ihm vorübergeglitten war. Er hatte wenig Neigung, sich in ein Gespräch einzulassen, das ihn aus seiner Träumerei reißen konnte, und gab daher nur einsilbig Antwort, so daß die Unterhaltung bald verstummte. Mittlerweile überlegte Arthur, ob er seinem Gefährten mitteilen sollte, was sein Inneres so sehr beschäftigte, und zwar in der Hoffnung, daß der Verwandte Anna von Geiersteins, der zugleich ein Freund ihres Hauses war, imstande sein möchte, ihm Aufklärung zu geben.

Allein tief in seinem Innern fühlte er eine unüberwindliche Abneigung, mit dem Schweizer über eine Angelegenheit zu reden, die Anna betraf. Daß Rudolf sich um das Mädchen bewarb, daran konnte er nicht zweifeln, und wenn auch Arthur darauf verzichten mußte, des Mädchens Liebe zu gewinnen, so konnte er doch auch nicht den Gedanken ertragen, daß ein Nebenbuhler Glück bei ihr haben könne.

Vielleicht war es dieser geheimen Reizbarkeit zuzuschreiben, daß Arthur, trotz all seiner Mühe, dieses Gefühl zu verbergen und zu unterdrücken, dennoch einen geheimen Widerwillen gegen Rudolf von Donnersberg fühlte. Freilich begegnete er der Offenheit des Berners mit gleicher Freimütigkeit; doch fühlte er sich dann und wann versucht, den überlegenen, gönnerhaften Ton, den Rudolf anzuschlagen beliebte energisch zurückzuweisen. Der Verlauf ihres Zweikampfes gab dem Schweizer jedenfalls keinen Grund zu solcher Ueberhebung, und ebensowenig fühlte Arthur sich zu der Schar der Schweizer Jünglinge gehörig, die Rudolf einstimmig zu ihrem Befehlshaber ernannt hatten. Ohne Zweifel war die Wurzel dieses verhaltenen Widerwillens gegen den von Donnersberg nichts anderes als das Gefühl, einen Nebenbuhler vor sich zu haben, wenngleich Arthur sich selbst dies nicht einzugestehen wagte.

So schritten sie eine Zeitlang schweigend weiter. Endlich, nachdem sie fast eine halbe Stunde Weges durch Feld und Wald gegangen waren, wobei sie die Ruinen von Grafenlust umschritten, stand der alte Hund, der von dem vordersten Wachthabenden an der Leine geführt ward, still und ließ ein lautes Geheul vernehmen. – »Hollah, Wolf,« rief Rudolf fortschreitend: »Was gibt's, alter Bursche? Kannst Du nicht mehr Freund von Feind unterscheiden? Komm hierher! Heißa! such besser!« – Der Hund hub die Schnauze, schnüffelte umher, als verstände er, was sein Herr ihm gesagt hatte, und schüttelte dann Kopf und Schweif, als antwortete er dem Rufe. – »Nun, da hast du's,« sprach Donnersberg, indem er dem Tiere den zottigen Rücken klopfte, »bessere Gedanken kommen hinterdrein; du siehst, daß es gut Freund war.« – Der Hund wedelte nochmals und ging dann ruhig weiter, Rudolf nahm seinen früheren Platz wieder ein, und sein Gefährte sprach zu ihm: »Wir werden, wie ich vermute, gleich auf Rüdiger und sein Häuflein stoßen, und der Hund hört Fußtritte, obwohl wir keine vernehmen.« – »Es kann kaum Rüdiger sein,« versetzte der Berner, »sein Weg um die Feste herum ist weiter als der unserige. Doch nähert sich jemand – Wolf ist wieder unruhig. Aufgepaßt nach allen Seiten hin!«

Als Rudolf seinen Begleitern diesen Befehl gab, wachsam zu sein, erreichten sie eine lichte Stelle, an welcher in bedeutender Entfernung voneinander etliche Fichten von riesigem Wuchse umherstanden, deren Stämme schwärzer und düsterer als gewöhnlich erschienen, während ihre breiten Gipfel und starren Aeste sich in das helle, weiße Mondlicht reckten. »Hier werden wir mindestens,« sagte der Schweizer, »den Vorteil haben, deutlich zu sehen, wer in der Nähe ist. Allein mich dünkt,« setzte er hinzu, nachdem er etwa eine Minute lang umhergeblickt hatte, »es ist nur ein Wolf oder ein Reh gewesen, das uns über den Weg lief, und die Witterung macht den Hund ungeduldig – Halt an! Steh! – Ja, ja, so wird's gewesen sein; der Hund geht weiter.« – Das Tier lief wirklich weiter, doch nicht ohne eine gewisse Unsicherheit, ja Aengstlichkeit. Dem Anschein nach beruhigte es sich aber und trabte wieder ruhig weiter.

»Das ist seltsam!« rief Arthur Philippson; »mir ist, als hätte ich eine Gestalt hart an jenem Dickicht dort drüben gesehen, wo, soviel ich unterscheiden kann, wenige Dornbüsche und Haselstauden die Stämme von vier oder fünf großen Bäumen umringen,« – »Seit fünf Minuten haftete mein Blick auf eben jenem Dickicht,« sprach Rudolf, »allein ich sah nichts.« – »Ei,« versetzte der junge Engländer, »aber ich sah irgend etwas dort, während Ihr Euch mit dem Hunde beschäftigtet. Und mit Eurer Erlaubnis will ich hingehen und das Dickicht durchsuchen,« – »Ständet Ihr unter meinem Befehl,« sagte der von Donnersberg, »so würde ich Euch die Weisung geben, an Eurem Platz zu bleiben. Denn gäbe es Feinde hier, so wäre es wohl nötig, daß wir uns beisammen hielten. Allein Ihr seid ein Freiwilliger bei unserer Runde, und mögt deshalb nach Gefallen handeln.« – »Ich danke Euch,« antwortete Arthur und war mit einem Sprunge auf und davon.

Er fühlte allerdings in diesem Augenblicke, daß er für sein Teil nicht besonnen, auch wohl als Kriegsmann nicht umsichtig handelte; und daß er in diesem Augenblick dem Hauptmann des Häufleins Gehorsam hätte leisten müssen. Anderseits aber schien, was er, obwohl in der Ferne und undeutlich, erblickt hatte, Aehnlichkeit mit der verschwindenden Gestalt Annas von Geierstein zu haben, wie er sie vor etwa zwei Stunden in den Wald schlüpfen sah, und seine unbezwingbare Neugierde, ob es das Mädchen wirklich wäre, überwog alle anderen Gedanken.

Bevor Rudolf ausgesprochen hatte, war Arthur schon auf halbem Wege nach dem Dickicht. Es war, wie er schon von weitem gesehen, von geringer Ausdehnung, so daß sich niemand dort hätte verbergen können, er hätte sich denn wirklich zwischen das zwerghohe Buschwerk und Unterholz niederducken müssen. Auch irgend etwas Weißes, was menschliche Gestalt und Form hätte, wäre, wie er meinte, zwischen den braunroten Stämmen und dem schwärzlichen Gebüsch, das vor ihm lag, sofort zu sehen gewesen. In diese Wahrnehmungen drängten sich andere Gedanken. Wenn es Anna von Geierstein war, die er zum zweitenmale gesehen hatte, so mußte sie den helleren Weg verlassen haben, wahrscheinlich um nicht erkannt zu werden; und welches Recht hatte er, die Runde auf sie aufmerksam zu machen? Er hatte, so dünkte ihn, bemerkt, daß im allgemeinen das Mädchen die Aufmerksamkeiten Rudolf von Donnersberg eher abweisend, als entgegenkommend aufnahm. Was also konnte ihn berechtigen, ihren geheimen Gängen nachzuspüren, die freilich zu ungewohnter Zeit, an ungewohntem Orte stattfanden, die sie aber wohl eben deswegen vor dem Manne geheim halten wollte, der ihr unangenehm war. Ja, war es nicht möglich, daß Rudolf, wenn er hinter ein Geheimnis käme, das er vor allen anderen zu verbergen trachtete, zu bevorzugterer Stellung ihr gegenüber gelangte? – Unter diesen Gedanken hielt Arthur andauernd die Blicke auf das Dickicht gerichtet, von dem er jetzt etwa dreißig Ellen entfernt war und obgleich er es mit der größten Genauigkeit untersuchte, redete ihm doch eine eindringliche Stimme zu, es sei am klügsten getan, wenn er zu seinen Genossen zurückkehrte und dem von Donnersberg berichtete, seine Augen hätten ihn betrogen.