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Allein während er unentschlossen stand und erwog, ob er vorwärts gehen oder sich zurückwenden sollte, kam, was er gesehen hatte, abermals und jetzt ganz am Rande des Dickichts zum Vorschein und, wie das erste Mal in Gestalt und Kleidung genau dem Mädchen Anna von Geierstein ähnlich, gerade auf ihn zu! – An solchem Platz, zu solcher Stunde, so plötzlich auftauchend, mußte sie dem jungen Manne wirklich als ein Blendwerk oder ein Gespenst erscheinen. Die Gestalt schritt auf Speereslänge an ihm vorüber, ohne im mindesten ein Zeichen zu geben, daß sie ihn erkenne; und indem sie sich von Rudolf und dessen Begleitern nach rechts hin wendete, war sie abermals im Waldbruche und in den Gebüschen verschwunden.

Und wieder stand der Jüngling da, versunken in den unauflöslichen Zweifel, erwachte auch nicht eher aus seiner Erstarrung, als bis die Stimme des Berners ihm ins Ohr schallte: »Nun, was ist Dir denn, König Arthur, schläfst Du, oder bist Du verwundet?« – »Keins von beiden,« sagte Philippson, sich sammelnd, »nur sehr überrascht.« – »Und weswegen überrascht, mein königlicher Herr?« – »Laßt die Torheit!« rief Arthur etwas finster, »und so Ihr ein Mann seid, so gebt Antwort. Traft Ihr nicht auf sie? Saht Ihr sie nicht?« – »Treffen? Sehen? Sie? Wen denn?« sprach Rudolf. »Ich sah niemand. Und ich könnte darauf schwören, daß Ihr auch niemanden sähet, denn ich hatte Euch beständig im Auge. Und wenn Ihr etwas sähet, warum schlugt Ihr nicht Alarm?« – »Weil es nur ein Weib war!« antwortete Arthur in mattem Tone. – »Nur ein Weib!« wiederholte Rudolf mit dem Ausdruck der Verachtung, »Bei meinem Ehrenwort, König Arthur, wenn ich nicht Mannesmut an Euch wahrgenommen hätte, so wäre ich nicht übel geneigt zu glauben, daß Ihr selbst nur eines Weibes Mut besäßet. Seltsam, daß ein Schattenbild bei Nacht oder ein Abgrund bei Tage einen so wackeren Mut zu erschüttern vermag, wie Du ihn oft zeigtest.« – »Und wie ich ihn jederzeit zeigen werde,« unterbrach ihn der Engländer, wieder ganz gefaßt, »sobald die Gelegenheit es heischt. Allein, ich schwöre Euch, daß, wenn ich jetzt erschrocken bin, es nicht bloß irdische Furcht war, die meine Seele auf einen Augenblick ergriff.« – »Laßt uns unsern Gang fortsetzen,« sagte Rudolf, »wir dürfen die Sicherheit unserer Freunde nicht gefährden. Diese Erscheinung, von der Du redest, mag wohl nur ein Fallstrick sein, um uns in der Ausübung unserer Pflicht zu stören.«

Sie schritten fort beim Schimmer des Mondlichts. Nach einer minutenlangen Ueberlegung hatte der junge Philippson seine völlige Besinnung wieder, und mit ihr gelangte er zu dem peinlichen Bewußtsein, daß er eine lächerliche, unwürdige Rolle gespielt hätte.

Rasch vergegenwärtigte er sich die Beziehungen, in denen er zu Donnersberg, zum Landammann und dessen Nichte, sowie zum übrigen Teil der Familie, stand; und entgegen der Meinung, die er noch kurze Zeit zuvor gehegt hatte, erkannte er in tiefster Seele, daß es seine Schuldigkeit wäre, dem Führer, dem er sich selbst unterordnete, von der Erscheinung zu berichten, die er zweimal während einundderselben Nachtwache erblickt hatte. Es konnten Familienumstände, Leistung eines Gelübdes oder ein ähnlicher Grund obwalten, wodurch das Benehmen des jungen Mädchens ihren Verwandten erklärbar wäre. Zudem war er für den Augenblick ein Mann von der Wache, und dergleichen Geheimnisse konnten Unheil in sich tragen oder herbeiführen: in jedem Falle also waren seine Gefährten berechtigt, Kunde von dem zu erhalten, was er gesehen hatte.

Während des Engländers Betrachtungen diese Wendung nahmen, redete sein Hauptmann oder Wachgenoß nach kurzem Schweigen ihn folgendermaßen an: »Mich dünkt, mein lieber Herr Kamerad, als Euer Anführer habe ich ein Recht, von Euch Bericht über das zu erwarten, was Ihr soeben gesehen habt. Es muß etwas Wichtiges gewesen sein, sonst hätte es eine so starke Seele, wie die Eurige, nicht dermaßen aufregen können. Wenn es aber nach Eurem Dafürhalten mit der allgemeinen Sicherheit verträglich ist, erst dann, wenn wir wieder in der Feste sind, und zwar in geheimer Zwiesprache mit dem Landammann, Bericht abzustatten, so braucht Ihr mir dies nur zu sagen. Ich lasse Euch dann gern sogleich zur Feste zurückkehren,«

Diese Anrede erreichte, was einer ungestümen Forderung fehlgeschlagen wäre. Der Ton bescheidener Bitte traf genau mit den Betrachtungen des Engländers zusammen. »Ich sehe ein,« sprach er, »daß ich Euch mitteilen muß, was ich heute nacht gesehen habe; als ich es das erste Mal erblickte, hing es nicht so genau mit meiner Pflicht zusammen; jetzt aber, wo ich die nämliche Erscheinung zum zweiten Male erblickte, habe ich mich dadurch so überrascht gefühlt, daß ich kaum Worte finden kann, es auszudrücken.« – »Da ich nicht zu erraten vermag, was Ihr gesehen habt,« versetzte der Berner, »so muß ich Euch bitten, daß Ihr Euch erklärt, wir lösen nur schlecht uns gegebene Rätsel, wir dickköpfigen Schweizer.« – »Doch ist es nur ein Rätsel, was ich Euch vorzulegen habe, Rudolf von Donnersberg,« antwortete der Engländer, »und ein Rätsel, das ich ebensowenig zu lösen vermag,« Dann fuhr er, jedoch nicht ohne Zögerung, fort: »Während Ihr die erste Runde machtet, schritt eine weibliche Gestalt aus dem Schlosse, ohne ein Wort zu sagen, an meinem Posten vorüber, und verschwand im Schatten des Waldes,« – »So!« rief Rudolf von Donnersberg und erwiderte weiter nichts. – Arthur fuhr fort: »Vor etwa fünf Minuten ging diese weibliche Gestalt zum zweiten Male an mir vorüber, indem sie aus dem Dickicht, wo jene Fichten stehen, hervortrat, und dann wieder, ohne einen Laut von sich zu geben, verschwand. Erfahret ferner, daß jene Erscheinung an Gestalt, Angesicht, Bewegung und Kleidung Eurer Verwandten, Anna von Geierstein, glich.«

»Seltsam genug,« sagte Rudolf im Ton des Unglaubens. »Mich dünkt, ich darf Eure Rede nicht bestreiten, denn daran zweifeln, hieße Euch beleidigen. Doch laßt mich Euch sagen, daß ich so gut Augen habe wie Ihr, und daß ich kaum glaube, sie auch nur eine Minute von Euch gelassen zu haben. Nicht fünfzig Ellen weit waren wir von dem Platze, wo ich Euch erstarrt stehen sah. Wie also sollten wir nicht ebenfalls gesehen haben, was Ihr sahet oder doch gesehen zu haben wähnt?« – »Darauf vermag ich nicht zu antworten,« versetzte Arthur. »Vielleicht haftete in dem flüchtigen Augenblicke, in welchem ich die Gestalt sah, Euer Auge nicht auf mir – vielleicht, wie es mit gespenstischen Erscheinungen bisweilen der Fall sein soll, war sie nur einem von uns sichtbar.« – »So meint Ihr, die Erscheinung, die Ihr sähet, sei ein Hirngespinst oder ein Geist gewesen?« fragte der Berner. – »Kann ich das sagen?« war des Engländers Gegenfrage. »Die Kirche gibt es zu, daß dergleichen Dinge stattfinden, und gewiß ist es natürlicher, jene Erscheinung für eine Täuschung zu halten, als anzunehmen, daß Anna von Geierstein, eine sittige und wohlerzogene Dirne, die Wälder um diese wilde Stunde durchzieht, wo Sicherheit und Ehrbarkeit ihr so streng gebieten, in ihrer Kammer zu bleiben.« – »Es liegt viel in dem, was Ihr sagt,« sprach Rudolf, »und doch sind Geschichten im Umlauf, wiewohl man sie nicht gern nacherzählt, daß Anna von Geierstein in gewissen Punkten nicht wie andere Mädchen sei.« – »Ha!« rief Arthur, »so jung, so schön, und schon im Bündnisse mit dem Verderber der Menschen? Es ist unmöglich.« – »Das sagte ich nicht,« versetzte der Berner, »auch. habe ich jetzt nicht Muße, Euch meine Ansicht deutlich zu erklären. Bei unserer Rückkehr nach Grafenlust werde ich Gelegenheit haben, Euch mehr zu erzählen. Doch ließ ich Euch hauptsächlich die Runde mitmachen, um Euch bei etlichen Freunden einzuführen, deren Bekanntschaft Euch lieb sein wird, und die Euch kennen zu lernen wünschen; und in dieser Gegend gedenke ich sie zu treffen.«