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Die Gegend, um die herum sie jetzt ihre Wachtrunde führte, war nach der Jagdfeste zu offener als diejenige, auf welche das Haupttor der Burg hinausführte. Die Waldwege waren breiter, die Bäume standen vereinzelter auf Wiesengrund, und keine Dickichte, Brüche und ähnliche Hinterhalte ließen sich wahrnehmen, so daß das Auge im hellen Mondlichte die Gegend wohl überschauen konnte.

»Mich dünkt,« sagte Arthur, »Ihr hättet Arnold Biedermann und den andern mitteilen sollen, daß Ihr einen Angriff in der Gegend von La Ferette befürchtet und Beistand von etlichen Bewohnern Basels zu hoffen habt,« – »Ei, wahrhaftig,« antwortete Donnersberg, »der Landammann würde dann einen Boten an den Herzog von Burgund schicken und freies Geleit erbitten. Dann aber wäre es mit aller Hoffnung auf Krieg vorbei.« – »Wahr,« erwiderte Arthur, »aber der Landamman würde dadurch seinen Hauptzweck und das eigentliche Ziel seiner Sendung, nämlich den Abschluß des Friedens erreichen.« – »Frieden? Frieden?« fragte der Berner hastig. »Wären es meine persönlichen Wünsche nur, so genügte meine Achtung vor Biedermann und seiner Vaterlandsliebe, daß ich auf sein Gebot mein Schwert in die Scheide stecken würde, auch wenn mein Todfeind mir gegenüber stände. Allein, mein ganzer Kanton, und mit ihm auch Solothurn, ist zum Kriege entschlossen. Durch Krieg, durch edlen Krieg entrannen unsere Väter ihrer Knechtschaft – durch Krieg, durch glücklichen und glorreichen Krieg gelangte ein Volk, das man kaum so viel geachtet hatte, wie die Ochsen, die es trieb, mit einemmale zu Freiheit und Bedeutung und wurde geachtet, weil man es fürchten mußte, so wie es vordem gering geschätzt wurde, weil es keinen Widerstand leistete.«

»Das mag alles wahr sein,« sagte der junge Engländer, »allein nach meiner Meinung ist der Zweck Eurer Sendung von Eurem Reichstag festgesetzt worden. Man hat beschlossen, Euch und andere als Friedensboten abzuordnen, Ihr aber blaset heimlich die glimmende Kohle des Krieges an und stellt Euch zum Kampfe, oder sucht doch nach Gelegenheit dazu, während die mit Euch ziehenden Alten morgen in der Erwartung einer friedlichen Reise ihren Stab weiter setzen wollen.« – »Und ist's nicht wohlgetan, daß ich so gerüstet stehe?« fragte Rudolf. »Werden wir auf burgundischem Boden friedlich aufgenommen, so ist meine Vorsicht unnütz, doch kann sie keinesfalls schaden. Ergibt es sich anders, so werde ich Mittel in Händen haben, ein großes Mißgeschick von meinen Gefährten, von meinem Vetter Arnold Biedermann, von meiner Base Anna, von Eurem Vater, von Euch selbst, kurz von uns allen, die wir fröhlich mitsammen reisen, abzuwenden.« – »Ich bin Euch sehr zu Dank verpflichtet für diese Zusicherung,« sagte der Engländer. – »Und Ihr selbst, mein Freund,« fuhr Rudolf fort, »laßt Euch dies gesagt sein: Zu einer Brautfahrt geht man nicht in Rüstung, in einem seidenen Wams nicht zum Treffen.« – »Ich will mich kleiden, als sollte ich dem Schlimmsten begegnen,« sprach Arthur, »und ein Panzerhemd von gutgeglühtem Stahl anlegen, das mich vor Speer und Pfeil schützt. Für Euren gütigen Rat habt Dank!«

Der Berner, der die Engländer nach den Handelsleuten seines eigenen Landes einschätzte, war überzeugt, sie würden, sobald sie sich stark genug zum Widerstande wüßten, gleich vor der nächsten Stadt den hohen Zoll verweigern, den man ihnen sicherlich abverlangen würde. Dies aber hätte ohne weiteres zu Feindseligkeiten führen müssen, und daher traf Rudolf auf alle Fälle Vorsichtsmaßregeln. Arthur Philippson konnte Donnersbergs Anstalten weder verstehen noch billigen, indem Rudolf, selbst ein Mitglied einer friedlichen Gesandtschaft, von dem Vorsatze beseelt zu sein schien, die erste Gelegenheit zur Entzündung der Kriegsflammen wahrzunehmen.

Mit diesen verschiedenen Erwägungen beschäftigt, schritten die Jünglinge eine Zeitlang schweigend nebeneinander hin, bis Rudolf wieder das Wort nahm: »Ist Eure Neugier, betreffs der Erscheinung Annas von Geierstein beruhigt?« – »Bei weitem nicht,« erwiderte Philippson, »ich wollte Euch nur nicht mit Fragen darüber beschwerlich fallen, weil Ihr mit den Pflichten Eurer Wachtrunde beschäftigt seid,« – »Die sind jetzt erledigt,« sprach der Berner, »denn rings umher ist kein Busch, worin ein burgundischer Schuft sich versteckt halten könnte, und wir brauchen nur dann und wann einen Blick umherzuwerfen, um uns gegen Ueberfall zu sichern. So mögt Ihr denn eine Geschichte hören, die Euch gewiß interessieren wird. Ueber Annas Vorfahren väterlicher Seite wißt Ihr Bescheid. Sie wohnten in den alten Mauern der Geiersteiner Feste am Wasserfalle, bedrückten ihre Untersassen und minder mächtigen Nachbarn, plünderten die Reisenden, ließen dann Seelenmessen für die verstorbenen Familienmitglieder lesen, beschenkten die Pfaffen und taten Gelübde und unternahmen Pilgerzüge, um für die frech und gewissenlos verübten Missetaten, Buße zu tun.« – »Das war, wie ich hörte,« versetzte der junge Engländer, »die Geschichte derer von Geierstein, bis Arnold oder dessen unmittelbare Vorfahren die Lanze mit dem Hirtenstab vertauschten.«

»Allein man erzählt,« fuhr der Berner fort, »daß die machtbegabten, reich begüterten Freiherrn von Arnheim in Schwaben, deren einziger weibliche Nachkomme das Eheweib Alberts und die Mutter des jungen Mädchens war, das die Schweizer schlechtweg Anna, die Deutschen aber Gräfin Anna von Geierstein nennen, ein adlig Geschlecht von ganz anderer Art war. Sie erblickten ihre Lebensaufgabe nicht nur darin zu sündigen und Buße zu tun, sie plünderten nicht bloß harmlose Bauern, mästeten keine dickwanstigen Pfaffen und erbauten keine Festen mit Verließen und Folterkammern. Nein! Die Freiherrn von Arnheim waren von dem Streben erfüllt, die Grenzen menschlichen Wissens zu erweitern. Sie gestalteten ihr Schloß zu einer Art von Hochschule um, worin sich mehr alte Schriften befanden, als die Mönche in der Bücherei zu St. Gallen jemals aufgeschichtet haben. Doch nicht allein in Büchern vertieften sie sich. Verschlossen in ihren geheimen Werkstätten, gelangten sie zu den geheimsten Kenntnissen der Alchimie, die sich dann vom Vater auf den Sohn weiter erbten. Der Ruf ihres hohen Wissens und ihrer Reichtümer ward oft vor die Stufen des Kaiserthrones getragen; und in den vielfältigen Zwistigkeiten, die die deutschen Herrscher mit den Päpsten hatten, sollen sie, wie es heißt, nicht nur durch Ratschläge der Freiherrn von Arnheim angefeuert, sondern auch durch deren Schätze unterstützt worden sein. Infolge dieser staatswissenschaftlichen Wirksamkeit und des damit verbundenen geheimnisvollen Studiums, dem das Geschlecht der Arnheime so lange Zeit nachging, geschah es vielleicht, daß man allgemein sie in Verdacht hielt, als würden sie in ihren übermenschlichen Forschungen durch den Einfluß höherer Wesen unterstützt. Die Pfaffen säumten natürlich nicht, dieses Gerücht im Lande zu verbreiten. Sie stellten die Arnheimer als höllische Hexenmeister hin und hetzten andere Grafen und Freiherren wider sie auf. So kam es, daß sie viel gehaßt waren.

Jedoch wie wenig hadersüchtig die Arnheimer auch waren, so zeigten sie sich doch keineswegs unkriegerisch oder abgeneigt, ihre Verteidigung ins Werk zu setzen. Ja, etliche dieses gehaßten Geschlechtes waren vielmehr als tapfere Ritter und wackere Degen ausgezeichnet. Das erfuhren diejenigen, von denen die Arnheimer befehdet wurden, und zogen sich zurück. Die Angriffe, die zur Ausführung gelangten, wurden siegreich abgeschlagen. Das gab nun wiederum zu dem Gerücht Anlaß, die von Arnheim, die jeder gegen sie beabsichtigten Gewalttat gleich auf die Spur kämen und gegen jeden Angriff gefeit wären, wendeten zu ihrem Schutze übernatürliche Mittel an, die mehr zu bewirken vermöchten als menschliche Kraft. Daraufhin blieben sie fortan unangefochten. Dieses Arnheim'sche Geschlecht erlosch mit Herrmann von Arnheim, dem Großvater der Anna von Geierstein mütterlicher Seite, Er hinterließ eine einzige Tochter, Sybilla von Arnheim, als Erbin eines großen Teiles seiner Güter. Trotzdem ihr Haus im Rufe der Zauberei stand, fanden sich unter den angesehensten Rittern und Herren im Reiche zahlreiche Bewerber bei Sybillas gesetzlichem Vormund, dem Kaiser, ein und baten um die Hand der reichen Erbin. Bei alledem erhielt Albert von Geierstein, wiewohl er ein Verbannter war, den Vorzug. Er war tapfer und hübsch, was ihn bei Sybillen empfahl, und der Kaiser, der sich damals in dem eitlen Gedanken wiegte, sein Ansehen in den Schweizergebirgen wieder herzustellen, wollte sich großmütig gegen Albert zeigen. Anna war das einzige Kind dieser Ehe, und Ihr könnt aus ihrer Abkunft entnehmen, daß Umstände, die sie betreffen, sich nicht so leicht beurteilen und erklären oder nach gewöhnlichen Vernunftsschlüssen entscheiden lassen, wie es bei alltäglichen Menschen der Fall ist.«