»Bei meinem Ehrenwort, Herr Rudolf von Donnersberg,« sagte Arthur, der sorgfältig bemüht war, seine Empfindungen zu beherrschen, »ich entnehme aus Eurer Erzählung nichts, und verstehe von derselben nichts weiter, als daß es in Deutschland wie in anderen Ländern Narren gegeben hat, für die Gelahrtheit und Wissenschaft gleichbedeutend war mit Hexerei und Zauberwerk, und daß infolgedessen Ihr geneigt seid, ein junges Mädchen, das jederzeit von allen Leuten ihrer Umgebung geehrt und geliebt wurde, als Anhängerin der schwarzen Kunst hinzustellen. Dies wundert mich um so mehr, da Ihr ein naher Verwandter des Mädchens seid und, wenn ich nicht irre, Euch mit der Hoffnung tragt, vielleicht durch ein noch innigeres Band mit Ihr verknüpft zu werden. In allen christlichen Landen ist die Beschuldigung der Hexerei die schwerste Anklage, die gegen einen Christen, gleichviel ob Mann oder Weib, vorgebracht werden kann,« – »Ich bin weit entfernt davon,« sagte Rudolf, »diese Beschuldigung gegen Anna von Geierstein zu erheben. Bei meinem guten Schwerte! Wer eine solche Anklage gegen sie ausspräche, täte besser daran, sich sein Grab graben zu lassen und für das Heil seiner Seele zu sorgen; denn er müßte mit mir auf Leben und Tod die Klinge kreuzen. Hier handelt es sich nur um die Frage, ob nicht elfenartige oder gespenstische Wesen etwa die Macht haben, Annas Gestalt anzunehmen und sich dann da zu zeigen, wo das Mädchen selber nicht gegenwärtig ist, indem Anna von einem Geschlecht stammt, das mit der Geisterwelt innigsten Verkehr gepflogen hat. Da ich aufrichtig wünsche, mir Eure Achtung zu bewahren, so bin ich nicht abgeneigt, Euch noch Näheres über Annas Geschlecht mitzuteilen, wodurch sich zugleich meine eben gemachte Aeußerung bestätigen dürfte. Allein, Ihr werdet begreifen, daß solche Umstände von der geheimsten Art sind, und daß ich deswegen auf das tiefste Schweigen von Eurer Seite rechnen muß.« – »Ich werde schweigen, Herr,« versetzte der junge Engländer, der noch immer mit unterdrückter Leidenschaft kämpfte, »schweigen über alles, was den Charakter eines Mädchens betrifft, dem ich so viele Ehrfurcht schuldig bin.«
»Sei dem so,« sprach Rudolf, »um Eurer guten Meinung willen, die ich hochschätze, und zu deutlicherer Erklärung dessen, was ich nur leichthin andeutete, will ich Euch etwas mitteilen, was ich sonst lieber unerzählt ließe.«
»Sprecht! – ich höre!« antwortete der Engländer, dessen Gemüt geteilt war zwischen dem Verlangen, alles nur mögliche zu erfahren, was Anna von Geierstein betraf, zwischen dem Widerwillen, ihren Namen so anmaßend von Donnersberg aussprechen zu hören, und zwischen dem Wiederaufleben seines ursprünglichen Mißfallens an dem riesigen Schweizer, dessen jederzeit derbes Benehmen jetzt durch Ueberlegenheit und Anmaßung, sich noch schärfer hervorhob. Dennoch horchte er der schauerlichen Erzählung des Berners, und der Anteil, den er bald an derselben nahm, überwältigte in ihm jede andere Empfindung.
Elftes Kapitel
»Ich erzählte Euch,« sprach Rudolf, »daß die Arnheimer Freiherren, bei ihrer Vorliebe für geheime Wissenschaften, gleich andern deutschen Adeligen, Freunde des Krieges und der Jagd waren. Herrmann von Arnheim, der Großvater Annas von mütterlicher Seite, war stolz darauf, ein glänzendes Gestüt, besonders aber das edelste Roß in ganz Deutschland zu besitzen. Es war schwarz wie Ebenholz und hatte nicht ein einziges weißes Haar vom Kopf bis zu den Füßen. Deshalb und auch wegen der Wildheit des Tieres nannte sein Herr es Apollyon; ein Umstand, der im geheimen als Beweis der bösen Gerüchte angesehen wurde, die von dem Geschlechte der Arnheime im Umlauf waren, indem Apollyon, wie man sagt, der Name des bösen Feindes wäre.
Nun begab es sich, daß an einem Novembertage der Freiherr im Forste jagte und erst mit Einbruch der Nacht die heimische Burg erreichen konnte. Er hatte keine Gäste bei sich, denn das Schloß Arnheim nahm nur solche Leute auf, von denen die Burgbewohner Vermehrung ihres Wissens hofften. Der Freiherr saß allein in seiner Halle, die mit Fackeln erleuchtet war. In der einen Hand hielt er ein Buch voll Chiffreschrift, die keinem, außer ihm selber, verständlich war. Die andere Hand stützte sich auf einen Marmortisch, auf dem eine Flasche mit Tokayerwein stand. Ein Edelknabe wartete ehrfurchtsvoll im Hintergrunde des breiten, düstern Gemaches auf seines Herrn Befehle. Kein Geräusch war zu hören, als das Sausen des Nachtwindes, der schaurig in den rostigen Panzerhemden klirrte und die zerfetzten Paniere bewegte, mit denen die Halle ausgeschmückt war. Da ließ sich plötzlich der Fußtritt eines Wesens hören, wie es hastig und scheu die Treppenstufen heraufkam. Die Tür der Halle wurde heftig aufgerissen, und in panischem Schrecken stolperte Kaspar, der Stallmeister, fast bis zu den Füßen des Tisches hin, an welchem sein Gebieter saß, und lallte: »Edler Herr, edler Herr, der Teufel ist im Stalle!«
»Was will der Narr?« rief der Freiherr, indem er ärgerlich und erstaunt über die ungewöhnliche Störung sich erhob. – »Laßt Euren ganzen Unwillen gegen mich aus, so ich nicht die Wahrheit rede,« sagte Kaspar; »Apollyon,« – hier stockte er. – »Sprich's aus, Du furchtsamer Narr,« sagte der Freiherr. »Ist mein Pferd krank? ist es verletzt?« – »Der Teufel,« lallte der Stallmeister, »ist in Apollyons Stall.« – »Narr!« rief der Edelmann, indem er seine Fackel von der Wand riß, »was kann Dir das Gehirn auf so rasende Weise verrückt haben?«
Mit diesen Worten schritt er über den Burghof, um die stattliche Reihe von Ställen zu untersuchen, die den ganzen Teil des Viereckes an der einen Seite einnahmen. Er trat ein, wo zu beiden Seiten der weiten Halle fünfzig herrliche Rosse in Reihen standen. Neben jeder Stallung hingen Waffen eines Ritters und das Lederkoller, das unter der Rüstung getragen wurde. Begleitet von etlichen Dienern, die voller Erstaunen über den ungewöhnlichen Lärm herbeigerannt waren, eilte der Freiherr zwischen seinen Rossen hin. Als er sich dem Stalle seines Leibpferdes näherte, der der letzte in der rechtsliegenden Reihe war, neigte das ehrliche Tier weder den Kopf noch schüttelte es die Mähne, stampfte auch nicht mit den Füßen, und gab überhaupt kein Freudenzeichen bei Annäherung seines Herrn; es stöhnte nur schwach, als ob es Beistand erflehte.
Herr Herrmann hielt die Fackel hoch und entdeckte nun allerdings, daß eine lange düstere Gestalt in dem Saale stand, die Hand auf des Rosses Schulter gelegt. – »Wer bist Du?« fragte der Baron, »und was willst Du hier?« – »Ich suche Zuflucht und Gastfreundschaft,« versetzte der Fremde, »und beschwöre Dich, mir solche zu gewähren, bei der Schulter Deines Rosses und der Scheide Deines Schwertes, und mögen Dir beide nie den Dienst versagen, wenn Du ihrer auf das dringendste bedarfst.« – »Du bist also ein Bruder des heiligen Feuers,« sprach der Freiherr von Arnheim, »und ich mag Dir die Zuflucht, die Du bei mir nach der Formel der persischen Magier begehrst, nicht versagen. Gegen wen und auf wie lange erheischest Du meinen Schutz?« – »Gegen diejenigen,« versetzte der Fremde, »die daher kommen werden, um mich zu suchen, bevor noch der Morgenhahn krähen wird, und auf ein volles Jahr und einen Tag, von diesem Augenblick an gezählt.«