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»Ich mag es Dir,« sagte der Freiherr, »gemäß meinem Eide und meiner Ehre, nicht abschlagen. Für Jahr und Tag will ich Bürge sein für Dich, und Du sollst Dach und Kammer, Wein und Speise mit mir teilen. Dann aber mußt Du auch dem Gesetz Zoroasters gehorchen, welches nicht nur sagt: Der stärkere soll den schwächeren Bruder in Schutz nehmen, sondern auch befiehlt: Der Weisere soll den belehren, der mindere Kenntnisse besitzt. Ich bin der Stärkere, und Du sollst sicher unter meiner Obhut weilen; Du aber bist der Weisere und mußt mich einweihen in die geheimeren Mysterien.« – »Du spottest Deines Knechtes,« sprach der fremde Besucher, »so aber Danischmende etwas weiß, was Herrmann von Nutzen sein könnte, so soll es Dir mitgeteilt werden.« – »So komm denn hervor aus Deinem Zufluchtsorte,« sagte der Freiherr von Arnheim. »Ich schwöre Dir bei dem heiligen Feuer, das ohne irdische Nahrung brennt, und bei der Brüderschaft, die zwischen uns obwaltet, und bei der Schulter meines Rosses und der Scheide meines guten Schwertes, ich will Dir Bürge sein auf ein Jahr und einen Tag, insofern meine Macht sich soweit erstreckt.«

Demzufolge trat der Fremde vor; und als die Leute seine seltsame Erscheinung erblickten, wunderten sie sich nicht, daß Kaspar aufs heftigste erschrocken war, als er eine solche Gestalt im Stalle fand, die auf rätselhafte Weise hineingekommen sein mußte. Als der Fremde die erleuchtete Halle erreichte, in welche der Freiherr ihn führte, erkannte man in ihm einen hochgewachsenen Mann von würdevollem Aussehen. Seine Tracht war asiatisch, bestand aus einem langen schwarzen Kaftan, wie die Armenier ihn tragen, und einer hohen viereckigen Mütze, die mit astrachanscher Lammswolle überzogen war. Jeder Teil seiner Kleidung war schwarz, so daß der lange weiße Bart, der ihm über die Brust hinabfloß, wirksam davon abstach. Sein Gewand wurde von einem schwarzseidenen netzartigen Gürtel zusammengehalten, in welchem statt eines Dolches oder Seitengewehrs ein silbernes Kästchen steckte, ein Schreibzeug und eine Pergamentrolle enthaltend. Die einzige Ausschmückung seines Gewandes bestand in einem großen Rubin von ungewöhnlichem Glanze, der, vom Licht getroffen, in edlem Feuer erglühte. Als man ihm eine Erfrischung anbot, versetzte der Fremde: »Ich will weder Brot essen, noch meine Lippen mit Wasser benetzen, bevor der Rächer nicht an Deiner Schwelle vorübergegangen sein wird.«

Der Freiherr befahl, die Lampen zu versorgen und frische Fackeln anzuzünden, und blieb dann, nachdem er seine Hausleute zur Ruhe gesendet hatte, mit dem Fremden, seinem Schützlinge, in der Halle. Um die düstere Stunde der Mitternacht wurden die Tore der Feste Arnheim wie von einem Wirbelwind erschüttert, und eine Stimme, wie die eines Heroldes, ward vernommen, die den ihr verfallenen Gefangenen Danischmende, den Sohn Alis, verlangte. Der Turmwächter hörte dann, wie ein unteres Fenster in der Halle aufgestoßen wurde, und konnte deutlich die Stimme seines Burgherrn vernehmen, der die Person anredete, welche die Auslieferung begehrte. Allein die Nacht war so dunkel, daß er die Sprechenden nicht sehen konnte, und die Reden, die sie wechselten, waren ihm gänzlich fremd, oder doch so stark mit ausländischen Wörtern vermengt, daß er nicht eine Silbe von dem, was sie sagten, zu verstehen imstande war. Kaum waren fünf Minuten verflossen, so erhob der draußen Befindliche nochmals die Stimme und rief in deutscher Sprache: »Auf ein Jahr und einen Tag verzichte ich auf mein Recht – allein nach Ablauf dieser Frist werde ich kommen, um es einzufordern, und dann keinen längeren Widerstand finden!«

Von dieser Zeit an war Danischmende, der Perser, ein beständiger Gast auf der Feste Arnheim. Seine Belustigungen oder Studien schienen sich auf die Bücherei der Feste und auf das Laboratorium zu beschränken, wo der Freiherr bisweilen stundenlang mit ihm arbeitete. Streng hielt Danischmende die Andachtsübungen seines Glaubens inne, indem er bei dem ersten Strahl der aufgehenden Sonne auf sein Angesicht fiel und eine im schönsten Ebenmaße gefertigte silberne Lampe anzündete, die auf einem Fußgestell ruhte, in dessen Sockel Hieroglyphen gemeißelt waren. Mit welcher Flüssigkeit er dieser Lampe Flamme nährte, war allen, vielleicht nur nicht dem Freiherrn, unbekannt; allein, die Flamme brannte stetiger, reiner und glänzender, als man irgend eine je gesehen hatte. Er sprach fast nie mit jemand außer dem Freiherrn; da er aber Geld hatte und freigebig war, so begegnete ihm das gesamte Hausgesinde zwar mit Ehrfurcht, doch ohne Furcht oder Widerwillen,

Dem Winter folgte der Frühling, der Sommer brachte seine Blumen, das Spätjahr seine Früchte, als ein Edelknecht, der den Gebietern bisweilen in die geheime Werkstätte folgen mußte, um ihnen erforderlichen Falles einige Handreichung zu tun, den Perser zu dem Freiherrn sagen hörte: »Du wirst wohl tun, mein Sohn, auf meine Worte zu merken; denn meine Lehren an Dich gehen zu Ende, und keine Macht auf Erden vermag mein Schicksal länger hinauszuschieben. Ich will die Aufgabe, Dich in Deinen Studien zum Ziel zu führen, meiner Tochter übertragen, die zu dem Ende hierher kommen soll. Allein bedenke, daß, wenn die Erhaltung Deines Stammes Dir lieb ist, Du nichts anderes in ihr erblicken darfst als eine Mitarbeiterin bei Deinen Forschungen; denn so Du über die Schönheit des Mädchens die Lehrerin vergißt, so wirst Du als der letzte männliche Sprosse Deines Geschlechts begraben werden, und ferneres Unheil wird, glaube mir, sich daraus ergeben; denn solch Bündnis nimmt nimmer einen glücklichen Ausgang, wovon ich selbst ein lebendiges Beispiel bin – doch still! wir werden beobachtet!«

Als der Tag nun herankam, wo des Persers Schicksal sich vollziehen sollte, befürchtete das Hausgesinde, eine Katastrophe würde über alle hereinbrechen. Doch nichts geschah, und lange vor der Zauberstunde der Mitternacht, endete Danischmende seinen Besuch in der Feste von Arnheim, indem er in der Tracht eines gewöhnlichen Reisenden durch das Burgtor davon ritt. Man hörte und sah nie wieder etwas von ihm.

Der Freiherr war den ganzen Tag über traurig gestimmt. Ganz gegen seine Gewohnheit blieb er in der großen Halle, besuchte weder die Bücherei noch die geheime Werkstätte, wo er nicht länger der Gesellschaft seines von ihm geschiedenen Lehrmeisters sich erfreuen konnte. Bei dem Aufdämmern des folgenden Morgens rief der Freiherr seinen Edelknecht und ließ sich, während er sich sonst fast nachlässig zu kleiden pflegte, prächtige Gewänder reichen. Da er noch in der Blüte des Lebens stand und von edler Gestalt war, so hatte er Ursache, mit seinem Erscheinen zufrieden zu sein. Nachdem er seinen Anzug geordnet hatte, wartete er, bis die Sonne über dem Horizont heraufgestiegen war, und ging dann in Begleitung des Pagen zu der geheimen Werkstätte, gleich einem Menschen, der drinnen etwas Seltsames zu schauen erwartete. Er ermannte sich zum Entschlusse, drehte das Schloß auf, öffnete die Tür und trat hinein. Der Edelknecht folgte seinem Gebieter auf dem Fuße und erstaunte bis zum Entsetzen über das, was er erblickte.

Die silberne Ampel war erloschen, oder doch von dem Fußgestell weggenommen, und an der Stelle derselben stand eine überaus schöne weibliche Gestalt in einem persischen Gewande von nelkenroter Farbe. Doch trug sie keinen Turban oder sonst welche Kopfbedeckung, außer daß um ihr dunkelbraunes Haar sich ein blaues Band wand, das von einer goldenen Schnalle mit einem prächtigen Opal zusammengehalten wurde.

Die Gestalt des jungen, weiblichen Wesens war von vollendeter Schönheit, die weiten, nach morgenländischer Mode an den Knöcheln zusammengeschnürten Beinkleider ließen den schönsten, kleinsten Fuß sehen, während Arme und Hände im vollkommenen Ebenmaße zwischen den Falten des Gewandes sichtbar waren. Das Angesicht der kleinen Dame war von lebhaftem Ausdruck und bekundete Geist und Verstand; das dunkle, feurige Auge strahlte unter schön gewölbten Brauen. Das Frühlicht der aufgehenden Sonne, das durch eine dem Fußgestell gegenüber liegende Fensteröffnung fiel, erhöhte die liebliche Erscheinung dieser schönen Gestalt, die so bewegungslos blieb, als wäre sie aus Marmelstein gehauen. Daß sie den Freiherrn hatte eintreten sehen, verriet sie nur durch ein etwas schnelleres Atmen und hohes Erröten, das von einem sanften Lächeln begleitet wurde. –