Выбрать главу

Der Freiherr hatte wohl erwartet, etwas Seltsames, nicht aber etwas so hinreißend Schönes zu sehen, und er stand eine Weile außer Atem und regungslos da. Mit einemmale jedoch schien er sich zu erinnern, daß es seine Pflicht sei, die schöne Fremde auf seiner Feste zu begrüßen und sie aus ihrer gefährlichen Stellung zu erlösen. Er trat zu diesem Zweck vor, indem er Begrüßungsworte auf der Zunge trug und seine Arme ausstreckte, um das junge Mädchen von dem fast 6 Fuß hohen Gestell herabzuheben; allein die leichte, behende Fremde nahm bloß die Stütze seiner Hand an und schwebte so leise und wohlbehalten auf den Fußboden herab, wie ein Gespinst aus Sommerfäden. Auch empfand der Freiherr bloß durch einen kräftigen Händedruck, daß er es mit einem Wesen von Fleisch und Blut zu tun hätte. – »Ich bin gekommen, wie Ihr es geboten habt,« sprach sie, indem sie umherblickte. »Ihr müßt eine pünktliche und fleißige Lehrerin erwarten, so wie ich hoffe, daß Ihr einen aufmerksamen Zögling abgeben werdet.«

Nach Ankunft dieses seltsamen, lieblichen Wesens auf der Feste zu Arnheim fanden im Innern des Hauses mancherlei Umgestaltungen statt. Eine Dame von hohem Range und geringem Vermögen, die ehrsame Witwe eines mit dem Freiherrn verwandten Reichsgrafen, erhielt eine Einladung, die auch von ihr angenommen wurde, dem Hauswesen ihres Verwandten vorzustehen und durch ihre Gegenwart jeglichem Gerede vorzubeugen, zu dem die Anwesenheit der jungen, allgemein Hermione genannten Perserin hätte Anlaß geben können. Die Gräfin Waldstätten ging in ihrer Gefälligkeit so weit, daß sie fast stets in der geheimen Werkstätte, wie in der Bücherei zugegen war, wenn der Freiherr von Arnheim von der jungen und liebenswürdigen Meisterin, die auf so sonderbare Weise an die Stelle des Magiers getreten war, Unterricht empfing oder mit ihrer Hilfe Forschungen anstellte. Darf man dem Berichte der Gräfin trauen, so waren diese Forschungen von höchst absonderlicher Natur. Doch erklärte sie mit Bestimmtheit, daß der Freiherr und Hermione dabei niemals gottmißfällige Künste trieben oder die Grenzen des natürlichen Wissens überschritten. Infolge dieses Zeugnisses verstummten die finstern Nachreden, mit denen man das seltsame Erscheinen der fremden Schönen verfolgt hatte, zumal auch Hermiones liebenswürdiges Benehmen unwillkürlich das Wohlwollen eines jeden in Anspruch nahm, der sich ihr näherte.

Bald trafen Meisterin und Schüler nicht nur in der Bücherei oder der Werkstätte zusammen; sondern Garten und Hain wurden zur Belustigung, zu Jagd und Angelsport aufgesucht, auch die Abendstunden durch Tänze verkürzt, was alles darauf hindeutete, daß das Forschen nach Weisheit für eine Zeitlang dem Haschen nach Vergnügen Platz machen mußte. Der Freiherr von Arnheim und sein schöner Gast redeten aber in einer Sprache, die ganz von allen andern abwich, und konnten daher selbst mitten im Getümmel der Fröhlichkeit, das sie umgab, sich geheim unterhalten. Niemand war daher überrascht, nach wenigen Wochen der Lust die Kunde zu vernehmen, daß die schöne Perserin sich mit dem Freiherrn von Arnheim vermählen werde.

Die Sitten dieses reizenden Mädchens waren so einnehmend, ihre Unterhaltung so beseelt, ihr Witz so sprühend und doch mit so vieler Gutherzigkeit und Bescheidenheit verbunden, daß, ungeachtet ihres unbekannten Ursprunges, sie um ihr großes Glück weniger beneidet wurde, als in so absonderlichem Falle wohl hätte erwartet werden mögen. Vor allem wurden die Herzen aller, die in ihre Nähe kamen, durch des Mädchens Edelmut gerührt und gewonnen. Ihr Reichtum schien unermeßlich zu sein, denn sie verteilte viele Juwelen unter ihre hübschen Freundinnen. Diese trefflichen Eigenschaften, vor allem ihre Freigebigkeit, verbunden mit großer Einfachheit in Gedanken und Gemütsart, dazu ihr gänzlicher Mangel an Großsprecherei machten sie, trotz ihrer geheimnisvollen Wissenschaft, zum Liebling aller.

Bei den fröhlichen Tänzen war sie an Leichtigkeit und Beweglichkeit so unerreichbar, daß sie darin einem ätherischen Wesen glich. Ohne Anstrengung an sich wahrnehmen zu lassen, konnte sie dem Vergnügen sich hingeben, bis sie auch die ausdauerndsten Mittänzer ermüdet hatte. Von ebenso übernatürlicher Schnelligkeit zeigte sie sich, wenn sie im Parke mit ihren Gefährtinnen Verstecken oder ähnliche Bewegungsspiele trieb. Sie erschien unter ihren Gespielinnen und verschwand vor deren Augen mit einem an das Unbegreifliche grenzenden Grade von Beweglichkeit; und Hecken, Geländer oder ähnliche Umzäunungen wurden von ihr auf eine Art und Weise überschritten, die dem wachsamsten Blick unerkenntlich blieb, denn hatte man sie eben an der einen Seite des Zaunes wahrgenommen, so stand sie im nächsten Momente schon wieder dicht neben dem Zuschauer. In solchen Augenblicken, wo ihre Augen funkensprühend erglänzten, ihre Wangen sich röteten und ihre ganze Gestalt wundersam belebt erschien, behauptete man, daß die Opalschnalle in ihren Haarflechten, jener Schmuck, den sie nimmer ablegte, einen kleinen Strahl oder ein Flammenzünglein blicken ließ, welches jederzeit geschah, wenn Hermione sich schnell bewegte. Auf gleiche Weise glaubte man, daß, wenn im Halbdunkel der Halle die Unterredung Hermionens ungewöhnlich lebhaft war, der Edelstein heller glänzte und sogar einen flimmernden Schein ausstrahlte, der von ihm selbst auszugehen, nicht aber wie sonst, das Feuer von Edelsteinen, durch das Zurückwerfen irgend eines äußeren Lichtes zu entstehen schien. – Nach Verlauf von zwölf Monaten beschenkte die liebenswürdige Freiin von Arnheim ihren Gatten mit einer Tochter, die nach des Freiherrn Mutter Sybilla getauft werden sollte. Da das Kind vollkommen gesund war, ward die kirchliche Handlung so lange verschoben, bis die Mutter völlig von ihrer Niederkunft genesen sein würde, und viele Gäste wurden eingeladen, der Feierlichkeit beizuwohnen. Unter diesen befand sich auch eine alte Dame, die dafür bekannt war, daß sie in der menschlichen Gestalt die Rolle einer bösen Fee spielte, wie deren in den Liedern der Minnesänger erwähnt wird. Diese Dame war die Freifrau von Steinfeldt, berüchtigt in der ganzen Nachbarschaft durch ihre unersättliche Neugier und ihren unüberwindlichen Hochmut. Sie war noch nicht viele Tage auf der Burg gewesen, als sie sich bei einer Dienerin über alles unterrichtete, was von der Sonderbarkeiten der Freiin von Arnheim gehört, gesagt oder vermutet wurde. Am Morgen des Tages, der zu der Taufhandlung bestimmt worden war, als eben die ganze Gesellschaft in der Halle die Ankunft der Freiin erwartete, um sie in die Kapelle zu geleiten, entstand nun zwischen der Freifrau von Steinfeldt und der Gräfin Waldstätten ein heftiger Streit über den Vorrang beider. Dies wurde dem Freiherrn von Arnheim hinterbracht, der zugunsten der Gräfin entschied. Die Edle von Steinfeldt befahl hierauf ihrem Stallmeister, sich bereit zu halten, und ließ ihre Dienerschaft aufsitzen. »Ich verlasse diesen Ort,« sagte sie, »den ein guter Christ nimmer hätte betreten sollen; ich verlasse ein Haus, dessen Gebieter ein Zauberer, dessen Gebieterin ein Dämon ist, und dessen Wirtschafterin sich um kargen Lohn hergab, die Kupplerin zwischen einem Hexenmeister und dem eingefleischten Satan zu sein.« – Damit fuhr sie ab, Zorn auf dem Angesichte und Hohn im Herzen.

Der Freiherr von Arnheim trat nun vor und fragte die Ritter und Edlen umher, ob einer oder der andere unter ihnen wäre, der mit seinem Schwerte die schändlichen Lügen vertreten wollte, die gegen ihn, seine Gattin und Verwandte, ausgestoßen worden waren. – Allgemein lautete die Antwort, man denke nicht daran, die Reden der Freifrau von Steinfeldt zu verfechten, und alle äußerten den Glauben, daß die Edle nur im Geiste der Verleumdung und Falschheit gesprochen hätte.