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»So laßt die Lüge auf den Boden fallen, die kein Mann des Mutes vertreten will,« sagte der Freiherr von Arnheim, »und alle, die gegenwärtig sind, sollen noch an diesem Morgen sich überzeugen, ob die Freiin Hermione nicht an den Gebräuchen der christlichen Kirche teilnimmt.« – Die Gräfin Waldstätten gab ihm, während er das sprach, ängstliche Zeichen und flüsterte ihm zu: »Seid nicht so vorschnell! Es ist etwas Geheimnisvolles in jenem Opal-Talisman; seid klug und laßt die Sache so hingehen.«

In diesem Augenblick trat die Freiin von Arnheim in die Halle, noch bleich von ihrer Niederkunft, was ihr Antlitz nur noch schöner erscheinen ließ. Nachdem sie die versammelten Anwesenden aufs anmutigste begrüßt hatte, fragte sie, warum die Frau von Steinfeldt nicht anwesend wäre. In demselben Augenblicke gab ihr Gemahl der Gesellschaft ein Zeichen, sich zur Kapelle zu begeben, und bot der Freiin seinen Arm, um dem Zuge voranzuschreiten. Die Kapelle wäre fast von der glänzenden Gesellschaft überfüllt worden, und aller Augen hafteten auf Wirt und Wirtin, als diesen unmittelbar vier junge Fräulein folgten, die den Täufling in einer leichten und schönen Sänfte trugen.

Als sie über die Schwelle schritten, tauchte der Freiherr seinen Finger in den Weihkessel und, um die Verleumdung der boshaften Edlen von Steinfeldt zunichte zu machen, spritzte er mit einer Miene neckender Vertraulichkeit, die in Rücksicht auf Zeit und Ort wohl keineswegs am Platze war, etliche Tropfen der an seinem Finger übriggebliebenen Flüssigkeit auf die Stirn Hermionens. Der Opal, auf den einer der Tropfen gefallen war, sprühte einen glänzenden Funken gleich einer Sternschnuppe und wurde im Augenblicke nachher licht- und farblos wie ein gemeiner Kiesel, während die anmutige Freifrau mit einem tiefen Seufzer des Kummers auf den Boden der Kapelle niedersank. Alles umringte sie in Bestürzung. Die unglückliche Hermione wurde aufgehoben und in ihr Gemach getragen; allein schon während dieser kurzen Zeit veränderten ihr Antlitz und ihr Puls sich dergestalt, daß die sie Umgebenden nur eine Sterbende in ihr erblickten. Kaum war sie in ihrem Gemache angelangt, so begehrte sie, mit ihrem Gemahl allein gelassen zu werden. Er blieb eine Stunde in dem Gemache, und als er es verließ, verschloß und verriegelte er den Eingang. Dann ging er in die Kapelle, wo er eine Stunde lang vor dem Hochaltar lag.

Mittlerweile hatten die meisten der Gäste voll Bestürzung das Schloß verlassen, obwohl etliche aus Neugierde oder Höflichkeit zurückblieben. Endlich langte ärztlicher Beistand an, und die Gräfin Waldstätten bat den Freiherrn um den Schlüssel zu dem verschlossenen Gemach der Freiin. Arnheim gab ihn ihr, fügte aber finsteren Blickes hinzu, daß alle Hilfe vergeblich sein würde, und daß er wünschte, alle Fremden möchten die Feste verlassen. Wenige von diesen hatten Lust zu bleiben, als, nachdem man das Gemach betreten, in welchem die Freifrau vor zwei Stunden erst zur Ruhe gebracht worden war, keine Spur von ihr zu finden war, außer daß eine Handvoll grauer Asche, wie von verbranntem Papiere auf dem Bette lag, auf das man die Erkrankte niedergelegt hatte. Dessenungeachtet fand ein feierliches Leichenbegängnis mit allen andern kirchlichen Gebräuchen statt; und drei Jahre später, genau an demselben Tage, wurde der Freiherr selbst in der Gruft seiner Ahnen bestattet und ihm als dem letzten männlichen Sprossen seines Hauses, Schwert, Schild und Helm auf den Sarg gelegt.«

Hier hielt der Schweizer inne; denn die Wachrunde näherte sich der Brücke des Jagdschlosses Grafenlust.

Zwölftes Kapitel

»Und Anna von Geierstein?« fragte Arthur Philippson nach kurzem Schweigen. – »Ihre Mutter,« antwortete der Schweizer, »war Sybille von Arnheim, eben jenes Kind, bei dessen Taufe die Mutter starb, verschwand, oder wie Ihr es sonst nennen wollt. Die Herrschaft Arnheim, die nur an männliche Erben übergehen durfte, fiel an den Kaiser zurück. Seit dem Tode ihres letzten Herrn ist die Feste nie wieder bewohnt gewesen und, wie ich hörte, inzwischen zur Ruine geworden,«

»Ergab sich denn auch etwas Uebernatürliches,« fragte der Engländer, »mit der jungen Freiin Sybille, die nachher dem Bruder des Landammannes angetraut wurde?« – »Es heißt, die Kinderwärterinnen hätten um Mitternacht Frau Hermionen, die letzte Freiin von Arnheim, neben der Wiege des Säuglings weinend sitzen sehen, und was dergleichen Geschichten mehr sind. Allein hier folge ich minder zuverlässigen Berichten, als die sind, aus denen meine Erzählung stammt,« – »Und auf wessen Zeugnis habt Ihr Euch bei dieser Erzählung verlassen?«

»Damit will ich dienen,« antwortete der Schweizer, »Wisset, daß Gottlieb von Donnersberg, eben jener Lieblingspage des letzten Arnheimers, der Bruder meines Vaters war. Nach seines Herrn Tode zog er sich nach seinem Geburtsort Bern zurück. Mit eigenen Augen und Ohren sah und hörte er den größten Teil dieser düstern, geheimnisvollen Geschichte. Solltet Ihr jemals die Stadt Bern besuchen, so werdet Ihr den ehrlichen alten Mann kennen lernen,« – »Ihr meint also,« fragte Arthur, »daß die Erscheinung, die ich in dieser Nacht gesehen habe, mit der geheimnisvollen Ehe des Großvaters der Anna von Geierstein zusammenhänge?« – »Ei,« versetzte Rudolf, »denkt doch nicht, daß ich eine so seltsame Sache auszudeuten vermöchte. Ich beging wohl die Ungerechtigkeit, Eure Aussage betreffs der Erscheinung, die Ihr diese Nacht gesehen habt, zu bezweifeln, aber ich darf eben doch daran erinnern, daß in des jungen Mädchens Geblüt ein Teil ist, von dem man meint, daß er nicht von Adam, sondern auf mehr oder minder geradem Wege von einem jener Elementargeister abstamme, von denen man so in neuerer wie altersgrauer Zeit erzählte. Doch kann ich mich irren, wir werden sehen, wie Anna sich diesen Morgen zeigt, und ob sich auf ihrem Antlitz die Blässe und Erschöpfung wahrnehmen lassen, die von durchwachter Nacht zeugen. Ist dies nicht der Fall, so dürfen wir jedenfalls annehmen, daß entweder Eure Augen Euch seltsam betrogen haben oder sich in der Tat eine gespenstische Erscheinung gezeigt hat, die nicht von dieser Welt war.«

Hierauf erwiderte der Engländer nichts. In demselben Augenblicke wurden sie von dem Wachtposten auf der Notbrücke angerufen. – »Warum fragst Du zweimal nach dem Losungswort, Sigismund?« fragte Rudolf.

»Ich bin durch einen Spuk auf meinem Posten erschreckt worden,« antwortete der Bursche. »Hört an, Hauptmann, wie's war! Ich fand es etwas langweilig, hinauf in den breiten Mond zu gucken, drum zog ich mir die Kappe über die Ohren, denn ich versichere Euch, der Wind blies scharf; dann pflanzte ich mich fest auf meine Füße, eines der Beine ein wenig vorgestemmt, stützte meine beiden Hände auf meine Partisane, die ich aufrecht vor mich hinstemmte, um mich darauf zu lehnen, und schloß die Augen.« – »Schlossest die Augen, Sigismund, und das auf Deinem Posten?« rief Donnersberg. – »Seid außer Sorge deshalb,« antwortete Sigismund. Ich hielt dafür die Ohren offen. Da kam etwas auf die Brücke geschlichen, so leis und verstohlen wie eine Maus. Ich starrte hinaus in dem Augenblick, wo es mir gegenüberstand – und als ich so hinstarrte, was meint Ihr, wen ich sah? Anna von Geierstein!«

»Es ist unmöglich,« sagte der Berner. – »Das hätte ich auch sagen mögen,« bemerkte Sigismund; »denn ehe Anna in ihr Gemach ging, habe ich hineingeguckt, und es ist alles so schön drin hergerichtet, daß eine Königin oder Prinzessin dort hätte schlafen können. Warum sollte daher die Dirne auch ihre gemütliche Kammer, die ringsumher von ihren guten Freunden bewacht wird, verlassen haben, um in den Wald zu wandern? Und doch! sie kam vom Walde her. Ich sah sie, als sie das Ende der Brücke erreicht hatte, und wollte schon nach ihr schlagen, indem ich meinte, es sei der Gottseibeiuns in des Mädchens Gestalt. Allein ich erinnerte mich, daß meine Hellebarde kein Birkenreis ist, um Knaben und Mädchen damit zu züchtigen.«

»Hast Du die Gestalt oder den Spuk, wie Du es nanntest, angeredet?« fragte der Berner. – »Das ließ ich fein bleiben, Hauptmann. Auch blieb mir keine Zeit dazu, denn der Spuk flog an mir vorüber wie eine Schneeflocke vor dem Wirbelwind. Ich schritt der Gestalt in die Feste nach, rief sie bei Annas Namen, da wachten die Schläfer auf, die Mannschaft griff zu den Waffen, und es gab eine Verwirrung, als ob Archibald von Hagenbach mit Schwert und Lanze unter uns gekommen wäre. Und wer sollte aus Annas Gemach ebenso bestürzt und ebenso schlaftrunken, wie wir alle, anders herausgekommen sein, als Anneli selbst? und da sie behauptete, sie hätte ihre Kammer während der Nacht durchaus nicht verlassen, so fielen alle über mich her. Da aber sagte ich ihr meine Meinung; »Fräulein Anna,« sprach ich, »alle Welt weiß, von wem Ihr stammt, und wenn Ihr noch einmal vor mir Eure Doppelgängerei treibt, so setzt Euch eine Eisenkappe aufs Köpfchen, denn ich werde Euch Länge und Gewicht einer Schweizer Partisane zu fühlen geben.« Dennoch schrien alle: »Schäm Dich!« und mein Vater trieb mich wieder hinaus, als wäre ich der Kettenhund gewesen und hätte mich von der Wacht auf dem Hofe herein an den Feuerherd geschlichen. Doch nun, Hauptmann, schickt einen heraus, der mich ablöse. So es morgen etwas zu tun gibt – und ich glaube, es wird was geben – so sind ein Mundvoll Speise und eine Minute Schlaf ein köstlich Vorbereitungsmittel, und ich stehe hier schon zwei tödlich lange Stunden Wache.« – Dabei gähnte der junge Recke ganz gewaltig, als wollte er die Gründe seines Gesuches rechtfertigen. – »Du sollst augenblicklich abgelöst werden, Sigismund,« antwortete Donnersberg, »damit Du schlafen kannst, ohne von Träumen gestört zu werden. Vorwärts, Ihr Männer!« rief er den andern zu, die unterdessen herangekommen waren, »begebt Euch zur Ruhe! Arthur von England und ich werden dem Landammann und dem Bannerherrn Bericht von unserer Wachtrunde erstatten.«